{"id":3031,"date":"2013-02-27T21:22:32","date_gmt":"2013-02-27T21:22:32","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3031"},"modified":"2013-02-27T21:22:32","modified_gmt":"2013-02-27T21:22:32","slug":"rezension-gardonyi-geza-mit-der-nacht-vertraut","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3031","title":{"rendered":"Rezension: G\u00e1rdonyi, G\u00e9za &#8211; &#8222;Mit der Nacht vertraut&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/mit_der_nacht.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3032\" title=\"mit_der_nacht\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/mit_der_nacht.jpg\" alt=\"\" width=\"117\" height=\"176\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Hans Thurn<br \/>\nVerlag: Agentur des Rauhen Hauses, 1961<br \/>\nOriginaltitel: Szunyoghy miaty\u00e1nkja, 1913 &amp; 1916<br \/>\nBezug: Antiquariat<\/em><\/p>\n<p>In geselliger Runde erz\u00e4hlt ein junger Polizeioffizier und Kriminalagent, Dezs\u0151 Imrefi, wie allt\u00e4glich und auch wie seltsam die Jagd nach Verbrechern sein kann \u2013 und wie l\u00e4cherlich und voreingenommen er sich in der Woche zuvor angestellt hatte, als er einen fl\u00fcchtigen Dieb stellen wollte. Am Tag, als ihm Zwillinge geboren werden \u2013 und er nicht wei\u00df, wie er f\u00fcr zwei Kinder aufkommen soll, erh\u00e4lt er einen lukrativen Auftrag: F\u00fcr 2000 Gulden Pr\u00e4mie soll er einen Dieb, Betr\u00fcger und Hochstapler dingfest machen. Mit diesem Geld h\u00e4tte er keine Sorgen mehr. Voll Eifer macht sich Imrefi an die Arbeit. Da er annimmt, dass der junge Verbrecher sich au\u00dfer Landes bringen will, schifft er sich in Fiume ein. Schon vorher war ihm ein Mann aufgefallen, der sein Interesse erregt und sp\u00e4ter sein ganzes Jagdfieber anstacheln wird: Ein in einen grauen Lodenanzug gekleideter Mann, der als Gep\u00e4ck nur einen Pappkoffer mit sich tr\u00e4gt. Auf einem Auswandererschiff nach Amerika, auf dem der Polizist den Dieb vermutet, treffen sich die Beiden wieder. Dieser Landedelmann macht sich aber auch zu verd\u00e4chtig, indem er falsche Namen angibt! Sie kommen ins Gespr\u00e4ch, der Beamte tut so, als spiele er mit Selbstmordgedanken wegen einer Frau, um den Anderen zum Sprechen zu bringen und der Mann, Daniel Szunyoghy erz\u00e4hlt seine abenteuerliche, zum Teil unwahrscheinliche Lebensgeschichte:<br \/>\nAnkn\u00fcpfend an die vorgegebenen Selbstmordgedanken, versucht er Imrefi, der sich zur Tarnung Adolf Mayer nennt, davon abzuhalten: Der Lebenstrieb eines jeden Menschen sei so gro\u00df \u2013 und wenn nicht die Fantasie \u00fcberm\u00e4chtig w\u00fcrde, so n\u00e4hme sich niemand das Leben. Er selbst ist Sohn eines Maurers. Der Vater war sehr streng, und als er als kleines Kind unwissend eine Dummheit begeht, droht ihm die Mutter mit der Floskel: \u201eDer Vater schl\u00e4gt dich tot\u201c. \u2013 Der kleine Daniel nimmt das w\u00f6rtlich und rei\u00dft aus. Obwohl er nahe daran ist, nimmt er sich doch nicht das Leben. Rechtzeitig wird er zur\u00fcck gebracht \u2013 an eine Strafe ist nicht mehr zu denken. Jahre sp\u00e4ter er\u00f6ffnet ein Lehrer der Familie, welch kluges B\u00fcrschchen dieses Kind ist, das alles Geschriebene geradezu verschlingt. Weil er flei\u00dfig ist und Klassenprimus, erl\u00e4sst ihm die Beh\u00f6rde das Schulgeld. Einmal wird er unschuldig als Dieb verd\u00e4chtigt. Das trifft ihn so sehr, dass er wieder mit dem Gedanken an Selbstmord spielt; denn diese Schande wird er nicht \u00fcberleben k\u00f6nnen. Seine Unschuld wird aber erkannt \u2013 Lehrer und Mitsch\u00fcler tun so, als h\u00e4tten sie schon immer daran geglaubt \u2013 und Daniel f\u00fcgt sich wieder in die Gemeinschaft.<br \/>\nDiesem Daniel Szunyoghy scheint immer sehr schnell die Fantasie durchzugehen. Er malt sich die schrecklichsten Dinge aus \u2013 spielt mit dem Gedanken an Selbstmord \u2013 doch der Lebenswille beh\u00e4lt die Oberhand. Dazu kommt dann eine gl\u00fcckliche F\u00fcgung, welche die Dinge wieder ins Lot bringt.<br \/>\nUnterdessen berichtet der Polizeioffizier \u2013 wie in der Oper \u2013 \u201ebeiseite gesprochen\u201c \u2013 seiner Kollegenrunde und damit dem Leser, \u00fcber den Fortgang seiner Bem\u00fchungen, den Dieb zu fangen \u2013 und vor allem von seinem Misstrauen Szunyoghy gegen\u00fcber.<br \/>\nEr ist geradezu besessen von diesem undurchsichtigen Mitreisenden, der ganz sicher etwas zu verbergen hat und ihn an der Nase herumzuf\u00fchren scheint. In seinem blinden Eifer bemerkt er gar nicht, welch menschenfreundlicher Zeitgenosse Szunyoghy ist. Sein Schicksal geht ihm zwar nah \u2013trotzdem hat er sich in den Kopf gesetzt, ihn zu verhaften: \u201eNein, so einfach lasse ich diesen Mann nicht mehr aus meinen Klauen! Er ist ein Brandstifter. Wenn es aber nur das Haus w\u00e4re, das er angesteckt hat, m\u00fcsste er nicht ausrei\u00dfen! Vielleicht hat er auch jemanden umgebracht. Sicher sind auch seine H\u00e4nde mit Blut befleckt.\u201c Nun geht die Fantasie mit Imrefi durch. Er kann nicht mehr klar denken, obwohl er doch glaubt, beherrscht und kalt an die Sache heran zu gehen. Je mehr Szunyoghy Andeutungen von seinem Leben macht, die er sp\u00e4ter ausf\u00fchrt, umso mehr verbei\u00dft sich der Polizist in seine Vorstellung, dieser sei ein Verbrecher. Als Leser habe ich immer wieder den Eindruck, Daniel Szunyoghy habe ihn l\u00e4ngst durchschaut, treibe sein Spiel mit Andeutungen und nachgeschobenen autobiografischen Erkl\u00e4rungen mit ihm, um ihm eine Lehre zu erteilen, wie das Leben wirklich aussieht.<br \/>\nG\u00e1rdonyi, so der \u00dcbersetzer Hans Thurn im Nachwort, nimmt sp\u00f6ttisch die ungarische Gesellschaft der Jahrhundertwende auf die Schippe:<br \/>\nAus Langeweile und Lebens\u00fcberdruss denkt man schnell an Selbstmord \u2013 es ist geradezu eine Modeerscheinung. Vor allem die kleinen und gro\u00dfen Gutsbesitzer kommen schier um vor Langeweile: Da h\u00e4lt die verw\u00f6hnte Gattin eines Landwirts die \u201ePrimanerlyrik\u201c auf rosa Papier schon f\u00fcr gro\u00dfe Kunst und schmachtet nach Romantik. Klavier- und Geigespiel geh\u00f6rt zum guten Ton, auch wenn man nichts davon versteht (so wie Szunyoghys zweite Frau). Der R\u00fcckzug aufs Landleben ist en vogue \u2013 auch wenn die Dilettanten dabei gro\u00dfe Verluste machen. T\u00e4gliche gegenseitige Besuche geh\u00f6ren zu den Zerstreuungen, dabei werden Geschichten \u00fcber Aberglaube und k\u00fcnstlich gez\u00fcchtete Furcht als Sensation hochstilisiert. Der Landadel verspielt Hab und Gut, benimmt sich aber nach wie vor \u201eherrschaftlich\u201c \u2013 man hat Bedienstete, ohne sie bezahlen zu k\u00f6nnen &#8211; unter Stand wird nicht geheiratet. Ein Leben mit Arbeit zu verdienen ist unter ihrer W\u00fcrde. Andererseits kann man auch in den Adel und Grundbesitz einkaufen, wenn man reich genug ist.<br \/>\nEin Gegenspieler dieser Gesellschaft ist Daniel Szunyoghy, der sich erfolgreich in immer neuen Berufen versucht \u2013 und dabei die eigenh\u00e4ndige Arbeit sch\u00e4tzt. Er bereitet sich jeweils gr\u00fcndlich mit dem Studium von Lehrb\u00fcchern darauf vor. So war er nicht nur Lehrer, sondern auch Bergingenieur im Goldbergwerk und zuletzt Landwirt, Er sieht auch die Not seiner Mitmenschen: Ein Edelmann des Herzens. Seine erste Frau, Hedwig, ist die Verk\u00f6rperung von G\u00e1rdonyis Frauenideal: Flei\u00dfig, heiter, sch\u00f6n. Die Ehe mit ihr, die beste der Welt! Im Gegensatz dazu die zweite Ehe mit Margit, einer verw\u00f6hnten, verz\u00e4rtelten Frau, die nach unreifer Lyrik schmachtet. Daniel versucht vergeblich, sie f\u00fcr das Leben abzuh\u00e4rten. Da er sie liebt, l\u00e4sst er sie doch immer wieder gew\u00e4hren. Umso h\u00e4rter trifft ihn ihre Untreue. Wieder \u00fcberw\u00e4ltigt ihn fast die Fantasie und wieder tr\u00e4gt er sich mit Selbstmord\u00fcberlegungen. Doch auch dieses Mal findet er zu Haltung und Abstand. \u201eSpiro \u2013 spero\u201c \u201eich atme \u2013 also hoffe ich\u201c \u2013 war schon der Wahlspruch der Familie seiner ersten Frau \u2013 und ist auch der seine geworden.<br \/>\nIm Text laufen die philosophischen Ansichten des Autors mit, Aufkl\u00e4rung \u00fcber das reale Leben und dass man nichts zu ernst nehmen sollte: Auch wenn der Himmel bedeckt ist, wird doch die Sonne wieder einmal scheinen. Jeder Mensch hat die Chance einer neuen Begegnung und einer neuen Liebe.<br \/>\nNur so ist zu erkl\u00e4ren, dass sich Daniel Szunyoghy immer wieder am eigenen Schopf mit einer Portion Gl\u00fcck und Zuversicht aus dem Sumpf seiner Schicksalsschl\u00e4ge zieht.<br \/>\nDie Erz\u00e4hlung hat nat\u00fcrlich ein Happy End: Der Polizeioffizier entlarvt den Dieb und nimmt ihn fest. \u2013 Er stellt aber auch die Unschuld des vermeintlichen M\u00f6rders fest.<br \/>\nEin gut zu lesendes Buch, welches ganz im etwas antiquierten Stil um die Jahrhundertwende geschrieben ist \u2013 und uns daher einen guten Einblick in die damalige Gesellschaft gibt. Es empfiehlt sich, das Nachwort des \u00dcbersetzers zuerst zu lesen, in dem dieser berichtet, aus welchem Erlebnis G\u00e1rdonyi dieses Buch geschrieben hat &#8211; damit wir Leser von heute uns leichter in die damalige Gesellschaft hineinversetzen k\u00f6nnen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Hans Thurn Verlag: Agentur des Rauhen Hauses, 1961 Originaltitel: Szunyoghy miaty\u00e1nkja, 1913 &amp; 1916 Bezug: Antiquariat In geselliger Runde erz\u00e4hlt ein junger Polizeioffizier und Kriminalagent, Dezs\u0151 Imrefi, wie allt\u00e4glich und auch wie seltsam die Jagd &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3031\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[270],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3031"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=3031"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3031\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":3034,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/3031\/revisions\/3034"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=3031"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=3031"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=3031"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}