{"id":3498,"date":"2013-12-27T21:59:02","date_gmt":"2013-12-27T21:59:02","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3498"},"modified":"2013-12-27T21:59:02","modified_gmt":"2013-12-27T21:59:02","slug":"rezension-rinaku-regina-terka","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3498","title":{"rendered":"Rezension: Rinaku, Regina: &#8222;Terka&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/terka.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3499\" title=\"terka\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/terka.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"217\" \/><\/a><em>Gel\u00f6bnis eines ungarischen M\u00e4dchens. Entwicklungsroman<br \/>\nVerlag August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt a. M., 2013<br \/>\nISBN 978-3-8372-1279-2<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 28,80 Euro <\/em><\/p>\n<p>In diesem Fr\u00fchherbst hatten wir mal wieder S\u00fcdostungarn bereist und uns vieles angesehen. Darunter auch das Schloss Wenckheim, welches gerade renoviert wird. Die Geschichte des Schlosses habe ich sehr kurz in einem kleinen Bilder-Reisebericht auf unserer Homepage beschrieben (<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Wenckheim.pdf\" target=\"_blank\">http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/Wenckheim.pdf<\/a>).<br \/>\nNach unserer R\u00fcckkehr lagen eine ganze Menge diesj\u00e4hriger Neuerscheinungen zum Lesen bereit; eines der B\u00fccher zog meine Aufmerksamkeit auf sich, war auf dem Titelbild doch das K\u00e1stely Wenckheim abgebildet.<br \/>\nEs erz\u00e4hlt die Geschichte der Kat\u00f3 Kiss, eines einfachen Landm\u00e4dchens, genannt Terka, dessen Familie zu den Landarbeitern des Schlosses und Gutes Wenckheim geh\u00f6rte. Leider wird im Buch die Vorgeschichte \u00fcberhaupt nicht erw\u00e4hnt, weshalb manches f\u00fcr den Leser einigerma\u00dfen befremdlich ist, vor allem der literarische Stil. Ich m\u00f6chte daher alles, was ich dazu recherchieren konnte, vorausschicken. Dazu geh\u00f6rte auch die Mitschrift eines auf \u201eSchwyzerd\u00fctsch\u201c gef\u00fchrtes Interview.<br \/>\nKat\u00f3 Kiss, im Buch die literarische Figur Terka, wanderte als junges M\u00e4dchen nach dem 1. Weltkrieg aus Ungarn in die Schweiz aus. Dort gelang es ihr, in Z\u00fcrich ein Haute-Couture-Atelier zu er\u00f6ffnen. Mit etwa 80 Jahren \u00fcbergab sie ihrer Enkelin Regina Rinaku einen ganzen Karton voller Bl\u00e4tter mit dem Auftrag, viel zu lernen \u2013 und wenn sie, die Enkelin \u201egro\u00df\u201c sei, den Bericht zu revidieren und zu publizieren. Es handelte sich um 440 maschinengeschriebene Seiten \u2013 mit vielen handschriftlichen Notizen. Regina Rinaku unterzog das Buch, denn darum handelte es sich bereits, sieben Revisionen und unternahm einige Recherche-Reisen nach Ungarn. Bereits zuvor hatte sie sich mit der Geschichte Ungarns durch vielerlei Lekt\u00fcre vertraut gemacht.<br \/>\nWas wir hier lesen, ist also der Text der Gro\u00dfmutter m\u00fctterlicherseits, sachte erg\u00e4nzt und \u201everbessert\u201c von der Enkelin. Hier spricht ein junges M\u00e4dchen, ein Teenager, der die Welt kennen lernen will, sich und die Seinen ungerecht behandelt f\u00fchlt \u2013 und vor allem aus \u00fcbervollem Herzen die Welt, namentlich ihre ungarische Welt, verbessern will.<br \/>\nIm Prolog l\u00e4sst Terka den jungen Fr\u00fchling im Jahr 1907 so richtig ausgelassen Feste feiern, doch seine Freude ist nicht die Freude der armen Gesindekinder: Eine Erk\u00e4ltungswelle mit einer Diphtherie-Epidemie ist die Folge. Viele Kinder sterben. Schuld daran sind auch Unterern\u00e4hrung und ungesunde Behausungen. Immer zwei Familien m\u00fcssen sich ein Zimmer teilen; vier Familien eine K\u00fcche. Sie k\u00f6nnen weder richtig heizen, noch richtig l\u00fcften. Die gr\u00e4fliche Familie im Schloss verf\u00fcgt dagegen \u00fcber mehr Zimmer als sie nutzen kann. Und im Gegensatz zu den Kindern der Armen, werden deren Kinder sehr schnell der t\u00f6dlichen Gefahr entzogen. Terka erlebt das als 12 j\u00e4hriges M\u00e4dchen mit. Immer wieder kommt die Erz\u00e4hlerin sp\u00e4ter auf dieses Thema zur\u00fcck: auf die Armut, die Unterern\u00e4hrung, die schlechten Wohnverh\u00e4ltnisse. F\u00fcr die Gesindekinder wird die Schule geschlossen. Stattdessen \u201ed\u00fcrfen\u201c sie im gr\u00e4flichen Park unter der harten Hand und den w\u00fcsten Beschimpfungen von Aufseher und Verwalter Laub zusammenrechen. Terka ist froh, als sie die Schule wieder besuchen darf. Sie m\u00f6chte lernen. Allerdings werden es dann nur noch drei Wochen bis zum Schulschluss sein. Dann sind die Kinder \u201eerwachsen\u201c und m\u00fcssen sich einen Beruf suchen.<br \/>\nBereits im Prolog zeichnet Terka auch die Gestalten des gr\u00e4flichen Ehepaars: Die g\u00fctige \u201emildt\u00e4tige\u201c Gr\u00e4fin Krisztina, die sich um ihr Gesinde sorgt und gern etwas tun w\u00fcrde \u2013 und der hochfahrende, in \u00d6sterreich erzogene Graf Frigyes, welcher der Meinung ist, seinen Untergebenen ginge es gut genug, man m\u00fcsse sie eher am kurzen Z\u00fcgel halten. Sorge bereitet ihm n\u00e4mlich, dass es immer mehr Landarbeitern (die eher wie Leibeigene gehalten werden) zu gelingen scheint, sich selbst\u00e4ndig zu machen, winzige H\u00e4user zu bauen, mit kleinen G\u00e4rten und eigenen Feldern. \u201eSie haben sogar eine Wochenzeitung herausgegeben und eine landwirtschaftliche Genossenschaft gegr\u00fcndet\u201c. Hier deuten sich bereits die Konflikte an: Das Parlament in Wien hat seinen \u00f6sterreichischen Arbeitern bereits das Allgemeine Wahlrecht zugebilligt, aber in Ungarn soll so etwas nie und nimmer geschehen; nur die Magnaten besitzen das Wahlrecht, nur sie k\u00f6nnen \u00fcber Wohl und Wehe des Landes Ungarn bestimmen.<br \/>\nEs ist die Zeit der gro\u00dfen Umbr\u00fcche: Auch in Deutschland erstreiten sich die Arbeiter das Wahlrecht, in Italien streiken die Eisenbahner, in England machen die Suffragetten von sich reden. Und es wird noch viel \u201eschlimmer\u201c kommen.<br \/>\nTerka ist das j\u00fcngste von sieben Kindern. Der \u00c4lteste, Jani, ist 15 Jahre \u00e4lter. Er hat eine Lehre als Maler gemacht und lebt jetzt mit seiner Frau in Budapest. Ihr n\u00e4chst\u00e4ltester Bruder ist Gyurka, so rothaarig wie Terka. Er ist nur 1 \u00bd Jahre \u00e4lter. Auch er hat eine Lehre gemacht, als Wagner, und geht in verschiedenen L\u00e4ndern \u201eauf die Walz\u201c. Von dort schreibt er seiner Schwester begeistert Postkarten \u00fcber deren Fortschrittlichkeit. Die Kinder haben ihre Mutter verloren, als Terka 3 Jahre alt war &#8211; der Vater hat dann wieder geheiratet und jahrelang die Hoffnung nicht aufgegeben, mit gro\u00dfem Flei\u00df soviel auf die Seite zu legen, dass er sich ein H\u00e4uschen mit kleinem Land kaufen k\u00f6nne, so wie es seine Eltern besa\u00dfen \u2013 doch umsonst.<br \/>\n1910, als Terka 15 Jahre alt ist, folgt sie, gegen den Widerstand ihres Vaters und der Stiefmutter, dem Dr\u00e4ngen ihrer beiden Br\u00fcder, nach Budapest zu kommen, dort eine Lehre zu machen, um \u201ejemand zu sein\u201c. Terka will weg aus der Enge, will \u201eaufsteigen\u201c. Das ist ihr sehr wichtig. Und etwas ist ihr noch wichtiger: Das streng religi\u00f6s erzogene M\u00e4dchen will ihre Br\u00fcder \u201edem Satan entrei\u00dfen\u201c. Der einfachen Bev\u00f6lkerung wird n\u00e4mlich immer wieder vom Klerus eingeh\u00e4mmert: Wer sich mit den Sozialisten und ihren aufr\u00fchrerischen Ideen abgibt, der ist dem Satan verfallen. Vor allem wegen Jani macht sie sich Sorgen. Als er das letzte Mal zu Besuch da war, hatte er es sogar gewagt, das Parteiabzeichen der Sozialisten zu tragen. Etwas ganz Unerh\u00f6rtes!<br \/>\nIn Budapest lernt Terka das Schneiderhandwerk. Ganz allm\u00e4hlich wird aus ihrer anf\u00e4nglichen Angst und Abneigung gegen die Sozialisten mit ihren \u201eUmtrieben\u201c Verst\u00e4ndnis und Zustimmung f\u00fcr deren Ideale und Ziele. Die wollen etwas \u00e4ndern, wollen etwas f\u00fcr die arme Bev\u00f6lkerung tun! Sie gr\u00fcnden Lesezirkel, laden zu Fortbildungsveranstaltungen und Diskussionen ein. Nach anf\u00e4nglichem Str\u00e4uben geht auch Terka zu solchen Fachveranstaltungen und \u201ediskutiert\u201c hei\u00dfen Herzens mit Gott, dass der Sozialismus doch nicht so schlimm sein k\u00f6nne; denn jene, die sie kennen gelernt hat, setzen sich doch nur in christlicher N\u00e4chstenliebe f\u00fcr den Anderen ein. Aus dem einfachen, unwissenden Bauernm\u00e4dchen wird nach und nach ein selbstbewusster Teenager, der mit wachen, neugierigen Augen und Ohren durch die Welt geht: Jani, ihr Bruder, hat eine klare Vorstellung von der Zukunft. Er ist nicht nur Anstreicher von Beruf, er malt auch in seiner Freizeit kleine \u00d6lbilder, die er zuhause aufh\u00e4ngt. Er ist Kassier im Fachverein, bem\u00fcht sich um die Weiterbildung der Arbeiter und Angestellten, holt die jungen Leute von der Stra\u00dfe und aus den Wirtsh\u00e4usern. Infolge eines Geburtsfehlers hinkt er \u2013 und ist deshalb auch w\u00e4hrend der ganzen Geschichte pr\u00e4sent. Er muss nicht in den Krieg ziehen, wie sp\u00e4ter sein kleiner Bruder Gyurka.<br \/>\nKlar, dass R\u00fcckschl\u00e4ge und Minderwertigkeitsgef\u00fchle auch in Budapest f\u00fcr Terka nicht ausbleiben. Wenn sie Zur\u00fccksetzung und Benachteiligung gegen\u00fcber den Armen bemerkt, erwacht sogleich ihre K\u00e4mpfernatur.<br \/>\nDer Leser erf\u00e4hrt von der Erz\u00e4hlerin viel \u00fcber die gesellschaftliche Situation in Ungarn, viel \u00fcber die weltpolitische Lage: \u00dcberall erproben die Massen ihre Macht und ihr aufkommendes Selbstbewusstsein denen gegen\u00fcber, die sie bislang kujoniert haben.<br \/>\nIn der Gewerbeschule h\u00f6rt sich Terka selbst erstaunt die Sozialisten verteidigen. Immer wieder bricht dieses Rebellische aus dem sonst so zur\u00fcckhaltenden bescheidenen M\u00e4dchen Terka Farago hervor, wenn ihre eigene \u00dcberzeugung angegriffen wird. &#8211; Immer und immer wieder regt sie sich \u00fcber Ministerpr\u00e4sident Istv\u00e1n Tisza auf, der den Ungarn das Allgemeine Wahlrecht verweigert.<br \/>\nErst nach Beendigung ihrer Lehre f\u00e4hrt Terka wieder nach Hause. \u201eSie ist jetzt eine Handwerkerin, auf h\u00f6herer Stufe. Jetzt verachtet sie niemand mehr\u201c. Sogar einen Hut darf sie jetzt tragen! Im Haus der Schlossdirektion bekommt sie \u00fcber die Sommermonate Arbeit als N\u00e4herin. Frau Direktor ist eine g\u00fctige Frau, welche die Standesunterschiede zu mildern sucht. Ihr Mann dagegen, der m\u00e4chtige Direktor des gro\u00dfen Gutes mit \u00fcber 150 Angestellten, ist daf\u00fcr verantwortlich, dass f\u00fcr die gr\u00e4fliche Familie alles perfekt l\u00e4uft. F\u00fcr seine Landarbeiter hat er, wenn etwas nicht klappt, nur Verachtung \u00fcbrig. F\u00fcr ihn sind sie \u201ehalbe Tiere\u201c. W\u00fctend macht er sich vor seiner Familie und Terka Luft. Diese Herabsetzung trifft die junge Frau zutiefst; denn zu dieser Schicht geh\u00f6rt ja ihr Vater, geh\u00f6rt sie selbst. Doch aus Angst, ihrem Vater zu schaden, wagt sie nicht, dagegen zu protestieren. Ein Leben lang wird sie diese voll Wut herausgeschleuderten Worte nicht vergessen k\u00f6nnen. Doch zu einer Aussprache kommt es nicht; das junge M\u00e4dchen ist noch nicht selbstbewusst genug.<br \/>\nIm Herbst 1912 verl\u00e4sst Terka gereift die Puszta und gibt sich Rechenschaft: \u201eDamals vor zwei Jahren bin ich zu meinen Br\u00fcdern gefahren, um sie aus den Klauen des Satans zu befreien, der Kirche wieder zuzuf\u00fchren. Das Erlernen des Berufes war Nebensache gewesen. Jetzt ist alles anders. Ich bin voller Fragen. Was soll ich tun? Ich habe jegliche Aussicht verloren, Jani zu bekehren. Ich hab einiges vernommen, was er l\u00e4ngst wusste. Was mir wirklich Angst macht: Langsam beginne ich, ihn zu begreifen. An ihrer neuen Stelle bekommt sie den letzten Schliff. Unter diesen g\u00fcnstigen Verh\u00e4ltnissen nimmt sich das M\u00e4dchen Gro\u00dfes vor: Sie will die Lebensbedingungen auf der Puszta ver\u00e4ndern. Und sie wei\u00df, dazu muss sie noch viel, viel lernen.<br \/>\n\u00d6sterreich mobilisiert; die Balkankriege beginnen, der Streit ums Wahlrecht zieht sich hin. In diesem Durcheinander scheint die Schweiz wirklich das Muster an Demokratie, das gelobte Land zu sein. Gyurka beschw\u00f6rt sie immer wieder, in die Schweiz zu reisen, um dort zu lernen, wie sie helfen, wie sie ihren Landsleuten das Leben erleichtern k\u00f6nne.<br \/>\nIm Fr\u00fchling 1914 nimmt Terka die Einladung an, am Internationalen Frauentag in B\u00e9k\u00e9scsaba vor der Versammlung zu sprechen; die Menschen sind begeistert. Sogar Frau Gr\u00e4fin wurde inkognito gesehen. Terka ist 18 Jahre alt.<br \/>\nNach der Ermordung von Erzherzog Franz Ferdinand wird am 1. August 1914 der Kriegszustand verh\u00e4ngt, Kriegserkl\u00e4rung folgt auf Kriegserkl\u00e4rung. \u00d6sterreich-Ungarn glaubt, die Serben im Handumdrehen besiegen zu k\u00f6nnen; begeistert ziehen die Soldaten in den Krieg. Terkas Bruder Gyurka wird auf einem Ausflug von der Schweiz nach \u00d6sterreich gefasst und in die Uniform gesteckt. Terka sieht ihn noch zwei Mal, bevor er f\u00e4llt. Weil Terka ja irgendetwas \u201etun\u201c muss, tritt sie in die Sozialdemokratische Partei ein. In Gedanken feilscht sie mit Gott, dass es doch keine S\u00fcnde sein k\u00f6nne, in die Partei einzutreten. Es ist die Zerrissenheit der jungen Frau zwischen Tradition und Erziehung &#8211; und dem, was sie ihrem Ziel n\u00e4her bringt.<br \/>\nWinter und Fr\u00fchjahr 1917; Russland wird Republik, der Zar muss gehen. Graf Tisza wird aus dem Sitzungssaal geworfen. Im November geht Lenins Saat in Russland auf, die Revolution wird ausgerufen, die Bolschewiken siegen. Die Menschen, auch in Ungarn, sind aus dem H\u00e4uschen und tanzen auf den Stra\u00dfen. Sozialdemokraten vieler L\u00e4nder senden Gl\u00fcckwunschtelegramme nach Russland.<br \/>\nDie junge Terka meint dazu: \u201eIn Russland begann eine ganz neue \u00c4ra. Lenin und Genossen begannen, das unermesslich gro\u00dfe und arme Russland zu demokratisieren, gehindert durch Angriffe vieler umliegender L\u00e4nder\u201c. Lenin wird als der \u201eFriedensbringer\u201c gefeiert.<br \/>\nDie Friedensverhandlungen kommen endlich in Gang, ein Waffenstillstand wird geschlossen. Ungarn st\u00f6hnt schwer unter den Folgen des Krieges, niemand hat mehr genug zum Leben. Arbeiterr\u00e4te werden gebildet, Volk und Studenten demonstrieren. Terka ist inzwischen 23 Jahre alt. Drei ihrer Br\u00fcder sind gefallen, zwei schwer krank und verwundet heimgekehrt.<br \/>\nAm 1. November wird der Krieg f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt, am 16. November die Republik ausgerufen und Graf K\u00e1rolyi Staatsoberhaupt, am 23. November 1918 endlich im Ungarischen Parlament das Allgemeine und Geheime Wahlrecht zum Gesetz. \u201eIm Kampf der ungarischen Arbeiter f\u00fcr mehr Menschenrechte und Brot diente die russische Revolution entschieden als Ansporn und moralische Unterst\u00fctzung\u201c, ist Terka \u00fcberzeugt. &#8211; B\u00e9la Kun gr\u00fcndet in Budapest die Kommunistische Partei; j\u00fcdische Intellektuelle, Studenten und junge Arbeiter schlie\u00dfen sich der alles versprechenden neuen Partei an\u2026..Doch der Friede ist ferner denn je\u2026<br \/>\nIm M\u00e4rz 1918 l\u00e4sst sich Terka von der Siegesgewissheit der Stra\u00dfe und dem Jubel anstecken und ist \u00fcberzeugt, dass ab jetzt auch den Menschen auf der Puszta geholfen werden k\u00f6nne. \u2013 Jedoch die Rum\u00e4nen \u00fcberschreiten die Theiss und ganz Ungarn stellt sich gegen sie: Es lebe die R\u00e4terepublik! Als sie dann Budapest besetzen, fliehen einige Volkskommissare nach Wien, andere fallen der Rache zum Opfer.<br \/>\n\u201eDrei Monate sp\u00e4ter ritt an der Spitze der Nationalarmee Admiral Horthy auf einem wei\u00dfen Schimmel in die Hauptstadt. Er beherrschte die ungarische Sprache kaum.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter, am 20. Juli 1920 unterzeichneten die Ungarn im Schloss Trianon einen Friedensvertrag, in dem sie auf zwei Drittel ihres urspr\u00fcnglichen Staatsgebietes verzichteten\u201c[\u2026]. \u201eB\u00e9la Kun rief die Ungarische Sowjetrepublik aus [\u2026]. In kurzer Zeit waren die Gef\u00e4ngnisse \u00fcberf\u00fcllt, Privateigentum wurde eingezogen. [\u2026]. Eine Zeit des Terrors begann, schlimmer als jede Grafenherrschaft\u201c.<br \/>\nEin Jahr sp\u00e4ter, 1921, schafft es Terka in die Schweiz zu reisen \u2013 und Gr\u00e4fin Krisztina verteilt Weideland an die Bewohner ihrer Siedlungen. Sie will ihren mittellosen Bauern Einkommen erm\u00f6glichen.<br \/>\nDas Buch ist spannend geschrieben; der Leser erf\u00e4hrt sehr viel \u00fcber Politik und Gesellschaft, nicht nur in \u00d6sterreich-Ungarn und \u00fcber die Zeit der gro\u00dfen Umbr\u00fcche zwischen 1907 bis kurz nach dem 1. Weltkrieg.<br \/>\nIm Anhang gibt es ein Sachregister mit Ortsnamen, ungarischen Ausdr\u00fccken und ein Personenregister aus dem pers\u00f6nlichen Umfeld der Protagonistin, aus Personen der Dienstherren und der Politik.<br \/>\nWas aber unbedingt fehlt, ist ein Vorwort, wie die Autorin Regina Rinaku zur Geschichte ihrer Gro\u00dfmutter Kat\u00f3 Kiss kam.<br \/>\nSch\u00f6n w\u00e4re auch ein Nachwort gewesen: Was wurde aus Terka? Hat sich die Schweiz wirklich als das \u201egelobte\u201c Demokratie-Land erwiesen? Und einige Anmerkungen dazu, wozu der hier im Buch noch \u201eharmlos\u201c beginnende Kommunismus in Wirklichkeit gef\u00fchrt hat. Historisch nicht richtig ist n\u00e4mlich: Die Beseitigung einer Diktatur ist nicht zwangsl\u00e4ufig die Einf\u00fchrung einer Demokratie. Auch wenn die junge, v\u00f6llig unwissende und idealistisch gesinnte Terka das damals so gesehen haben mag. Aber als Frau Szab\u00f3 in Z\u00fcrich, Jahrzehnte sp\u00e4ter, muss sie gewusst haben, was aus dieser Revolution f\u00fcr das arme Volk Russlands geworden ist. Das h\u00e4tte die Enkelin nicht so kommentarlos stehen lassen sollen.<br \/>\nDas w\u00fcrde f\u00fcr den heutigen Leser diesen interessanten historischen Roman abrunden, zumal man immer wieder feststellen muss, wie wenig der Westen von Ungarns Geschichte &#8211; insbesondere von der Geschichte nach dem 1. Weltkrieg \u2013 \u00fcberhaupt wei\u00df.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gel\u00f6bnis eines ungarischen M\u00e4dchens. Entwicklungsroman Verlag August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt a. 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