{"id":3081,"date":"2013-05-01T20:41:33","date_gmt":"2013-05-01T20:41:33","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3081"},"modified":"2013-05-01T20:41:33","modified_gmt":"2013-05-01T20:41:33","slug":"rezension-rakusa-ilma-aufgerissene-blicke","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3081","title":{"rendered":"Rezension: Rakusa, Ilma &#8211; &#8222;Aufgerissene Blicke&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/aufgerissene_blicke.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3083\" title=\"aufgerissene_blicke\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/05\/aufgerissene_blicke.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"242\" \/><\/a><em>Berlin-Journal<br \/>\nVerlag Literaturverlag Droschl, Graz &#8211; Wien<br \/>\nISBN: 978-3-85420-836-5<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis:16,00 Euro <\/em><\/p>\n<p>\u201eEs gibt Orte, die einen ansprechen, und andere. Berlin hat mich immer angesprochen. Es sprach zu mir, als es geteilt war, es hat nicht aufgeh\u00f6rt, zu mir zu sprechen.\u201c<br \/>\nIlma Rakusa war ein knappes Jahr, von Oktober 2010 bis Juli 2011 einer der umsorgten G\u00e4ste des Wissenschaftskollegs (Wiko) in Berlin. Schon 10 Jahren zuvor hatte sie sich notiert: \u201eDie Stadt ist im Umbruch, wie ich\u201c. \u2013Und heute: \u201eDaran hat sich nichts ge\u00e4ndert\u201c.<br \/>\nDie Autorin nutzt diese Monate ausgiebig, um neben ihrer eigenen Arbeit im Wiko viele Pl\u00e4tze in Berlin wieder- oder neu zu entdecken. Sie nimmt sich Zeit, neugierig hinter Ecken und in Hinterh\u00f6fe zu schauen, das Leben auf sich zukommen zu lassen. Und so spielt auch manch sch\u00f6ner \u201eZufall\u201c mit, um lange nicht gesehen Bekannte und Freunde unvermutet zu treffen. Dieses Berlin-Journal, wie es im Untertitel hei\u00dft, ist kein Reisef\u00fchrer zu den interessantesten Orten Berlins \u2013 und soll es auch nicht sein \u2013 sondern Rakusas ganz pers\u00f6nliche Begegnung. \u201eBerlin ist f\u00fcr mich ein Scharnier zwischen Ost und West geblieben, eine Stadt, die mir meine Herkunft aus dem Osten bewusst macht und gleichzeitig Zukunft bereith\u00e4lt, ist sie doch st\u00e4ndig im Umbruch, unterwegs zu sich selbst\u2026.\u201c<br \/>\nDie privaten Spazierg\u00e4nge trennt sie sorgf\u00e4ltig von ihrer Arbeit im Wiko. Nur zuhause, in ihrer kleinen Wohnung in Berlin-Mitte \u2013 und meist am Wochenende macht sie Eintragungen l\u00e4sst die Bilder der Woche Revue passieren, Eindr\u00fccke und Begegnungen nachwirken.<br \/>\nIlma Rakusa ist geradezu begeistert von der Vitalit\u00e4t der Stadt, f\u00fcr das Nichtperfekte, das Zuf\u00e4llige, das nicht Fertige in Berlin, das st\u00e4ndig im Wandel Begriffene \u2013 und vermittelt dabei (ungewollt) doch den Eindruck, sie m\u00fcsse die Stadt gegen N\u00f6rgler verteidigen. Berlin selbst scheint sie aufzufordern, sich auf die Stadt einzulassen. Was sie auch tut \u201eschon seiner Gro\u00dfz\u00fcgigkeit wegen\u201c.<br \/>\nGanz anders hat die Rezensentin Berlin erlebt: st\u00e4ndig aus Papptellern futternde und \u201eCaf\u00e9 to go\u201c-trinkende Berliner (nicht Touristen). Junge Berliner, die sich im Gedr\u00e4nge hinter uns unterhielten: \u201eIch kann die Schwaben \u00fcberhaupt nicht leiden \u2013 aber am meisten hasse ich die Bayern!\u201c\u2026<br \/>\nDa tut es gut und macht neugierig auf ein anderes Berlin, auf ein Berlin der Intellektuellen und K\u00fcnstler: Begeistert ist die Autorin von Friederike Mayr\u00f6cker, deren B\u00fccher sie auch in Berlin liest \u2013 und die ihr geistiger Dialogpartner ist, wie sie in einem Interview auf der Leipziger Buchmesse bekennt. H\u00e4ufig stellt sie Zitate der Dichterin in den Text.<br \/>\nAuff\u00e4llig sind die vielen Begegnungen mit Menschen aus dem Osten. Seien es Schriftstellerfreunde wie P\u00e9ter Esterh\u00e1zy, Imre Kert\u00e9sz oder Istv\u00e1n Kem\u00e9ny (nur wenige nennt sie mit vollem Namen), seien es Filmemacher, Theaterregisseure oder Dichter. Rakusas Affinit\u00e4t zum Osten ist un\u00fcbersehbar. Ist sie doch selbst in der Slowakei geboren, als Tochter einer ungarischen Mutter und eines slowenischen Vaters. Sie ist viel herumgekommen, spricht viele Sprachen \u2013 au\u00dfer ihrer Muttersprache Ungarisch auch einige slawische. Immer zieht der Osten sie magisch an \u2013 und nicht nur der europ\u00e4ische.<br \/>\nEine lange Aufz\u00e4hlung von aktuellen Tagesnachrichten, wie der rote Giftschlamm von Kolont\u00e1r in Ungarn, die Rettung der chilenischen Bergleute, der \u201eArabische Fr\u00fchling\u201c, der nun in einen islamischen Winter umzukippen scheint, das Ungl\u00fcck in Fukushima, Osama Bin Ladens Tod, der Amoklauf des Norwegers Breivik, die Gefangennahme Mladics, der Beginn des Syrienkrieges, lassen uns, nach nur knapp zwei Jahren, fragen: Ist das alles erst so kurz her?? Bei der F\u00fclle der Nachrichten scheint dies schon eine kleine Ewigkeit weit weg zu sein. Und gleich darauf f\u00e4llt Rakusa die Geschichte Berlins im 20. Jahrhundert an: Schon bei ihrer Ankunft: Gleis 17 des ehemaligen G\u00fcterbahnhofs: Von dort wurden 50.000 Juden in die Todeslager deportiert. Sie geht weiter &#8211; durch Villenviertel. &#8211; Glanz und Elend der Stadt, wo auch heute noch Einschussl\u00f6cher zu sehen sind, wo \u00fcberall die Geschichte des letzten Jahrhunderts durchschimmert. Rakusa ist eine Voyeurin, die \u00fcberall hin schaut, sich hier und dort von Impulsen leiten l\u00e4sst \u2013 und dabei nicht selten wieder eine zuf\u00e4llige Begegnung macht. (Ich h\u00e4tte mir gew\u00fcnscht, dass sie noch etwas mehr hinter die Fassaden \u2013 und damit auf diese traumatische Geschichte schaut). \u201eBerlin ist \u00fcberlagert \u2013 an jeder Ecke eine neue Geschichte oder eine alte Erinnerung\u201c.<br \/>\nIn leichtem Plauderton \u2013 das Buch ist auch eine Geschichte der Jahreszeiten in Berlin &#8211; l\u00e4sst sie nicht nur Historie und Gegenwart anklingen \u2013 sie erz\u00e4hlt auch im gleichen Atemzug (etwas zu belanglos) von Armut und Hinf\u00e4lligkeit, von Obdachlosen, denen sie begegnet \u2013 dann begeistert sie sich wieder f\u00fcr junge, fr\u00f6hliche Familien mit ihren Kindern, trifft Freunde mit ihren Geschichten: Ja, Berlin ist eine Stadt, in der sich Viele und Vieles trifft. \u201eLass die Dinge durch dich hindurchflie\u00dfen und aus dir heraus\u201c.<br \/>\nVerschiedene Situationen geben ihrer Fantasie Nahrung (Stoff f\u00fcr eine neue Erz\u00e4hlung?). Ganze Familiengeschichten breitet sie zwischendurch vor uns aus.<br \/>\nSie besucht Galerien; darunter eine Ausstellung des K\u00fcnstlers Ai Weiwei, der damals im Gef\u00e4ngnis sa\u00df, eine Retrospektive des Fotok\u00fcnstlers Andr\u00e9 Kert\u00e9sz. Sie trifft sich mit K\u00fcnstlern aus der ganzen Welt, geht ins Theater und Kino, ins Konzert, fiebert in einer Kneippe mit f\u00fcr die Spielerinnen bei der Frauenfu\u00dfball-WM \u2013 und h\u00e4lt mit ihrer Freundin den Japanerinnen den Daumen. Sie h\u00f6rt Vortr\u00e4ge, besucht Museen, auch solche, die nicht auf dem \u00fcblichen Touristenplan stehen, besucht Friedh\u00f6fe und Kirchen. Eine prall gef\u00fcllte Zeit!<br \/>\nNeben Mayr\u00f6cker und anderen liest sie M\u00e1rais Bekenntnisse eines B\u00fcrgers, \u00fcber seine Kindheit in Kaschau, seinen Aufenthalt in Berlin, wo er sich sorgenfrei und leicht gef\u00fchlt hatte.<br \/>\nAssoziationen steigen in ihr auf beim Anblick der lichthellen Oranienburger Stra\u00dfe zum Licht in St. Petersburg, als sie dort ein Studienjahr verbrachte.<br \/>\n\u201eAufgerissene Blicke\u201c sind nicht aufgerissene Augen \u2013 obwohl das auch sein k\u00f6nnte, bei all den Begebenheiten, die sich darbieten. Die \u201eFlaneurin\u201c blickt &#8211; und vor ihren Blicken rei\u00dft immer wieder etwas auf \u2013 die Vergangenheit, die j\u00e4he politische oder katastrophische Gegenwart, die flirrende Sch\u00f6nheit eines frisch gewaschenen Fr\u00fchlingsmorgens. Es ist, als wenn immer wieder ein Vorhang etwas beiseite geschoben w\u00fcrde.<br \/>\nDas Berlin Journal gleicht eher einer Aufz\u00e4hlung von Eindr\u00fccken, von Begegnungen, von politischem und gesellschaftlichem Geschehen, von Wetterf\u00fchligkeit und pers\u00f6nlichem Befinden. \u2013 Auch ihre dazwischen gestreuten Fotos sind ungewohnte, aufgerissene Blicke, bzw. Blickwinkel: Vorhang zur Seite \u2013 und \u201eklick\u201c \u2013 Schnappschuss.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Berlin-Journal Verlag Literaturverlag Droschl, Graz &#8211; Wien ISBN: 978-3-85420-836-5 Bezug: Buchhandel, Preis:16,00 Euro \u201eEs gibt Orte, die einen ansprechen, und andere. Berlin hat mich immer angesprochen. 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