{"id":3277,"date":"2013-09-23T20:51:06","date_gmt":"2013-09-23T20:51:06","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3277"},"modified":"2013-09-23T20:51:52","modified_gmt":"2013-09-23T20:51:52","slug":"rezension-adorjan-johanna-meine-500-besten-freunde","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3277","title":{"rendered":"Rezension: Adorj\u00e1n, Johanna &#8211; &#8222;Meine 500 besten Freunde&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/meine_500.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-3278\" title=\"meine_500\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/meine_500.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"248\" \/><\/a><em>Stories<br \/>\nVerlag: Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2013<br \/>\nISBN: 978-3-630-87354-1<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: 18,99 Euro<\/em><\/p>\n<p>Eitelkeiten, Klatsch, vermeintliche Zur\u00fccksetzung, zur Schau getragene, aber unechte Freundschaften, Aff\u00e4ren, zerplatzte Tr\u00e4ume, abgest\u00fcrzte Karrieren. Praktikantinnen, die um jeden Preis ins Redaktionspersonal aufsteigen wollen \u2013 das sind die Protagonisten dieser 13 Stories, die sich im Klatsch -und Tratschmilieu in Berlins angesagten Restaurants, Lounges, Redaktionen und Galerien und sonstigen aufgebrezelten Kreisen tummeln.<br \/>\nDer Normalsterbliche scheint damit nichts zu tun zu haben \u2013 aber wie interessant diese Kreise zu sein scheinen, sieht man schon an den Titeln der Internetseiten, die tagt\u00e4glich rei\u00dferisch auf sich aufmerksam machen: Wer mit wem \u2026 und weshalb die eine Karriere gerade im Aufwind \u2013 die andere aber im Sinken begriffen ist. \u2013 Man sollte annehmen, das interessiere doch niemanden! Das Gegenteil scheint aber der Fall zu sein.<br \/>\nIronisch f\u00fchrt Adorj\u00e1n ihre Helden vor, entlarvt schonungslos das aufgesetzte, aufgebrezelte Leben. Ein h\u00fcbscher Effekt: Die Hauptfiguren der einen Erz\u00e4hlung \u2013 in der welcher sie h\u00e4ufig die Ich-Erz\u00e4hler sind \u2013 werden in einer anderen Geschichte zu Neben- und Randfiguren degradiert. Sooo wichtig sind sie also doch nicht, wie sie selbst von sich dachten.<br \/>\nDie Autorin, Redakteurin der FAS (Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung) in Berlin-Mitte ist mit diesen Kreisen bestens vertraut, das merkt der Leser schnell. Sie zeigt aber nicht nur das Alltagsl\u00e4cheln, das ein Leben in Glamour und Sorglosigkeit \u2013 die Leichtigkeit des Seins &#8211; suggerieren soll, sondern auch die ganz normalen Regungen, wie Verletzt-Sein, wie Daseins-Angst, Angst vor Krankheit und Einsamkeit und Furcht vor dem Abstieg.<br \/>\nDie Frauen sind gar nicht so hart gepanzert. Es trifft sie doch, wenn der neue Lover sie verleugnet, wenn der Lebenspartner in einer schwierigen Situation sie im Stich l\u00e4sst, oder wenn die Frauen ihre Selbstverwirklichung so durchsetzen, dass der Mann im Regen stehen bleibt.<br \/>\nEs ist das Scheitern, die kleinen interessanten Kehrtwenden im Leben dieser Menschen, es sind Ausschnitte aus derem t\u00e4glichen Leben, die Adorj\u00e1n hier beobachtet. \u2013 Ein Vorhang wird f\u00fcr kurze Zeit weg gezogen und dahinter ist es kahl und kalt, nicht etwa lustig, frech, frivol, oder gar glamour\u00f6s. Eine kleine Gesellschaft wird abgebildet, die sich selbst f\u00fcr sehr wichtig und unersetzlich h\u00e4lt \u2013 deren Protagonisten sich wundern, wenn sie nicht \u00fcberall erkannt und hofiert werden. Daher ist auch gleich der 1. Satz, so wichtig und so entlarvend: \u201eWir sa\u00dfen damals oft im Borchardt. Ein paar Jahrzehnte sp\u00e4ter waren wir tot, \u2026\u201c. Ja, tot, weil man uns nicht mehr kennt, weil wir nicht mehr zur glamour\u00f6sen Gesellschaft geh\u00f6ren. Wir sind tot f\u00fcr die anderen &#8211; vergessen.<br \/>\nDa sitzt zum Beispiel eine mit ihrer Freundin, die sie so sehr mag \u2013 aber dann doch nicht so sehr, in eben diesem Borchardt. Die Freundin Eva ist heute so anders als sonst \u2013 ein Gespr\u00e4ch \u00fcber nichts kommt nur schwer voran. Mehrere Prominente sind auch da, welche die Erz\u00e4hlerin verstohlen und mit bissigen Kommentaren mustert. Erst sp\u00e4ter erf\u00e4hrt sie, dass Eva zu diesem Zeitpunkt bereits wusste, dass die Erz\u00e4hlerin sie mit ihrem Mann betrog.<br \/>\nNach dem Besuch eines Theaterst\u00fccks setzt sich Friederike mit ihrem Bekannten in ein Restaurant. Sie kennt ihn bereits seit zwei Jahren \u2013 und es ist noch nichts passiert. Die Auff\u00fchrung mit der Hauptdarstellerin Nadja von Stettin hat ihnen nicht besonders gefallen. Aber als diese pl\u00f6tzlich das Lokal betritt und sich sogar neben Klaus setzt, ist alles ganz anders. Beide, Friederike und Klaus reden einfach so drauf los, spielen Theater. Klaus lacht oft und unmotiviert. Als Nadja aufbricht, fl\u00fcstert sie ihm ins Ohr, dass sie noch selten einen Mann mit einem solch sexy Lachen erlebt h\u00e4tte. Ein Grund f\u00fcr Friederike f\u00fcr diese Nacht in Klaus noch andere Qualit\u00e4ten zu sehen.<br \/>\nDer alternde Journalist Theodor geht zur Medienpreisverleihung \u201eEdelfeder 2013\u201c. Er rechnet fest mit dem Preis und hat nat\u00fcrlich die Dankesrede schon in der Tasche. Vor allem ist er aber sehr besch\u00e4ftigt mit seinem \u00c4u\u00dferen, mit seinem Auftreten. Das ist ihm am Ende doch wichtiger \u2013 und tr\u00f6stet ihn dar\u00fcber hinweg, dass er den Preis nicht erhalten hat \u2013 obwohl \u2013 eigentlich h\u00e4tte er ihm ja zugestanden. Au\u00dferdem war er besser gekleidet als sein Kontrahent. Und was ihm noch wichtiger ist: Er liebt seine Frau \u2013 besonders dann, wenn sie ihn so sp\u00f6ttisch anschaut. Sie ist die \u00dcberlegene, die St\u00e4rkere \u2013 und das ist es, was er eigentlich braucht.<br \/>\nFelix, ein Schauspieler, der sich so treiben l\u00e4sst, nichts anpackt, geht zur Therapie. Aber nicht mal seiner Psychologin gegen\u00fcber kann er ehrlich sein und zugeben, dass er noch immer nicht von den Drogen los gekommen ist. Und als er es endlich doch sagt \u2013 vergisst er bereits beim Hinausgehen, die Adresse, die ihm seine Therapeutin gegeben hat.<br \/>\nRuben Blacher hatte sich schon in allen m\u00f6glichen Berufen versucht, nun will er Regisseur werden. F\u00fcr seine Abschlusspr\u00fcfung m\u00f6chte er einen Film mit einem alten, ehemals ber\u00fchmten Schauspieler drehen. Dessen zweifelhaftes Auftreten im 3. Reich st\u00f6rt ihn nicht. Er will unbedingt den gro\u00dfen Coup mit ihm landen. Das Gespr\u00e4ch zwischen den Beiden, die sich st\u00e4ndig missverstehen, ist klasse. Dabei wei\u00df man nicht so genau, nimmt der Alte Blacher nur auf den Arm, tut nur so, als verst\u00fcnde er weder Wort noch Sinn, oder ist er tats\u00e4chlich schon etwas vergesslich. Ich glaube eher, der alte Schauspieler spielt dem jungen hier einfach etwas vor.<br \/>\nDann ist da die Geschichte der Praktikantin Angie mit den gro\u00dfen Br\u00fcsten, die sie gern zum Aufstieg ihrer Karriere einsetzen m\u00f6chte. Bisher ohne gro\u00dfen Erfolg. Und als sie dann nahe dran ist, mit allerhand Tricks an ihren Chef \u2013 und damit an eine gro\u00dfe Story heranzukommen, wird sie von Christine, die noch flotter ist als sie, ausgestochen.<br \/>\nEin Lektor will seinem Autor bei einem Essen schonend beibringen, dass sein neuer Roman einfach Mist ist. Immer wieder l\u00e4sst er sich ablenken, schlie\u00dflich \u00fcbert\u00f6lpeln und bestechen von dem jungen Mann. Der \u00fcberreicht ihm als Geschenk einen F\u00fcller, der mindestens 300 \u20ac gekostet hat. Auf einmal ist das Buch gar nicht mehr so schlecht, der zweifelhafte Titel o.k., &#8211; und aus dem Inhalt spricht jetzt viel \u201eWahrhaftigkeit\u201c. Wenn man sich das lebhaft vorstellt, ist man unwillk\u00fcrlich an eine Loriot-Szene erinnert.<br \/>\nIn der letzten Story schlie\u00dft sich der Kreis: Die Freundin aus der ersten Geschichte, Leyla, geht mit ihrem Mann zur Vernissage. Adorj\u00e1n versammelt noch einmal viele ihrer Figuren in einer Galerie. Leyla begr\u00fc\u00dft \u00fcberschw\u00e4nglich alle m\u00f6glichen Leute, die sie eigentlich nicht ausstehen kann: Die Schauspielerin Anna, die noch unl\u00e4ngst zu einem Interview gebeten wurde \u2013 und ihr kleines Kind mit ins Adlon nehmen musste \u2013 und von der wir in einem weiteren Kapitel erfahren, dass ihr Stern bereits im Sinken begriffen ist. Sogar ihr neuester Lover verleugnete sie. Leylas Mann kann sich dagegen keine Gesichter merken. Selbst als Eva mit ihrem Mann herein kommt, erkennt er seine einstige Geliebte nicht. Und man darf annehmen, dass es die Leyla der ersten Story ist, die ihrerseits Eva mit deren Mann betrogen hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Stories Verlag: Luchterhand Literaturverlag, M\u00fcnchen 2013 ISBN: 978-3-630-87354-1 Bezug: Buchhandel Preis: 18,99 Euro Eitelkeiten, Klatsch, vermeintliche Zur\u00fccksetzung, zur Schau getragene, aber unechte Freundschaften, Aff\u00e4ren, zerplatzte Tr\u00e4ume, abgest\u00fcrzte Karrieren. 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