{"id":3462,"date":"2013-12-05T07:37:07","date_gmt":"2013-12-05T07:37:07","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3462"},"modified":"2013-12-05T07:37:07","modified_gmt":"2013-12-05T07:37:07","slug":"rezension-pasztor-susann-die-einen-sagen-liebe-die-anderen-sagen-nichts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3462","title":{"rendered":"Rezension: P\u00e1sztor, Susann &#8211; &#8222;Die einen sagen Liebe, die anderen sagen nichts&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/die_einen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3463\" title=\"die_einen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/die_einen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"229\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nVerlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln, 2013<br \/>\nISBN: 978-3-462-04526-0<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 8,99 Euro<\/em><\/p>\n<p>Aus dem Prolog geht hervor, dass die Erz\u00e4hlerin die Adresse eines Mannes sucht, den sie w\u00e4hrend oder nach einem Seminar kennen gelernt hat.<br \/>\nAber zun\u00e4chst findet sie sich in einem Schweigeseminar, auf Anraten ihrer Therapeutin und wei\u00df nicht so recht, ob sie \u00fcberhaupt bleiben soll. Die anderen Teilnehmer erscheinen ihr seltsam bis suspekt \u2013 und dementsprechend absch\u00e4tzig sind ihre Vorurteile \u00fcber sie. Wie aus ihren Gedankenfragmenten hervorgeht, h\u00e4lt sie sich f\u00fcr eine unromantische Person, sehr selbstkritisch, aber voll Unsicherheiten und Minderwertigkeitskomplexen.<br \/>\nDer kleine Roman, eigentlich ein Entwicklungsroman, gliedert sich in drei Teile:<br \/>\nIm ersten Teil lernen wir Mila kennen, die Ich-Erz\u00e4hlerin, die uns Leser mit hinein nimmt in das Schweigeseminar. Widerwillig bis am\u00fcsiert \u00fcber sich selbst, schickt sie sich in die Regeln: Schweigen, stundenlang sitzen, atmen, nichts denken, nichts wollen, alles an sich vor\u00fcberziehen lassen. Dazwischen Mithilfe in Haus und Garten. Immer wieder spielt sie mit dem Gedanken, das Ganze einfach sein zu lassen: denn au\u00dfer Schmerzen bringt das Sitzen und Atmen ja doch nichts. Aber dann bleibt sie doch. Etwas geschieht mit ihr; und es kommt, was kommen muss, das Hineinfallen in ihre eigene Vergangenheit: Sie \u00f6ffnet sich, l\u00e4sst lange verdr\u00e4ngte Gedanken und Empfindungen zu, die Kr\u00e4nkungen, die ihr, haupts\u00e4chlich von den Eltern, zugef\u00fcgt worden waren und denen sie bis heute nicht verzeihen kann. Mila hat das Gef\u00fchl \u201enoch nie zuvor so tief und wahrhaftig geweint zu haben\u201c .Sie m\u00fcht sich, ihre Gedanken mit Ein- und Ausatmen wertfrei an sich vor\u00fcberziehen zu lassen. Nichts zu wollen ist gar nicht einfach. \u201eMan kann nicht nichts wollen\u201c. Mit allerlei Tricks versucht sie sich abzulenken. Vieles, was ihr bisher peinlich oder l\u00e4cherlich vorgekommen war, macht sie auf einmal aus tiefem Herzen mit: Vor anderen weinen, gemeinsam Om singen. Hier f\u00fchlt sie sich nun befreit und erleichtert. Es ist sch\u00f6n, in einer Gemeinschaft zu sein. Es gelingt ihr \u2013 wenn auch mit R\u00fcckschl\u00e4gen \u2013 tats\u00e4chlich abzuschalten und ganz bei sich zu sein. \u2026\u201c \u201eW\u00e4re da blo\u00df nicht die Tatsache, dass ich den Schwarzen G\u00fcrtel im Festhalten, Rumzicken und Hassen trage.\u201c<br \/>\nEtwas infantil und nicht altersgem\u00e4\u00df scheint die Jugendsprache zu sein, mit der sie innerlich alles kommentiert. Die Frau ist schlie\u00dflich schon Ende 30! Aber, wie sp\u00e4ter herauskommt, ist sie nie richtig erwachsen geworden, weil ihr Zuwendung und Liebe in Kindheit und Jugend fehlte. Sie sucht bis heute danach. Andererseits, der flotte Schreibstil entlockt dem Leser immer wieder ein zustimmendes Schmunzeln wenn er \u00e4hnliche Erfahrungen hat \u2013 und macht es ihm leicht, Milas N\u00f6te nachzuvollziehen.<br \/>\nDieses Wochenende ist dann schneller zu Ende als erwartet. Und dann kommt einer auf sie zu und fragt sie um eine Mitfahrgelegenheit in die Stadt.<br \/>\nDer zweite Teil: Wieder erlebt sie drei Tage, doch diesmal nicht allein: Sie ist noch ein wenig benommen von der Meditation, f\u00fchlt sich d\u00fcnnh\u00e4utig und angreifbar \u2013 wunschlos, leer und entspannt. Ihrem Mitfahrer scheint es genau so zu gehen. Er tr\u00e4gt \u00fcbrigens einen Ehering, hei\u00dft Simon und m\u00f6chte sie zum Essen einladen. Dabei flunkert sie ihm \u00fcber ihr Leben alles M\u00f6gliche vor, wohl wissend, dass er ihr kein Wort glaubt \u2013 hemmungsloses Geschw\u00e4tz um nichts \u00fcber sich sagen zu m\u00fcssen. Irgendwie kommen sie aber doch ins Gespr\u00e4ch, k\u00f6nnen sich nicht trennen, begleiten sich hin und her \u2013 vom Hotel zum Auto und wieder zur\u00fcck. Lauter angefangene, nicht zu Ende gebrachte S\u00e4tze: \u201eIch f\u00fcrchte mich vor einer abschlie\u00dfenden Analyse dieses misslungenen Abends, ich f\u00fcrchte mich davor, Fragen nach meinem Leben beantworten zu m\u00fcssen, und ich f\u00fcrchte mich sogar vor dem, was ich jetzt am allerliebsten h\u00f6ren w\u00fcrde\u201c. \u2013 Nicht wirklich \u00fcberraschend ist seine Frage, ob sie heute Nacht bleiben m\u00f6chte. \u201eIch glaube nicht, dass das .eine gute Idee w\u00e4re \u2013 Doch ja, ich w\u00fcrde sehr gern hierbleiben\u201c. Dass sie nach dem Seminar mit einem Mann ins Bett gehen w\u00fcrde, h\u00e4tte sie auch nicht gedacht \u2013 Es beginnt eine, beide erf\u00fcllende, Liebesgeschichte, die sie staunend wahrnehmen. Alles Berechnende, Besitzergreifende f\u00e4llt von ihr ab. Nicht nur Leidenschaft ist es, die sie zueinander zieht, sondern das tiefe Bewusstsein, dass sie f\u00fcreinander bestimmt sind: Ihr Beisammensein, ihre Liebe ist ein Geschenk, sie selbst sind dem anderen Geschenk. Ein Wunschpaar! \u2013 Ein Wunschpaar?<br \/>\nSimon schert zum ersten Mal aus seiner Ehe aus, will sich nicht scheiden lassen, sondern f\u00fcr seinen siebenj\u00e4hrigen Sohn da sein. Nach der Geburt des Sohnes war seine Frau in eine postnatale Depression gefallen, die bis heute andauert. Sie sind \u201egute Freunde\u201c und er will sie nicht verlassen. Sie haben noch viele gemeinsame Interessen, wenn auch keinen Sex. Simon: \u201eOb wir uns noch lieben? Ja. Ich nenne es Liebe. \u2026Und ich wei\u00df noch sehr genau, warum ich mich damals f\u00fcr diese Frau entschieden habe\u201c.<br \/>\nMila kann ihre innere Kommentatorin nicht abstellen \u2013 und darum erf\u00e4hrt der Leser von ihrem Verlangen, von ihrer Hingabe, von ihrem Gl\u00fcck, aber auch von ihrem tiefen Misstrauen gegen\u00fcber ihren eigenen romantischen Gef\u00fchlen. Sie schweigen viel zusammen, aber irgendwann erz\u00e4hlt Mila aus ihrem Leben, von ihren Eltern, die so verliebt ineinander waren, dass sie ihre beiden Kinder, Mila und Marek, ganz dar\u00fcber zu vergessen schienen. Als dem Vater vor 10 Jahren eine Krebsdiagnose gestellt wurde, verschwanden die Eltern auf einem Segelt\u00f6rn. \u201eZum letzten Mal gesehen habe ich meine Eltern vor 10 Jahren. Man darf davon ausgehen, dass sie tot sind\u201c. Marek arbeitet bis heute mit dem Verm\u00f6gen, das er geerbt hat, Mila kann bei sparsamer Lebensf\u00fchrung damit auskommen. Sie hat keinen Beruf, keine Freunde, keine Kinder. Sie hat Kunst studiert, traut sich aber nicht, etwas daraus zu machen.<br \/>\nIn Simons Gegenwart ver\u00e4ndert sie sich, streift ihre Unbeholfenheit, ihre Minderwertigkeitskomplexe nach und nach ab. kauft sich sogar ein rotes Kleid \u2013 sie, die bisher immer nur Jeans und Pullover trug \u2013 m\u00f6chte sch\u00f6n und fraulich und begehrenswert aussehen. Simon, der immer beherrschte Manager, l\u00e4sst locker.<br \/>\nSimon und Mila \u201egehen sich beide so irrsinnig nahe\u201c, doch sie wissen, dass ihre Beziehung nicht weitergehen kann. Er ist kein Typ f\u00fcr Nebenverh\u00e4ltnisse. Damit ist Mila genau in der Situation, die sie nicht wollte: \u00dcberhaupt nicht cool! Wie ein kleines Kind kommt sie sich vor, dreht und wendet die Sache, ob man sie nicht doch irgendwie fortsetzen k\u00f6nnte. Sie will haben! Will nicht aufgeben. Sie will keine Schmerzen. Sie will Leidenschaft! Stattdessen fallen Seelennot und Katzenjammer \u00fcber sie her. Mit Willensst\u00e4rke verl\u00e4sst sie Simon nach der letzten Nacht, ohne Adresse oder Telefonnummer. Der Schnitt muss sein, aber: \u201eIn meinem Brustkorb f\u00e4ngt etwas an zu w\u00fcten und zu br\u00fcllen wie ein Tier, das au\u00dfer Kontrolle ger\u00e4t\u201c.<br \/>\nIm dritten Teil begegnen wir einer Mila, die entgegen der Abmachung nicht aufgeben will. Sie sucht ihre Therapeutin auf, will getr\u00f6stet werden wie ein Kind, das sich wehgetan hat. Wozu soll denn diese ganze Geschichte gut gewesen sein, wozu hat sie einen Mann kennen gelernt, mit dem einfach alles passte? Sie hat sich doch ge\u00e4ndert, kann \u00fcber ihre toten Eltern sprechen, hat sich sogar ein Kleid gekauft! Doch die Psychologin leitet den Abschied ein. Mila ist jetzt erwachsen und f\u00e4hig, allein mit ihrem Leben, ihrem Frust, ihrer Einsamkeit fertig zu werden.<br \/>\nWider besseres Wissen hofft Mila auf einen Anruf von Simon, will sich auf die Suche nach ihm machen &#8211; und beschwichtigt sich mit lauter kleinen Tricks und Selbstbetr\u00fcgereien! Ihrem Bruder erz\u00e4hlt die sie die Kurzfassung: \u201eIch war nach dem Seminar drei Tage mit einem Mann in einem Hotel. Wir haben uns verliebt. Sehr sogar. Er ist mit einer depressiven Frau verheiratet und hat mit ihr einen siebenj\u00e4hrigen Sohn. Die Ehe ist nicht so toll. Er will aber keine Geliebte nebenher haben. Deshalb haben wir uns nach drei Tagen wieder getrennt, ohne Adressen oder Telefonnummern. Ich wei\u00df noch nicht mal genau, wie er mit Nachnamen hei\u00dft. Und je mehr Zeit vergeht, umso beschissener finde ich diesen Plan\u201c.<br \/>\nMit Mareks Hilfe macht sie die Telefonnummer von Simons Schwester ausfindig, die ihm einmal geraten hatte, ein Schweigeseminar zu machen, um wieder zu sich selbst zu kommen. Die Schwester, neugierig geworden auf diese Liebesgeschichte, l\u00e4dt Mila zu sich ein und gibt ihr Simons Handynummer.<br \/>\nJa, und wie die Geschichte nun ausgeht, wird hier nicht verraten. Kann Mila freiwillig verzichten oder wird sie weiter suchen?<br \/>\nSusann P\u00e1sztor hat uns hier eine wundersch\u00f6ne Liebesgeschichte geschenkt. Leicht und spritzig geschrieben, mit guten Redewendungen und Vergleichen. Der tiefere Sinn, die Entwicklung wirkt dann noch nach \u2013 genau wie bei einem Schweigeseminar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag Kiepenheuer &amp; Witsch, K\u00f6ln, 2013 ISBN: 978-3-462-04526-0 Bezug: Buchhandel, Preis: 8,99 Euro Aus dem Prolog geht hervor, dass die Erz\u00e4hlerin die Adresse eines Mannes sucht, den sie w\u00e4hrend oder nach einem Seminar kennen gelernt hat. Aber zun\u00e4chst findet &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3462\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[288],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3462"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3462"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3462\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3464,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3462\/revisions\/3464"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3462"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3462"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3462"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}