{"id":3049,"date":"2013-03-07T21:19:39","date_gmt":"2013-03-07T21:19:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3049"},"modified":"2013-03-07T21:19:39","modified_gmt":"2013-03-07T21:19:39","slug":"rezension-melinda-nadj-abonji-im-schaufenster-im-fruhling","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3049","title":{"rendered":"Rezension: Melinda Nadj Abonji &#8211; &#8222;Im Schaufenster im Fr\u00fchling&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/im_schaufenster.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3050\" title=\"im_schaufenster\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/03\/im_schaufenster.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"232\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nVerlag Jung und Jung, 2011 (Neuauflage des 2004 im Ammann-Verlag erschienen Romans)<br \/>\nISBN: 978-3-902497-86-4<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: Euro 17,90<\/em><\/p>\n<p>Luisa ist ungef\u00e4hr 25 Jahre alt. Immer war sie schweigsam, hat kaum \u00fcber ihre ungute Kindheit und Jugend gesprochen. Allm\u00e4hlich \u00f6ffnet sie sich ihrer Nachbarin, die ihre Gro\u00dfmutter sein k\u00f6nnte, der 75j\u00e4hrigen Frau Sunder:<br \/>\nDie Kindheit, eine grausame Zeit von Einsch\u00fcchterung, Qu\u00e4lereien, Verlusten und Abschieden. Sie war ein missbrauchtes Kind, losgel\u00f6st vom \u201enormalen\u201c Leben. Als Erwachsene hat sie keine Pl\u00e4ne. Wovon lebt sie? Wir erfahren es nicht. Tag und Nacht scheinen die Kindheitserlebnisse als Fetzen in ihrem Kopf zu wirbeln. Manche Geschichten sieht sie erst heute als junge Frau im Zusammenhang, kann diese weiterf\u00fchren in Gespr\u00e4chen mit der behutsamen, geduldigen Nachbarin.<br \/>\nIn w\u00f6rtlichen Zitaten wiederholen sich Bilder und Situationen, werden vorbereitet und weitergef\u00fchrt. So, als sei Luisa eine Szene kurz in den Sinn gekommen, an deren Verlauf sie sich sp\u00e4ter genauer erinnert und die sie Frau Sunder gegen\u00fcber auch endlich in Worte fassen kann.<br \/>\nDer Roman verlangt vom Leser aufmerksames Mitdenken; denn \u201ejetzt\u201c und \u201efr\u00fcher\u201c springen \u00fcbergangslos hin und her. Viele Figuren tauchen auf, die das Leben der kindlichen und der \u00e4lteren Luisa bev\u00f6lkern, doch wir erfahren nichts Genaues \u00fcber sie und ihr Leben. Sie bev\u00f6lkern Kindheit und Jugend, bilden den gesellschaftlichen Hintergrund ab: Einfache Leute wie Lisas Eltern, wie die Eltern ihrer Freundin Antonella, die Frottis. Oder die Jungen Bernhard und Nik mit ihren wohlhabenden Eltern, die sich aber nicht um ihre Kinder k\u00fcmmern. Noch sp\u00e4ter taucht Ben auf, der aus den Tabletten seines Vaters einen berauschenden Cocktail mixt und dann Ziegler, Sohn reicher Eltern, der gegen das Establishment revoltiert. Deshalb will sich Luisa in ihn verlieben. Die pubertierenden Kinder machen ihre ersten Erfahrungen, wissen noch nicht genau, zu wem sie geh\u00f6ren. Auch sp\u00e4ter kann sich Luisa nicht so richtig zwischen ihrer Freundin Val\u00e9rie und ihrem Liebhaber Frank entscheiden. In ihrer Kindheit sind zu viele Dinge falsch gelaufen.<br \/>\nWir lernen sie kennen, als sie sechs oder sieben Jahre alt ist und eine gr\u00fcne Haarschleife bekommen hat. Die tr\u00e4gt bis heute ihre Puppe, die noch immer auf dem Sofa sitzt. Damals hatte sie das Gef\u00fchl, dass diese Schleife sie nicht so sch\u00f6n macht, wie sie gern sein wollte: So wie die Frauen, sch\u00f6n, fr\u00f6hlich, leichtf\u00fc\u00dfig, mit wippenden Haaren. Doch in ihrem Kinderalltag geht es nicht lustig zu, der Vater schreit und pr\u00fcgelt, die Mutter ist hilflos und heult. Auch der Lehrerin \u201erutscht\u201c immer wieder die Hand aus. Nur der Friseur Zamboni, dessen Hund im Schaufenster schl\u00e4ft, bietet ihr ungetr\u00fcbtes Kindergl\u00fcck. Er h\u00f6rt zu, ermuntert und lobt sie. Bei ihm f\u00fchlt sie sich sicher und aufgehoben. Am liebsten w\u00fcrde sie in seinem Schaufenster schlafen. Er sieht auch die Misshandlungen, die der Vater ihr zuf\u00fcgt. So ist Luisas Alltag und ihr war bis jetzt nicht aufgefallen, dass ihr Zuhause, die Schl\u00e4ge und das Geschrei vom Vater, das hilflose Weinen der Mutter, der t\u00e4gliche Krieg sind. Sie sp\u00fcrt, wei\u00df aber noch nicht, dass sie anders ist, als die anderen Kinder, wei\u00df nicht, wie ihr geschieht. Sie z\u00e4hlt vorw\u00e4rts und r\u00fcckw\u00e4rts um sich abzulenken, dann tun die Hiebe nicht mehr so weh.<br \/>\nStereotyp stellt die Autorin immer wieder die Frage: \u201ewie kam es dazu?\u201c Es gibt keine Antwort, Luisas Leben erz\u00e4hlt k\u00fchl und distanziert die Geschichte:<br \/>\nSie lernt Antonella Frotti kennen, die M\u00e4dchen sind auf Anhieb ein Herz und eine Seele; beide Au\u00dfenseiter. Antonellas Vater schl\u00e4gt seine Tochter nicht nur, er missbraucht sie auch. Die M\u00e4dchen reagieren sich ab, verw\u00fcsten ihre Puppen und qu\u00e4len andere Kinder, Luisa schl\u00e4gt ihre j\u00fcngere Schwester, bis diese zur\u00fcckschl\u00e4gt. Antonella will sich an ihrem Vater r\u00e4chen \u2013 und z\u00fcndet das Haus an. Ein Hilfeschrei, den niemand verstehen will.<br \/>\nImmer wieder ist \u00fcbrigens von Feuer die Rede, Metapher f\u00fcr Reinigung nach Missbrauch \u2013 Antonella hat Feuer gelegt, Val\u00e9rie auch \u2013 sp\u00e4ter sieht Luisa als junge Frau wie ein Haus abbrennt.<br \/>\nAntonella kommt in ein Heim. Ein gro\u00dfer Verlust f\u00fcr Luisa. Sie wird ganz schweigsam, zieht sich zur\u00fcck, verkriecht sich auf dem Dachboden. Nachts hat sie Angst und schl\u00e4ft meist nur noch mit Licht. Nur bei Herrn Zamboni findet sie Ruhe und Ordnung. Und ihm erz\u00e4hlt sie eines Tages.<br \/>\nIm dritten Kapitel steht Luisa als junge Frau in Wien am Bahnhof und wartet auf Frank. Sie ist Franks Geliebte, seine Frau lebt in Spanien. Luisa hat auch eine Freundin, Val\u00e9rie, die tags in einem Kiosk arbeitet und in einer Abendschule eine Fortbildung macht. Val\u00e9rie tritt selbstbewusst und kess auf; sie glaubt zu wissen, was sie will; mit M\u00e4nnern hat sie nichts im Sinn. Immer wieder fragt sie Luisa nach ihrem Liebhaber aus, provoziert eine Begegnung, bei der Luisa sp\u00fcrt, dass sich die Beiden kennen m\u00fcssen.<br \/>\nEines Tages bei Frank probiert sie die Kleider seiner Frau an, w\u00e4hrend er schl\u00e4ft. Sie w\u00fchlt in seinen Sachen und sucht irgendetwas Unbestimmtes. Unter dem Bett findet sie nicht nur eine Reihe Fotos von Franks Frau, sondern auch einen Revolver.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen wird Frank durch einen Telefonanruf weggerufen: Kommunikationsprobleme \u2013 sehr bezeichnend f\u00fcr die ganze Situation. Er will nicht, dass Luisa auf ihn wartet. Sie l\u00e4sst sich vom Taxi zu Val\u00e9ries Wohnung bringen, ahnend, dass diese nicht da sein wird. Auch hier f\u00e4ngt sie an zu suchen, findet eine Visitenkarte von Franks Vater, einem Rechtsanwalt, wie sich sp\u00e4ter herausstellt.<br \/>\nNachts erz\u00e4hlt Val\u00e9rie schlie\u00dflich, dass ihr Vater, ein angesehener Unternehmensberater, sie mit Geschenken und sorgf\u00e4ltiger Erziehung zu seinem Gesch\u00f6pf machen wollte, das er aber, wann immer es ihm beliebte, missbrauchen konnte. Als sie bereits erwachsen ist, beschlie\u00dft sie, auf sich aufmerksam zu machen, will mit der ganzen Verlogenheit Schluss machen: sie legt Feuer &#8211; ein Hilfeschrei. Doch das Gericht glaubt ihr nicht, zu unwahrscheinlich ist das, was eine Tochter \u00fcber ihren Vater aussagt. Val\u00e9rie wird wegen vors\u00e4tzlicher Brandstiftung zu zwei Jahren Haft verurteilt, der Vater freigesprochen. Frank hatte den Prozess von Anfang an schockiert beobachtet, besuchte Val\u00e9rie im Knast und meinte dazu, die M\u00e4nner h\u00e4tten sich gegenseitig gedeckt. Er stoppte seine Anwaltskarriere und wird Kommunikationsmanager, krempelt sein bisheriges Leben, seine bisherigen Ansichten um. Er will den Fall nochmals aufrollen. Aber die junge Frau traut ihm nicht, l\u00e4sst ihn ins Leere laufen. Sie h\u00f6rt nichts mehr von ihm, bis Luisa von ihrem Liebhaber erz\u00e4hlt und Val\u00e9rie bei der Beschreibung hellh\u00f6rig wird.<br \/>\nNoch einmal trifft sich Luisa mit Frank, richtet den Revolver auf ihn: Aus den zuf\u00e4lligen Begegnungen konstruiert sie eifers\u00fcchtig und unsicher ein abgekartetes Spiel. Frau Sunder, der sie alles erz\u00e4hlt, denkt da allerdings praktischer. Sie wei\u00df, dass viele eine Waffe haben, um sich gegen Einbrecher zu verteidigen. \u201eSie denken sich in eine Sackgasse\u201c, sagt sie zu ihr, und Luisa fl\u00fcstert Frau Sunder etwas ins Ohr, was aber ein Geheimnis bleibt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag Jung und Jung, 2011 (Neuauflage des 2004 im Ammann-Verlag erschienen Romans) ISBN: 978-3-902497-86-4 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 17,90 Luisa ist ungef\u00e4hr 25 Jahre alt. Immer war sie schweigsam, hat kaum \u00fcber ihre ungute Kindheit und Jugend gesprochen. 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