{"id":3418,"date":"2013-10-31T21:04:57","date_gmt":"2013-10-31T21:04:57","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3418"},"modified":"2013-10-31T21:04:57","modified_gmt":"2013-10-31T21:04:57","slug":"rezension-esterhazy-peter-esti","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3418","title":{"rendered":"Rezension: Esterh\u00e1zy, P\u00e9ter &#8211; &#8222;Esti&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/esti.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3419\" title=\"HB_Esterhazy_24145_MR.indd\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/10\/esti.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"230\" \/><\/a><em>Siebenundsiebzig Geschichten<br \/>\nAus dem Ungarischen von Heike Flemming<br \/>\nVerlag: Hanser, Berlin, 2013<br \/>\nISBN: 978-3-446-24145-9<br \/>\nOriginaltitel: Esti, 2010<br \/>\nBezug: Preis: 24,90 Euro <\/em><\/p>\n<p>Wieder solch ein Buch, funkelnd von Wortwitz, Wortsch\u00f6pfungen, Melancholie und Ironie; Eigenschaften, die der ungarischen Sprache zu Eigen sind \u2013 und die auch ins Deutsche r\u00fcberkommen, vor allem, wenn der Text so gut \u00fcbersetzt ist wie hier. \u2013 Ein gro\u00dfes Lob an Heike Flemming, die es sicher nicht immer einfach hatte mit diesen Texten; denn der sprachverliebte Autor hat hier alle Register gezogen.<br \/>\nEingeteilt hat P\u00e9ter Esterh\u00e1zy, alias Esti, seine siebenundsiebzig Geschichten in drei gro\u00dfe Kapitel: Esti wird vorgestellt in einer ganzen Novellensammlung \u2013 Korn\u00e9l Esti wird in Beziehung gesetzt zu Esti \u2013 und schlie\u00dflich: Die Abenteuer des Korn\u00e9l Esti, in denen er Geschichten und Lebensentw\u00fcrfe um Esti ausprobiert. (\u201eKorn\u00e9l Esti\u201c und \u201eDie Abenteuer des Korn\u00e9l Esti\u201c sind die Titel der ins Deutsche \u00fcbersetzten Erz\u00e4hlungen seines gro\u00dfen Vorbildes Dezs\u0151 Kosztol\u00e1nyi.)<br \/>\nEsti ist die Hauptfigur; deshalb steht sein Alter Ego drau\u00dfen und kann sich selbst beschreiben. In ihm sieht P\u00e9ter Esterh\u00e1zy nicht nur einen Doppelg\u00e4nger, den Doppelg\u00e4nger von Kosztol\u00e1nyis Helden Esti, sondern er schl\u00fcpft geradezu in ihn hinein, wandelt ihn und sich wieder und wieder, als ein aus \u201eWorten gewobener Mann\u201c. &#8211; \u201eKorn\u00e9l Esti \u2013 c\u2019est moi\u201c. Bereits seine Schul- und Studienkameraden nannten ihn Esti, was er als seine gr\u00f6\u00dfte Auszeichnung ansieht.<br \/>\nAlles, was dem Autor durch den Kopf geht, jede f\u00fcr gut befundene Formulierung schreibt er auf: Bon mots in H\u00fclle und F\u00fclle &#8211; es m\u00fcssen nicht die eigenen sein &#8211; Anspielungen, Zitate, sch\u00f6ne S\u00e4tze aus fremder Feder: \u201ebanale Freude ist Estis Leben\u201c.<br \/>\nVielleicht kommt der Leser mit dem umfangreichen Werk am besten zu Rande, wenn er nicht alles verstehen oder hinterfragen will: Einfach zulassen, was einem da begegnet. Ich k\u00f6nnte mir vorstellen, dass sich Esterh\u00e1zy k\u00f6stlich am\u00fcsiert \u00fcber alles Gr\u00fcbeln seiner Leser, was er denn gemeint und bezweckt \u2013 wen er zitiert habe.<br \/>\nEsterh\u00e1zy als Esti l\u00e4sst uns aber auch teilnehmen an den Schwierigkeiten zu schreiben, sich \u00fcberhaupt etwas einfallen zu lassen &#8211; dabei ist und bleibt alles Fragment \u201eFragment, das hei\u00dft Dichtung\u201c. Dabei fleht er um Erbarmen. Aber auch der Leser ist immer wieder versucht um Erbarmen zu flehen, ob der \u00fcberbordenden F\u00fclle der fragmentarischen Einf\u00e4lle: In der K\u00fcrze l\u00e4ge manches Mal die W\u00fcrze!!<br \/>\nEr neckt uns, witzig und melancholisch zugleich, mit ann\u00e4hernd autobiografischen Kurzmitteilungen, eingepackt in Literaturgespinste; mit Ausfl\u00fcgen in die fernere und n\u00e4here ungarische Geschichte, mit Fantasievorstellungen und erdachten &#8211; und deshalb f\u00fcr ihn realen &#8211; Lebensentw\u00fcrfen. Alles wird ihm zur Literatur; aus Worten errichtet er Gedankengeb\u00e4ude, baut er eine Welt zusammen, die f\u00fcr ihn zur wirklichen Welt wird.<br \/>\nEr streift die Zeit des Kommunismus, die Schwierigkeiten auszusprechen, was man dachte, er macht sich Gedanken zum Geschichtsbewusstsein seines Landes \u201eTrianon als Exerzierplatz des nationalen Selbstmitleides, als Selbstt\u00e4uschung der individuellen Tragik unserer Geschichte\u201c. Er versetzt sich weiter zur\u00fcck in die ungarische Geschichte, deren Mittelpunkt die K\u00f6nige B\u00e9la und M\u00e1ty\u00e1s sind \u2013 er probiert verschiedene Daseinsweisen aus als Hund, mit dem es ein grausames Ende nimmt, als K\u00e4fer, als Gem\u00e4lde, das auf seine Zerst\u00f6rung wartet, als eingebildeter Kranker, als Studentin in einem skandal\u00f6s kurzen Rock\u2026.<br \/>\nIn einem der sch\u00f6nsten \u2013 und auch am leichtesten verst\u00e4ndlichen Kapitel; erz\u00e4hlt Esti, einmal direkt von sich selbst \u2013 mit Seitenhieben auf den Sozialismus &#8211; und nicht nur verschl\u00fcsselt in Form von Zitaten und Aphorismen: Er ist ungef\u00e4hr 10 Jahre alt (um 1960) und w\u00fcnscht sich brennend ein ganz bestimmtes Fahrrad. Darauf ist sein ganzes Wollen gerichtet. Was es kosten w\u00fcrde, wie es zu beschaffen sei, kann und will er gar nicht denken. Im Laufe der Erz\u00e4hlung erfahren wir, dass dieses Drei-Gang-Fahrrad auch heute noch den Anspr\u00fcchen gen\u00fcgen w\u00fcrde, erfahren wir, dass diesmal die Eltern nur \u201eder Pflicht gehorchend\u201c dar\u00fcber jammerten, dass so viel Geld ausgegeben werden sollte, erfahren wir, dass der Familie eigentlich Geld egal war, erfahren wir von Prinzipien der Erziehung, erfahren wir, dass der Sohn sich an diese Geste seines Vaters einmal erinnern sollte. Der Vater muss \u00dcberstunden daf\u00fcr machen, hier und da noch etwas einsparen. Esti darf selbst das Fahrrad kaufen; alles erscheint ihm in einer Gloriole, er selbst, das Fahrrad, die Eltern. Er f\u00e4hrt auf seinem Stahlross davon: \u201eMit dem Glanzpunkt war nahezu unmittelbar der Tiefpunkt verbunden, mit dem Fahrrad die Fahrradgeschichte.\u201c Denn kaum hat er es stolz vorgef\u00fchrt, als ihm ein Kerl das Rad f\u00fcr eine Probefahrt mit einem Trick abluchst. Verdutzt sieht Esti, wie sein Fahrrad f\u00fcr immer verschwindet. Ein Polizist macht dem Vater dann bei der Anzeige klar: \u201eWas im Herzen ist, mein Herr, sagte der junge Mann h\u00f6flich, ist kein polizeilicher Posten. F\u00fcr Traurigkeit ist die Polizei nicht zust\u00e4ndig. Korn\u00e9l Esti merkte sich diese beiden S\u00e4tze\u201c. Am meisten trifft ihn der Verrat! Eine graue und universale Gleichg\u00fcltigkeit macht sich danach in ihm breit.<br \/>\nIn einer weiteren Erz\u00e4hlung verschmilzt Korn\u00e9l Esti mit Pierre Menard, der \u00fcber Don Quijote forschte, verschmilzt mit Don Quijote selbst. In dieser Novelle beschreibt er auch sich und seine Kommilitonen: \u201eAlle hatten wir unser Steckenpferd: Der eine gab sich dem Studium der Natur der Liebe hin [bis er merkte] dass die Diktatur auch die Liebe frisst, dass die Liebe in der Diktatur nicht m\u00f6glich ist. [\u2026] Ein anderer von uns, ein Mathematiker, begann sich zu verkleiden, Farben zu tragen. Denn in der Diktatur existieren auch keine Farben, alles ist grau, selbst die rote Fahne der Arbeiterbewegung. Diese Diktatur war in den 70er Jahren schon weich wie Schei\u00dfe\u2026. \u201eUngarn lebte nach 1956 durch und durch in der Niederlage. Das hei\u00dft in der Einsamkeit. Die Einsamkeit aber ist die Brutst\u00e4tte des Verrats.\u201c [\u2026] Ich sah in der Arbeit den Fluchtweg [\u2026]. Es ist nicht m\u00f6glich zu fliehen. Wir wollten auf jeden Fall leben und nicht nur \u00fcberleben, wollten Wege finden und nicht nur Auswege. Wir stellten uns vor, wir w\u00e4ren Don Quijote, denn der Wahnsinn schien die einzige normale M\u00f6glichkeit\u201c.<br \/>\nAuch \u00fcber die deutsche Sprache reflektiert Esti: \u201eDurch das Deutsche kam er mit dem nichtungarischen Teil der Welt in Kontakt \u2013 daf\u00fcr war er der deutschen Sprache dankbar. \u2026Das Deutsche liebt die Ordnung, die Unter- und \u00dcberordnung. Es mag die M\u00e4\u00dfigung. \u2026 Auf Ungarisch gibt es kein Ma\u00df, so dass die Ungarn auch gar nicht ihre entsetzliche Ma\u00dflosigkeit erkennen. F\u00fcr sie ist Ma\u00dflosigkeit gro\u00dfartig, herausragend, ein Zeichen von Talent. \u2026\u201c.<br \/>\nEines Tages wacht Esti als Gem\u00e4lde auf \u2013 doch so sehr er sich auch anstrengt, er kann nicht erkennen, was er eigentlich darstellt. Sch\u00f6n auch hier wieder die Wortsch\u00f6pfungen wie \u201emelancholieren\u201c. Esti kennt sich in allen K\u00fcnsten aus \u2013 und hat entweder ein elefant\u00f6ses Ged\u00e4chtnis oder einen \u00fcberaus wohlgeordneten Zettelkasten \u2013 dazu eine \u00fcberbordende Fantasie, die vor keinem Bild und vor keinem Vergleich Halt macht.<br \/>\nIm letzten Teil folgen die Abenteuer des Korn\u00e9l Esti: \u201eDas abenteuerliche Leben\u2026: \u201eKorn\u00e9l Esti lebte, dann starb er. Das ist (wurde, war, wird) Korn\u00e9l Estis Leben.\u201c \u201eSchreiben ist nicht Erinnern an die Welt, sondern selbst die Welt\u2026\u201c \u201e\u2026 Mal bin ich Vater, mal Sohn, ich h\u00e4tte nicht gedacht, dass das mein Leben w\u00fcrde\u201c. &#8211; Das sind so in etwa die \u00dcberschriften zu seinem realen W\u00f6rter-Leben, in dem er immer wieder neue Ausgangssituationen, neue Erz\u00e4hlformen ausprobiert: Esti in einem Abenteuerfilm, in einem Krimi, als wohlschmeckende Speise \u2013 Esti in einem Moskauer Fragment, in dem er sich dar\u00fcber wundert, dass selbst die Gro\u00dfmutter nichts anderes als kommunistische L\u00fcgen geh\u00f6rt hat, so alt sie auch ist.<br \/>\nUnd dann noch ein Exkurs \u00fcber die Literatur, die sein Leben ist: \u201eDenn er, Esti, kann die Literatur und sein Leben schon nicht mehr auseinander halten. Zum einen, weil seine Tage faktisch so, damit vergehen, d.h. am Schreibtisch, zum anderen, weil er sein Leben als Stoff f\u00fcr die gerade zu machende Literatur, f\u00fcr seine Literatur betrachtet, [\u2026] \u2026Die Sprache der Literatur ist nicht auf Verst\u00e4ndigung aus, ihr Ziel ist Sch\u00f6pfung [\u2026] sie will ein Geb\u00e4ude aus Worten errichten. All ihre Aufmerksamkeit gilt dem Geb\u00e4ude (der Schriftsteller \u00fcbernimmt hier nat\u00fcrlich alles, er ist Auftraggeber, Hausherr, Architekt, Polier und Maurer\u2026\u201c<br \/>\nVergn\u00fcglich zu lesen ist Esti allemal, auch wenn er allzu h\u00e4ufig \u201evom H\u00f6lzchen aufs St\u00f6ckchen\u201c kommt und kleine Episoden in einen umfangreichen Wortkokon einwickelt. Wer in Texten, fast ohne Handlung, herausknobeln m\u00f6chte, wer oder was gemeint sein k\u00f6nnte, wer sich an geschliffenen Aphorismen, an Wortwitz und Wortsch\u00f6pfungen erfreuen kann, wer einfach Literatur auf sich wirken lassen will &#8211; der ist mit \u201eEsti\u201c richtig.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Siebenundsiebzig Geschichten Aus dem Ungarischen von Heike Flemming Verlag: Hanser, Berlin, 2013 ISBN: 978-3-446-24145-9 Originaltitel: Esti, 2010 Bezug: Preis: 24,90 Euro Wieder solch ein Buch, funkelnd von Wortwitz, Wortsch\u00f6pfungen, Melancholie und Ironie; Eigenschaften, die der ungarischen Sprache zu Eigen sind &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3418\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[285],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3418"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3418"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3418\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3420,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3418\/revisions\/3420"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3418"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3418"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3418"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}