{"id":310,"date":"2011-06-29T19:02:55","date_gmt":"2011-06-29T19:02:55","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=310"},"modified":"2012-05-19T20:35:03","modified_gmt":"2012-05-19T20:35:03","slug":"rezension-laszlo-vegel-bekenntnisse-eines-zuhalters","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=310","title":{"rendered":"Rezension: V\u00e9gel, L\u00e1szl\u00f3 &#8211; &#8222;Bekenntnisse eines Zuh\u00e4lters&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/bekenntnisse_eines.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2489\" title=\"bekenntnisse_eines\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/bekenntnisse_eines.jpg\" alt=\"\" width=\"102\" height=\"172\" \/><\/a><em>Roman<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer<\/em><br \/>\n<em> Verlag Matthes &amp; Seitz, 2011<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-88221-629-5<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: Egy makr\u00f3 eml\u00e9kiratai<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 19,90<\/em><\/p>\n<p>V\u00e9gels Deb\u00fctroman erschien bereits 1968 in \u00dajvid\u00e9k (Novi Sad). Damals wurde er von der Kritik als unmoralischer schwarzer Roman angeprangert; denn V\u00e9gel zeigte schonungslos die Diskrepanz zwischen dem verlogenen Schein einer sch\u00f6nen jungen Welt des Sozialismus und der Wirklichkeit einer verratenen und verlorenen Jugend in einer Diktatur, die vom Westen als \u201eSozialismus mit menschlichem Antlitz\u201c hofiert wurde.<br \/>\nDas Buch ist so frisch und jung geschrieben \u2013 trotzdem schwebt \u00fcber der ganzen Erz\u00e4hlung Melancholie einer Jugend, die nur noch auf Konsum aus ist. Sie glaubt an nichts und niemanden, auch nicht an sich selbst (und wer an sich selbst glaubt, scheitert), weil ihr alle Hoffnung genommen wurde im \u00f6den Einerlei einer erstarrten Diktatur ohne Aussicht auf eine menschliche Zukunft. Die Jungen verweigern sich total.<br \/>\nAb und zu blitzt noch der Ansatz eines Willens auf, das Studium zu beenden, um wenigstens einmal einen Brotberuf zu haben, doch sofort \u00fcberwuchern Lethargie und Widerwillen diesen Anflug von Arbeitseinsatz. Allein Sex und Geld z\u00e4hlen im Freundes- und Bekanntenkreis \u2013 und wie man Sex zu Geld machen kann. Dabei sind die Anspr\u00fcche gemessen an denen der gleichaltrigen Westler zu dieser Zeit (68er Jahre), die Weltreisen machen oder \/ und die Welt ver\u00e4ndern wollten, durchaus bescheiden: Ein neues Hemd, ein Auto, vielleicht sogar ein Haus und Sex \u2013 und nat\u00fcrlich Geld, um sich all dieses zu beschaffen.<br \/>\nDer Tagebuchschreiber Blue, ewiger Literaturstudent, notiert leidenschaftslos und k\u00fchl distanziert seine Beobachtungen \u00fcber seine Freunde und sein eigenes Leben. \u00dcberhaupt ist er ein Zuschauer, der sich selten einmischt, sich aber nur wohlf\u00fchlt, wenn er mit Freunden in der Menge untergehen und etwas trinken kann. Nur nicht auffallen, nicht anders sein, als alle anderen. Damit versucht er seine Angst vor der Zukunft zu beherrschen: St\u00e4ndig auf der Suche nach Neuem und nach neuen Freunden. Vor seinen Vorlesungen dr\u00fcckt er sich. Dabei steht er kurz vor dem Abschluss seines Lehrerexamens. Professor S\u00edk ist durchaus gutm\u00fctig, m\u00f6chte weiterhelfen, doch f\u00fcr Blue und die meisten seiner Kommilitonen wirkt er unglaubw\u00fcrdig. \u201eDer alte S\u00edk\u201c glaubt alles, was in seinen B\u00fcchern steht, \u00fcbersieht dabei aber, was um ihn herum passiert, die L\u00fcgen, die Angst der jungen Generation ohne Perspektive. Mit dem immerw\u00e4hrenden Thema: \u201eDas Leben ist kurz, die Kunst ist lang\u201c, wissen sie nichts anzufangen. Professor S\u00edk steht f\u00fcr das Althergebrachte, die sch\u00f6ne Welt der Literatur und der erhabenen Spr\u00fcche, die mit der Wirklichkeit absolut nichts zu tun haben \u2013 weswegen sich auch niemand betroffen oder angesprochen f\u00fchlt. Diejenigen, die eifrig studieren, ihre Pr\u00fcfungen und Karriere machen wollen, werden h\u00e4misch als angepasste Streber abgetan, die vom System profitieren. Die M\u00e4dchen der Clique, sch\u00f6ne Frauen wie Csicsi, verkaufen sich, so zum Spa\u00df oder weil sie sich und ihrem Freund einen Drink spendieren wollen \u2013 oder ein neues Hemd. Sie suchen einen reichen Mann, die Jungen ein reiches M\u00e4dchen.<br \/>\nDie Freunde langweilen sich zu Tode. Buchst\u00e4blich; denn das, was die Jungen f\u00fchren, ist sicher kein lebendiges Leben: Zeit totschlagen, auf irgendetwas oder irgendwen warten \u2013 m\u00f6glichst jemanden mit Geld. Wie es dann weitergehen soll, interessiert nicht; Hauptsache, die Angst bet\u00e4uben, immer dabei sein, gut drauf sein, bei Freunden schnorren.<br \/>\nAls Blue einen Ingenieur kennen lernt, f\u00fcr den er die M\u00e4dchen w\u00e4hrend des Beischlafs fotografieren und sp\u00e4ter mit den Fotos zu weiteren Rendez-vous\u2019 erpressen soll, fehlt es ihm nicht mehr an Geld. Skrupel kommen ihm nur ab und zu. Die Frauen scheinen mit der Erpressung durchaus einverstanden; so verspricht Sex mehr Genuss. \u2013 Blue will nichts an sich herankommen lassen, wie die drei kleine Affenstatuen, die er geschenkt bekommt: \u201eNur derjenige ist guter Mensch, der nichts sieht, nichts h\u00f6rt und nichts sagt\u201c.<br \/>\nImmer wieder spielen die Freunde mit dem Gedanken \u201evon hier\u201c zu verschwinden, \u201ewenn alles hier untergeht\u201c, doch, anders als im Westen der 68er Jahre, hat kaum einer den Mumm, gegen dieses verlogene Leben offen zu rebellieren. Die Jugend klinkt sich einfach aus.<br \/>\nDiese jungen Leute f\u00fchlen sich bereits alt und ausgebrannt. Einer von ihnen ist Blues Freund Hem. Sie erz\u00e4hlen sich, dass auch ihre V\u00e4ter fr\u00fcher idealistische Gedanken gehabt, nun aber alles vergessen h\u00e4tten, und die Jugend daf\u00fcr verantwortlich machten, dass alles zerf\u00e4llt; dabei h\u00e4tten doch die V\u00e4ter alles in Scherben gehen lassen. Sie verstehen, dass die Alten eine Schuld an ihnen abzutragen haben und sie deshalb so verw\u00f6hnend gew\u00e4hren lassen, doch im Grunde sind sie sich selbst \u00fcberlassen, niemand erkl\u00e4rt ihnen etwas, sie wissen \u00fcber das Leben ihrer Eltern kaum Bescheid \u2013 nicht viel anders, als hier in den 60er Jahren.<br \/>\nHem reagiert sich ab, bek\u00e4mpft seine Angst, indem er Mercedes\u2019 klaut &#8211; das Statussymbol der Reichen \u2013 einfach, weil es ihm Spa\u00df macht. Er sagt: \u201eDu darfst keine Angst vor der Sinnlosigkeit haben!\u201c und etwas sp\u00e4ter, als sich die Beiden \u00fcber den gemeinsamen Freund Pud unterhalten, der neuerdings ein Herz f\u00fcr die Armen entdeckt hat: \u201cIch habe mich an die Gestrandeten gew\u00f6hnt. Also sind sie nicht existent. Unsere Augen sehen nicht und wir sind taub. Es ist gar nicht so schwer, glaub mir. Ich schlie\u00dfe die Augen und denke an etwas Aufregendes. Die da oben tr\u00e4umen, und ich bel\u00fcge mich\u201c. Hem will sich frei machen von allem, dann hat er auch nichts mehr zu verlieren.<br \/>\nMerkurosz, ein Student, den Blue immer misstrauisch beobachtet hat, weil dieser so sicher wirkte, so, als w\u00fcsste er alles, f\u00e4hrt eines Tages mit Csicsi weg. Das Meer verhei\u00dft Freiheit. Sie wollen ein neues Leben beginnen. Merkurosz will alles aufschreiben, was er bei seinen Kommilitonen in \u00dajvid\u00e9k beobachtet hat. Doch er scheitert, kann am neuen Ort kein anderer werden und kehrt geschlagen zur\u00fcck. Ein Fiasko!<br \/>\nGegen Ende des Romans braut sich doch etwas zusammen: Pud will aufs Land um richtig zu arbeiten, Hem und Merkurosz fahren sich in einem geklauten Mercedes zu Tode. Blue ist sicher: Ein vorbereiteter Selbstmord; denn: \u201eEs ist genau das passiert, \u2026. worauf er sich ein Leben lang vorbereitet hatte\u201c. Hem ist also der Einzige, der wirklich ausgestiegen ist. Blue f\u00fchlt sich irgendwie schuldig, weil er den Mut nicht aufgebracht hat, aber er k\u00fcndigt seinen Job beim Ingenieur und f\u00e4hrt mit Csicsi weg. Irgendwohin, Hauptsache, weg, um sich auszuruhen von den Ersch\u00f6pfungen der letzten Jahre. Nicht sesshaft werden, weiterziehen, wenn es nicht mehr gef\u00e4llt, das soll das Ziel sein.<br \/>\nIn einem Rundfunkinterview erz\u00e4hlt V\u00e9gel, wie er bei der Arbeit mit seinem \u00dcbersetzer gemerkt hat, wie aktuell sein Erstlingsroman ist: Nicht nur in Serbien haben die Jugendlichen Angst, z. B. vor Arbeitslosigkeit. Die Angst ist global geworden, auch bei den Erwachsenen. Sie beherrscht den Alltag, die intellektuelle und die politische Sph\u00e4re. Um ihr zu entrinnen, st\u00fcrzt sich die Menschheit in einen Konsumrausch.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer Verlag Matthes &amp; Seitz, 2011 ISBN: 978-3-88221-629-5 Originaltitel: Egy makr\u00f3 eml\u00e9kiratai Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 19,90 V\u00e9gels Deb\u00fctroman erschien bereits 1968 in \u00dajvid\u00e9k (Novi Sad). 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