{"id":305,"date":"2011-06-28T12:24:39","date_gmt":"2011-06-28T12:24:39","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=305"},"modified":"2012-05-18T21:01:51","modified_gmt":"2012-05-18T21:01:51","slug":"rezension-sandor-marai-die-mowe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=305","title":{"rendered":"Rezension: M\u00e1rai, S\u00e1ndor &#8211; &#8222;Die M\u00f6we&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_moewe.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2395\" title=\"die_moewe\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_moewe.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\" \/><\/a>Roman<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Christina Kunze<\/em><br \/>\n<em> Verlag Piper, 2008; ISBN: 978-3-492-05208-5<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: Sir\u00e1ly, 1943<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel Preis: Euro 23,00<\/em><\/p>\n<p>Schauplatz ist das winterliche Budapest, kurz bevor Ungarn direkt in den 2. Weltkrieg mit einbezogen wird. Ein, bis zum Ende des Romans namenloser Ministerialrat, 45 Jahre alt, trifft eine Entscheidung, die sein Land am n\u00e4chsten Morgen tief treffen wird. Noch geben sich die Menschen in Budapest sorglos ihren Vergn\u00fcgungen hin, auch der Regierungsbeamte hat vor, am Abend die Oper zu besuchen; &#8211; es herrscht gleichsam die Ruhe vor dem Sturm. Der Mann hatte sich, als der Krieg begann, dem Schicksal stellen und bis zum Ende ausharren wollen, nun aber l\u00e4sst er sich, m\u00fcde geworden, von den Ereignissen das Heft aus der Hand nehmen, nimmt an, was h\u00f6here M\u00e4chte \u00fcber ihn beschlossen haben k\u00f6nnten.<br \/>\nNoch w\u00e4hrend er \u00fcber seine Entscheidung und die Folgen nachgr\u00fcbelt, betritt eine sch\u00f6ne junge Frau das Amtszimmer. Ein D\u00e9javu \u00fcberf\u00e4llt ihn: Sie gleicht seiner toten Geliebten Ilona so sehr, dass er das Gef\u00fchl hat, diese sei wieder auferstanden. Allerdings will er sich nicht noch einmal qu\u00e4len lassen, sondern alle Gef\u00fchle von sich abprallen lassen. Er f\u00fchlt sich nicht mehr jung, m\u00f6chte, dass alles in seinem Leben berechenbar bleibt. Vom Anblick der jungen Frau ist der Rat jedoch so verwirrt, dass er ein regelrechtes Verh\u00f6r mit ihr anstellt: Sie ist Finnin, Lehrerin, spricht mehrere Sprachen, hat ein Stipendium und m\u00f6chte in Budapest arbeiten. Dazu braucht sie ein Visum und der Ministerialrat soll helfen; denn man hatte ihr gesagt, er w\u00fcrde das ganz bestimmt tun. Ihr Name ist Aino Laine \u201eeinzige Welle\u201c auf Ungarisch. Sie m\u00f6chte deshalb hier unterrichten, weil sie nur in der Stadt leben k\u00f6nne, andernfalls sei ihr nur der hohe Norden in Lappland geblieben.<br \/>\nDer Beamte ist aus dem Gleichgewicht gebracht, versucht sich innerlich zu distanzieren w\u00e4hrend er sie ein St\u00fcck auf seinem Nachhauseweg begleitet. Als sie \u00fcber eine Donaubr\u00fccke gehen, fallen ihm zum ersten Mal die vielen M\u00f6wen auf, die von genauso weit her kommen, wie seine junge Begleiterin, hierhin und dorthin geweht werden. Spontan \u2013 und fast gegen seinen Willen l\u00e4dt er sie f\u00fcr den Abend in die Oper ein.<br \/>\nZuhause bedr\u00e4ngen ihn die Gedanken an seine einstige Geliebte, die 20 Jahre zuvor, als auch er noch jung war, Selbstmord begangen hatte, mit Blaus\u00e4ure. Ihre depressive Mutter kam aus Schweden und ist schon tot. Sie studierte Chemie, war ehrgeizig und extravagant. Ihr Vater, der in Budapest eine Apotheke betrieb wollte herausgefunden haben, dass ihr Chemieprofessor, eine Koryph\u00e4e auf seinem Gebiet, sie eiskalt in den Tod getrieben habe. Er hatte n\u00e4mlich Briefe gefunden, aus denen klar hervorging, dass sie die Geliebte des Professors war.<br \/>\nAm Abend in der Oper ist der gebildete leise Mann erfreut \u00fcber das geschmackvolle Auftreten der jungen Finnin, dar\u00fcber, dass er sich nicht mit ihr genieren muss, da sie Beide doch vielen neugierigen Blicken ausgesetzt sind. Innerlich vergleicht er sie immer wieder mit der einstigen Geliebten, bemerkt die Unterschiede, ist aber immer noch irritiert ob der gro\u00dfen \u00c4hnlichkeit. Sp\u00e4ter bittet der Mann sie noch auf einige Minuten zu sich, da wegen der Sperrstunde die Lokale bereits geschlossen haben.<br \/>\nAus diesen wenigen geplanten Minuten entspinnt sich ein langes Gespr\u00e4ch. Monologe \u00fcber Sein und Wesen des Menschen, um Pers\u00f6nlichkeit und Identit\u00e4t. Der Mann breitet seine ganze Weltanschauung, seine belesene Bildung vor ihr aus.<br \/>\nDas Erstaunliche geschieht: Obwohl er seine Emotionen und Leidenschaften schon so lange fest im Griff hat und sich nicht noch einmal von Gef\u00fchlen hinrei\u00dfen lassen will, l\u00e4sst er sich vorsichtig auf das Wunderbare der Nacht ein, darauf, dass da eine Frau von weit her, auch in \u00fcbertragenem Sinne, zu ihm hergekommen ist. Wie eine Welle ist sie, die einzige Geliebte, wieder zu ihm zur\u00fcckgekommen.<br \/>\nSie erz\u00e4hlt, dass ihre Kindheit zu Ende war, als eines Tages eine Bombe auf ihr Haus fiel und es total zerst\u00f6rte. Seitdem ist sie auf der Flucht. In Paris findet sie sich an der Seite eines etwa 70j\u00e4hrigen m\u00e4chtigen Mannes. Auch er hatte eine wichtige Entscheidung getroffen, die am n\u00e4chsten Morgen sein ganzes Volk betraf. Sie speiste mit ihm in einem vornehmen, im Wald versteckten Hotel. Auch hier gehen die G\u00e4ste ihren Vergn\u00fcgungen nach, denken nicht an morgen, oder wollen nicht daran denken. . Auch hier die Ruhe vor dem Sturm. Zwei ganz \u00e4hnliche Situationen. Der Franzose hatte ihr allerdings gegen Morgen sein Geheimnis verraten. Das Gespr\u00e4ch der Beiden \u201eh\u00f6rt\u201c sich manchmal an wie ein Kampf: Klingen kreuzen und parieren.<br \/>\nM\u00e1rai spielt mit Inhalt und Sprache. Nicht nur ist der Name \u201eEinzige Welle\u201c vieldeutig, auch die Anrede \u201eliebe Verwandte\u201c, \u201elieber Verwandter\u201c, bezieht sich wohl nicht nur auf die weitl\u00e4ufige Verwandtschaft zwischen Finnen und Ungarn, sondern vielleicht auch darauf, dass sowohl Finnland, als auch Ungarn in diesen Krieg eingetreten sind, um verlorene Gebiete wieder zur\u00fcckzuerobern.<br \/>\nAls die Frau gehen will, bietet er ihr noch einen Kaffee an. W\u00e4hrend er ihn zubereitet, denkt er daran, wie schicksalhaft diese Begegnung ist, ihm f\u00e4llt ein, dass er das Foto seiner gestorbenen Geliebten auf dem Schreibtisch stehen hat \u2013 und dass die junge Frau es sicher sehen wird. Da h\u00f6rt er Aino Lainen mit jemandem in einer fremden Sprache telefonieren. Alles M\u00f6gliche geht ihm durch den Kopf, auch dass sie eine Spionin sein k\u00f6nnte \u2013 und dass er sie am n\u00e4chsten Tag vielleicht m\u00fcsste beobachten lassen. Er will sie dazu bringen, ihm selbst davon zu erz\u00e4hlen. Man sp\u00fcrt, wie entt\u00e4uscht er ist; denn das geht aus seinen \u00dcberlegungen und Gespr\u00e4chen hervor, er sieht sich und die junge Frau von einer h\u00f6heren Macht gelenkt. Es ist schon nach Mitternacht, als er einen Telefonanruf bekommt, der ihn total ver\u00e4ndert. Das Unausweichliche am n\u00e4chsten Tag wird noch nicht eintreffen. Es ist aufgeschoben \u2013 aber niemand kann wissen, wie lange.<br \/>\nAino Lainen f\u00e4llt die Ver\u00e4nderung auf. Schlie\u00dflich erz\u00e4hlt sie ihm, das Foto vom Schreibtisch in der Hand, dass sie es schon einmal gesehen hat, dass man es ihr aber weggenommen habe. Ein Professor in Helsinki habe sie zu einem Chemieprofessor in Budapest geschickt, der ihr mit unangenehmem Lachen gesagt hatte, sie solle zu ihm, dem Beamten gehen. Er w\u00fcrde, ja er m\u00fcsse ihr ganz bestimmt helfen.<br \/>\nObwohl sich die beiden Menschen geheimnisvoll nahe sind, treibt der Krieg sie auseinander; jeder muss seine Aufgabe erf\u00fcllen.<br \/>\nWir Leser m\u00fcssen nun mit den offenen Fragen leben: Welche schwerwiegende Entscheidung hatte der Ministerialbeamte getroffen \u2013 und &#8211; wird Aino Lainen gelenkt, ist sie eine Spionin, oder hat eine h\u00f6here Macht sie geschickt um den alternden Junggesellen noch einmal aus seiner Lethargie zu rei\u00dfen?<br \/>\nDie junge Frau geht, w\u00fcnscht nicht, begleitet zu werden, muss und will ihren Weg allein gehen und der Mann l\u00e4sst die Gelegenheit verstreichen, ins Schicksal einzugreifen.<br \/>\nEin geradezu mystisches, esoterisches Buch, in dem M\u00e1rai, wie er in sein Tagebuch notiert, die Sehnsucht nach Ruhe und Frieden in Kriegszeiten ausdr\u00fccken wollte. In diesem Buch artikuliert er auch seine Entt\u00e4uschung \u00fcber den moralischen Verfall der V\u00f6lker Europas; der \u201eMassenmensch\u201c kommt immer mehr zum Vorschein, der von allem eine Meinung hat, aber von nichts eine Ahnung. Auch diese Liebesgeschichte fasziniert uns noch mit dem Geist der Jahrhundertwende, schlie\u00dft aber bereits Verfall und Niedergang der b\u00fcrgerlichen Tugenden nach Ende des Krieges mit ein.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Christina Kunze Verlag Piper, 2008; ISBN: 978-3-492-05208-5 Originaltitel: Sir\u00e1ly, 1943 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 23,00 Schauplatz ist das winterliche Budapest, kurz bevor Ungarn direkt in den 2. Weltkrieg mit einbezogen wird. 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