{"id":3186,"date":"2013-08-22T12:29:58","date_gmt":"2013-08-22T12:29:58","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3186"},"modified":"2013-08-22T12:35:05","modified_gmt":"2013-08-22T12:35:05","slug":"rezension-bordas-gyozo-weidenpfeife","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3186","title":{"rendered":"Rezension: Bord\u00e1s, Gy\u0151z\u0151 &#8211; &#8222;Weidenpfeife&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/weidenpfeife.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3187\" title=\"weidenpfeife\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/08\/weidenpfeife.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"214\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Wolfgang Kempe nach der Roh\u00fcbersetzung von Am\u00e1lia Csepcs\u00e1nyi<br \/>\nForum Verlag Novi Sad, 1999<br \/>\nOriginaltitel: F\u0171zfas\u00edp, 1992<br \/>\nBezug: evtl. im Antiquariat <\/em><\/p>\n<p>Durch Zufall geriet ich k\u00fcrzlich an diesen Roman, der farbig und \u00fcberzeugend das Leben im Anfang des 20. Jahrhunderts in der Kleinstadt \u00da. (= \u00dajverb\u00e1sz \u2013 Neu-Werbas), nahe Szabadka in der Vojvodina, erz\u00e4hlt.<br \/>\nNeu-Werbas, Verb\u00e1sz ungarisch, heute Vrbas, serbisch, war damals eine aufstrebenden Kleinstadt mit fr\u00fch entwickelter Industrie: mit einer Hanf- und einer Zuckerfabrik, die miteinander konkurrierten. In der N\u00e4he verbindet der \u201eFranzens-Kanal\u201c die Thei\u00df mit der Donau. Eine Schleuse war gebaut worden, die Eisenbahnlinie verband die Provinz direkt mit der Hauptstadt Budapest. \u00da. besa\u00df ein Elektrizit\u00e4tswerk, eine staatlich gef\u00f6rderte Oberschule, eine B\u00fcrgerschule und ein Kasino, in dem sich die Honoratioren der Stadt trafen. \u00dajverb\u00e1sz war damals eine haupts\u00e4chlich deutsche Siedlung. Wie \u2013 im wahrsten Sinne des Wortes \u2013 grenzenlos das k.u.k. Habsburger Reich war, kann man auch daran ermessen, wieviele unterschiedliche Ethnien sich dort nieder gelassen hatten: Deutsche, Ungarn, Serben, Slowaken, Ruthenen, Karpaten-Ukrainer. und Juden. Selbst aus Siebenb\u00fcrgen waren Leute zugezogen. \u201eVerb\u00e1sz\u201c ist wahrscheinlich aus dem slawischen Wort vrba \u2013 Weide abgeleitet\u2013 und diese spielt auch eine gro\u00dfe Rolle im Buch.<br \/>\nBord\u00e1s l\u00e4sst die ganze Welt der Stadt, den Klatsch, den Tratsch, die B\u00e4lle und andere Vergn\u00fcgungen vor uns auferstehen. Der Erz\u00e4hler erinnert sich nach Jahren wieder an jede Einzelheit, als er Fr\u00e4ulein Bella, Onkel Zolt\u00e1ns Tochter, zuf\u00e4llig trifft. Als kleiner Bub hatte er ihren Vater gekannt, der allen Neuerungen gegen\u00fcber aufgeschlossen, eines der ersten Autos besessen hatte und leidenschaftlich seltene Briefmarken sammelte, vor allem Eisenbahn- und Automotive. Damit f\u00e4ngt der Roman an, doch die eigentliche Geschichte beginnt am 22. August 1910 mit der Versetzung des Gymnasiallehrers Jakob Sauer. Er stammt aus Nagyb\u00e1nya (heute Baia Mare, RO) Nach bestandenem sehr gutem Examen hoffte er auf eine Anstellung und Karriere in Budapest. Doch er wird nach \u00da. versetzt, wo er sich \u201ewie zu Hause f\u00fchlen\u201c w\u00fcrde (als Deutschst\u00e4mmiger), so der Rektor der Universit\u00e4t. Zun\u00e4chst ist er entt\u00e4uscht, doch bald nimmt ihn das Leben in \u00da. gefangen: Hier kann er forschen, hier kann er seine Ansichten, die er sich als Student gebildet hat, aufkl\u00e4rerisch in die Tat umsetzen. Sauer verk\u00f6rpert ganz und gar den Typus des Lehrers Anfang des 20. Jahrhunderts: Von Forschergeist beseelt, vom Willen zur Aufkl\u00e4rung angetrieben, seinen Sch\u00fclern in Strenge aber gerecht und freundschaftlich zugetan.<br \/>\nJakob Sauer wird in der Stadt allgemein \u201eHerr Doktor\u201c genannt, ein Dr. der Naturwissenschaften, Fachmann in Geografie und Naturkunde. Auch Sport hat er zu unterrichten. Der Direktor des Gymnasiums, S\u00e1ndor Sz\u00e9kely, gibt Ungarisch, Geschichte und Latein. Obwohl die Magyarisierung zu dieser Zeit schon weit fortgeschritten ist, achtet dieser kluge und weltoffene Mann darauf, dass sich die Kinder an seiner Schule in ihrer eigenen Sprache ausdr\u00fccken k\u00f6nnen. \u201e\u00da ist zu 80 % deutsch, mehr als die H\u00e4lfte der Sch\u00fcler sind Deutsche, werden aber auf Ungarisch unterrichtet. Toleranz ist aber gegen\u00fcber allen Sch\u00fclern angesagt, er (Sauer) muss also auch Serbisch, Slowakisch und Ruthenisch lernen. \u201eDie Kinder denken in ihrer Muttersprache, es wird Ihre Aufgabe sein, das zu bewahren, zu f\u00f6rdern\u201c.<br \/>\nBald lernt der junge Lehrer die wichtigsten Personen des St\u00e4dtchens kennen, die Witwe Alice Kochan, die sich in Wohlt\u00e4tigkeit \u00fcbt, und seinem sp\u00e4teren Freund, dem Maler und Musiker Josef Pichler sehr zugetan ist. Wie im Klappentext zu lesen ist, setzt Bord\u00e1s hier dem Vojvodinaer Maler Joseph Pechan, der in M\u00fcnchen studiert hat, ein Denkmal. Pichler sch\u00e4tzt die Einsamkeit der Provinz. Hier kann er in Ruhe seine Ideen verwirklichen und \u201eBilder von nationaler Bedeutung\u201c malen. Er war Sch\u00fcler des Banater Malers Franz (Ferencz) Eisenhut und mit Ady, der damals in Paris weilte, befreundet. Pichler, als \u201eBohemien\u201c einerseits bewundert, andererseits auch schief angesehen, m\u00f6chte seine Idee einer K\u00fcnstlerkolonie mit Garten, in der man auch im Freien arbeiten k\u00f6nnte, in die Tat umsetzen. Das war damals noch eine Seltenheit in Ungarn. Sauer lernt den Wasserbauingenieur und Dirktor des Wasserwerkes kennen, die Direktoren der Hanf- und der Zuckerfabrik. Alle m\u00f6chten den jungen forschungseifrigen Mann f\u00fcr ihre Zwecke einspannen, was nicht ganz ohne Intrigen und Kleinkr\u00e4mereien abgeht. F\u00fcr jeden soll er forschen und die Ergebnisse sollten nat\u00fcrlich dem jeweiligen Unternehmen zugute kommen. Der junge Wissenschaftler verbringt viel Zeit am Kanal und an der Schleuse, um Pflanzen und Tiere, die sein Interesse wecken, zu bestimmen und f\u00fcr sein Naturkundekabinett zu sammeln. F\u00fcr die Weiden, die dort in gro\u00dfen Gruppen wachsen, kann er nicht nur seine Sch\u00fcler begeistern. Er selbst wird ein richtiger \u201eWeidenexperte\u201c. Sauer nimmt Bodenproben und untersucht sie, damit der Anbau von Zuckerr\u00fcben gezielt gef\u00f6rdert werden kann &#8211; er findet ein nat\u00fcrliches Mittel, um den Zuckerr\u00fcbensch\u00e4dling einzud\u00e4mmen &#8211; mit dem Gemeindearzt eruiert er, dass die \u00fcberproportionale Zunahme von Diabetes mit dem \u00fcbertriebenen Genuss von Zucker herr\u00fchrt. Die Arbeiter wurden n\u00e4mlich auch mit Naturalien in Form von Zucker bezahlt. Er begeistert sich f\u00fcr Ausgrabungen aus der Awarenzeit, die er mit seinen Sch\u00fclern vornimmt &#8211; und wird daf\u00fcr sogar von Budapest gef\u00f6rdert.<br \/>\nDer junge Lehrer setzt sich daf\u00fcr ein, dass auch die Schulkinder den Film eines Wanderkinos, von den \u00e4lteren P\u00e4dagogen und der Geistlichkeit misstrauisch be\u00e4ugt, sehen d\u00fcrfen.<br \/>\nEin Kind wird der jungen Familie Sauer geboren \u2013 und schlie\u00dflich, im April 1914 entdeckt er sogar eine Mineralquelle, die dem Ort zu gr\u00f6\u00dferer Bekanntheit verhelfen soll. Tiefenbohrungen werden von den beiden Fabriken finanziert, der Arzt will die Quelle sogleich f\u00fcr medizinische Zwecke ausbeuten, der Ingenieur lieber eine Badeanstalt bauen lassen. Der Tourismus soll auch hier Einzug halten. Bis es soweit ist, sind noch allerhand Querelen durchzustehen. Es l\u00e4sst sich alles aufs Beste an und endlich soll die gro\u00dfe Sensation verk\u00fcndet werden &#8211; Budapest hat die Mineralquelle anerkannt. &#8211; Diese Sensation wird jedoch von einer anderen \u00fcberschattet &#8211; dem Attentat von Sarajewo &#8211; am 28. Juni 1914.<br \/>\nDamit endet das Buch.<br \/>\nBord\u00e1s l\u00e4sst seine Figuren so lebendig und wirklichkeitsnah vor uns auftreten, bedenkt sie mit so vielen Einzelheiten, dass wir Leser das ganze Leben in \u00da. vor uns pulsieren sehen.<br \/>\nIch habe viel zu diesem Roman recherchiert und nur wenige Angaben auf deutsch gefunden. Denen konnte ich entnehmen, dass ein Folgeband, in dem es um die Abtrennung vom Mutterland, nach dem Diktat von Trianon, geht, (\u201eCsuk\u00f3d\u00f3 zsilipek\u201c &#8211; \u201eGeschlossene Schleusen\u201c) bereits erschienen ist, jedoch nur auf ungarisch.<br \/>\nSchade, dass sich kein westlicher Verlag an diesen Roman macht \u2013 und an seinen Folgeband. Vieles vom alten k.u.k. Reich und der Folgezeit k\u00f6nnte man nach der Lekt\u00fcre besser verstehen. F\u00fcr Leser, die ungarisch verstehen: Im Originaltitel F\u0171zfas\u00edp scheint man den Roman in Ungarn noch kaufen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Wolfgang Kempe nach der Roh\u00fcbersetzung von Am\u00e1lia Csepcs\u00e1nyi Forum Verlag Novi Sad, 1999 Originaltitel: F\u0171zfas\u00edp, 1992 Bezug: evtl. im Antiquariat Durch Zufall geriet ich k\u00fcrzlich an diesen Roman, der farbig und \u00fcberzeugend das Leben im &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3186\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[281],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3186"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3186"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3186\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3189,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3186\/revisions\/3189"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3186"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3186"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3186"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}