{"id":3549,"date":"2014-01-29T20:24:33","date_gmt":"2014-01-29T20:24:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3549"},"modified":"2014-01-29T20:24:33","modified_gmt":"2014-01-29T20:24:33","slug":"rezension-feory-ana-ungarn-eine-kindheit-und-jugend-in-der-diktatur","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3549","title":{"rendered":"Rezension: Feory, Ana &#8211; &#8222;Ungarn \u2026 eine Kindheit und Jugend in der Diktatur&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/ungarn_eine_kindheit.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3550\" title=\"ungarn_eine_kindheit\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2014\/01\/ungarn_eine_kindheit.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"214\" \/><\/a><em>Autobiografie<br \/>\nVerlag: Frankfurter Taschenbuchverlag (public book media Verlag), 2013<br \/>\nISBN 978-3-86369-189-9<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 14,90 Euro<\/em><\/p>\n<p style=\"text-align: left;\"><em><\/em>Das 120 Seiten umfassende Buch schildert das pers\u00f6nliche Schicksal einer Exilungarin, wie es tausendfach erlebt wurde. Und doch wird klar, wie gnadenlos ein einziger Mensch im Wirbel der Weltgeschichte hin und her geschleudert wird, obwohl er eigentlich nur eines will: leben!<br \/>\nWeihnachten 2011: Die Autorin besucht Budapest. Dieser Besuch mit den vielerlei Beobachtungen und Erlebnissen w\u00fchlt sie auf, sp\u00fclt Erinnerungen hoch, l\u00e4sst sie nachdenklich werden \u2013 \u00fcber ihre Vergangenheit, ihre Orientierung zwischen Ungarn und Deutschland, wohin sie 1963 gefl\u00fcchtet war.<br \/>\nEs bedr\u00fcckt sie, die armselige Situation der Bev\u00f6lkerung sehen zu m\u00fcssen, 22 Jahre nach der Wende. Sie macht sich Vorw\u00fcrfe: \u201eAll die Jahre hast du dich nicht um dein Land gek\u00fcmmert!\u201c Sie hatte sich nur um westliche Lebensart bem\u00fcht, in der sie hoch aufgestiegen war und dann, nach dem Tod ihres zweiten Mannes Marc total abgest\u00fcrzt ist.<br \/>\nBei fr\u00fcheren Besuchen, ab 1973, widerten sie die Schikanen an der Grenze an, andererseits genoss sie es, von den Ungarn beneidet zu werden, wenn sie ihren Status vorf\u00fchrte. Ihrem Sohn hatte sie nie ihre Muttersprache beigebracht. Anpassen, nicht auffallen, besser sein als die Deutschen, das war ihre Devise w\u00e4hrend ihres Aufstiegs. Jetzt erkennt sie ihre Aufgabe, am Weihnachtsfest 2011: Sie muss sich f\u00fcr Ungarn einsetzen, das in ihren Augen ausgegrenzt und ungerecht behandelt wird &#8211; und entschlie\u00dft sich, dieses Buch zu schreiben:<br \/>\n1944 musste die Familie aus Budapest fl\u00fcchten, ihre noble Villa verlassen und in die Gerecse-Berge fl\u00fcchten. Als Halbjuden waren sie bedroht. Pl\u00f6tzlich war das sch\u00f6ne Leben vorbei mit Personal, mit Reisen in das wieder ungarische Siebenb\u00fcrgen. Sie, damals vier Jahre alt, und ihre j\u00fcngere Schwester verstanden das alles nicht: Krieg, Flucht, Sirenen, Bomben.<br \/>\nIn Baj \u2013 heute zu Tata geh\u00f6rend &#8211; lebten sie primitiv, aber total abgeschieden bis zum Ende des Krieges und immer in der Angst, entdeckt zu werden. Der Vater versorgte sie, versuchte in Budapest seine kleine Chemie-Firma weiter zu f\u00fchren. Er ern\u00e4hrte, so gut es ging, nicht nur seine Familie sondern auch seine Geliebte Elisabeth. F\u00fcr die Mutter war das alles eine Katastrophe; oft genug lie\u00df sie ihre Verzweiflung an den Kindern aus. Schlie\u00dflich kam die Gro\u00dfmutter zu Hilfe. Inzwischen r\u00fcckte die Front n\u00e4her; Budapest war zur Festung erkl\u00e4rt worden: 102 Tage dauerte der Kampf um die Hauptstadt.<br \/>\nNach Ende des Krieges zog die Familie wieder nach Budapest. Ana wurde wegen dauernder Unterern\u00e4hrung schwer krank. 1946 konnten sie eine Villa beziehen. Die Eltern trennten sich jetzt offiziell, wenngleich der Kontakt niemals abriss. Absurderweise wurde die Mutter nochmals schwanger. Sohn Nico war kein einfaches Kind, kam sp\u00e4ter sogar in ein Heim, nachdem Mutter und Schwestern nicht mehr fertig wurden mit ihm.<br \/>\nAb 1947 herrschten die Kommunisten, l\u00e4hmende Angst breitete sich aus, angebliche \u201eKlassenfeinde\u201c wurden einfach abgeholt. 1952 kam der Vater zusammen mit seiner Geliebten ums Leben, als sie mit dem Motorrad unterwegs waren und von einem Geheimpolizeiwagen gerammt wurden.<br \/>\nAna, inzwischen 13 Jahre alt, wurde allm\u00e4hlich selbstbewusst mit klaren Vorstellungen. Sie wagte 1953 sogar den kleinen Aufstand: In der Schule weigerte sie sich, den toten Stalin zu betrauern. Im Land formierten sich verschiedene oppositionelle Gruppen. R\u00e1kosi trat zur\u00fcck. Die Leute h\u00f6rten \u201eRadio Free Europe\u201c und hofften auf Hilfe. Nach der 4. Klasse durfte Ana wegen ihrer Abstammung nicht in das Gymnasium in Buda, wo sie wohnten, sondern musste mit der Tram ans andere Ende von Pest fahren. Die lange Fahrt langweilte sie aber \u00fcberhaupt nicht, neugierig sammelte sie viele Eindr\u00fccke von unterwegs.<br \/>\nDie Mutter ging inzwischen zwei Arbeiten nach, um Geld zu verdienen. Deshalb vermietete sie auch ein Zimmer an einen Studenten, Imre, der wohl mit dem Aufstand etwas zu tun hatte. Als am 23. Oktober 1956 die Tram nur noch bis zur Br\u00fccke fahren konnte, begann f\u00fcr Ana eine kurze, aber oft lebensgef\u00e4hrliche Zeit des Freiheitsgef\u00fchls. Voller Neugier zog es sie immer dorthin, wo \u201eetwas los\u201c war, so u.a. auch zum Heldenplatz, als das Stalin-Denkmal gest\u00fcrzt wurde. Der tr\u00fcgerischen Ruhe und dem aufkeimenden Gef\u00fchl von Freiheit wurde abrupt am 4. November ein Ende bereitet. Allen Versprechungen zum Trotz entpuppten sich die Ank\u00fcndigungen von \u201eRadio Free Europe\u201c als Seifenblasen: Die Sowjets marschierten ein. Die Idee, gemeinsam mit der Freundin Eva zu fliehen, konnte sie nicht umsetzen. Jetzt blieb nur die M\u00f6glichkeit, sich im neuen Regime einen Freiraum zu suchen, und den fand sie im Kanu-Club. Nach dem Abitur durfte Ana nicht zur Universit\u00e4t, wiederum wegen ihrer Abstammung. Sie lernte Buchh\u00e4ndlerin. Erst 1960 bekam sie einen Studienplatz. Im Kanu-Club aber machte sie Karriere und war kurz davor, in die Nationalmannschaft aufgenommen zu werden. Doch auch dieser Traum zerschlug sich brutal und schn\u00f6de, da eine Kameradin sie zum Kentern gebracht hatte. Nun konnte sie ihre unb\u00e4ndige Sehnsucht nach Freiheit nicht mehr zur\u00fcckhalten: Sie plante die Flucht. Mit geradezu milit\u00e4rischer Pr\u00e4zision gelang ihr diese dann auch 1963; sie war 23 Jahre alt. In Deutschland begann sie ganz unten, wie sie selbst sagt, und hat vieles geschafft.<br \/>\nDas Buch beschreibt das Schicksal eines Lebens im Strudel des Krieges und der kommunistischen Zeit danach. Der Leser begleitet ein junges M\u00e4dchen, das zu einer wohlhabenden Familie geh\u00f6rte, dann aber immer wieder am unteren Rand der materiellen Existenz leben musste und vor Hunger schwer krank wurde. Hinzu kam die tiefe Verletzung durch ihre pers\u00f6nlichen Erfahrungen in der Familie, wo sich die Mutter einerseits bis zur Ersch\u00f6pfung aufopferte, andererseits oftmals keine W\u00e4rme mehr f\u00fcr ihre Kinder \u00fcbrig hatte. Der Vater, der sich intensiv um die Kinder k\u00fcmmerte, sie auch nach der Trennung z.B. ins Theater einlud, ist eine Beziehungsperson, wie man sie sich eigentlich w\u00fcnschte. Sein gewaltsamer Tod hinterlie\u00df in dem jungen M\u00e4dchen eine Leere, aus der sich jedoch der Wille zur Selbst\u00e4ndigkeit und zur Freiheit herausbildete. Ana beschreibt oft beinahe romantisch die Sch\u00f6nheiten der Natur, der Erlebnisse, selbst im Krieg; Faktoren, aus denen sie Kraft bezog. Sie l\u00e4sst den Leser teilhaben an ihren innersten, ehrlichen, oft genug auch zaudernden Gef\u00fchlen, wie z.B. ihr zwiesp\u00e4ltiges Verh\u00e4ltnis zu dem Studenten Imre. Die \u201eFlucht\u201c in den Kanusport befreite sie f\u00fcr einen kleinen Teil, aber immer wieder wurde sie auf den harten Boden der Realit\u00e4t zur\u00fcck geworfen. Der Leser erlebt, wie sich ein junger Mensch sein eigenes Leben erobern m\u00f6chte und nie aufgibt.<br \/>\nDie im Schlusswort angef\u00fchrten Anklagen an die Adresse der EU sind zwar aus der Sicht der Autorin verst\u00e4ndlich, da sie seit ihrem Besuch 2011 in Budapest ihre \u201eBekehrung\u201c zu ihrer Herkunft ernst nimmt; allerdings \u00fcbersieht sie, dass viele Probleme \u201ehausgemacht\u201c sind und aus Vers\u00e4umnissen der verschiedenen Regierungen herr\u00fchren.<br \/>\nDa die erste Auflage eine Reihe von Fehlern enth\u00e4lt, ist lt. Auskunft der Autorin eine verbesserte zweite Auflage in Arbeit. <em><br \/>\nWolf Brzoska<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobiografie Verlag: Frankfurter Taschenbuchverlag (public book media Verlag), 2013 ISBN 978-3-86369-189-9 Bezug: Buchhandel, Preis: 14,90 Euro Das 120 Seiten umfassende Buch schildert das pers\u00f6nliche Schicksal einer Exilungarin, wie es tausendfach erlebt wurde. 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