{"id":3457,"date":"2013-12-05T07:27:45","date_gmt":"2013-12-05T07:27:45","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3457"},"modified":"2013-12-05T07:27:45","modified_gmt":"2013-12-05T07:27:45","slug":"rezension-schroder-ernst-lutz-philharmonie-aber-mit-v","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3457","title":{"rendered":"Rezension: Schr\u00f6der, Ernst-Lutz &#8211; &#8222;Philharmonie \u2013 aber mit V&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/philharmonie.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3458\" title=\"philharmonie\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/12\/philharmonie.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"212\" \/><\/a><em>Eine melodramatische Romanze<br \/>\nVerlag August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt a. M.<br \/>\nISBN: 978-3-8372-1203-7<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 26,80 Euro <\/em><\/p>\n<p>Ja, was soll man dazu sagen, wo anfangen?<br \/>\nIch war auf diesen Roman aufmerksam geworden, da er auf der Frankfurter Buchmesse 2013 in der Rubrik \u201eUngarische Literatur\u201c angeboten worden war. Es sollte um Anik\u00f6, eine ungarische Geigerin gehen.<br \/>\nNach der Lekt\u00fcre gibt es f\u00fcr mich nur zwei M\u00f6glichkeiten: Entweder hat der Autor mit dieser \u201emelodramatischen Romanze\u201c eine Krimi-Persiflage beabsichtigt, oder er kommt, als inzwischen 75j\u00e4hriger, mit seinen Hormonen nicht klar:<br \/>\nDas Buch scheint ein Zusammenschnitt aus allen g\u00e4ngigen Tatort -und anderen Krimis zu sein. Wie anders lie\u00dfe sich sonst erkl\u00e4ren, dass nicht nur der Ich-Erz\u00e4hler, sondern auch Staatsanw\u00e4ltin und Polizei kaum etwas anderes im Sinn haben, als an erotische Abenteuer zu denken, sich st\u00e4ndig zu befummeln und selbst in lebensbedrohlichen Situationen immer nur \u201ean das Eine\u201c zu denken.<br \/>\nDer Reihe nach, sofern das bei den vielen Verwechslungen und Missverst\u00e4ndnissen \u00fcberhaupt m\u00f6glich ist:<br \/>\nDer Frauenarzt, Hobbypianist, -komponist und -dirigent, der \u201egro\u00dfe Dr. Peter Graf\u201c aus N\u00fcrnberg, ist eingeladen, in Berlin in einem Wohlt\u00e4tigkeitskonzert den Klavierpart seines eigenen Werkes zu spielen. Die Karten sind teuer, die Cr\u00e8me de la Cr\u00e8me ist eingeladen, alles was Rang und Namen hat in Gesellschaft und Politik. Dr. Graf, \u201eder Graf von N\u00fcrnberg\u201c genannt, hat es eilig in die Kammerphilharmonie zu kommen. Auf der Suche nach einem Taxi, vor seinem Hotel Kempinski, rempelt ihn eine junge Frau an und l\u00e4sst das Flyer einer nackten Sch\u00f6nheit mit einer Einladung in den Nightclub \u201eVielharmonie\u201c fallen. Die Eile ist vergessen, er spurtet der jungen Frau hinterher, die ganz offensichtlich mit der Sch\u00f6nheit identisch ist. Ein Dialog voller Missverst\u00e4ndnisse entwickelt sich; Graf sieht n\u00e4mlich einem Bekannten der jungen Frau, dem T\u00e4nzer Leo, zum Verwechseln \u00e4hnlich. Der Pianist hat nun nichts anderes mehr im Sinn, als mit ihr anzubandeln, gleicherma\u00dfen von \u201eseinem inneren Schweinehund\u201c angestachelt und \u201eseiner wei\u00dfen Seele\u201c gewarnt. Der \u201eSchweinehund\u201c gewinnt in der Folge fast immer.<br \/>\nOffenbar ist der Frau ihr Tanzpartner vom Nachtclub abhanden gekommen und der Pianist soll einspringen. Wie praktisch, dass er auch eine Ausbildung als Turnier- und Ausdruckst\u00e4nzer hat. Im Laufe der anz\u00fcglichen Unterhaltung stellt sich heraus, dass die junge Frau, wenn sie nicht als Veronique Martinez alias Violetta im Club auftaucht, ganz ernsthaft Violine spielt, als Anik\u00f6 von V\u00e1sz\u00e1ry. Graf malt sich bereits gen\u00fcsslich aus, wie sexy sie dabei aussieht. Nach dem Konzert soll er ihr als Tanzpartner im Nightclub Vielharmonie aushelfen.<br \/>\nBeim erneuten Suchen nach einem Taxi wird er als \u201ealter Bekannter\u201c namens \u201eHugo\u201c in einen Streifenwagen gezogen. Auch diesem Hugo soll Graf t\u00e4uschend \u00e4hnlich sehen. Verwicklungen und weitere Verz\u00f6gerungen folgen. Polizeikommissar M\u00fcller hat es sich in den Kopf gesetzt, dass Graf, alias Hugo, ein Hoteldieb sei, Vroni (Veronique \u2013 Anik\u00f6), diejenige, welche die Kavaliere ablenkt, so dass er ungest\u00f6rt die G\u00e4ste ausrauben kann.<br \/>\nKlar, dass er mit der akrobatischen Sch\u00f6nheit Vroni fliehen kann, wobei ihnen eine Motorrad-Gang, deren Anf\u00fchrer sich als Polizist entpuppt, zu Hilfe kommt. Das Berlinerisch der Beamten rei\u00dft den Leser nicht wirklich vom Stuhl, auch nicht, dass die bildh\u00fcbsche Polizistin in Zivil umwerfend aussieht, \u201ebi\u201c ist, sich von der Staatsanw\u00e4ltin streicheln l\u00e4sst \u2013 und trotzdem ein schmachtendes Auge auf den \u201eVerbrecher\u201c geworfen hat. \u00dcberhaupt, wohin \u201eder Graf von N\u00fcrnberg\u201c auch kommt, egal als wen er angesehen wird, ob als Pianist, T\u00e4nzer oder Dieb, die Frauen liegen ihm zu F\u00fc\u00dfen. Er br\u00e4uchte sich nur eine auszuw\u00e4hlen. An zweideutigem Gepl\u00e4nkel und eindeutigem Fingerspiel, zu zweit, zu dritt, mit einer oder mehreren Frauen, herrscht kein Mangel. \u00dcberhaupt, um nichts anderes, als um die M\u00e4nnerfantasien des Autors, der hier als 38j\u00e4hriger auftritt, dreht sich der ganze Roman. Die Kenntnisse in Musik und Tanz, die ganze \u201eRomanze\u201c verbr\u00e4men diese intimen Tr\u00e4umereien nur ungen\u00fcgend \u2013 wenn das Ganze nicht doch eine Persiflage sein soll. Das will ich einmal dahingestellt sein lassen.<br \/>\nNoch vor dem Konzert k\u00f6nnen Vroni und Graf den Eigent\u00fcmer des Etablissements in einer Hauptprobe mit ihrem Tanz beeindrucken, stellvertretend f\u00fcr das Paar Viola und Leo, welches ihnen t\u00e4uschend \u00e4hnlich sieht. Sie kommen dann nat\u00fcrlich zu sp\u00e4t zum Konzert, doch kein Problem. Die zuvor verhinderte Pianistin ist wieder aufgetaucht \u2013 Graf muss nur dirigieren, Anik\u00f6 spielt Geige. Doch noch bevor die Beiden richtig loslegen k\u00f6nnen, taucht die Polizei auf und will Graf und Vroni-Anik\u00f6 sofort verhaften. Praktischerweise hat der Kommissar gleich einen Untersuchungsrichter und die Staatsanw\u00e4ltin mitgebracht. Ein Strafverteidiger findet sich auch im Publikum (Mitinhaber des Nightclubs) \u2013 er h\u00e4lt vor versammeltem Konzertpublikum ein Pl\u00e4doyer, welches darauf hinausl\u00e4uft, dass Graf unm\u00f6glich der Hoteldieb sein k\u00f6nnte \u2013 er m\u00fcsste denn einen Zwillingsbruder haben. Den hat er auch, wie sich f\u00fcr alle \u00fcberraschend herausstellt. Aber auch der ist kein Dieb. Schlie\u00dflich wird die Pianistin erschossen, ein Beziehungsdrama, wie sich zeigen wird, die Attent\u00e4terin von der ebenfalls angeschossenen Geigerin Anik\u00f6 erw\u00fcrgt. Trotzdem legt sie mit Graf wieder eine filmreife Flucht vor, diesmal auf einer Harley-Davidson (Veronique \u2013 Violetta \u2013 Anik\u00f6 aus Ungarn kann einfach alles!), um noch rechtzeitig zu ihrem Tanzauftritt zu kommen. Aber es kommt noch besser: Anik\u00f6 kollabiert, wird wiederbeatmet, an einen Defibrillator angeschlossen \u2013 der Leser langweilt sich bei seitenlangen Fachausdr\u00fccken und Beschreibungen \u00fcber die Arbeit dieses Ger\u00e4tes (diese Lexikoneintr\u00e4ge sollen wohl die Kompetenz des Erz\u00e4hlers beweisen und den d\u00fcrftigen Text strecken). \u00dcber die Fast-Sterbende hinweg wird deren Herkunft und Familie aus Ungarn er\u00f6rtert, die Verwandtschaft mit der get\u00f6teten Pianistin Pia und der Leiterin des Etablissements Viola. S\u00e4mtliche Klischees, was sich \u00c4rzte \u00fcber den Kopf eines ums Leben ringenden Patienten zutratschen, kommen dabei zum Einsatz.<br \/>\nSp\u00e4ter zeigt der Autor noch einmal sein gesamtes \u201eWissen\u201c, als er in allen Einzelheiten verschiedene Pistolentypen, deren Funktionsweise und Anwendung analysiert. Wie gut, dass er die Polizei auf die richtige Spur bringt.<br \/>\nKommen Sie noch mit? Zum Gl\u00fcck gibt der Autor selbst immer wieder eine kurze Zusammenfassung, damit weder Polizei noch Protagonisten, noch Leser den \u00dcberblick verlieren: \u201eAnik\u00f6 von V\u00e1sz\u00e1ry ist Studentin an der Hochschule f\u00fcr Musik. Um ihr Geigenstudium und ihren Lebensunterhalt finanzieren zu k\u00f6nnen, jobbt sie als T\u00e4nzerin im Corps de Ballet vom Kabarett \u201eVielharmonie\u201c. Dem Kabarett ist angeschlossen eine Hostessenagentur, die sich aus sechs bis zw\u00f6lf jungen Frauen vom Ballett rekrutiert. Die Annahme von Hotelier von Michelbach, dass Anik\u00f6 zu den Hostessen der Agentur geh\u00f6rt, die seine G\u00e4ste ins Hotel bestellen, wurde hier widerlegt und ist auch glaubw\u00fcrdig, da Anik\u00f6 sonst als ernstzunehmende Geigerin ihren guten Ruf aufs Spiel setzen w\u00fcrde. (Nat\u00fcrlich hat der Hotelier Recht!)<br \/>\nAnik\u00f6 wird vorl\u00e4ufig noch mal gerettet. Der Graf von N\u00fcrnberg will sie heiraten, damit sie sich ganz der Musik widmen kann. Zu sp\u00e4t! Ihr Herz macht nicht mehr mit. Aber nicht weiter schlimm; es werden sicher wieder einige Krokodilstr\u00e4nen vergossen \u2013 und dann warten auf den Helden ja noch so viele weitere schmachtende Frauen, u. a. Viola, die Schwester, wie der Herr Strafverteidiger herausgefunden hat. \u201eGew\u00fcrzt\u201c wird die d\u00fcnne Krimibr\u00fche au\u00dfer mit Fachausdr\u00fccken und Funktionsbeschreibungen mit eingestreuten Hinweisen auf Politik und Gesellschaft.<br \/>\nW\u00e4hrend der Herr Frauenarzt haupts\u00e4chlich durch seine Hormone gesteuert wird, legen die Frauen ein erstaunliches Realit\u00e4tsbewusstsein vor, wenn auch sie den Sex immer \u2013 und in jeder Situation im Hinterkopf, pardon in den entsprechenden \u201ek\u00f6rperlichen Vorgaben\u201c haben.<br \/>\nZum Stil muss leider gesagt werden, dass weder das Berlinerisch, noch das Fr\u00e4nkisch einer neu eingef\u00fchrten Kollegin, die es auf ihren verheirateten Kollegen abgesehen hat, noch das z. Tl. fehlerhafte Ungarisch den Leser irgendwie \u00fcberzeugen k\u00f6nnen. Auch nicht die, sonst perfekt deutsch sprechende Anik\u00f6, wenn sie urpl\u00f6tzlich nur noch ungarisch-deutsch radebrechen kann. Selbst die arme \u201ePiroschka\u201c wird noch bem\u00fcht. &#8211; Das Ganze ist einfach \u00e4rgerlich: St\u00e4ndig wird schallend gelacht, es t\u00f6nt zur\u00fcck, es wird gekontert, ins Wort gefallen, das Telefon nervt, der Notarzt, tauchte akustisch wieder auf \u2026 usw.<br \/>\nGespickt ist der Text mit Literatur- Film- und Musikzitaten, bzw. Titeln. Grammatikalisch nicht einwandfrei ist die Syntax.<br \/>\nWer gern solche \u201eArztromane\u201c in Krimimanier liest, kommt hier nat\u00fcrlich auf seine Kosten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine melodramatische Romanze Verlag August von Goethe Literaturverlag, Frankfurt a. M. ISBN: 978-3-8372-1203-7 Bezug: Buchhandel, Preis: 26,80 Euro Ja, was soll man dazu sagen, wo anfangen? 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