{"id":298,"date":"2011-06-24T20:23:18","date_gmt":"2011-06-24T20:23:18","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=298"},"modified":"2012-05-19T20:01:04","modified_gmt":"2012-05-19T20:01:04","slug":"rezension-peter-nadas-die-bibel","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=298","title":{"rendered":"Rezension: N\u00e1das, P\u00e9ter &#8211; &#8222;Die Bibel&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_bibel.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2414\" title=\"die_bibel\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_bibel.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"251\" \/><\/a><em>Erz\u00e4hlung<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Ruth Futaky<\/em><br \/>\n<em> Verlag Berlin Verlag, 2009 ; ISBN:978-3-8270-0712-4<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: A Biblia, (1962), 1967<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel Preis: Euro 18,00<\/em><\/p>\n<p>1962 hatte N\u00e1das diese Erz\u00e4hlung als 20j\u00e4hriger geschrieben. 1965 erschien die Novelle als sein Erstlingswerk und erregte gleich geh\u00f6rig Aufmerksamkeit. Der Erz\u00e4hler ist der Junge Gyuri zu Beginn seiner Pubert\u00e4t. Die Geschichte spielt in den 50er Jahren in Budapest. Noch ist R\u00e1kosi Parteisekret\u00e4r und die \u201eNeue Klasse\u201c der Kommunisten versucht sich in den zur\u00fcckgelassenen Villen und Lebensgewohnheiten der einstmals b\u00fcrgerlichen Schicht einzurichten. Wie N\u00e1das in einem Interview sagt, wollte er diese \u201eNeue Klasse\u201c durch die Beobachtungen eines Kindes zeigen, genauso wenig unschuldig und genauso grausam:<br \/>\nGyuri lebt mit seinen Gro\u00dfeltern und Eltern, hohen kommunistischen Funktion\u00e4ren, in einer Villa auf dem \u201eH\u00fcgel\u201c, einer sehr privilegierten Gegend in Budapest. Der fast blinde Gro\u00dfvater war Uhrmacher gewesen, die Gro\u00dfmutter Zimmerm\u00e4dchen. Ihre Tochter hat es in dieser neuen Zeit \u201ezu etwas\u201c gebracht. Ein Chauffeur steht zur Verf\u00fcgung, doch das Haus verrottet ohne die n\u00f6tige Pflege. Der Junge ist haupts\u00e4chlich sich selbst \u00fcberlassen und langweilt sich. Der Vater begr\u00fc\u00dft ihn t\u00e4glich nur mit \u201eWas gibt\u2019s, alter Junge? Wie war\u2019s in der Schule?\u201c Mehr interessiert ihn nicht, er wartet nicht einmal eine Antwort ab. Eine Vater-Sohn-Beziehung kennt der Junge nicht. Die Mutter schwankt zwischen Ungeduld mit dem Heranwachsenden in der knappen Zeit, die sie bei ihren hohen Aufgaben er\u00fcbrigen kann, und manchmal \u00fcbertriebener Z\u00e4rtlichkeit, die aber noch dem Kind gilt. Der Junge ist hin- und hergerissen zwischen Sehnsucht nach Zuwendung, Verstocktheit und trotziger Zerst\u00f6rungswut, deren Folgen er nicht absch\u00e4tzen kann. Gleich zu Beginn erz\u00e4hlt er n\u00e4mlich, wie er den Tod seines Hundes verschuldet, als der ihn bei einer wilden Rauferei ein wenig in die Wade bei\u00dft und Gyuri in daraufhin so schl\u00e4gt, dass der Hund wenige Tage darauf stirbt. Der Junge ist schuldbewusst, schweigt aber.<br \/>\nEines Tages beschlie\u00dfen die Eltern, sich \u201eein Dienstm\u00e4dchen zu nehmen\u201c. Die Gro\u00dfmutter will ihre Position im Haushalt nicht verlieren und protestiert, der Junge ist aufgeregt: Ein M\u00e4dchen vom Lande! Das kennt er nur aus seinen B\u00fcchern.<br \/>\nInzwischen sucht er Kontakt mit dem selbstbewussten Nachbarm\u00e4dchen Eva. Dabei prahlt er mit dem, was sich seine Eltern leisten k\u00f6nnen, doch Eva kann ihn bei allem \u00fcbertrumpfen.<br \/>\nAls das Dienstm\u00e4dchen Szidike ankommt, versucht Gro\u00dfmutter Eindruck zu schinden, die \u201eGn\u00e4dige\u201c zu spielen. Gyurka soll Szidike den Garten zeigen; er \u00e4rgert sich aber, dass sie in ihm noch den kleinen Jungen sieht. Das neue M\u00e4dchen muss mit der Familie am Tisch essen und hochm\u00fctig schweigend nimmt diese ihre Essmanieren zur Kenntnis. Dass sich die Eltern nun gar nicht mehr bei Tisch unterhalten \u2013 und er somit noch mehr aus ihrem Leben ausgeschlossen ist &#8211; bringt den Jungen gegen das Dienstm\u00e4dchen auf. Sich selbst \u00fcberlassen \u2013 mit den Eltern hat er den ganzen Tag noch kein Wort gewechselt \u2013 versucht er Szidike abends im Bad zu beobachten. Im Garten k\u00e4mpft er dabei zwischen Angst vor der Dunkelheit und seiner Neugier auf das M\u00e4dchen. Als er am n\u00e4chsten Tag mit dem Nachbarsm\u00e4dchen Ball spielt, versuchen beide, sich mit dem zu \u00fcbertrumpfen, was die Eltern k\u00f6nnen, und verzanken sich. Von der Mutter wieder einmal im Stich gelassen, sucht er ein Gespr\u00e4ch mit Szidike, spricht sie auf das Kreuz an, welches diese um den Hals tr\u00e4gt und prahlt damit ein ungl\u00e4ubiger Kommunist zu sein. Der Junge wei\u00df nicht wohin mit sich. Unruhig sucht er nach Menschen, denen er seine Probleme anvertrauen k\u00f6nnte und landet schlie\u00dflich beim B\u00fccherregal nach etwas Lesbarem. Dabei f\u00e4llt ihm Mutters Bibel in die H\u00e4nde, welche diese, als sie 1944 noch im Untergrund arbeitete, als Tarnung auf Flugbl\u00e4tter gelegt hatte; die Eltern f\u00fchlen sich ganz als Helden des Kommunismus. Gyuri bl\u00e4ttert er in dem Buch, st\u00f6\u00dft auf die Gebote, und wird noch gereizter. Schlie\u00dflich provoziert und beschuldigt er die b\u00fcgelnde Szidike mit scheinbaren Widerspr\u00fcchen; Angst und Wut brechen aus ihm heraus und er f\u00e4ngt an das heilige Buch zu zerfetzen. Szidike kann es ihm entwinden, vergisst dabei aber das B\u00fcgeleisen. Der Junge bemerkt, dass das darunter liegende Nachthemd versengt, doch rachs\u00fcchtig und schadenfroh macht er sie erst darauf aufmerksam, als es zu sp\u00e4t ist. Da bemerkt er, wie ungl\u00fccklich das M\u00e4dchen ist und auf einmal tut sie ihm leid.<br \/>\nAm n\u00e4chsten Morgen \u00fcberfallen ihn schon beim Aufwachen Angst und Scham. Alles ballt sich \u00fcber ihm zusammen wie eine einzige graue Wolke. Die Mutter ist noch ganz erf\u00fcllt vom Empfang beim Genossen R\u00e1kosi \u2013 Gyuri fallen bereits Ungereimtheiten auf &#8211; gleichzeitig beginnt er sich zu sch\u00e4men \u00fcber die Art und Weise, wie die Familie das Dienstm\u00e4dchen so herablassend behandelt. Doch wieder einmal schweigt er, als Gro\u00dfmutter mit dem versengten Nachthemd kommt und Szidike herunterputzt.<br \/>\nAls am Sonntag Besuch kommt, wird das ganze politische Klima der damaligen Zeit sichtbar: Einerseits will man sich herrschaftlich auff\u00fchren: Die Nachbarn, obwohl sie Garten an Garten wohnen, werden mit einem Auto gebracht, andererseits herrscht bereits diffuse Furcht: Gyurka f\u00fcrchtet sich von dem schwarzen Auto abgeholt zu werden, weil er gegen Evas Mutter solch ein loses Mundwerk gehabt hatte. Vor Angst und Scham wei\u00df er gar nicht, was er tun soll; doch nichts geschieht. Im allgemeinen Trubel wird das Dienstm\u00e4dchen beschuldigt, ein Tischtuch gestohlen zu haben. Als Gyuri sie verteidigt, bekommt er eine Ohrfeige. Da ist die Angst in ihm wie weggeblasen; denn ihm geht der Unterschied auf zwischen sch\u00f6nen Worten und Taten der Erwachsenen. Szidike, dem Dienstm\u00e4dchen h\u00e4tte er sich sicher mit der Zeit anvertrauen k\u00f6nnen, doch der gekr\u00e4nkte Stolz der Gro\u00dfmutter, die niemanden im Haushalt neben sich dulden will, treibt das M\u00e4dchen wieder fort. Gyuri wei\u00df, dass sie deswegen nicht mehr kommt, weil sie verd\u00e4chtigt wird und sagt das auch seiner Mutter. Die Eltern beschlie\u00dfen schlie\u00dflich, nach dem M\u00e4dchen zu sehen, Gyurka darf mitfahren. Die Mutter erstaunt sich \u00fcber die armseligen Geh\u00f6fte. Offenbar kennen die kommunistischen Funktion\u00e4re die harte Realit\u00e4t nicht, wissen nicht, wie die einfache Bev\u00f6lkerung leben muss. Sie treffen Szidike, ihre kranke Mutter und den kleinen Bruder, der rohe Kartoffelschalen isst, in der K\u00fcche ihres Bauernhofes an: Dort steht auf einer wei\u00dfen Decke ein Heiligenbild, daneben liegt die Bibel. Szidike beteuert, sie nicht gestohlen zu haben. Da bringt Gyurka endlich den Mut auf sie zu verteidigen und sagt, dass er ihr die Bibel gegeben habe. Die Mutter will die Bibel unbedingt wieder mitnehmen, bedeutet diese doch f\u00fcr sie eine sentimentale Erinnerung. Im Hinausgehen sieht der Junge, dass das Buch immer noch auf dem Tisch liegt, macht die Mutter jedoch nicht darauf aufmerksam \u2013 und so bleibt das heilige Buch da, wo sie hingeh\u00f6rt, bei Szidike, die es gerettet hat.<br \/>\nDas Buch ist ein hochpolitisches Buch, denn es schildert den Gegensatz zwischen eben jener neuen Klasse, die eigentlich die Arbeiterklasse repr\u00e4sentieren sollte, aber genau in die Fu\u00dfstapfen der hinausgeworfenen B\u00fcrger tritt \u2013 und sich in der neuen Situation \u00fcberhaupt nicht benehmen kann. Es sind Empork\u00f6mmlinge, die vergessen wollen, aus welcher Schicht sie eigentlich stammen. Dass N\u00e1das darauf zeigt, ohne die Missst\u00e4nde einmal tats\u00e4chlich mit Worten zu benennen, hat man schon dem jungen Autor \u00fcbel genommen. Als er sich \u201euneinsichtig\u201c zeigte, wurde er f\u00fcr acht Jahre mit Publikationsverbot belegt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erz\u00e4hlung Aus dem Ungarischen von Ruth Futaky Verlag Berlin Verlag, 2009 ; ISBN:978-3-8270-0712-4 Originaltitel: A Biblia, (1962), 1967 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 18,00 1962 hatte N\u00e1das diese Erz\u00e4hlung als 20j\u00e4hriger geschrieben. 1965 erschien die Novelle als sein Erstlingswerk und erregte &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=298\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[174],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/298"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=298"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2415,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/298\/revisions\/2415"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=298"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=298"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=298"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}