{"id":338,"date":"2011-07-04T13:25:53","date_gmt":"2011-07-04T13:25:53","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=338"},"modified":"2012-05-19T20:03:32","modified_gmt":"2012-05-19T20:03:32","slug":"rezension-andreas-oplatka-der-erste-riss-in-der-mauer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=338","title":{"rendered":"Rezension: Oplatka, Andreas &#8211; &#8222;Der erste Riss in der Mauer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/der_erste.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2422\" title=\"der_erste\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/der_erste.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"230\" \/><\/a><em>Verlag: Zsolnay, 2009 ; ISBN: 978-3-552-05459-2<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel Preis:<\/em><br \/>\n<em> Euro 21,50<\/em><\/p>\n<p>Schon im Sommer 1984, als der Autor auf der Heimreise von Moskau in die Schweiz \u00fcber Ungarn f\u00e4hrt, nimmt er einen DDR-B\u00fcrger mit, der ihm erz\u00e4hlt, er habe genug vom Regime und vom Leben in der DDR und wolle in die Bundesrepublik. Es hatte sich bereits herumgesprochen, dass es an der ungarischen Grenze weder Tretminen noch Elektrodr\u00e4hte g\u00e4be und dass man von dort nach \u00d6sterreich hin\u00fcber kommen k\u00f6nne.<br \/>\nNach der blutigen Niederschlagung der Revolution und den grausamen Verfolgungen Ende der 50er und Anfang der 60er Jahre, lie\u00df Parteichef J\u00e1nos K\u00e1d\u00e1r die Z\u00fcgel allm\u00e4hlich etwas lockerer. Abgesehen davon, dass \u00fcber 30 Jahre lang nur von der \u201eKonterrevolution\u201c, gesprochen werden durfte, konnte die Bev\u00f6lkerungsmehrheit nach und nach kleinere Freiheiten genie\u00dfen. Allerdings kosteten die kleinen \u201eGeschenke\u201c etwas, und Ungarn befand sich bereits 1982 in einer schweren Finanzkrise. An ein Zur\u00fcckschrauben der Verg\u00fcnstigungen war nicht zu denken und so erweiterte sich dieses Finanzloch immer weiter, bis das Land 1989 das am meisten verschuldete Land im Ostblock war.<br \/>\nIn seiner Dokumentation zeigt Oplatka die Vorgeschichte zur weit reichenden und folgenschweren Entscheidung auf, die Westgrenze zu \u00d6sterreich zu \u00f6ffnen. Zwei Beschl\u00fcsse brachten den Stein ins Rollen:<br \/>\nEnde 1988, Anfang 1989 wurde in Budapest entschieden, die veralteten, zur Wiederherstellung viel zu teuren, Grenzbefestigungen abzutragen \u2013 und im August entschied sich die Regierung Mikl\u00f3s N\u00e9meth, bereits von der Partei getrennt, Tausenden von DDR-B\u00fcrgern, die ihren \u201eUrlaub\u201c in Ungarn verbrachten, die Grenze zu \u00f6ffnen.<br \/>\nDie DDR-F\u00fchrung versuchte bis zum Schluss, dies mit allen Mitteln, auch mit Drohungen, zu verhindern. Doch sie erwies sich als zahnloser Tiger, da sich Russland unter Gorbatschow ganz und gar zur\u00fcck hielt, nicht aktiv wurde, und Ungarn gew\u00e4hren lie\u00df. Dabei neigt der Autor zur Annahme, dass niemand, auch Gorbatschow nicht, \u00fcberblickte, was die Grenz\u00f6ffnung im Endeffekt f\u00fcr Folgen haben sollte.<br \/>\nAm 2. Mai 1989 wurden die Abbrucharbeiten an Ungarns Westgrenze ganz \u00f6ffentlich eingeleitet. Vorausgegangen war die Erkenntnis, dass der Einsatz an der Grenze f\u00fcr die Grenzbeamten allm\u00e4hlich unzumutbar wurde, da sie praktisch Tag und Nacht im Einsatz waren: Jeder Windsto\u00df, Vogel oder Hase konnte Alarm ausl\u00f6sen. Und wenn Fl\u00fcchtlinge gefasst wurden, waren es meist solche aus den \u201eBruderl\u00e4ndern\u201c. Daf\u00fcr lohnte es also nicht, die hohen Kosten einer Neuanlage zu schultern.<br \/>\nNoch etwas kam hinzu: Ungarn war als erstes Ostblockland im M\u00e4rz 1989 der Genfer Fl\u00fcchtlingskonvention beigetreten. Das hatte allerdings nichts mit den aus der DDR Fl\u00fcchtigen zu tun, sondern mit dem Irrsinnsplan Ceausescus, 8000 D\u00f6rfer in Rum\u00e4nien schleifen zu wollen. Daraufhin setzte eine Fluchtwelle, vor allem der ungarischen Minderheit, ein. Es w\u00e4re f\u00fcr die Regierung N\u00e9meth unvorstellbar gewesen, die Menschen wieder zur\u00fcck zu schicken und sie dort den Repressalien des diktatorischen Regimes auszusetzen. Aber genau darauf \u2013 Ironie der Geschichte \u2013 konnte sich die ungarische Regierung sp\u00e4ter berufen, als die DDR unbedingt ihre Republikfl\u00fcchtlinge wieder haben wollte.<br \/>\nUngarns Westgrenze sollte auch nach dem Abbau der Grenzanlagen weiterhin streng bewacht bleiben. Der Abbau fand aber \u00f6ffentlich statt, Ungarn hatte zu dieser Zeit bereits eine halbfreie Presse und eine einigerma\u00dfen organisierte Opposition: Die DDR-Bev\u00f6lkerung konnte im Westfernsehen anschauen wie die Au\u00dfenminister Alois Mock und Gyula Horn in aller \u00d6ffentlichkeit symbolisch den Zaun durchschnitten. Im Fr\u00fchsommer rollte daher eine riesige DDR-Touristenwelle auf Ungarn zu. Aus Angst vor innenpolitischen Unruhen konnte die SED-F\u00fchrung nichts dagegen unternehmen, beschwor aber die ungarische Regierung immer wieder, ihren Teil des 1969 geschlossenen Vertrages zu erf\u00fcllen: Die jeweiligen Fl\u00fcchtlinge sollten aufgegriffen und ins Heimatland zur\u00fcck geschickt werden.<br \/>\nVergessen darf man bei all diesen, f\u00fcr uns Deutsche so aufregenden Entwicklungen nicht, dass die Probleme der DDR-Deutschen, ihr Fl\u00fcchtenwollen nicht die erste Sorge der Ungarn war: Einerseits war das Land, wie schon erw\u00e4hnt, hoch verschuldet, die Mehrzahl der Bev\u00f6lkerung musste an zwei bis drei Stellen arbeiten, um \u00fcber die Runden zu kommen, andererseits war die Opposition inzwischen so stark, dass es ihr gelungen war, die bisher vergeblich geforderte feierliche Neubestattung von Imre Nagy, dem 1958 hingerichteten Ministerpr\u00e4sidenten der Revolutionsregierung, zu erreichen. 200 000 Menschen waren bei der Trauerfeier am 16. Juni 1989 zugegen. Das offenbarte gleichzeitig, wie schwach die Partei bereits war und nicht mehr viel ausrichten konnte.<br \/>\nAm 19. August fand das \u201ePaneurop\u00e4ische Picknick\u201c in der N\u00e4he von Sopron statt. Urspr\u00fcnglich war es als Fest zwischen ungarischen und \u00f6sterreichischen Grenzbewohnern geplant, doch durch gezielte Indiskretionen der Regierung, Verteilung von Flugzetteln auch im Innern Ungarns, mit dem Inhalt, dass die Grenze f\u00fcr einige Stunden ge\u00f6ffnet sein w\u00fcrde, lockte \u00fcber 600 DDR-B\u00fcrger an, die diese M\u00f6glichkeit ergriffen und die Grenze unbehelligt passierten. Die Grenzsoldaten hatten sich einfach weggedreht, um dem noch immer bestehenden Schie\u00dfbefehl ausweichen zu k\u00f6nnen. Ministerpr\u00e4sident N\u00e9meth hatte mit dieser kleinen Grenz\u00f6ffnung auch das Verhalten der Sowjetunion getestet: Und Moskau verhielt sich stumm.<br \/>\nAm 22. August wurde im engen Regierungskreis beschlossen, die Deutschen, die sich im Land aufhielten, ziehen zu lassen. Die Verh\u00e4ltnisse waren f\u00fcr alle Seiten allm\u00e4hlich untragbar geworden.<br \/>\nOplatka res\u00fcmiert, dass der waagemutige Beschluss, die Grenzen f\u00fcr die DDR-Deutschen zu f\u00e4llen, nur von Ministerpr\u00e4sident N\u00e9meth kommen konnte, auch wenn sich in der BRD hartn\u00e4ckig die Legende h\u00e4lt, dass das die Entscheidung von Au\u00dfenminister Horn gewesen sei. N\u00e9meth hatte die Verantwortung, auch im Falle eines Scheiterns, denn ganz sicher konnte niemand sein, ob Russland nicht doch noch etwas dagegen unternehmen w\u00fcrde.<br \/>\nDer Autor ist sich auch sicher, dass die Grenz\u00f6ffnung zwar den Zerfall der DDR beschleunigt, ihn aber nicht herbeigef\u00fchrt hat. Die Menschen hatten, ebenso wie in den \u00fcbrigen Satellitenstaaten, einfach genug von Bevormundung, \u00dcberwachung, Mangel- und Planwirtschaft.<br \/>\nAndreas Oplatka spricht mehrere Sprachen und konnte die meisten der damals Zust\u00e4ndigen interviewen, hat Archive besucht, Dokumente und Protokolle im Original nachgelesen, was das ganze Buch sehr authentisch macht. Doch er sagt selbst, nach 18 \u2013 19 Jahren verschieben sich Erinnerungen, mancher Politiker m\u00f6chte gern an seinem Denkmal basteln \u2013 und so ergeben sich auch abweichende Aussagen, die nicht aufgel\u00f6st werden k\u00f6nnen. Er kommt aber zur Erkenntnis, dass es bei einem solchen Prozess einfach mehrere Wahrheiten gibt \u2013 mit denen man leben muss.<br \/>\nDas Buch ist so interessant und spannend zu lesen, wie ein Politkrimi, den man nicht mehr aus der Hand legen mag. Und so erf\u00e4hrt der Leser manch Unbekanntes und Brisantes aus der Innenpolitik Ungarns, manchen Hintergrund und aufhellende Details.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Zsolnay, 2009 ; ISBN: 978-3-552-05459-2 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 21,50 Schon im Sommer 1984, als der Autor auf der Heimreise von Moskau in die Schweiz \u00fcber Ungarn f\u00e4hrt, nimmt er einen DDR-B\u00fcrger mit, der ihm erz\u00e4hlt, er habe genug &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=338\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[170],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/338"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=338"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/338\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2423,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/338\/revisions\/2423"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=338"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=338"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=338"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}