{"id":3466,"date":"2013-12-05T07:49:33","date_gmt":"2013-12-05T07:49:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3466"},"modified":"2013-12-05T07:49:33","modified_gmt":"2013-12-05T07:49:33","slug":"rezension-kertesz-imre-letzte-einkehr-tagebucher-2001-2009-mit-einem-prosafragment","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3466","title":{"rendered":"Rezension: Kert\u00e9sz, Imre: Letzte Einkehr. Tageb\u00fccher 2001 &#8211; 2009. Mit einem Prosafragment"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/letzte_einkehr.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3467\" title=\"letzte_einkehr\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/letzte_einkehr.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\" \/><\/a><em>Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm; Prosafragment \u201eDie letzte Einkehr\u201c aus dem Ungarischen von Adan Kovacsics, voran gestelltes Gedicht aus dem Ungarischen von Ilma Rakusa<br \/>\nVerlag: Rowohlt; Reinbek b. Hamburg, 2013; ISBN: 978-3-498-03562-4<br \/>\nOriginaltitel: Ment\u00e9s m\u00e1sk\u00e9nt, 2011<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: 24,95 Euro<\/em><\/p>\n<p><em>\u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum habe ich mich mit diesen Tageb\u00fcchern befasst, habe anhand der Eintragungen Romane und Essays wieder hervorgeholt, Artikel und Reden von und \u00fcber Kert\u00e9sz wieder gelesen.<\/em><br \/>\n<em> Die Tageb\u00fccher sind in drei Abschnitte gegliedert, in die \u201eGeheimdatei\u201c: Januar 2001 bis November 2003, \u201eGarten der Trivialit\u00e4ten\u201c: Dezember 2003 bis Juli 2009, anschlie\u00dfend zwei Seiten: \u201eExit-Tagebuch\u201c, in dem er die wichtigsten Eintr\u00e4ge von Ende Mai bis 29. Juli 2009 pr\u00e4zisiert. Dann bricht das Tagebuch ab: \u201eEs gibt keinen anderen Ausweg f\u00fcr mich als den Abgang (Exit) \u2026\u201c. Vor der \u201eGeheimdatei\u201c ist das Fragment \u201eLetzte Einkehr\u201c eingeschoben. Daraus h\u00e4tte noch einmal ein Werk, eine schonungslose Abrechnung seiner Selbst werden sollen, doch das konnte Kert\u00e9sz wegen seiner schweren Krankheit nicht zu Ende bringen.<\/em><\/p>\n<p>Als Leserin kann ich gar nicht anders, als atemlos Eintrag um Eintrag zu verfolgen: Kert\u00e9sz\u2019 Schreibblockaden, seine Verzweiflung dar\u00fcber, oder das Gef\u00fchl, umzingelt zu sein, nicht ausbrechen zu k\u00f6nnen, keine Zeit mehr zu haben. Ich wei\u00df ja schon, dass \u201eLiquidation\u201c fertig wurde, gleichzeitig publiziert in Deutschland und Ungarn &#8211; ich wei\u00df ja schon, dass \u201eDie exilierte Sprache\u201c auf Deutsch erschienen ist &#8211; ich wei\u00df ja schon, dass er den Nobelpreis f\u00fcr Literatur erh\u00e4lt. \u2026<br \/>\nAls Leser schlie\u00dft man diesen Menschen ins Herz, der so sensibel und verletzlich ist, sich die Anfeindungen zu Herzen nimmt, der k\u00e4mpft, am Boden zerst\u00f6rt ist \u2013 und gleich darauf wieder triumphiert, wenn die Figuren seines Romans an Leben gewinnen und \u00fcberzeugen<\/p>\n<p>Schon am 1. Januar 2001 wei\u00df der Autor um seine Parkinson-Erkrankung; die Handschrift wird unsicher; er ist gezwungen, sich ein Laptop anzuschaffen. Teils ironisch, teils deprimiert k\u00e4mpft er mit der Technik.<br \/>\nUnbedingt m\u00f6chte er noch weitere Werke beginnen und zu Ende bringen; er arbeitet an \u201eLiquidation\u201c, ger\u00e4t \u00f6fter ins Stocken, die Figuren versagen sich ihm; er ist verzweifelt, m\u00f6chte alles hinschmei\u00dfen \u2013 und f\u00e4ngt doch immer wieder von vorne an. Seine abnehmenden Kr\u00e4fte, Manneskraft, K\u00f6rperkraft, Vorstellungskraft, st\u00e4ndige Schmerzen, Schlaflosigkeit, gro\u00dfe M\u00fcdigkeit, das Gef\u00fchl, sein Talent habe sich vor ihm zur\u00fcckgezogen, lassen Todessehnsucht, ja Selbstmordgedanken in ihm aufkommen. Dazu gesellt sich die alte Angst vor einem neuen Holocaust durch den st\u00e4rker werdenden Antisemitismus in Ungarn, ja in ganz Europa. Kert\u00e9sz ist \u00fcberzeugt, dass die Welt die Juden ganz und gar austilgen will: Europa gewinnt seine b\u00fcrgerlichen Werte, die es wegen Auschwitz verloren hat, nicht wieder zur\u00fcck, weder Mitmenschlichkeit noch Freiheit. Daf\u00fcr haben feige Anpassung, Macht und Wirtschaft Konjunktur: \u201eAlles ist auf der Strecke geblieben \u2013 das ist das Grundgef\u00fchl, das mich begleitet. [\u2026] Die M\u00f6glichkeit der Revolution, jeder neuen geistigen Bewegung \u00fcberhaupt. Die Zukunft, die geistige Zukunft ist auf der Strecke geblieben [\u2026]. Die Macht, jede Macht, ist auch heute illegitim. [\u2026] Ist Erneuerung noch m\u00f6glich? Was ist meine Aufgabe, als Mensch, als K\u00fcnstler?\u201c<br \/>\nDie ungarische Gesellschaft weist ihn und sein Werk zur\u00fcck, d.h., er findet kaum Beachtung, dabei ist er sich sicher, dass er gerade ihr so viel zu sagen h\u00e4tte, ja bereits gesagt hat. In Deutschland f\u00fchlt er sich verstanden. Kert\u00e9sz \u00fcberlegt sich, die deutsche Staatsb\u00fcrgerschaft anzunehmen. \u00dcberdies st\u00f6rt ihn die gro\u00dfe Familie seiner zweiten Frau, die Geburt des Enkels, um den solch ein Getue gemacht wird. Er ist nun mal kein Familienmensch, mit Kindern kann er nichts anfangen. Vorl\u00e4ufig bereitet er sich darauf vor, Ungarn zu verlassen und nach Berlin umzusiedeln. Seine Frau geht mit ihm, was noch viele Konflikte mit sich bringen wird: Sie verl\u00e4sst f\u00fcr ihn ihre Familie und geht mit nach Deutschland, ohne die Sprache zu beherrschen. Der Schriftsteller in ihm m\u00f6chte aber am liebsten in Ruhe gelassen werden und nichts als schreiben. Neben \u201eLiquidation\u201c arbeitet er am Drehbuch f\u00fcr die Verfilmung von \u201eRoman eines Schicksallosen\u201c \u2013 \u201eFateless\u201c. Das lenkt ihn ab; gleichzeitig hat er das Gef\u00fchl, \u201edass alles falsch \u2013 falsch ist\u201c. Dazwischen wieder Ausbr\u00fcche gro\u00dfer Lebensfreude und Gl\u00fcck beim Schreiben.<br \/>\nBei Magda wird Dr\u00fcsenkrebs festgestellt. Kert\u00e9sz mutma\u00dft, dass ihnen furchtbare, leidvolle Zeiten bevorstehen werden. Das Ehepaar beschlie\u00dft, die Sache gemeinsam durchzustehen. Von da an analysiert er immer h\u00e4ufiger, wie sehr er am Leben h\u00e4ngt, spielt aber gleichzeitig mit dem Gedanken an Selbstmord. Immer wieder fragt er sich, warum er nicht schon fr\u00fcher seinem Leben ein Ende gemacht hat. Antwort: \u201eWeil es mir Leid t\u00e4te, einen Schriftsteller zu t\u00f6ten, der sich noch mit Pl\u00e4nen zu einem Werk tr\u00e4gt\u201c \u2013 Also hofft er immer noch auf sein Werk.<br \/>\nAls das Ger\u00fccht aufkommt, er bekomme den Literaturnobelpreis, sagt er \u201e[\u2026] ich schreibe \u00fcber Auschwitz, aber man hat mich nicht dazu nach Auschwitz gebracht, damit ich den Nobelpreis bekomme, sondern damit ich umgebracht werde\u201c. \u2013 Ein Jahr sp\u00e4ter, 2002, erh\u00e4lt er dann den Literaturnobelpreis. Ungl\u00e4ubig nimmer er ihn entgegen, hatte er doch vor allem in Ungarn kaum Anerkennung, eher abgrundtiefe Ablehnung erfahren \u2013 andererseits regt sich in ihm auch das Gef\u00fchl, dieser Preis st\u00fcnde ihm zu; denn er hat mit seinen Werken der Menschheit etwas zu sagen. Absurd das Eine, wie das Andere: \u201eDoch irgendwie stehe ich dem Ganzen fern und weit au\u00dferhalb, ein echtes \u201e Ich \u2013 ein anderer\u201c-Erlebnis. In der Folge wird er herumgereicht auf Kongressen und Gedenkfeiern, zu Interviews und Lesungen eingeladen. Dabei bemerkt er, dass er allen nur als Autor des \u201eRoman eines Schicksallosen\u201c gilt. Selbst seine ungarischen Freunde haben seine anderen Werke nicht gelesen: \u201eEs ist mir unm\u00f6glich zu glauben, dass ich mit jenem Imre Kert\u00e9sz identisch bin, der in gewissen Kreisen als vielgelesener Autor und glaubw\u00fcrdige Person gilt. Ich f\u00fchle mich wie ein Scharlatan, ein Hochstapler\u201c. Bei alledem fehlt ihm das Schreiben so sehr, dass er fast krank wird.<br \/>\nTrost, Erleichterung und neuen Mut sch\u00f6pft er sein Leben lang immer wieder aus der Musik, haupts\u00e4chlich von Mahler, Beethoven, Sch\u00f6nberg. N\u00e4chtelang, wenn er nicht schlafen kann, h\u00f6rt er sich ihre Werke an. Es ist bemerkenswert, mit wievielen Musikerpers\u00f6nlichkeiten er bekannt und befreundet ist.<br \/>\nDer Schriftsteller Kert\u00e9sz f\u00fchlt sich nur als vollwertiger Mensch, wenn er schreiben kann (und darf); er definiert sich allein \u00fcber sein Autorentum. Alles andere, der ganze Rummel, der um ihn, mit ihm und f\u00fcr ihn veranstaltet wird, gilt nur der \u00f6ffentlichen Person. St\u00e4ndig versucht er sich zu entziehen, weil er genau wei\u00df, wie seine schriftstellerische Arbeit darunter leidet, doch einerseits scheut er sich, mit einer Verweigerung Menschen, auch seine Frau Magda, zu verletzen, andererseits, behagt ihm dieses Leben, das er im Alter genie\u00dfen darf, das gute Leben, die Reisen, die Wertsch\u00e4tzung seiner Person, die vielen Begegnungen mit bekannten Pers\u00f6nlichkeiten \u2013 fast ausschlie\u00dflich im Westen. Die schwierige Freundschaft mit Ligeti, durch die er sich zuerst so geehrt und angenommen gef\u00fchlt hatte, belastet ihn. Ligeti kann nicht \u00fcber seinen Schatten springen, und dem Freund einfach herzlich gratulieren: \u201e[\u2026]. Gestern Abend rief ich Ligeti an, er war sofort verstimmt, weil ich \u201ekokett\u201c \u00fcber den Preis spr\u00e4che. Aber Auschwitz und Nobelpreis sind nun mal ziemlich schwer in Relation zu bringen. Schlie\u00dflich war es nicht so abgemacht, dass ich sechs Jahrzehnte sp\u00e4ter einen Literatur-Nobelpreis erhalte, eine Absurdit\u00e4t, die allein mit Ironie zu \u00fcberbr\u00fccken ist. Das bedeutet nicht, dass ich mich nicht freue \u2013 trotzdem, ich glaube, ich habe noch nicht begriffen, was mir geschehen ist\u201c.<br \/>\nGleichzeitig geht die Hetze in Ungarn gegen ihn los: \u201eNoch nie habe ich in meinem Leben soviel Niedertracht erfahren, wie seit der Verk\u00fcndigung meines Nobelpreises. Als w\u00e4re der Preis nur dazu da, das Fenster zu den bodenlosen Tiefen der Gemeinheit aufzusto\u00dfen, Judenhetze von Nazis; Judenhetze von Juden [\u2026] Die Maschinerie; diese zu meiner Zerr\u00fcttung geschaffene Maschinerie; in Form von Presse und \u00d6ffentlichkeit hetzt sie mich an die \u00e4u\u00dferste Grenze meiner Kraft. Jeder dreht ein bisschen am R\u00e4derwerk, das mich langsam erw\u00fcrgt, zerquetscht, verschlingt\u201c. Seine Romane werden pl\u00f6tzlich zu Hunderttausenden verkauft, Gl\u00fcck, Stolz, aber auch der wache Sinn f\u00fcr die immer gr\u00f6\u00dfer werdende Gefahr, dass diese \u201eGl\u00fcckskatastrophe\u201c ihn ganz und gar verschlingen wird. \u201eIch ersticke an der falschen Ehrfurcht, der Liebe, dem Hass und der mir zugedachten \u00f6ffentlichen Rolle\u201c.<br \/>\nKaum ist \u201eLiquidation\u201c fertig &#8211; 13 Jahre lang hat ihn das Werk besch\u00e4ftigt \u2013 vom ersten Einfall an gerechnet, \u201eder letzte Blick, den ich \u2013 vor dem Abschied \u2013 auf Auschwitz richte\u201c.\u2013 wirft er sich in die n\u00e4chste Arbeit: \u201e[\u2026] Das Leben ohne Roman. Als w\u00e4re ich beraubt worden. [\u2026]\u201c. Er greift eine Idee auf, die schon lange in ihm rumort: \u201eDer Einsame von Sodom. [\u2026] Sollte mir also die Gnade gew\u00e4hrt werden, k\u00f6nnte ich einen gro\u00dfen, zusammenfassenden Roman schreiben[\u2026]\u201c<br \/>\nDoch noch zweifelt er; die Anspr\u00fcche, welche das \u00f6ffentliche Leben an ihn stellt, \u00fcberfordern den sensiblen K\u00fcnstler: \u201eEine ganze Weile schon kann ich meinem Leben nicht mehr folgen, das sich mit kometenhafter Geschwindigkeit von mir entfernt, w\u00e4hrend ich verwundert hinterherstarre, wie es immer kleiner und kleiner wird: bald wird es kaum noch wahrnehmbar sein am Horizont, dann drehe ich mich auf dem Absatz um und mache mich mit verzagten Schritten auf den Weg nach Haus\u201c. Kert\u00e9sz\u2019 Gedanken kreisen immer wieder um ein letztes Werk: \u201eEin radikal pers\u00f6nliches Buch, bis schlie\u00dflich nichts mehr \u00fcbrig bleibt. Den Weg zu Ende gehen, im wortw\u00f6rtlichen Sinn. Die Figur zerr\u00fctten, zermalmen, zernichten. Aber m\u00f6glichst ohne jede Erkl\u00e4rung, vor allem ohne jede sogenannte Philosophie.\u201c<br \/>\nIm zweiten Teil der Tageb\u00fccher, scheint es ihm n\u00f6tig, ein \u201eTrivialit\u00e4tenbuch\u201c zu f\u00fchren. Und das unterscheidet sich von der \u201eGeheimdatei\u201c ganz wesentlich: Hier schreibt er alles auf, was ihm durch den Kopf geht, \u201eschreib alles auf, damit du nichts vergisst\u2026\u201c. Es soll der Fundus f\u00fcr dieses radikale Werk sein.<br \/>\nNicht nur ein Mal sehnt er sich in dieser Zeit nach den 40 Jahren Abgeschiedenheit zur\u00fcck. Nur, dass er das damals nicht erkannt hatte, aber jetzt wei\u00df er, das waren seine gl\u00fccklichsten Jahre, in denen er zun\u00e4chst nur f\u00fcr sich geschrieben hatte. Sich Auschwitz von der Seele schrieb. \u201eAllm\u00e4hlich wenden sich alle meine Absichten und Bestrebungen gegen mein eigenes Leben\u201c. Die Schlinge zieht sich zu, der Kreis wird enger, umzingelt von der wohlmeinenden, neugierigen Gesellschaft, die Statements zu allem M\u00f6glichen aus ihm herausziehen will, zur Politik Israels, zu Auschwitz nat\u00fcrlich, zum Antisemitismus in Ungarn: \u201eIch f\u00fchre einen vergeblichen Kampf um meine Integrit\u00e4t: Journalisten und sonstige Medienleute verfolgen mich im wahrsten Sinne des Wortes, wollen aus mir eine Sprechmaschine machen\u201c.<br \/>\n\u201e[\u2026] Meine einzige Identit\u00e4t ist die des Schreibens. Wer ich sonst bin? Wer w\u00fcsste es?\u201c<br \/>\nImmer wieder kehrt aber auch die Lebensfreude zur\u00fcck \u2013 sein Lebens\u00fcberdruss, die Selbstmordgedanken l\u00f6sen sich ab von der Furcht, sein Werk nicht vollst\u00e4ndig f\u00fcr die Nachwelt zu hinterlassen, nichts richtig fertig gebracht zu haben \u2013 der Wunsch, noch einmal ein wichtiges Werk zu schreiben, noch ein allerletztes Mal etwas Wesentliches zu sagen, vor allem noch einmal in einen Schaffensrausch zu verfallen. Seine Gedanken kreisen obsessiv um \u201eLetzte Einkehr\u201c &#8211; wie das neue Werk hei\u00dfen soll -: Warum muss er auch dieses letzte Buch noch schreiben. \u201e[\u2026]Ich gelange nicht zu der nackten Wahrheit. Ich wei\u00df nicht, was die nackte Wahrheit der Letzten Einkehr ist. Vielleicht die Ironie, wie mich der Literarische Hauptgewinn erreicht und vernichtet\u201c \u2013 \u201e[\u2026]: Die Letzte wird ein gnadenloses Buch, und es wird nur dann ein Buch daraus, wenn es gnadenlos wird\u201c.<br \/>\nErl\u00f6sung bringt vorerst ein neues Projekt, ein Gespr\u00e4chsbuch, \u201eDossier K.\u201c Endlich kommen Sch\u00f6pferkraft und Kreativit\u00e4t zur\u00fcck: \u201eIch genoss es wie ein Tier, das sich von der (Stil-)Leine seines strengen Herrn (Letzte Einkehr) losgerissen hat und nun frei auf offnem Feld herumrennt. [\u2026]\u201c. Doch im Hinterkopf l\u00e4sst ihn sein Projekt \u201eLetzte Einkehr\u201c nicht zur Ruhe kommen: \u201eIch muss die Geschichte eines Erkaltens, eines Leerwerdens schreiben. Wie das Schreiben vergeht, wie die Liebe vergeht. Wie das Leben vor den Augen des Helden entfliegt\u201c.<br \/>\nIm Gegensatz zum Film \u201eFateless\u201c wird \u201eDossier K.\u201c ein voller Erfolg \u2013 gro\u00dfer Gef\u00fchlsumschwung!<br \/>\n\u201e[\u2026].Der Zauber der Fremdheit. In letzter Zeit liebe ich mein Leben, und ich bedaure, dass es schon seinem Ende entgegengeht\u201c. Und: \u201eIch nehme jedes Zeichen von Zuneigung mit kindlicher Freude auf; nie werde ich jener gleichm\u00fctige Fremde sein, als den ich mich selbst ertr\u00e4umt habe\u201c.<br \/>\nRastlos st\u00fcrzt er sich im Januar 2006 erneut in die Arbeit. Er will den Stoff \u201eLetzte Einkehr\u201c endlich packen: \u201eAm fr\u00fchen Morgen habe ich mich f\u00fcr die Fortsetzung der Letzten Einkehr entschieden; es wird noch radikaler, als ich es begonnen habe; es wird ein Todestagebuch\u201c.<br \/>\nKert\u00e9sz nimmt dazu eine alte Idee auf, die Idee vom \u201eSodomer\u201c, Lots Geschichte im 21. Jahrhundert. Er will diese Geschichte mit \u201eLetzte Einkehr\u201c verschmelzen. \u201eDie letzte Einkehr, opus magnum ultimum \u2026 Die Geschichte meines Todes \u2026\u201c<br \/>\nUnd fast von selbst schreibt er die Erz\u00e4hlung. \u201eDr. Sonderberg\u201c aus sich heraus, in der NZZ zu seinem 80. Geburtstag, am 9. November 2009 abgedruckt. Es ist wirklich sehr schade, dass Kert\u00e9sz wahrscheinlich diesen Roman nicht fortf\u00fchren und beenden kann; denn darin gelingt es ihm, das merkt man bereits nach den wenigen Seiten, die F\u00e4den seiner offenen Projekte zu verkn\u00fcpfen. Er Erz\u00e4hler und \u201eGespr\u00e4chspartner\u201c l\u00e4sst Dr. Sonderberg in einem einzigen gro\u00dfen Monolog sich Gedanken machen \u00fcber den Niedergang, die Aufl\u00f6sung. Kert\u00e9sz ist gl\u00fccklich bei der Arbeit: \u201e[\u2026] Lohnt es, wegen eines guten Satzes, eines Gedankens aus dem Bett zu springen? Noch lohnt es. Und solange es lohnt, h\u00e4lt mein Leben an.\u201c<br \/>\nDie Eintragungen im Tagebuch werden allerdings immer weniger. Schaffensfreude wechselt mit tiefer Verzweiflung ab: \u201eIch habe Angst vor dem Tod, andererseits k\u00f6nnte ich mir nichts Realeres an Stelle dieses qualvollen Dahinvegetierens w\u00fcnschen.- [\u2026] Das Leben ist banal, katastrophal und sch\u00f6n\u201c.<br \/>\nUnd 2009: \u201eNun auch bis zum Ende. Die unvorstellbare Trostlosigkeit des Verfalls [\u2026] Ich habe keine Kraft mehr, keine Lust. Ich habe ein \u201eExit-Tagebuch\u201c er\u00f6ffnet\u201c \u2026<\/p>\n<p>Kert\u00e9sz schlie\u00dft sein \u201eExit-Tagebuch\u201c mit nur wenigen Eintragungen. Die beiden letzten: \u201e18. Juli: Ich hatte immer ein heimliches Leben, und immer war das das wahre\u201c. \u201e29. Juli: Es gibt keinen anderen Ausweg f\u00fcr mich als den Abgang (Exit) \u2026\u201c<\/p>\n<p>Im Fragment \u201eLetzte Einkehr\u201c zieht Kert\u00e9sz, zwischen Fiktion und Wirklichkeit das Res\u00fcmee weniger seines ganzen Schriftstellerlebens, sondern eher seines Verfalls als Mensch \u2013 und wie er es sieht, auch als K\u00fcnstler. Aufstieg &#8211; Glanz \u2013 und Verfall. Auch dieses Fragment hat sich Kert\u00e9sz, mehr noch als die vorangegangenen Werke, in z\u00e4hem Ringen, erarbeitet. In der dritten. Person sieht er sich als Schriftsteller \u201eB\u201c (B. ist nicht der erste Schriftsteller in seinen Werken, der an seiner Statt ein Leben lebt, das er selbst nicht so leben oder beenden kann). Auch er, B, erkrankt an Parkinson, h\u00e4lt alles minuti\u00f6s fest \u201eNotiere alles (Was du nicht vergessen hast)\u201c. Der allwissende Erz\u00e4hler im Hintergrund betrachtet ihn kalt und unpers\u00f6nlich: \u2026 schreibt er; \u2026notiert er \u2026usw. Man hat den Eindruck, er belauere sich selbst, spioniere sich aus, jeder Gedanke, jede Handlung wird einer Pr\u00fcfung unterzogen. \u201eLetzte Einkehr\u201c soll die \u201eGeneralprobe\u201c zu seinem Ende sein.<br \/>\nIn schnellem Szenenwechsel entf\u00fchrt B uns und sich selbst zu den wichtigsten Daten und Erkenntnissen seines Lebens nach der Wende: \u201eTatsache ist, dass ich erstaunt den Reichtum meiner alten Probleme betrachte. Und entsetzt die Geschwindigkeit des Verfalls \u2026\u201c (schreibt er.) Sei dir dar\u00fcber im klaren\u201c, schreibt er in das st\u00e4ndig mitgef\u00fchrte Heft, \u201edass du verschwinden wirst [\u2026]. Deine Muttersprache verst\u00f6\u00dft dich, und dort, wo du noch etwas zu sagen hast, wird man dich bald nicht mehr verstehen. Du musst ernsthaft damit rechnen, dass alle deine Anstrengungen umsonst waren [\u2026]\u201c. Und: \u201e[\u2026]. Der Himmel schweigt und meine Umgebung, mein Organismus arbeiten still an meiner Ausl\u00f6schung\u201c, schreibt er in sein Notizheft\u201c.<br \/>\nKert\u00e9sz, der Schriftsteller, analysiert, warum er die Figur \u201eB.\u201c eingef\u00fchrt hat: \u201eUnter den Papieren findet er eine Notiz: Die Figur zerr\u00fctten, zermalmen, zernichten. [\u2026] &#8211; Kann es sein, dass er t\u00f6ten muss, um sich selbst mit dem Tod anzufreunden? [\u2026] Er muss sehen, wie die Natur funktioniert, damit er lernt, sie nachzuahmen und schlie\u00dflich zu akzeptieren[\u2026] Diesen B. hat er also auserkoren, um ihn als Vorposten in den Tod zu schicken\u201c. &#8211; \u201eDie Frage ist: Inwieweit kann es einer aus Worten bestehenden Figur gelingen, ein aus physischen Tatsachen bestehendes menschliches Wesen zu verk\u00f6rpern [\u2026] Er erinnert sich, dass ihn, kaum dass er der Kindheit entwachsen war, dieses Problem zu besch\u00e4ftigen begann. Er wollte sein Leben sofort auf eine aus Worten erstehende Figur abw\u00e4lzen, die ihn verk\u00f6rpern k\u00f6nnte\u201c \u201e[\u2026] die Leidenschaft der Liquidation\u201c (so der Erz\u00e4hler).<br \/>\nVielleicht kann man sich das so vorstellen: Damals in Auschwitz ist seine Liquidation nicht gelungen \u2013 nun muss er sie selbst vollbringen, und zwar, nachdem er zuerst einen \u201eStellvertreter\u201c in die \u201eGeneralprobe\u201c schickt, eine \u201eFigur aus Worten\u201c. die lebendig-\u00fcberzeugend wirkt. Sie soll f\u00fcr ihn ausloten, wie es geht mit dem totalen Verfall, dem Ausgel\u00f6schtwerden \u2013 und schlussendlich mit dem Tod. Sie soll ihm \u201evorspielen\u201c, wie sein Lebensweg zu Ende gehen wird, damit er selbst, er, der reale Mensch, darauf vorbereitet ist, wenn es soweit kommt.<br \/>\nDas ist ihm ja wohl nicht mehr gelungen, auf Grund seiner schweren Erkrankung. Darum ist es bei dem Fragment geblieben. Aber man sieht schon, dass er aus den Spitzen seiner Eintragungen das Leben dieses B. gestalten will, bis zum bitteren Ende. Und nun ist es so, dass er diesen Weg ohne Generalprobe, ganz allein, sein eigener Vorreiter, gehen muss \u2013 wenn, ja wenn es ihm nicht doch gelingt, auf irgendeine Weise diesen B, diesen Mann aus Worten vor sich hergehen zu lassen.<br \/>\nFazit:<br \/>\nWer sich eingehend mit Kert\u00e9sz besch\u00e4ftigen will, dem sei dieses Buch empfohlen, entweder als Einstieg; man kann bei einem Tagebuch ja fast jederzeit Pause machen \u2013 und in diesen Pausen die dazugeh\u00f6rige Literatur, Romane, Essays, Reden usw. lesen, oder, wenn man, wie ich, schon alles (was es auf Deutsch gibt) gelesen hat, diese Literatur, auch die Reden usw. noch einmal lesen, mit ganz anderen, tiefer dringenden Augen und gr\u00f6\u00dferem Verst\u00e4ndnis.<br \/>\nEin gro\u00dfer Gewinn ist es auf jeden Fall, sich mit diesen Tageb\u00fcchern des Menschen und Autors Kert\u00e9sz (wieder) anzun\u00e4hern, der uns in seinen Schriften eigentlich nichts anderes sagt und vor Augen f\u00fchrt, was die Macht mit einem machen kann \u2013 und wie man der Macht ausgeliefert ist, selbst wenn man schwache Versuche macht, sich ihr entgegenzustemmen. Wie die Macht die Vergangenheit eines Menschen zernichtet, aber auch die Zukunft, wie sie den Mensch zum schicksallosen Wesen macht. Aber auch, was die Macht aus denen macht, die sie bekommen oder sich nehmen; nach wie vor das Problem der ganzen Gesellschaft: Macht \u2013 Machtaneignung &#8211; Machtmissbrauch \u2013 und Machterduldung. Und wie kommt Europa aus diesem totalen Verlust der Werte heraus, ist Umkehr durch Katharsis m\u00f6glich, ist ein Neuanfang \u00fcberhaupt m\u00f6glich??<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Kristin Schwamm; Prosafragment \u201eDie letzte Einkehr\u201c aus dem Ungarischen von Adan Kovacsics, voran gestelltes Gedicht aus dem Ungarischen von Ilma Rakusa Verlag: Rowohlt; Reinbek b. Hamburg, 2013; ISBN: 978-3-498-03562-4 Originaltitel: Ment\u00e9s m\u00e1sk\u00e9nt, 2011 Bezug: Buchhandel Preis: &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3466\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[289],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3466"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3466"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3466\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3468,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3466\/revisions\/3468"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3466"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3466"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3466"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}