{"id":3040,"date":"2013-02-27T21:52:51","date_gmt":"2013-02-27T21:52:51","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3040"},"modified":"2013-02-27T21:52:51","modified_gmt":"2013-02-27T21:52:51","slug":"rezension-spiro-gyorgy-der-verruf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3040","title":{"rendered":"Rezension: Spir\u00f3, Gy\u00f6rgy &#8211; &#8222;Der Verruf&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/der_verruf.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3041\" title=\"der_verruf\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/der_verruf.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"224\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner<br \/>\nVerlag Nischen Verlag, 2012<br \/>\nISBN: 978-3-9503341-1-7<br \/>\nOriginaltitel: Tavaszi t\u00e1rlat, 2010<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 22,80 Euro <\/em><\/p>\n<p>Spir\u00f3, der gro\u00dfartige Erz\u00e4hler, greift mit seinem Roman noch einmal die ganze Trag\u00f6die, aber auch die ganze Farce im Gefolge des ungarischen Volksaufstandes von 1956 auf. Er zeigt in Gestalt des etwas naiven, \u00fcberzeugten j\u00fcdischen Kommunisten, wie in einer Diktatur jemand fertig gemacht wird, wie eine Diktatur durch Terror die Masse in Furcht h\u00e4lt, wie fast eine ganze Gesellschaft solidarisch wird in ihrer Angst und gemeinsam Front macht gegen ein vom Regime willk\u00fcrlich zum T\u00e4ter ausgew\u00e4hltes Opfer. Er zeigt auch, wie das Opfer, wenn es noch einmal davon kommt, ganz schnell das ihm zugef\u00fcgte Unrecht vergessen will, um in der Masse, die sorgenfrei leben will, aufzugehen.<br \/>\nGyula F\u00e1tray, \u201eUnser Held\u201c, wie ihn der Autor einf\u00fchrt, ist 46 Jahre alt, Maschinenbauingenieur und in der Planungsabteilung eines Betriebes besch\u00e4ftigt.<br \/>\nDie Judenpogrome konnte er, versteckt mit seiner Frau, \u00fcberleben. Nach dem Krieg hatten sie das Land nicht verlassen, sondern an einem klassenlosen Regime mitarbeiten wollen. Sie haben zusammen einen Sohn, den 11j\u00e4hrigen nicht sehr intelligenten Matyi, auf dem jedoch die b\u00fcrgerlichen Hoffnungen der Eltern ruhen.<br \/>\nNach dem Krieg lie\u00df Unser Held seinen Nachnamen, Klein, magyarisieren &#8211; eigentlich sollte er T\u00e1trai hei\u00dfen, doch mehrere Fehler machten daraus \u201eF\u00e1tray\u201c, mit einem Y am Ende, was evtl. auf adelige Herkunft schlie\u00dfen l\u00e4sst.<br \/>\nF\u00e1tray hat eigene fortschrittliche Ansichten \u00fcber den wirtschaftlichen und industriellen Aufbau des Landes, doch seine Argumente werden nicht geh\u00f6rt. Seine Frau Kati, \u00fcberzeugte Kommunistin und K\u00e4mpfernatur, findet ihn sowieso zu lasch. Sie will Partei und System gut finden, obwohl sie im Herzen eine Kleinb\u00fcrgerin ist, gern in einer anst\u00e4ndigen Wohnung mit sch\u00f6nen M\u00f6beln und gutem Geschirr leben w\u00fcrde \u2013 und nicht in einer Einzimmerwohnung mit Diele. Sie hat eine Stelle als Protokollschreiberin bei den vier Jurys, welche Bilder f\u00fcr die gro\u00dfe Fr\u00fchjahrsausstellung 1957 heraussuchen, wirkliche Kenntnisse von Kunst hat sie nicht.<br \/>\nDas Familienleben gestaltet sich nicht sehr harmonisch; jeder geht seinem Beruf nach, die Mutter hat ehrgeizige Pl\u00e4ne f\u00fcr den Sohn, der Vater k\u00fcmmert sich nicht besonders um ihn. Eine Durchschnittsfamilie eben, in einer Gro\u00dfstadt mit sehr beengtem Wohnraum.<br \/>\nGyula spielt gern und gut Schach, nimmt jeden zweiten Sonntag in der Meisterschaftsrunde der St\u00e4dtischen Betriebe teil. Er hat auch ein paar gute Bekannte, einen Freund und scheint im Betrieb gern gesehen zu sein.<br \/>\nAm 17. Oktober 1956 muss sich Unser Held einer H\u00e4morrhoiden-Operation unterziehen. Der Chefarzt, ein Cousin seiner Frau, operiert ihn. Gerade als er entlassen werden soll, bricht der Aufstand los. In den Stra\u00dfen wird gek\u00e4mpft \u2013 er kann unm\u00f6glich das Krankenhaus verlassen. Weil Gyula mithilft die Schwerkranken in den Keller zu schaffen, \u00fcbernimmt er sich, bekommt eine Lungenentz\u00fcndung und wird erst am 8. November entlassen. Schon w\u00e4hrend der Fahrt f\u00e4llt ihm das Schweigen der Sanit\u00e4ter auf, sie wollen nichts erz\u00e4hlen, haben offensichtlich Angst. &#8211; Er hat also Gl\u00fcck gehabt, diese Zeit im Krankenhaus verbracht und nichts getan zu haben. Zwei weitere Wochen liegt er noch als Rekonvaleszent zu Hause, bis er wieder zu Kr\u00e4ften kommt. Bei den ersten Spazierg\u00e4ngen zusammen mit seiner Frau sieht er die zerst\u00f6rten Stra\u00dfen und Geb\u00e4ude \u2013 so schlimm hatte er es sich nicht vorgestellt! Kati w\u00fcrde sich gern ins Ausland absetzen \u2013 Gyula hat als Ingenieur ja eine gute Ausbildung \u2013 doch dieser will nicht noch einmal von vorn anfangen. Zudem scheinen sich alle im Betrieb zu freuen, als er dort wieder auftaucht. Vieles gestaltet sich genau so, wie vor der Revolution \u201eEigentlich ist gar nichts passiert\u201c, denkt er manchmal.<br \/>\nAuch Kati geht schon wieder zur Arbeit, schw\u00e4rmt von der gro\u00dfen Fr\u00fchjahrsausstellung und den Malern, die sie alle mit Namen kennt.<br \/>\nIm Neuen Jahr beginnt eine Verhaftungswelle. Ein Nachbar ist betroffen \u2013 \u201eund sicher ist es besser, sich von dieser Familie fern zu halten\u201c. Gyula versucht sogar, Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Lage der Regierung aufzubringen.<br \/>\nEnde Januar l\u00e4dt ihn Parteisekret\u00e4r Alr\u00e9ti ein, mit ihm etwas trinken zu gehen. Es wird eine Kader-Besprechung, in der F\u00e1tray viel zu viel erz\u00e4hlt und beweisen will, welch guter Kommunist er ist. Nach dem Gespr\u00e4ch f\u00fchlt er sich, als h\u00e4tte er sich in Unrat gew\u00e4lzt.<br \/>\nIn den n\u00e4chsten Wochen des Februar und M\u00e4rz werden viele Menschen als Konterrevolution\u00e4re festgenommen, manche zum Tode verurteilt und hingerichtet.<br \/>\nDerweil l\u00e4uft die Organisation f\u00fcr die gro\u00dfe Fr\u00fchjahrsausstellung auf Hochtouren. Kati ist gl\u00fccklich, f\u00fchlt sich gebraucht und wichtig. Ihr Mann kommt ihr mehr und mehr unbedeutend und viel zu zahm vor. Erstaunlich, dass die Partei erlaubt, dass auch abstrakte K\u00fcnstler (die sog. Formalisten) ihre Werke ausstellen d\u00fcrfen. Kati hat sich aus dem Vorwort einige kompromittierende S\u00e4tze herausgeschrieben. F\u00fcr alle F\u00e4lle \u2013 falls man solchen Leichtsinn doch noch bei der Partei anzeigen muss. Aber alles scheint gut zu laufen.<br \/>\nAm 4. April, dem Tag der Befreiung sitzt Unser Held bei der Feier nicht beim Pr\u00e4sidium. Er ist zwar gekr\u00e4nkt, denkt aber, dass es wohl ein Versehen der neuen Sekret\u00e4rin war.<br \/>\n\u201eJetzt kommt es\u201c, denkt der Leser, das Unheil, auf das er schon die ganze Zeit wartet \u2013 und in das unser Held so naiv und ahnungslos hineinschlittert. Akribisch hat der Autor bis hierher alle Fakten zusammen getragen, warum Gyula F\u00e1tray Gl\u00fcck hatte, warum man ihm nichts anh\u00e4ngen kann, ihm, dem rechtschaffenen Kommunisten.<br \/>\nJa, und es kommt: Am Ostersamstag liest er Zeitung im Betrieb, die meisten Kollegen arbeiten nicht, haben sich frei genommen, da nun auch der Ostermontag als Feiertag eingef\u00fchrt ist. Er als Jude hat keine Verwandten mehr, zu denen er aufs Land fahren k\u00f6nnte. Am Nachmittag soll die feierliche Er\u00f6ffnung der Fr\u00fchjahrsausstellung sein. F\u00e1tray gr\u00fcbelt dar\u00fcber nach, wie ungl\u00fccklich es f\u00fcr Ungarn l\u00e4uft, dass die Sowjets Wirtschaft und Industrie f\u00fcr Ungarn planen. Die S\u00e4uberungswelle ergreift das ganze Land, die Arbeiterr\u00e4te entfernen schon von selbst die klassenfremden und klassenfeindlichen Elemente. Zu den Klassenfremden wird auch er als Jude gez\u00e4hlt.<br \/>\nUnd w\u00e4hrend er seine Gedanken schweifen l\u00e4sst, kommt Oberbuchhalter Harkaly herein, legt ihm eine Wochenzeitung auf den Tisch und fragt, ob er den Artikel schon gelesen habe. Unser Held liest und sieht seinen Namen inmitten von sogenannten Verschw\u00f6rern, die im Auftrag von Radio Free Europe einen Marsch auf das Pressehaus unternommen haben sollen. Er ahnt wohl schon die gro\u00dfe Gefahr, die Unausweichlichkeit der Situation, in der er steckt, doch er will es einfach nicht wahr haben. Sicher muss es noch jemanden geben, der F\u00e1tray hei\u00dft \u2013 aber tief im Innern wei\u00df er schon, dass er gemeint ist \u2013 Immer wieder liest er den Artikel \u2013 und immer unglaubw\u00fcrdiger kommt ihm dieser vor.<br \/>\nF\u00e1tray versucht die Telefonnummer des Journalisten herauszubekommen, doch umsonst. Nicht nur, dass die Feiertage bevor stehen, auch danach wird er kein Gl\u00fcck haben \u2013 es wird keine Richtigstellung geben, sosehr er sich auch bem\u00fcht.<br \/>\nKati zu Hause erz\u00e4hlt ihm, dass die Er\u00f6ffnung der Fr\u00fchjahrsausstellung alle Erwartungen \u00fcbertroffen habe, dass man aber mit Kritik rechnen muss &#8211; der Artikel sei schon bestellt. Zu viele kommunistische linientreue K\u00fcnstler waren nicht zum Zuge gekommen. Trotzdem, ein Riesenerfolg!<br \/>\nAls er ihr dann von dem Zeitungsartikel berichtet, versteht sie seine Angst nicht. Er hat sich ja nichts zu Schulden kommen lassen, lag ja im Krankenhaus. Doch<br \/>\nGyula f\u00fcrchtet sich zu Recht, der Terror beginnt. Da n\u00fctzt auch der Versuch nichts, die Sache wieder und wieder herunter zu spielen. Der Leser, der die Schauprozesse und Verurteilungen aus der Historie kennt, wei\u00df schon mehr als Gyula F\u00e1tray, n\u00e4mlich, dass es nicht darauf ankam irgendwo beteiligt zu sein, sondern einzig und allein darauf, Angst und Furcht unter der Bev\u00f6lkerung zu s\u00e4en, Terror zu verbreiten, Macht zu demonstrieren. Es sollten Schauprozesse vorbereitet werden, um endlich Imre Nagy als Verr\u00e4ter zum Tode verurteilen zu k\u00f6nnen.<br \/>\nGeradezu qu\u00e4lend langsam l\u00e4sst Spir\u00f3 die Ostertage durchlaufen, in denen nichts geschieht.<br \/>\nDienstags geht Unser Held wieder in seinen Betrieb. Niemand spricht mit ihm &#8211; noch realisiert er nicht wirklich, was ihm da geschieht, dass sich alle gegen ihn verschw\u00f6ren. Etwas Genaues sagt ihm keiner, er l\u00e4uft gegen W\u00e4nde des Schweigens: In der Kantine gibt es kein Essen f\u00fcr ihn \u2013 er kann die Angelegenheit nicht kl\u00e4ren, \u2013 abends muss er sich einer Leibesvisitation unterziehen, im Pf\u00f6rtnerh\u00e4uschen, vor den Angestellten, die drau\u00dfen vorbeigehen. Er wird gedem\u00fctigt und kaltgestellt. Alles kommt ihm vor wie ein b\u00f6ser Traum: F\u00e1tray versucht Erkl\u00e4rungen zu finden, eine Logik zu sehen, ein Missverst\u00e4ndnis, eine Verwechslung, die sich am n\u00e4chsten Tag aufkl\u00e4ren w\u00fcrde. Zum Beweis seiner Unschuld kauft er sogar Kinokarten f\u00fcr den 1. Mai.<br \/>\nTagelang sagt er seiner Frau nichts, geht aus dem Haus wie immer; denn inzwischen wurde ihm Hausverbot erteilt. Zu seiner \u201eAnh\u00f6rung\u201c versammeln sich Mitarbeiter und Vorgesetzte im B\u00fcro des Parteisekret\u00e4rs. F\u00e1tray soll eine Best\u00e4tigung \u00fcber seine Krankenhauszeit vorlegen. Auch das wird ihm nicht gelingen. Und dann soll er noch berichten, wie gro\u00df der Gro\u00dfgrundbesitz seiner Vorfahren war. &#8211; F\u00e1tray erinnert Alr\u00e9ti an das Kadergespr\u00e4ch, doch der tut so, als h\u00e4tte dieses gar nicht statt gefunden. Das Gespr\u00e4ch dreht sich im Kreis. Gyula wird beschuldigt, gegen die Partei gehetzt und f\u00fcr Imre Nagy Stellung bezogen zu haben. Seine Einw\u00e4nde werden weg gewischt. Wie er sich auch dreht und wendet, es n\u00fctzt nichts. Kollegen sagen gegen ihn aus, auch diejenigen, mit denen er befreundet ist. Sogar versuchte Republikflucht lastet ihm eine Kollegin an, &#8211; dass er immer noch nicht in die Partei eingetreten ist, wirft ihm der Parteisekret\u00e4r vor \u2013 obwohl er ja gerade ihn darum gebeten hatte. Die Situation ist ausweglos.<br \/>\nIhm wird nahe gelegt, die Fabrik nicht mehr zu betreten bis die Angelegenheit gekl\u00e4rt sei. Wie alle zum Tod Verurteilten will Unser Held noch immer nicht glauben, was ihm widerf\u00e4hrt. Die n\u00e4chsten Tage verbringt er in Caf\u00e9s, treibt sich herum bis es Zeit ist zum Heimgehen. Auch dort l\u00e4uft nicht alles gut: Kati ist aufgel\u00f6st: Der gro\u00dfe K\u00fcnstler Makrisz ist angezeigt worden! Nicht mal ihn, einen \u00fcberzeugten Kommunisten, verschont man! Offenbar haben jetzt alle Angst, die mit der Ausstellung befasst waren. Am folgenden Tag treffen sich die linientreuen K\u00fcnstler bei Kati, betrinken sich und schimpfen auf die Abweichler, die \u201eFormalisten\u201c. Sie waren n\u00e4mlich bei der Ausstellung nicht ber\u00fccksichtigt worden. Spir\u00f3 l\u00e4sst sie alle antreten, die ber\u00fchmten ungarischen K\u00fcnstler, die \u201eModernen\u201c, die \u201eFormalisten\u201c, die \u201eAbstrakten\u201c, gegen die sich Missgunst und Hass der parteitreuen K\u00fcnstler richten.<br \/>\nDie Hausbewohner gr\u00fc\u00dfen nicht mehr; auf der Stra\u00dfe wechseln alte Freunde die Stra\u00dfenseite, lassen sich verleugnen, wollen nichts mehr mit der Familie zu tun haben. Es ist ein Spie\u00dfrutenlaufen.<br \/>\nEndlich besucht er den befreundeten Rechtsanwalt Lajos Sz\u00e1sz. Dieser verteidigt die fast aussichtslosen F\u00e4lle, was dem Regime einen Anschein von Rechtsstaatlichkeit verleihen soll. Er ist alt und krank, hat nichts mehr zu verlieren und seine sowjetischen Freunde k\u00f6nnen ihn immer noch sch\u00fctzen. Sz\u00e1sz kl\u00e4rt F\u00e1tray auf: Das war ein bestellter Artikel, der auf keinen Fall richtig gestellt w\u00fcrde. Die Beschuldigten w\u00fcrden einige Tage sp\u00e4ter abgeholt, sobald die Anklageschrift fertig sei. Noch immer b\u00e4umt sich Gyula dagegen auf, doch Sz\u00e1sz erkl\u00e4rt ihm in aller Deutlichkeit, dass nichts mehr zu machen sei. Die Gesamtzahl der Angeklagten m\u00fcsse stimmen. Sie werden seine Beteiligung an der Verschw\u00f6rung aus ihm herauspr\u00fcgeln, sie w\u00fcrden ihn fertig machen; sie seien Spezialisten. Dass er im Krankenhaus lag, interessiere niemanden. Gerade dass diese Schauprozesse so leicht zu durchschauen seien, w\u00fcrde das Volk in Furcht versetzen; denn jeder k\u00f6nne dran kommen. Imre Nagy soll aufgeh\u00e4ngt werden, darum brauche es diese Prozesse vorher, die den Weg ebnen sollen. Sz\u00e1sz gibt ihm den dringenden Rat \u00fcber Jugoslawien das Land zu verlassen \u2013 ohne die Familie; denn hier in Ungarn w\u00fcrde er unweigerlich aufgeh\u00e4ngt. Es sei denn, er habe Beziehungen ganz oben.<br \/>\nAuch Kati kann nicht glauben, was Lalos Sz\u00e1sz gesagt hat. Sie dr\u00e4ngt ihren Mann, am Montag wieder zu arbeiten, sich auf die Hinterbeine zu stellen \u2013 und im \u00dcbrigen morgen zum Schachturnier zu gehen. Es n\u00fctzt nichts, dass er sich wehrt. Er soll es ihnen zeigen!, noch hat man ihm nicht verboten, mitzuspielen.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen geht ihm in aller Deutlichkeit auf, was Sz\u00e1sz ihm versucht hatte klar zu machen: Er ist ein zum Tode Verurteilter. Der Hass hat im Land wieder die Oberhand gewonnen \u2013 \u201edie Macht hat derjenige, der die Waffen besitzt\u201c. Schuldige werden gesucht und gefunden, schon seit Jahrhunderten. Immer sind die anderen Schuld, die T\u00fcrken, die Deutschen, die Habsburger, die Juden, die Adeligen, die Herren, die Bauern. Vor allem muss die Macht mit Hilfe von Terror gefestigt werden. Die gleichen Schl\u00e4gertypen, die f\u00fcr Horthy kn\u00fcppelten, taten es f\u00fcr R\u00e1kosi, tun es jetzt f\u00fcr K\u00e1d\u00e1r. Er hat sich Illusionen gemacht, das versteht er jetzt, auf dem Weg zum Schachturnier.<br \/>\nIm Saal des Schachturniers er\u00f6ffnet ihm der Mannschaftsf\u00fchrer, 2dass er gerade nicht in Form sei\u201c und darum nicht spielen k\u00f6nne. Wieder ist Unser Held ehrlich erstaunt, es war doch ausgemacht, dass er heute auf dem ersten Brett spielen w\u00fcrde. Dass er, als ein zum Tode Verurteilter, nicht einmal mehr Schach mitspielen darf, trifft ihn hart. Damit hatte er nicht gerechnet.<br \/>\nAuf einmal spricht ihn ein Bekannter an, G\u00e9za Kal\u00e1n, der auch einmal Klein gehei\u00dfen hatte, wie Unser Held. Ihm erz\u00e4hlt er, dass man ihn zum Tode verurteilt habe \u2013 und berichtet damit die ganze Geschichte. Kal\u00e1n ist emp\u00f6rt und verspricht, jemanden darauf anzusprechen, der ihm noch einen Gefallen schulde \u2013 er w\u00fcrde Gyula anrufen.<br \/>\nUnd am Montagabend ruft er an, sagt nur kurz und einfach, er solle am n\u00e4chsten Morgen wieder in den Betrieb gehen. Inzwischen hat man auch Kati hinausgeworfen. Auch sie versteht die Welt nicht mehr. Allerdings wurde sie \u201ebef\u00f6rdert\u201c, erh\u00e4lt sogar etwas mehr Gehalt. Sie muss nur noch ein Mal im Monat Bilder entgegen nehmen, die dann f\u00fcr viel Geld in den Westen geschafft werden. Doch sie ist untr\u00f6stlich, f\u00fchlt sich aufs Abstellgleis geschoben. Dennoch:<br \/>\n\u201eEin gutes Gesch\u00e4ft f\u00fcr die Maler, f\u00fcr den Staat [\u2026] Den imperialistischen Bourgeois\u2019 malen wir f\u00fcr ihr Geld Kitsch, und der ungarische Staat exportiert ihn, der sozialistische ungarische Staat selbst betreibt Handel damit! Und zugleich ist ihnen das ideelle Niveau der Fr\u00fchjahrsausstellung nicht hoch genug, sie ist kein Spiegelbild der sozialistischen Moralvorstellung und des proletarischen Bewusstseins; \u00f6ffnet bourgeoisen Ansichten T\u00fcr und Tor!\u201c<br \/>\nSpir\u00f3 entlarvt das ganze zynische, verlogene System, das in Ungarn keine Mehrgleisigkeit zul\u00e4sst, mit den Werken der verfemten K\u00fcnstler aber viel Geld verdient \u2013 und diese, obwohl im Land abgelehnt, trotzdem nicht schlecht dabei fahren.<br \/>\nGyula kann als freier Mann wieder in den Betrieb gehen \u2013 und die Kollegen sind so \u00fcbertrieben freundlich und korrekt, dass es einen graust. Alle tun so, als w\u00e4re nichts passiert. Fast glaubt das auch Unser Held &#8211; und macht auch schon wieder mit, wie ein R\u00e4dchen im Uhrwerk, l\u00e4sst niemanden auflaufen, wehrt sich nicht. Der schlimmste Verleumder l\u00e4dt ihn ein zur 1.Mai-Parade. Nat\u00fcrlich geht er hin. Kati war am Vorabend noch in ihr neues T\u00e4tigkeitsfeld eingeweiht worden. Einmal im Monat soll sie einen Transport nach Wien begleiten. Daf\u00fcr wird sie als Spitzel angeworben. Davon wird sie ihrem Mann allerdings nichts sagen \u2013 der w\u00fcrde gleich wieder mit moralischen Bedenken kommen.<br \/>\nStaunend sieht Unser Held, wieviele Menschen zu den Sammelpl\u00e4tzen str\u00f6men \u2013 so viele waren es noch nie. Ja, die Menschen wollen Frieden, wollen ihre Ruhe, wollen fr\u00f6hlich sein, ihre Sorgen vergessen; sie haben Angst, dass jemand sie anzeigen k\u00f6nnte, wenn sie nicht dabei sind. Allerdings sind nur wenige junge Leute zu sehen (viele von ihnen waren umgekommen, sehr viele ins Ausland geflohen)<br \/>\nUnd F\u00e1tray redet sich bereits wieder ein, es k\u00f6nnte ja doch ein Versehen gewesen sein mit seinem Namen \u2013 und vielleicht hat es tats\u00e4chlich eine Verschw\u00f6rer-Gruppe gegeben, die sich rechtzeitig davon gemacht hat. K\u00e1d\u00e1r spricht und er spricht vom Verrat des Imre Nagy und vom Dreijahresplan, den es einzuhalten g\u00e4lte. F\u00e1tray trifft Kollegen, die sich alle so freuen ihn zu sehen! Sie sind wieder ein Herz und eine Seele: Es ist ja nichts passiert! Am Abend gehen sie mit Matyi ins Kino \u2013 ein sch\u00f6ner Feiertag!<br \/>\nSpir\u00f3s Roman ist eine \u00fcberzeugende Schilderung des Realen Sozialismus. In manchmal fast versteckten Bemerkungen legt der Autor die gesellschaftliche Atmosph\u00e4re, die Angst und die L\u00fcge, blo\u00df.<br \/>\nDer Einzelne f\u00fcgt sich, wie Dalos im Nachwort sagt, weil auch der Unbedeutendste und \u00c4rmste immer noch etwas zu verlieren hat.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner Verlag Nischen Verlag, 2012 ISBN: 978-3-9503341-1-7 Originaltitel: Tavaszi t\u00e1rlat, 2010 Bezug: Buchhandel, Preis: 22,80 Euro Spir\u00f3, der gro\u00dfartige Erz\u00e4hler, greift mit seinem Roman noch einmal die ganze Trag\u00f6die, aber auch die ganze Farce &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3040\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[272],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3040"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3040"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3040\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3042,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3040\/revisions\/3042"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3040"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3040"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3040"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}