{"id":331,"date":"2011-07-03T19:50:12","date_gmt":"2011-07-03T19:50:12","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=331"},"modified":"2012-05-18T20:25:57","modified_gmt":"2012-05-18T20:25:57","slug":"rezension-gyorgy-dalos-der-vorhang-geht-auf-das-ende-der-diktaturen-in-osteuropa","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=331","title":{"rendered":"Rezension: Dalos, Gy\u00f6rgy &#8211; &#8222;Der Vorhang geht auf &#8211; Das Ende der Diktaturen in Osteuropa&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/der_vorhang.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2319\" title=\"der_vorhang\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/07\/der_vorhang.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"240\" \/><\/a><br \/>\n<em> Verlag C. H. Beck, 2009 ISBN: 978-3-406-58245-5<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel Euro: 19.90<\/em><\/p>\n<p>Dalos\u2019 Buch f\u00fchrt nicht Einzelschicksale an, sondern es gibt, wie aus der Vogelperspektive, einen \u00dcberblick \u00fcber die gesamte Lage der mittelosteurop\u00e4ischen L\u00e4nder hinter dem Eisernen Vorhang, in den \u201eWendejahren\u201c. Er zeigt auf, wie die Lage eines jeden Landes im Speziellen war, wie jedes Land seine ihm eigene Dynamik entfaltete. Das Buch liest sich spannend und mitrei\u00dfend wie ein Drama:<br \/>\nProlog &#8211; Vorhang auf: &#8211; es folgen sechs dramatische, zum Teil tragikomische, Szenen &#8211; Epilog.<br \/>\nDie sechs Dramen:<br \/>\nNachdem sich Gorbatschow entschlossen hatte, dem eigenen Land Glasnost und Perestrojka zu verordnen, l\u00e4sst er die ihn st\u00f6renden \u201eBetonk\u00f6pfe\u201c der Satelliten fallen und mit ihnen die Bruderstaaten, die fortan f\u00fcr sich selbst sorgen sollen. Der Prozess ist nicht mehr aufzuhalten. Auch in den Ostblockl\u00e4ndern sieht die Bev\u00f6lkerung in den Neuerungen, die in der UdSSR stattfinden, das ersehnte Mittel, die eigene Diktatur los zu werden: Die ersten B\u00fcrgerrechtsbewegungen formieren sich und lassen sich nicht mehr unterkriegen, sondern melden sich energisch zu Wort. Danach geht alles ganz schnell: Die alten F\u00fchrungseliten m\u00fcssen abdanken, die Partei versucht zwar noch mit mehr oder weniger Erfolg ihren Einfluss zu erhalten, doch die neuen Bewegungen k\u00f6nnen sich zun\u00e4chst, mindestens bis zu den ersten freien Wahlen durchsetzen. Leider gelingt das nicht \u00fcberall auf Dauer; denn h\u00e4ufig leben in den jungen Demokratien die alten Seilschaften weiter. Was fehlt sind Menschen mit Demokratie- und Toleranz-Erfahrung. Der letzte Akt des Vorwendedramas spielt sich meist nach einem \u00e4hnlichen Drehbuch ab, Dalos macht aber bei jedem Land auf \u00fcberraschende Details aufmerksam, stellt Zusammenh\u00e4nge her. Leicht, witzig bis ironisch-sarkastisch, in dem ihm eigenen Ton, nimmt er die Schw\u00e4chen von Machthabern, Systemen und B\u00fcrgerrechtlern aufs Korn, wobei seine Sympathien offen bei den \u201eUmst\u00fcrzlern\u201c liegen. Er selbst, geboren und aufgewachsen in Ungarn, Dissident, wei\u00df genau wovon er schreibt, kennt Verh\u00e4ltnisse und Eigenarten in den L\u00e4ndern Mittelosteuropas.<br \/>\nProlog:<br \/>\n1. Staatsbegr\u00e4bnis und Trauerg\u00e4ste. Ein sp\u00e4tsowjetisches Gruppenbild<br \/>\nBei Tschernenkos Begr\u00e4bnis 1985. Gorbatschow, der neue junge Generalsekret\u00e4r, im Gespr\u00e4ch mit den alten Regierungschefs der Bruderl\u00e4nder. Allen L\u00e4ndern ist gemeinsam, dass sie finanziell am Abgrund h\u00e4ngen: Die meisten bekommen vom Westen Kredite, von Moskau Rohstofflieferungen und technische Hilfen.<br \/>\n2. Polen: Die Tafelrunde der Erzfeinde:<br \/>\nSchon 1986 amnestiert Polen anl\u00e4sslich des Staatsfeiertages politische Gefangene, akzeptiert das Mitspracherecht der Solidarno\u015b\u0107. 1987 st\u00e4rkt der Besuch Papst Johannes Paul II. in Polen die oppositionellen Gruppen, im November des gleichen Jahres unterliegt die Regierung bei einer Volksabstimmung \u00fcber die Staatsreform dem Referendum. 1988 zeigt sie aber, dass sie Stil hat und l\u00e4sst einen Runden Tisch mit 58 St\u00fchlen herstellen. Die Gespr\u00e4che daran sollen endlich stattfinden, der katholische Episkopat dabei vermitteln. Schon im Dezember wird das \u201eOppositionelle B\u00fcrgerkomitee\u201c gegr\u00fcndet, das mit der Regierungsseite verhandeln soll. Die Opposition gibt sich sehr moderat, was sicher auch damit zu tun hat, dass noch immer ein Eingreifen der Sowjets bef\u00fcrchtet wird. &#8211; 1989 finden verschiedene Wahlen statt, bei denen die kommunistische Partei katastrophale Niederlagen erlebt. Mit der Regierung Mazowiecki kommt erstmals ein Nichtkommunist an der Spitze des Staates. 1990 wird Lech Wa\u0142\u0119sa zum Pr\u00e4sidenten gew\u00e4hlt. Damit beginnt eine extreme Aufsplitterung des politischen Lebens, die das hasserf\u00fcllte Mit- und Gegeneinander der Parteien jahrelang bestimmen. Die Gesellschaft muss erst mit dem Freiheitsschock fertig werden, der sie ganz aus ihrer gewohnten Lebensweise geworfen hat.<br \/>\n3. Ungarn: Der gem\u00fctliche Weltuntergang:<br \/>\nK\u00e1d\u00e1r hatte es verstanden, die Bev\u00f6lkerung mit kleinen Geschenken ruhig zu stellen, Reiseerleichterungen und private kleine Eigenbewirtschaftung kommen in Gang, so dass bald gefl\u00fcgelte Worte die Runde machten vom \u201eGulaschkommunismus\u201c oder von \u201eUngarn als der lustigsten Baracke im Lager\u201c. Die st\u00e4ndigen Verbesserungen der Lebenssituation ohne gleichzeitiges Wirtschaftswachstum erh\u00f6ht jedoch die Pro-Kopf-Verschuldung des Landes im Jahr 1985 auf 1400 US Dollar. K\u00e1d\u00e1rs \u201efreiwilliger\u201c R\u00fccktritt 1988 wirkt dann wie ein Dammbruch: Zahlreiche Organisationen gr\u00fcnden sich, neue Zeitungen erscheinen. Im November wird Mikl\u00f3s N\u00e9meth neuer Ministerpr\u00e4sident, 1989 im April wird der \u201eOppositionelle Runde Tisch\u201c gegr\u00fcndet, um mit der Staatsmacht verhandeln zu k\u00f6nnen. Im Juni werden Imre Nagy und seine Mitstreiter feierlich neu beerdigt, wenige Tage sp\u00e4ter stirbt K\u00e1d\u00e1r. Kurz nach seiner Ernennung zum Au\u00dfenminister zerschneiden Gyula Horn (mit Billigung N\u00e9meths und mit Wissen Moskaus) und sein \u00f6sterreichischer Amtskollege Alois Mock St\u00fccke des verrosteten Eisernen Vorhangs. Das ermuntert zahlreiche DDR-B\u00fcrger, spontan die Grenze zu \u00fcberqueren. Die Verhandlungen am Runden Tisch werden am 11. September abgeschlossen, am 23. Oktober wird die \u201eDritte Ungarische Republik\u201c ausgerufen.<br \/>\n4. DDR: Demokratie zwischen Spaltung und Einheit.<br \/>\nDie Unzufriedenheit im Land w\u00e4chst auf Grund von Bespitzelung, Unfreiheit und Repressalien. Honecker dagegen sonnt sich in der weltweite Anerkennung des Staates, die BRD gew\u00e4hrt Kredite sowie einen zollfreien deutsch-deutschen Binnenhandel. Auch von der Sowjetunion wird der Staat als Fenster zum Westen gro\u00dfz\u00fcgig gef\u00f6rdert. Bis 1989 bilden sich kirchliche Basisgruppen, Friedenskreise, \u00d6kologiegruppen. Diese B\u00fcrgerbewegungen gehen davon aus, dass der Demokratisierungsprozess lange dauern w\u00fcrde und nur unter westlichem Druck, im Gefolge der Perestrojka erfolgen k\u00f6nne. Von der tats\u00e4chlichen Bankrottsituation haben weder die eigene Bev\u00f6lkerung, noch der Westen eine Vorstellung. Die erstmalige Kontrolle der Kommunalwahlen am 7. Mai 1989 durch B\u00fcrgerrechtler machen Betrug und Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung der SED offenbar, doch gravierender ist die \u201eAbstimmung mit den F\u00fc\u00dfen\u201c und der damit verbunden Besetzung der Botschaften in Prag, Warschau und Budapest, der massenhaften Flucht \u00fcber die ge\u00f6ffnete ungarisch-\u00f6sterreichische Grenze. Im September beginnen die \u201eMontagsdemonstrationen\u201c in Dresden, die schlie\u00dflich in dem Slogan gipfeln \u201eWir sind das Volk!\u201c.<br \/>\nAm 9. November erkl\u00e4rt G\u00fcnter Schabowski, die Reisefreiheit w\u00fcrde sofort in Kraft treten Das veranlasst viele DDR-B\u00fcrger, sofort in den Westen hin\u00fcber zu spazieren. Bei den freien Wahlen zur Volkskammer, im M\u00e4rz 1990. wird die Demokratische Opposition der DDR, B\u00fcndnis 90, \u00fcberraschend mit nur 3% der Stimmen daf\u00fcr abgestraft, dass sie die bevorstehende Wiedervereinigung nicht hatte erkennen wollen.<br \/>\n5. Bulgarien: Echter Kollaps, imitierte Revolution<br \/>\nIn den 80er Jahren wird Bulgarien von verschiedenen Umweltkatastrophen gebeutelt. Die B\u00fcrger nehmen das lethargisch hin, selbst die Katastrophe von Tschernobyl wird in den Medien nicht erw\u00e4hnt. Tudor Schiwkow, seit 1956 im Amt, h\u00e4lt sein Volk mit der gef\u00fcrchteten Geheimpolizei, die auch beim Attentat auf Papst Joh. Paul II. ihre Finger im Spiel gehabt haben soll, in Schach. Schiwkow treibt in den 50er und 60er Jahren die Industrialisierung rasant voran, vernichtet die kleinen Wirtschaften, beg\u00fcnstigt damit die Landflucht. Das gro\u00dfe Problem des Landes aber ist die sehr enge Bindung an die UdSSR, an ihre Rohstofflieferungen und technischen Ausr\u00fcstungen. Als trotz Hinhaltetaktik die bulgarische F\u00fchrung unter Reformdruck ger\u00e4t, l\u00e4sst sie 1984 alle t\u00fcrkisch klingenden Namen mit Gewalt slawisieren, die \u00f6ffentliche Sprache T\u00fcrkisch bei Strafe verbieten. Die westliche \u00d6ffentlichkeit erh\u00e4lt davon nur Kenntnis, durch einige damals namhafte bulgarische Spitzensportler.<br \/>\nAb September 1987 formieren sich verschiedene B\u00fcrgerrechtsbewegungen und oppositionelle Gruppen. Im Juni 1988 beginnt die massive Vertreibung der t\u00fcrkischen Minderheit, bis Ende August werden etwa 300 000 Staatsb\u00fcrger in die T\u00fcrkei abgeschoben. Da endlich protestiert der Westen, was aber kein Ergebnis bringt. Eine Verst\u00e4ndigung mit der Staatsmacht kann es immer noch nicht geben, die Menschen haben Angst vor der Geheimpolizei, dialogf\u00e4hige Gruppen fehlen.- Am 9. November 1989 tritt Schiwkow wegen interner Auseinandersetzungen zur\u00fcck, sein Nachfolger ist Au\u00dfenminister Petar Mladenow. Der \u201eFall der Berliner Mauer\u201c wird in keinem Protokoll und erst recht nicht in den Medien erw\u00e4hnt.<br \/>\nAm 18. November verl\u00e4uft die erste genehmigte Demonstration der Opposition in Sofia mit 150 000 Menschen, friedlich. Sie fordern den R\u00fccktritt der kommunistischen Regierung, die Streichung der f\u00fchrenden Rolle der KP aus der Verfassung, die Bestrafung der Schuldigen in der Diktatur und freie Wahlen. Als aber die Rehabilitierung der vertriebenen T\u00fcrken gefordert wird, bilden sich heftige Kontroversen.<br \/>\nDer neue Wahlspruch der KPB hei\u00dft nun \u201eWahrer Sozialismus unter den Bedingungen von Demokratie und Glasnost\u201c. Beim XIV. Parteitag 1990 wird sogar noch empfohlen an der Marx-Engels-Lenin-Dimitrow-Kontinuit\u00e4t festzuhalten. Die Zugest\u00e4ndnisse stellen das System n\u00e4mlich keineswegs in Frage. Die gro\u00dfe Versp\u00e4tung Bulgariens behindert seinen Weg in die Demokratie betr\u00e4chtlich. Dazu kommt, dass gleichzeitig mit der Demokratisierung die Wirtschaft des Landes v\u00f6llig zusammenbricht. Auch wenn dies die Folge der Vorwendepolitik des Kommunismus ist, wird das neuerliche Elend doch der neuen Staatsform zugeschrieben. Mafia\u00e4hnliche Strukturen verst\u00e4rken sich, ganze Bev\u00f6lkerungsgruppen fallen aus dem sozialen Netz, Lebensmittel werden Mangelware. Qualifizierte Kr\u00e4fte fliehen ins Ausland. Selbst 2007, nach dem EU-Beitritt steigt der europafeindliche Nationalismus weiter an.<br \/>\n6. \u010cSSR: Revolte mit Samthandschuhen<br \/>\nDie \u010cSSR steht in den 80er Jahren finanziell nicht so schlecht da, wie die anderen Ostblockl\u00e4nder, es gibt bereits einige Reiseerleichterungen. Trotzdem ist das Land nach der Niederschlagung des Prager Fr\u00fchlings 1968 in Lethargie versunken. Viele Mitglieder der Intelligenzija haben das Land verlassen, langsam macht sich der Eindruck breit, die B\u00fcrger des Landes seien nur an Essen und Trinken interessiert. An der Spitze des Staates steht Gustav Hus\u00e1k. Die F\u00fchrungselite f\u00fchlt sich, obwohl die sozialistischen Bruderl\u00e4nder bereits br\u00f6ckeln, noch sehr sicher in ihren Sesseln.<br \/>\nIm Januar 1988 beginnt jedoch die Unterschriftenaktion einer \u201eKatholischen Initiative zur Besserung der Lage der Gl\u00e4ubigen\u201c. Im M\u00e4rz wird die Aktion mit etwa 4000 Teilnehmern zwar auseinander getrieben, man kann sie aber nicht mehr \u00fcbersehen. Nach 20 Jahren traut sich jemand wieder auf die Stra\u00dfe um zu protestieren! Im Dezember 1987 wird auch Hus\u00e1k auf Betreiben Gorbatschows vom Vorsitz des Parteif\u00fchrers abberufen, kann jedoch sein Pr\u00e4sidentenamt behalten. Sehr langsam setzt sich die Auffassung durch, dass die UdSSR diesmal nicht eingreifen w\u00fcrde. Am 21. August, dem 20. Jahrestag der Invasion, gehen 4000 Menschen auf die Stra\u00dfe, sie werden vertrieben. Am 28. Oktober feiert die \u010cSSR notgedrungen zum ersten Mal seit 1948 die 1918 gegr\u00fcndete Republik. Am 16. Januar 1989 folgt das Gedenken an Jan Palach, der sich 1969 aus Protest gegen die Besetzung des Landes selbst \u00f6ffentlich verbrannt hatte. Die Kundgebungen werden jeweils brutal aufgel\u00f6st, mit \u00fcber 500 Festnahmen, unter ihnen Vacl\u00e1v Havel. Es schie\u00dfen aber neue, von niemandem genehmigte demokratische Vereine aus dem Boden. Damit setzt sich derselbe gesellschaftliche Prozess in Gang, der in den Nachbarstaaten Polen und Ungarn bereits seinem H\u00f6hepunkt zustrebt. Als sich der 21. Jahrestag n\u00e4hert, wird in Prag ein riesiges Netz von Sicherheitspolizei und informellen Mitarbeitern zusammengezogen, \u00e4hnlich, auch in Bratislava. Etwa 10 000 Demonstranten nehmen am 28. Oktober an den Feierlichkeiten zur Staatsgr\u00fcndung durch T.G. Masaryk teil, marschieren mit Blumen und Kerzen durch die Stra\u00dfen. In der engen Altstadt werden sie jedoch von Sicherheitspolizei niedergekn\u00fcppelt. Drei Wochen sp\u00e4ter ruft eine radikalisierte Studentenschaft einen unbefristeten Streik aus, der sich auf Theater- und andere Kulturschaffende ausweitet, auf s\u00e4mtliche Mittelschulen des Landes. Sp\u00e4ter kommt es zu Arbeitsniederlegungen der Betriebe. \u201eDie B\u00fcrgerbewegung entfaltete eine Dynamik, wie sie gew\u00f6hnlich am Vorabend von Revolutionen entsteht.\u201c (Zitat Dalos). Danach folgt ein solch schneller und panischer R\u00fcckzug der politischen Elite, wie in sonst keinem der Warschauer Pakt-L\u00e4nder. Regierungschef Ladislav Adamec entschuldigt sich im Gespr\u00e4ch mit Studenten f\u00fcr die unbegr\u00fcndete H\u00e4rte des Einsatzes, das B\u00fcrgerforum fordert den R\u00fccktritt aller f\u00fcr die Invasion 1968 Verantwortlichen. Das ganze Land ist in Aufruhr; \u00fcberall wird der Ruf laut: \u201eFreiheit f\u00fcr alle!\u201c \u201eFreie Wahlen!\u201c. Als sich dann am 24. November Vacl\u00e1v Havel und Aleksander Dub\u010dek gemeinsam zeigen, ist die Kontinuit\u00e4t zwischen 1968 und 1989 hergestellt. Die Grunds\u00e4tze des \u201eNeuen Forums\u201c werden am 26. November ver\u00f6ffentlicht. Da der Machtapparat nach den blutigen Unruhen diesmal sehr passiv reagiert, wird diese Volksbewegung von den Westmedien mit dem Beinamen \u201esamten\u201c belegt, was auch den Beteiligten gut zu gefallen scheint. Bereits am 25. November wird der Funktion\u00e4r Karel Urb\u00e1nek neuer Pr\u00e4sident. Der propagiert nun einen \u201eSozialismus ohne Fehler\u201c. Bereits am 28. November einigen sich Regierung und Opposition auf eine Koalitionsregierung; der F\u00fchrungsanspruch der KP wird aus der Verfassung gestrichen, einen Monat sp\u00e4ter ist Aleksander Dub\u010dek der einstimmig gew\u00e4hlte Parlamentspr\u00e4sident und Vacl\u00e1v Havel Pr\u00e4sident der Republik.<br \/>\nSoziale Spannungen, Machtintrigen und ein unbew\u00e4ltigtes Erbe aus der Vergangenheit f\u00fchren zur friedlichen Trennung von Tschechei und Slowakei, die 2001 gleichzeitig der EU beitreten.<br \/>\n7. Rum\u00e4nien: Revolution bei Grabesk\u00e4lte<br \/>\nIm Januar 1985 verf\u00fcgt Ceau\u015fescu, dass jeglicher Energieverbrauch stark eingeschr\u00e4nkt werden solle, auch wenn die Menschen bei nur wenigen Plusgraden in ihren Wohnungen frieren m\u00fcssten. Die Kinderzahl soll mindestens vier betragen, Schwangerschaftsabbr\u00fcche werden schwer bestraft. Die Planziffer aller Produktionen wird um 40 % erh\u00f6ht. Wieder ein Jahr sp\u00e4ter ist Gorbatschow in Bukarest und verleiht dem ungeliebten \u201eBruder\u201c den Leninorden. Im Westen ist der \u201eConducator\u201c anerkannt, weil er 1968 nicht mit einmarschiert ist in Prag, weil er nach dem 6-Tage-Krieg die diplomatischen Beziehungen mit Israel weiter aufrecht erh\u00e4lt, weil er auch mit der BRD diplomatische Beziehungen pflegt. Au\u00dfenminister Genscher zahlt ein \u201eKopfgeld\u201c, um m\u00f6glichst viele Deutsche aus dem Land heraus zu holen. Wenig sp\u00e4ter, Ende Dezember 1987 verbietet die KP-F\u00fchrung, weitere Auslandskredite aufzunehmen. Eine immer gr\u00f6\u00dfere Flut von Gesetzen, Dekreten und Beschl\u00fcssen ergie\u00dft sich \u00fcber die immer st\u00e4rker am untersten Existenzminimum dahinvegetierende Bev\u00f6lkerung. Den H\u00f6hepunkt an Zumutungen erreicht der Diktator mit dem \u201ePlan zur Systematisierung\u201c: 8000 D\u00f6rfer sollen geschleift und die Bev\u00f6lkerung in Plattenbausiedlungen \u201eumgeschichtet\u201c werden. Am 6. September 1988 wehrt sich der evangelische Geistliche L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s in Temesvar gegen die Zerschlagung der D\u00f6rfer und ihrer Strukturen. Im M\u00e4rz 1989 richten selbst Altkommunisten die Forderung an Ceau\u015fescu, die katastrophale Lage zu \u00e4ndern, doch dieser antwortet im April mit dem Beginn der vollst\u00e4ndigen R\u00fcckzahlung aller Auslandsschulden, um damit die v\u00f6llige Unabh\u00e4ngigkeit Rum\u00e4niens zu erreichen.<br \/>\nAm 20. November wird der XIV. Parteitag der RKP er\u00f6ffnet, Ceau\u015fescu mit 100 % der Stimmen gew\u00e4hlt. Drei Wochen sp\u00e4ter verhindern B\u00fcrger in Temesvar, die Aussiedlung von Pastor L\u00e1szl\u00f3 T\u0151k\u00e9s. Damit beginnen die Demonstrationen gegen Ceau\u015fescu. Der befiehlt in einer Telefonkonferenz notfalls ohne R\u00fccksicht auf die Demonstranten zu schie\u00dfen, was auch geschieht. Es gibt zahlreiche Verletzte und Tote. Am 18. Dezember, fliegt der KP-F\u00fchrer nach Teheran. In der eingeschlossenen Stadt Temesvar herrscht bereits der Ausnahmezustand, der F\u00fchrer dehnt diesen nach seiner R\u00fcckkehr auf den ganzen Kreis Temes aus. Am 21. Dezember versucht Ceau\u015fescu eine Rede auf dem Balkon der Bukarester Parteizentrale zu halten, wird aber ausgepfiffen und ausgebuht. Miliz und die Geheimpolizei Securitate er\u00f6ffnen das Feuer auf die Demonstranten. In Cluj und Hermannstadt richten sie ein Blutbad an. Das Ehepaar Ceau\u015fescu versucht per Hubschrauber die Flucht zu ergreifen und der Funktion\u00e4r Ilies Iliescu l\u00e4sst die \u201eNationale Rettungsfront\u201c mit ihm an der Spitze gr\u00fcnden. Von diesem Tag bis zum 25 Dezember halten die K\u00e4mpfe aus unerkl\u00e4rlichen Gr\u00fcnden an, es gibt sehr viele Tote und Verletzte. Am 25. Dezember wird dem Ehepaar Ceau\u015fescu ein 40min\u00fctger Prozess gemacht, vor laufender Kamera werden beide hingerichtet.<br \/>\nAm 28. Januar kommen die Delegationen, in der Mehrzahl gewendete Politiker, Milit\u00e4rs und Geheimdiensstleute am Runden Tisch zu Verhandlungen zusammen, am 20. Mai werden die ersten \u201efreien\u201c Parlamentswahlen abgehalten, aus denen die \u201eRettungsfront\u201c mit Iliescu als Pr\u00e4sidentschaftskandidat eindeutig als Sieger hervor geht.<br \/>\nEpilog:<br \/>\nDie Befreiung der Sowjetunion von ihren Satelliten. Eine Utopie. Geschrieben im Fr\u00fchjahr 1985.<br \/>\nIm Fr\u00fchjahr 1985, als Gorbatschow Generalsekret\u00e4r wird, zeichnet sich offenbar f\u00fcr den hellsichtigen Historiker Gy\u00f6rgy Dalos schon ein Drehbuch ab, angesto\u00dfen durch Glasnost und Perestrojka, das gar nicht so weit weg vom tats\u00e4chlichen \u201eTheaterbuch\u201c ist: Ein verj\u00fcngtes Zentralkomitee in Moskau entscheidet, sich von seinen immer l\u00e4stiger werdenden Satelliten zu trennen. Die Truppen ziehen ab, freie Wahlen finden statt. Dann w\u00fcrde allerdings die m\u00fchevolle Demokratisierung beginnen, die weder das westliche noch das \u00fcberwundene \u00f6stliche Modell nachahmen w\u00fcrde, sondern als dritten Weg eine Konf\u00f6deration der ostmitteleurop\u00e4ischen L\u00e4nder gr\u00fcndete.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Deutsche Bearbeitung von Elsbeth Zylla Verlag C. H. Beck, 2009 ISBN: 978-3-406-58245-5 Bezug: Buchhandel Euro: 19.90 Dalos\u2019 Buch f\u00fchrt nicht Einzelschicksale an, sondern es gibt, wie aus der Vogelperspektive, einen \u00dcberblick \u00fcber die gesamte Lage der mittelosteurop\u00e4ischen L\u00e4nder hinter dem &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=331\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[171],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=331"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2320,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/331\/revisions\/2320"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=331"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=331"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=331"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}