{"id":3558,"date":"2014-01-31T20:20:04","date_gmt":"2014-01-31T20:20:04","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3558"},"modified":"2014-01-31T20:20:04","modified_gmt":"2014-01-31T20:20:04","slug":"rezension-langh-julia-ein-madchen-zwischen-zwei-welten","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3558","title":{"rendered":"Rezension: L\u00e1ngh, J\u00falia &#8211; &#8222;Ein M\u00e4dchen zwischen zwei Welten&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/ein_ma\u0308dchen_zwischen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3559\" title=\"ein_ma\u0308dchen_zwischen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/ein_ma\u0308dchen_zwischen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"231\" \/><\/a><em>Autobiografie<br \/>\nAus dem Ungarischen von \u00c9va Z\u00e1dor<br \/>\nNischen Verlag, Wien, 2013<br \/>\nISBN:978-3-9503345-3-1<br \/>\nOriginaltitel: Egy budai \u00faril\u00e1ny, 2003<br \/>\nBezug: Preis:24,80 Euro <\/em><\/p>\n<p>Der autobiografische Roman erz\u00e4hlt vom M\u00e4dchen J\u00falia, geboren 1942, w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges. Sie stammt aus einer gutb\u00fcrgerlichen Familie, der Vater war vor dem Krieg f\u00fcr die Kohlebergwerke zust\u00e4ndig und wegen seiner Wichtigkeit vom Milit\u00e4reinsatz befreit. Die Familie ist eine typisch ungarische Familie, eingewandert aus verschiedenen L\u00e4ndern, die meisten f\u00fchlen sich als echte Ungarn. Die Gro\u00dfmutter v\u00e4terlicherseits stammt aus \u00d6sterreich und wird durch Heirat Ungarin. Sie muss eine starke Pers\u00f6nlichkeit gewesen sein, welche die Familie ihres Sohnes dominierte und sich Zeit Lebens weigerte, ungarisch zu sprechen. Die Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits heiratete einen feschen polnischen Grafen, dessen Urgro\u00dfvater nach Ungarn geflohen war, als der Aufstand des polnischen Adels 1963 niedergeschlagen war. Zu J\u00falias Kinder- und Jugendzeit ist sie die eigentliche Chefin der Familie. Sie versucht durch Totschweigen die Situation, in welche die Familie als \u201eKlassenfeind\u201c hineingeraten ist, zu ignorieren: Nachrichten werden nicht geh\u00f6rt, Zeitungen nicht gelesen. Offenbar wei\u00df aber die Familie, wie sie von den Medien belogen wird. Doch das Kind hinterblickt diese Abwehr nicht. Schon jetzt kann das kleine M\u00e4dchen es kaum erwarten, erwachsen zu werden und f\u00fcr voll genommen zu werden, damit man ihm die Wahrheit sagt. Unterdessen macht sich Angst breit, bei jedem Klingeln schreckt man zusammen \u2013 es sind schon so viele abgeholt worden; jenseits der Wohnung lauert die feindliche Welt.<br \/>\nDer Vater der Autorin war ein Tr\u00e4umer, \u00e4ngstlich und herzkrank. Die ihm \u00fcbertragenen Aufgaben erf\u00fcllt er so korrekt, dass ihn der junge kommunistische Staat nach einer halbj\u00e4hrlichen Absetzung wieder zur\u00fcck rufen muss. Allerdings traut man dem Klassenfeind nicht; seine Arbeit in der Fabrik begleiteten st\u00e4ndig bewaffnete M\u00e4nner.<br \/>\nDie Autorin erz\u00e4hlt aus der naiven Sicht des Kindes, das gar nicht versteht \u2013 und von den Erwachsenen hin- und herdirigiert wird \u2013 f\u00fcgt aber als wissende Erz\u00e4hlerin immer wieder Kommentare ein. Vieles kann die 1942 Geborene nur aus den Erz\u00e4hlungen der \u00c4lteren wissen, denen sie aber misstraut. Das Kind J\u00falia scheint sich schon fr\u00fch als \u201eAu\u00dfenseiterin\u201c gesehen zu haben \u2013 ganz im Gegenteil zu ihrer \u201ebraven\u201c \u00e4lteren Schwester \u2013 und sie pflegt dieses Bewusstsein auch. Ja, sie rebelliert so eifrig gegen die Erwachsenenwelt, dass sie gar nicht sieht \u2013 oder nicht sehen will, was eigentlich um sie herum vorgeht. Es ist ein naives pubert\u00e4res Rebellieren, vor allem gegen die Gro\u00dfmutter. \u2013 J\u00falia will leben, \u201ejetzt\u201c! Dabei tr\u00e4umt sie von gro\u00dfen Reisen und der \u201eEroberung\u201c der Welt. Ihre Gro\u00dfmutter, die den alten guten Zeiten hinterhertrauert, kann sie nicht verstehen. Das M\u00e4dchen h\u00f6rt zwar, was die Familie besessen und was man ihr abgenommen hat, findet aber, dass es \u201eRecht\u201c war, den Besitzenden etwas weg zu nehmen.<br \/>\nNiemand sagt die Wahrheit: Der Staat preist den Kommunismus und das gro\u00dfe Vorbild Russland; die Familie hat Angst vor noch mehr Repressalien und will gleichzeitig die Kinder sch\u00fctzen. Es gibt nur einen Sender, den Gro\u00dfmutter st\u00e4ndig h\u00f6rt: Free Europe. An diese Nachrichten glaubt sie, auf Hilfe aus dem Westen hofft sie lange &#8211; unbeirrt. J\u00falia sieht sich selbst in romantischen Tr\u00e4umen als Heldin, als gute und gerechte K\u00f6nigin, als Widerstandsk\u00e4mpferin, sp\u00e4ter, 1956, als Revolution\u00e4rin \u2013 doch in ihrem Leben passiert nichts \u2013 glaubt sie und kennt sich nicht aus: \u201cHeute kann man nicht einmal wissen, was gut und was schlecht ist. Das, was sie zu Hause schlecht nennen, gilt in der Schule als das Beste \u00fcberhaupt.\u201c Die Mutter ist ehrlicher, kann sich aber auch nicht immer gegen ihre Mutter behaupten.<br \/>\nL\u00e1ngh flicht ironische Anekdoten und Erz\u00e4hlungen \u00fcber die R\u00e1kosi-Zeit (1949-56) ein. Z. B. diesen Witz: \u201eWas ist ein R\u00e1kosi-Sandwich?: Eine Fleischmarke zwischen zwei Brotmarken\u201c.<br \/>\nDie im Ausland Lebenden unterst\u00fctzen die Familie durch \u00dcberweisungen. Daf\u00fcr gibt es Bons, mit denen in den IKKA-L\u00e4den Waren ausgesucht werden k\u00f6nnen. Im Sommer 1948 kommt sie in die Schule \u2013die Grenzen des Landes werden f\u00fcr lange Zeit geschlossen. Verhaftungen gegen angebliche Spione und Saboteure folgen. Die Kinder ahnen mehr, als dass sie es wissen, dass da drau\u00dfen vor der T\u00fcr das Leben gef\u00e4hrlich ist: \u201eIch wusste ganz genau, dass das b\u00f6se Menschen waren und man kein Wort vor ihnen sagen durfte, \u00fcber gar nichts [\u2026]. Ich wusste schon sehr gut, dass es Sachen gab, \u00fcber die man vor anderen nicht sprechen durfte. [\u2026]. Die Furcht davor, dass es fr\u00fch am Morgen pl\u00f6tzlich klingelte, einmal, lang, be\u00e4ngstigend, und uns gesagt w\u00fcrde, wir h\u00e4tten noch eine Stunde, um alles zusammenzupacken, und dass man uns in eine Lehmh\u00fctte am Ende der Welt zum Wohnen schickte, diese Furcht verschwand nicht\u2026[\u2026] Ich konnte mit eigenen Augen sehen, dass das Land arm war, ich brauchte nur einen Blick aus dem nach S\u00fcden schauenden Fenster zu werfen: Unglaublich d\u00fcnne Pferde zogen mit wegger\u00e4umten Tr\u00fcmmern und hoch angeh\u00e4uften Ziegeln bepackte Karren, an der Fabrikmauer stand geschrieben, der Arbeitswettkampf sei die Grundlage des Wohlstands, aber Wohlstand war nicht zu sehen, nur Arbeit. Frauen schaufelten den ganzen Tag. [\u2026]\u201c Ironischer Sarkasmus: \u201eHier gibt es nur dreierlei Menschen: die, die schon gesessen haben, die, die jetzt sitzen, und die, die noch sitzen werden\u201c. Die \u00c4lteren in der Verwandtschaft sterben, einige werden von der Staatssicherheit abgeholt, wie eine Tante, die erst nach Jahren wieder auftaucht. Als die geliebte Klassenlehrerin der 2. Klasse nicht mehr wiederkommt, beschw\u00f6rt der Vater seine Tochter, den Namen der Lehrerin nie mehr zu nennen \u2013 sie zu vergessen! Terror!! Drinnen, in den eigenen vier W\u00e4nden versucht die Familie das b\u00fcrgerliche, das gewohnte Leben irgendwie aufrecht zu erhalten: Die Kinder erhalten Sprachunterricht, gehen mit \u201eihresgleichen\u201c in die Tanzstunde, befreunden sich untereinander.<br \/>\nIn der Puppenwerkstatt, in der Mutter arbeitet, h\u00f6rt das Kind zum ersten Mal die \u201eWahrheit\u201c. Sie h\u00f6rt, was um sie herum vorgeht, von der Angst, aber auch vom Mut der K\u00fcnstler. Nicht alles versteht sie, ist aber gl\u00fccklich, dass man sie hier f\u00fcr voll nimmt und offen in ihrer Gegenwart spricht. Sp\u00e4ter hat sie diese Freiheit wieder vergessen, will konform gehen mit ihren Schulkameradinnen und schreit im Chor denen hinterher, die \u201eanders\u201c sind.<br \/>\nAls J\u00falia 13 Jahre alt ist, stirbt der geliebt Vater an einem Herzschlag, dem bereits zehn Infarkte vorangegangen waren. Die Aufregungen und Bespitzelungen waren zu viel f\u00fcr ihn. Von da an kr\u00e4nkelt auch die lebensfrohe mutige Mutter. Sie kann den Tod ihres Mannes nicht verwinden und stirbt, schwer herzkrank, 10 Jahre sp\u00e4ter.<br \/>\nJ\u00falia nimmt den Tod ihres Vaters zum Anlass einen gewaltigen Sprung ins eigene Leben zu wagen und weigert sich, je wieder einen Gottesdienst zu besuchen. Sie f\u00fchlt sich von allen, von Gott und seiner Kirche, allein gelassen. Als sie dann ins Gymnasium kommt, beginnt ein neues Leben: In den Augen ihrer Familie sind es die \u201ewilden Jahre\u201c: Sie begehrt auf, umrandet sich die Augen mit abgebrannten Streichh\u00f6lzern schwarz, benimmt sich in den Augen ihrer Familie unm\u00f6glich und nicht wie ein M\u00e4dchen aus gutem Hause. Die Mutter bittet sie immer wieder, ihr diese Streitigkeiten mit der Gro\u00dfmutter nicht anzutun. In ihrer w\u00fctenden Rebellion gegen die Erwachsenenwelt bemerkt sie zun\u00e4chst gar nicht, wie schwer herzkrank ihre Mutter ist. J\u00falia will anders sein als ihre Familie. Sie h\u00f6rt gern, dass sie der Familie \u201eSchande\u201c macht und st\u00fcrzt sich in die Au\u00dfenwelt, schlie\u00dft lebenslange Freundschaften.<br \/>\nBald geht die Herzkrankheit der Mutter wie ein Gespenst um. H\u00e4ufig liegt sie im Krankenhaus; die T\u00f6chter versuchen mit Nachhilfeunterricht das n\u00f6tige Geld f\u00fcr den Lebensunterhalt zu beschaffen. \u00dcber die wichtigsten Dinge kann das heranwachsende M\u00e4dchen nicht mit ihr sprechen, z.B. \u00fcber die Liebe. In der 12. Klasse ist sie n\u00e4mlichverliebt in einen jungen Dichter, doch der Mutter muss die Aufregung erspart bleiben. Meine Familie und ihr Freundeskreis folgten den Moralvorstellungen und Gewohnheiten der alten Ordnung und versuchten, das auch von mir zu verlangen. Ich hielt es nicht nur f\u00fcr l\u00e4cherlich und erb\u00e4rmlich, sondern auch f\u00fcr emp\u00f6rend, dass ich brav auf einen jungen Mann aus guter Gesellschaft warten sollte, auf \u201eUnsereinen\u201c, auf eine gute Partie [\u2026]Ich war eine selbstbewusste Klassenverr\u00e4terin, die unbedingte Anh\u00e4ngerin jeglicher Revolution.<br \/>\n[\u2026 ] Wir sind die Zukunft und wir sind die Tat, wen interessierten Jungfr\u00e4ulichkeit, Ehemann und achtbare Familienordnung, das neue Leben muss anders werden, Freiheit den Sinnen, Instinkten und Entscheidungen, dem selbstbewussten neuen Menschen, so wie ich selbst einer war. So ging ich durch die Welt, wie jemand, der st\u00e4ndig die Fahne schwenkt. Dabei f\u00e4llt ihr gar nicht auf, wie wenig sie im kommunistischen Regime \u00fcber sich selbst bestimmen kann, damals, Ende der 50er, Anfang der 60er Jahre.<br \/>\nErst als beide T\u00f6chter studiert und J\u00falia auch geheiratet hat, glaubt die Mutter, ihre Pflicht getan zu haben, das Versprechen, das sie ihrem Mann gegeben hatte, beide T\u00f6chter studieren zu lassen, ist erf\u00fcllt; erst dann kann sie sich in Ruhe zur\u00fccklehnen und sterben. Da ist die Tochter schon schwanger und erwartet ungeduldig ihr Kind.<br \/>\nIn jedem Kapitel geht die Autorin leider wieder zur\u00fcck in ihre Kindheit und Jugend, so dass der Erz\u00e4hlfaden immer wieder rei\u00dft. Im Kapitel \u201eAu\u00dfenwelt beschreibt sie, wie sie die Revolution 1956 erlebt hat: Eigentlich gar nicht! Im Keller des Hauses mit den Frauen sitzend und lesend, bewacht vom gutm\u00fctigen Hauswart, warten sie ergeben oder hoffnungsvoll wie es weitergehen soll. J\u00falia w\u00e4re gern eine Revolution\u00e4rin, wei\u00df aber nicht, wie sie es anstellen soll, sich den bewunderten K\u00e4mpfern zu n\u00e4hern, ohne sich l\u00e4cherlich zu machen. Erst Jahre sp\u00e4ter wird ihr Ehemann erz\u00e4hlen, was wirklich drau\u00dfen auf den Stra\u00dfen vor sich gegangen war.<br \/>\nAn ihrem 14. Geburtstag ist der Aufstand bereits niedergeschlagen und Stille legt sich \u00fcber das Haus der einsamen Frauen: Woher h\u00e4tten die sich in ihre Einsamkeit verschlie\u00dfenden, vom Leben isolierten Frauen auch wissen sollen, was im Land vor sich ging? Oder wussten sie es und sprachen nur nicht davon? Oder sprachen sie davon und nur ich passte nicht auf? Wollte ich es vielleicht nicht verstehen, vielleicht nicht wissen? In der Folge k\u00e4mpfen die Lehrer um die Seelen der Kinder \u2013 einige verschwinden, andere werden arbeitslos oder versetzt. Die Jugendlichen werden allm\u00e4hlich die jungen Marionetten der Macht, die sich jetzt konsolidiert. J\u00falia aber, voll revoltierender Aufgebrachtheit gegen\u00fcber den Erwachsenen, sieht in diesen nur das fade Heer der Klein- und Spie\u00dfb\u00fcrger. \u201eDrei Jahrzehnte sp\u00e4ter nahm ich beim Durchbl\u00e4ttern des illustrierten Klassentagebuchs verbl\u00fcfft wahr, dass alles eitel Sonnenschein war. Nichts, aber auch rein gar nichts war davon hereingesickert, wie die d\u00fcsteren Jahre zwischen 1956 und 1960 gewesen waren. Die Dokumentation zeigte nicht die Zeit, sondern meine Blindheit[\u2026]\u201c<br \/>\nDie \u00dcbersetzung des Originaltitels: \u201eEine Herrentochter aus Buda\u201c, w\u00e4re wohl stimmiger gewesen. Denn wie hart es wirklich \u201edrau\u00dfen\u201c zuging, in Familien, in denen die V\u00e4ter abgeholt oder hingerichtet wurden, davon scheint die rebellische J\u00falia tats\u00e4chlich keine Ahnung gehabt zu haben.<br \/>\nGut w\u00e4re auch gewesen, einige Kapitel zusammenzufassen und zu k\u00fcrzen. Das h\u00e4tte diesem interessanten Buch noch mehr Spannung verliehen.<br \/>\nVermisst habe ich f\u00fcr den nichtungarischen Leser Kommentare oder Anmerkungen, wie es zu dieser Zeit im kommunistischen Ungarn zuging; denn leider sind hierzulande die Kenntnisse \u00fcber ungarische Geschichte nicht sehr gro\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobiografie Aus dem Ungarischen von \u00c9va Z\u00e1dor Nischen Verlag, Wien, 2013 ISBN:978-3-9503345-3-1 Originaltitel: Egy budai \u00faril\u00e1ny, 2003 Bezug: Preis:24,80 Euro Der autobiografische Roman erz\u00e4hlt vom M\u00e4dchen J\u00falia, geboren 1942, w\u00e4hrend des 2. Weltkrieges. 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