{"id":3223,"date":"2013-09-10T06:32:46","date_gmt":"2013-09-10T06:32:46","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3223"},"modified":"2013-09-10T06:32:46","modified_gmt":"2013-09-10T06:32:46","slug":"rezension-nagy-koppany-zsolt-mein-grosvater-konnte-fliegen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3223","title":{"rendered":"Rezension: Nagy Kopp\u00e1ny, Zsolt &#8211; &#8222;Mein Gro\u00dfvater konnte fliegen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/mein_gro\u00dfvater_konnte.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3224\" title=\"mein_gro\u00dfvater_konnte\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/09\/mein_gro\u00dfvater_konnte.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"239\" \/><\/a><em>Mythen, Geschichten, Geschichte<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Orsolya Kal\u00e1sz &amp; Monika Rinck<\/em><br \/>\n<em> Verlag Edition Solitude Reihe Literatur, 2012<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-937158-61-7<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: Nagyap\u00e1m tudott rep\u00fclni, 2007<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, oder direkt bei Akademie Schloss Solitude; Preis: 15,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>Im ersten Teil der 22 Kurzgeschichten: Mythen, Geschichten, Geschichte \u00fcberwiegen die bitterb\u00f6sen Erz\u00e4hlungen. Das meist \u00fcberraschende lakonische Ende ist oft makaber, mit schwarzem Humor gew\u00fcrzt. Es ist eine d\u00fcstere, deprimierende Welt, die Kopp\u00e1ny \u00fcberspitzt beschreibt. Mythische und surreale Elemente vermischen sich glaubhaft mit der Alltagswirklichkeit. Im Hintergrund lauert der rum\u00e4nische Alltag, die rum\u00e4nische Geschichte. Ahnungslosigkeit steht gegen Perfidie, Borniertheit wird zur Brutalit\u00e4t. Im zweiten Teil: Spiele, Trag\u00f6dien \u00fcberwiegen die witzigen, absurden Geschichten, die aus der Situationskomik heraus leben. Aber alle haben einen tragischen Hintergrund, auch wenn sie noch so flapsig daher kommen.<br \/>\nGleich in der ersten Geschichte Personen\u00fcberwachung lebt der Agent mit den Menschen zusammen, die er \u00fcberwachen soll, ohne dass diese ihn bemerken. Er ist ganz klassisch ausgestattet mit Ledermantel, wie ein Geheimdienstler, behauptet er, doch da niemand mit ihm rechne, sei er unsichtbar. \u201cMeine Aufgabe ist es, Menschen zu beobachten, Berichte \u00fcber sie zu verfassen und sie, sobald sie nicht mehr gebraucht werden, zu beseitigen.\u201c Minuti\u00f6s und emotionslos berichtet der \u00dcberwacher jede Kleinigkeit. Leidenschaftslos f\u00fchrt er aus, was ihm aufgetragen wird. Seine eigenen Gef\u00fchle schreibt er auf, damit er Privates nicht mit Dienstlichem vermischt. Er selbst wird seinerseits \u00fcberwacht und muss damit rechnen, ausgeschaltet zu werden, sobald er einen Fehler macht, sich z.B. \u201eprivate Gef\u00fchle\u201c leistet. Genau das geschieht. Er verliebt sich in die Frau eines Oberst, den er zu beschatten hat.<br \/>\nIn einer weiteren Erz\u00e4hlung Heldenseele kann der \u201eHeld\u201c, ein Feigling, der gern pl\u00fcndern w\u00fcrde wie seine Kameraden, erst dann die Familie niederknallen, als er ihr Haus in Brand gesteckt hat und alle einzeln aus dem Haus laufen.<br \/>\nSurreal \/ real ist auch die Geschichte vom Gro\u00dfen wei\u00dfen lahmen Hund, der mitsamt seinem Herrn unbedingt eine Ber\u00fchmtheit werden will. Daf\u00fcr nimmt er sogar Schmerzen in Kauf.<br \/>\nSicherlich ist der Hintergrund die rum\u00e4nische oder\/und ungarische Geschichte, als in Das Zeichen der Erz\u00e4hler zwar endlich Arbeit gefunden hat, welche ihm zwar nicht angemessen ist, doch er ist mit allem einverstanden, wenn er sich diesem gro\u00dfartigen System w\u00fcrdig erweisen kann. Er wird aufs \u00c4u\u00dferste gedem\u00fctigt \u2013 auch das nimmt er hin. Nach dieser Pr\u00fcfung begl\u00fcckw\u00fcnscht ihn sein Vorgesetzter einerseits, dass er nun einer der ihren sei, ermahnt ihn aber auch, niemandem zu vertrauen. Alle sind verd\u00e4chtig, jeder misstraut jedem.<br \/>\nIn der Titelgeschichte Mein Gro\u00dfvater konnte fliegen geht es um einen Mythos, der sich im Dorf breit macht. Noch nie hatte jemand den Gro\u00dfvater, einen Gewaltmenschen und Trinker, fliegen sehen, doch alle sind \u00fcberzeugt davon, weil er es selbst von sich behauptet. Doch der Gro\u00dfvater bleibt sich auch treu, als das Dorf kollektiviert wird \u2013und hilft der Obrigkeit nicht, die G\u00fcter anderer einzuziehen. Am Tag nach seiner Beerdigung wird das Dorf geflutet und nichts bleibt mehr davon \u00fcbrig. Diejenigen, die sich zur\u00fcck wagen, behaupten, seine Seele w\u00fcrde \u00fcber das Wasser fliegen.<br \/>\nEine ganz makabre Erz\u00e4hlung ist Der Autofahrer. Es regnet. Ein Auto f\u00e4hrt einem anderen hinten auf. Der Autofahrer steigt aus, sein Auto ist schwer demoliert. Das andere Auto sieht weniger schlimm aus, doch der Unfallverursacher liegt mit dem Kopf auf seinem Lenkrad, besinnungslos, nicht angeschnallt. Anstatt ihm zu helfen, schl\u00e4gt er ihn mit einer Keule, die einem Baseballschl\u00e4ger \u00e4hnelt, tot.<br \/>\nIm zweiten Teil kommen in Der Lohnleser Sebesty\u00e9n sicher autobiografische Details zum Zug: Weil alle Welt kaum noch Zeit zum Lesen hat, lassen vor allem Direktoren und Manager bei Sebesty\u00e9n lesen. Der w\u00e4hlt die B\u00fccher aus, ber\u00e4t, nimmt einen Auftrag an oder verweigert ihn. Lohnlesen geht wie jede andere ordentliche Arbeit vor sich: 8 Stunden lesen, Privates nicht mit Gesch\u00e4ftlichem vermischen, p\u00fcnktlich und korrekt liefern. \u201eNun, wir wollen nicht verheimlichen, dass sein Vater ihn als Arzt sehen wollte und seine Mutter als Anwalt \u2013 doch der kleine Sebesty\u00e9n hatte keine Begeisterung f\u00fcr jene beiden Berufe gezeigt. Schon in der Schule hatte er f\u00fcr andere gearbeitet, schreiben sie eine Arbeit in ungarischer Literatur und Sprache, schrieb die halbe Klasse von ihm ab. \u2026\u2026\u201c. Sebesty\u00e9n f\u00fchlt sich trotzdem gl\u00fccklich.<br \/>\nIn B\u00e9la und die Blumen erz\u00e4hlt Kopp\u00e1ny von der Absurdit\u00e4t des Alltags: Der Menschenfreund B\u00e9la hilft allen, auch Kindern und alten Damen beim \u00dcberqueren der Stra\u00dfe, womit er den Unmut vieler Autofahrer hervorruft, die anhalten m\u00fcssen. Um die Welt noch ein wenig freundlicher zu machen, kauft er einen gro\u00dfen Strau\u00df Rosen. Damit m\u00f6chte er seine Mitb\u00fcrger begl\u00fccken. Der Autor zeigt in einigen (Film)-Sequenzen, wie das vor sich ging: Einige sind ganz gl\u00fccklich und ger\u00fchrt \u00fcber so viel Aufmerksamkeit, andere sehen ihn kaum an und gehen vorbei. Schlie\u00dflich ger\u00e4t er an eine \u00e4ltliche Lehrerin, die in ihm einen Sittenstrolch vermutet. Sie schreit die Polizei herbei, die ihn \u00fcberw\u00e4ltigt und verhaftet. Bald wird klar, dass B\u00e9la harmlos \u2013 das Tantchen aber hysterisch ist. Er kommt wieder frei \u2013 ohne Rosen &#8211; und muss der Polizei versprechen, kein \u00f6ffentliches \u00c4rgernis mehr zu erregen.<br \/>\nWitzig und b\u00f6se ist der stumme \u201eDialog\u201c in Die Gedanken des Burgw\u00e4chters. Dieser steht unbeweglich da, muss sich Frechheiten und Anz\u00fcglichkeiten eines kleinen L\u00fcmmels und seiner Mutter gefallen lassen. In Gedanken ist er aber gro\u00df und stark und gibt ordentlich Kontra. Genauso, als er abends seine Freundin trifft. Auch hier geht das Gedankengespr\u00e4ch der Beiden, die sich brauchen, aber nicht unbedingt lieben, weiter. Sp\u00e4ter geht er heim zu seinen Eltern: Die Mutter n\u00f6rgelt ohne Worte an ihm herum, mag seine Freundin nicht, \u00e4rgert sich \u00fcber seine miese Arbeit. &#8211; Der Sohn lehnt sich auf. Er wird seine Freundin ins Elternhaus bringen und wenn n\u00f6tig, auch heiraten. Als er sp\u00e4t in der Nacht betrunken zur\u00fcckkehrt, w\u00fcrde sich am liebsten von der Eisenbahnbr\u00fccke st\u00fcrzen, doch solch ein Ende geht nicht: Er wird also weiter arbeiten, die Zs\u00f3fi heiraten; ein unausweichliches, j\u00e4mmerliches Ende.<br \/>\nDie letzte Geschichte Der Fuchs spricht ist die heiterste Erz\u00e4hlung: In ungarischen M\u00e4rchen ist es wohl immer der Fuchs, dem der j\u00fcngste Prinz drei Haare herausrei\u00dfen muss und sich in gro\u00dfen Schwierigkeiten etwas w\u00fcnschen darf. Der Fuchs wei\u00df schon, wie die Geschichte weitergeht und erz\u00e4hlt absch\u00e4tzig, aus seiner Sicht, was unausweichlich folgen muss: Wie er sich abm\u00fcht, einen ganzen Wald zu roden, einen Berg abzutragen oder ein Wasser auszusch\u00f6pfen. Wie er total fertig ist am Morgen und wie der Prinz nur zuschaut bei dieser schwei\u00dftreibenden Arbeit, um dann frohgemut die Belohnung, die sch\u00f6ne Prinzessin in Empfang zu nehmen, ohne Dank an den Fuchs. \u201e\u2026ein gro\u00dfes Wunder, dass ich als erwachsener, erfahrender Fuchs noch an so etwas wie die W\u00fcrde der Arbeit glauben kann.!<br \/>\nGespannt warten wir auf die \u00dcbersetzung seiner Romane.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mythen, Geschichten, Geschichte Aus dem Ungarischen von Orsolya Kal\u00e1sz &amp; Monika Rinck Verlag Edition Solitude Reihe Literatur, 2012 ISBN: 978-3-937158-61-7 Originaltitel: Nagyap\u00e1m tudott rep\u00fclni, 2007 Bezug: Buchhandel, oder direkt bei Akademie Schloss Solitude; Preis: 15,00 Euro Im ersten Teil der &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3223\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[283],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3223"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3223"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3223\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3225,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3223\/revisions\/3225"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3223"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3223"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3223"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}