{"id":3008,"date":"2013-01-12T10:02:52","date_gmt":"2013-01-12T10:02:52","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3008"},"modified":"2013-02-27T21:57:11","modified_gmt":"2013-02-27T21:57:11","slug":"rezension-polcz-alaine-frau-an-der-front","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=3008","title":{"rendered":"Rezension: Polcz, Alaine &#8211; &#8222;Frau an der Front&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/frau_an_der.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-3009\" title=\"frau_an_der\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/02\/frau_an_der.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"250\" \/><\/a><em>Ein Bericht<br \/>\nAus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer<br \/>\nVerlag Suhrkamp, 2012<br \/>\nISBN: 978-3-518-42306-6<br \/>\nOriginaltitel: Asszony a fronton. Egy fejezet \u00e9lemb\u0151l, 1991 &amp; 2005<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: Euro 22,95<\/em><\/p>\n<p>Von diesem Buch kommt man so schnell nicht wieder los: \u201eFrau an der Front\u201c, die Leiden einer jungen Frau, die 1944 auf der Flucht in die Frontlinie ger\u00e4t. Die Autorin schreibt direkt und ohne Pathos. Die schrecklichsten Dinge habe sie gar nicht aufgeschrieben, wie sie sagt. F\u00fcnfundvierzig Jahre sp\u00e4ter erz\u00e4hlt sie von diesen Monaten auf der Flucht. Vorher durfte in Ungarn nicht dar\u00fcber gesprochen werden \u2013 unsagbar, dass das siegreiche Brudervolk, die Sowjets, sich so bestialisch benommen h\u00e4tten: \u201eIn Ungarn l\u00f6ste das Buch 1991 bei seinem Erscheinen ungl\u00e4ubiges Entsetzen aus\u201c, wie es in der Verlagsinformation hei\u00dft \u2013 \u201eobwohl es doch bekannt war. [\u2026] Inzwischen ist das Buch in elf Sprachen \u00fcbersetzt und z\u00e4hlt heute zu den bedeutendsten Lebenszeugnissen von Frauen aus den Jahren des Zweiten Weltkriegs in Mitteleuropa\u201c.<\/p>\n<p>Ende M\u00e4rz 1944 heiratet Alaine Polcz in Kolozsv\u00e1r\/Siebenb\u00fcrgen den angehenden Dichter und Journalisten J\u00e1nos. Sie ist sehr verliebt, sp\u00fcrt aber bald, dass er sie nicht liebt. Er spricht kaum mit ihr und beachtet sie nicht. Bis zum Ende ihrer Ehe wei\u00df Alaine nicht, warum er sie eigentlich geheiratet hat. Schon auf der Hochzeitsreise betr\u00fcgt J\u00e1nos sie und steckt sie an mit Gonorrh\u00f6. Alaine f\u00fchlt sich sehr unsicher und allein, vertraut sich aus Scham aber niemandem an.<br \/>\nEinmal, 45 Jahre sp\u00e4ter, muss sie dar\u00fcber reden \u2013 nach so vielen Jahren \u2013 obwohl sie inzwischen dar\u00fcber steht \u2013 aber es besch\u00e4ftigt sie; ihre ungl\u00fcckliche grausame Ehe und das brutale Leben zwischen den Fronten:<br \/>\nSchon bald nach ihrer Hochzeitsreise besetzen deutsche Soldaten Klausenburg. Alaine f\u00e4ngt an sich zu f\u00fcrchten, als ihre Freunde den gelben Stern tragen m\u00fcssen und verschleppt werden. Chaos bricht aus. Das Ehepaar versucht zu helfen und zu retten, doch viel k\u00f6nnen sie nicht tun. W\u00e4hrenddessen geht bei der \u201enormalen\u201c Bev\u00f6lkerung das gesellschaftliche Leben weiter, Theater, Kino, Restaurantbesuche, Ausfl\u00fcge \u2013 bis zum 23. August, als die rum\u00e4nische Regierung den Pakt mit Hitler aufk\u00fcndigt und sich mit den Sowjets verb\u00fcndet. Die Ungarn im Land sind in Gefahr und die Familie entschlie\u00dft sich zur Flucht nach Budapest. Dort kommen sie im September unter st\u00e4ndigen Fliegerangriffen an. \u201eErz\u00e4hle ich zuviel von Luftangriffen? [\u2026] Die Vorstellung, dass die Atombombe aus gro\u00dfer H\u00f6he abgeworfen wird und sch\u00f6n still herabsegelt, wirkt beruhigend auf mich [\u2026] keine Todesschreie \u2026 und wir w\u00fcrden einfach zu Asche. Kein Wort der Klage k\u00e4me \u00fcber meine Lippen.\u201c<br \/>\nDie Beiden fahren weiter nach Cs\u00e1kv\u00e1r, zu J\u00e1nos Mutter, die dort im Esterh\u00e1zy-Schloss Haush\u00e4lterin ist. Mit der g\u00fctigen, herzlichen Mami versteht sie sich gut. Zusammen werden sie noch viel aushalten m\u00fcssen. \u201eMami war das anst\u00e4ndigste Gesch\u00f6pf, das ich jemals kennen gelernt hatte\u201c. Das Schloss in Cs\u00e1kv\u00e1r steht unter dem Schutz des Schweizerischen Roten Kreuzes und Alaine als ausgebildete Krankenschwester engagiert sich, bis das Lazarett weiterziehen muss.<br \/>\nEs wird Winter, die Front r\u00fcckt n\u00e4her, die Deutschen besetzen das Schloss. Die kleine Familie zieht in eine leer stehende Forsth\u00fctte, bringt die franz\u00f6sisch-j\u00fcdischen Kriegsgefangenen in Sicherheit. Am 1. Weihnachtsfeiertag tauchen die Russen auf, nehmen alles an sich, was sie brauchen k\u00f6nnen; sie leben mit den Fl\u00fcchtlingen zusammen: Tag und Nacht \u2013 ein ewiges Gehen und Kommen, die Trupps l\u00f6sen sich st\u00e4ndig ab: einmal kommen rum\u00e4nische Soldaten, dann wieder die Russen. &#8211; Alaine lernt schnell etwas Russisch \u2013 und versteht, dass alle auf Stalins Gesundheit einen Schnaps trinken m\u00fcssen, sonst seien sie Feinde. \u201eHerrgott, wie naiv ich damals war, ich ahnte nicht, dass man sich vor ihnen f\u00fcrchten musste.\u201c<br \/>\nEines Tages wird J\u00e1nos mit anderen M\u00e4nnern von Partisanen verhaftet. Da nun die M\u00e4nner weg sind, haben die Russen freie Hand: Sie fordern Alaine auf, mitzukommen. \u201eIch wusste genau, was sie wollten, ich wei\u00df nicht woher, aber ich wusste es.\u201c Sie wehrt sich, aber es n\u00fctzt ihr nichts. \u201eIch wei\u00df nicht, wie viele Russen danach noch \u00fcber mich dr\u00fcbergingen, auch nicht wie viele davor. Als es d\u00e4mmerte, lie\u00dfen sie mich allein\u201c. \u201e[\u2026] Es war Gewalt.\u201c Sie holen jede Frau, selbst Mami \u2013 die Frauen werden krank, manche sterben. Auch Alaine wird krank, steckt sich bei den Soldaten an. Die Tage reihen sich endlos aneinander, dazu der Hunger, der Durst. Wasser gibt es nur zum Trinken, nicht zum Waschen. Es wird geschossen \u2013 oder es ist still. Mal fallen die Russen \u00fcber sie her, mal die Deutschen. Manchmal m\u00f6chte sie sterben, aber so schnell stirbt man nicht! Die Frauen brauchen immer wieder etwas Lebensnotweniges von den Russen, daf\u00fcr m\u00fcssen sie sich hinlegen. Mami hat Milch n\u00f6tig: \u201eF\u00fcr einen Becher Milch habe ich mich hingelegt\u201c. [\u2026] Auch die Matratze hatte ihren Preis. [\u2026] Im Krieg wird man sich selbst zum Monstrum\u201c.<br \/>\nManchmal werden sie auch von den Russen geholt, um im gefrorenen Boden Sch\u00fctzengr\u00e4ben auszuheben. Eines Tages, als sie schon fast am Verhungern ist, schenkt ihr eine Frau Brot: \u201eDas Gl\u00fcck des Brotes, das Gl\u00fcck des Essens, das Gl\u00fcck der G\u00fcte\u201c.<br \/>\nSchloss Esterh\u00e1zy wird schwer demoliert. Deutsche und Russen lassen ihre Wut daran aus. Die Russen fordern sie als Krankenschwester. Grauenvolles muss sie sehen \u2013 sie mag es nicht niederschreiben.<br \/>\nSchlie\u00dflich wird das Dorf evakuiert. Zu dritt machen sie sich auf den Weg nach Budapest. Nach Cs\u00e1kv\u00e1r kommt es ihr dort geradezu geordnet und friedlich vor.<br \/>\nAlaine ist v\u00f6llig verdreckt, verlaust und krank. Erleichtert, dass ihre Mutter am Leben ist, kann sie sich nicht mehr freuen, alles ist ihr gleichg\u00fcltig geworden. Die Mutter will nicht glauben, dass die Russen allen Frauen Gewalt angetan hatten. Sie verbittet es sich, solche \u201eWitze\u201c zu machen.<br \/>\nIrgendwann rappeln sie sich auf und brechen auf nach Kolozsv\u00e1r, die Mutter, der Bruder Egon, seine Frau M\u00e1rta und Alaine.<br \/>\nUnterwegs m\u00fcssen sie umsteigen, versehentlich streift sie die Seidenstr\u00fcmpfe einer Frau, die sich dar\u00fcber schrecklich aufregt. &#8211; Der ganz normale Wahnsinn. &#8211; Alaine ist verbl\u00fcfft; ihr wird klar, dass auch diese Welt bereits wieder existiert. \u201eMeine Probleme waren viel bedr\u00e4ngender. Ich konnte aus dem Dunstkreis von Tod, Hunger und Schmutz noch nicht heraustreten.\u201c In Kolozsv\u00e1r herrscht bereits Frieden, mit ausreichend Lebensmitteln, in den Schaufenstern sch\u00f6ne Auslagen. Alaine w\u00fcrde sich gern an der Universit\u00e4t einschreiben, sie will ja \u00c4rztin werden, doch die Fiebersch\u00fcbe beginnen wieder; sie wird todkrank, hat Wasser in der Lunge, Bauch- und Brustfellentz\u00fcndung. Von ihren Erfahrungen vermag sie nichts zu erz\u00e4hlen, das hier ist eine andere Welt \u2013 man w\u00fcrde ihr nicht glauben. Hier haben sie keine Angst vor den Russen. &#8211; Alaine ist sich sicher, dass sie bald sterben wird \u2013 dar\u00fcber sprechen darf sie nicht; der Tod ist tabu. Als es ihr besonders schlecht geht, hat sie die Vision des \u201eTotenkreuzes\u201c: Sie sieht ihr ganzes Leben wie durch ein umgedrehtes Fernglas \u2013 alles r\u00fcckt in die Ferne, wird leicht und unwichtig. Alle ihre Lebensentw\u00fcrfe, alles was sie durchgemacht hat, schrumpft winzig klein zusammen \u2013 \u201edas war keine Gleichg\u00fcltigkeit, keine Apathie, sondern das Erkennen einer anderen Zeitdimension. [\u2026] Dieses befreiende, leichte Gef\u00fchl, diese Erkenntnis, dass es egal war, ob zwanzig oder achtzig Jahre \u2013 das erf\u00fcllte mich mit Freude und gab mir Ruhe.\u201c<br \/>\nAllm\u00e4hlich bessert sich ihr Zustand, sie will wieder leben und sie schreibt sich f\u00fcr Psychologie ein, als ihr klar wird, dass sie ein Medizinstudium nicht durchstehen w\u00fcrde.<br \/>\n1945 wird Siebenb\u00fcrgen Rum\u00e4nien zugesprochen, f\u00fcr die Ungarn ein harter Schicksalsschlag. Alaine geht illegal \u00fcber die Grenze, um J\u00e1nos zu sehen, der in Kriegsgefangenschaft ist. Nach seiner Freilassung schleust sie ihn in Siebenb\u00fcrgen ein \u2013 doch vergebens. Ungarische B\u00fcrger bekommen keine P\u00e4sse, keine Arbeitserlaubnis. Sie m\u00fcssen wieder fliehen \u2013 seinetwegen. Sie selbst w\u00e4re nie auf die Idee gekommen, Siebenb\u00fcrgen zu verlassen. Ihr wird klar, dass sie den gef\u00fchlskalten Mann verlassen muss, wenn sie nicht zugrunde gehen will, gerade, weil sie ihn immer noch liebt. Drei Jahre lang verbringt sie schwerkrank im Bett, bis sie Mikl\u00f3s M\u00e9sz\u00f6ly kennen lernt, der sie wieder ins Leben zur\u00fcckholt. 1949 heiraten sie.<br \/>\nNach 45 Jahren, als sie ihre Geschichte endlich erz\u00e4hlen kann, sieht sie \u201emeine Ehe im Krieg wie ein privates Fresko, an die Mauer Weltgeschichte gepinselt\u201c.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Bericht Aus dem Ungarischen von Lacy Kornitzer Verlag Suhrkamp, 2012 ISBN: 978-3-518-42306-6 Originaltitel: Asszony a fronton. 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