{"id":2940,"date":"2013-01-13T14:37:20","date_gmt":"2013-01-13T14:37:20","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2940"},"modified":"2013-01-13T14:38:20","modified_gmt":"2013-01-13T14:38:20","slug":"rezension-toth-krisztina-strichcode","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2940","title":{"rendered":"Rezension: T\u00f3th, Krisztina &#8211; &#8222;Strichcode&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/strichcode.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2944\" title=\"strichcode\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2013\/01\/strichcode.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"238\" \/><\/a>F\u00fcnfzehn erz\u00e4hlte Begebenheiten<br \/>\nAus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner, mit einem Nachwort von P\u00e9ter N\u00e1das<br \/>\nVerlag Bloomsbury-Berlin Verlag, 2011<br \/>\nISBN: 978-3-8270-1054-4<br \/>\nOriginaltitel: Vonalk\u00f3d<br \/>\nBezug: Preis: Euro 19,80<\/em><\/p>\n<p>Die Lyrikerin Krisztina T\u00f3th hat sich in Ungarn bereits mit ihren Gedichten einen Namen gemacht. Diese 15 Begebenheiten sind ihr erster Prosaband, hinter dem man ebenfalls die Dichterin sp\u00fcrt. Sie macht aus jeder Einzelszene eine ganze Geschichte, setzt Lebenslinien, ganz aus dem Verst\u00e4ndnis der jeweiligen Protagonistin, die immer die selbe sein k\u00f6nnte. Dabei sind die Episoden nicht chronologisch geordnet, sondern so, wie man sich pl\u00f6tzlich an verschiedene Erlebnisse aus Kindheit und Jugend erinnert. Alle Erz\u00e4hlungen spielen in der sp\u00e4ten K\u00e1d\u00e1r-Zeit, w\u00e4hrend des sogenannten Gulasch-Kommunismus: G\u00fcter aus dem Westen waren begehrt, doch meistens unerreichbar. Besonders Dinge mit einem Barcode, der in den 80er Jahren aufkam, erschienen wie aus einer fernen, geheimnisvollen und unerreichbaren Welt. Im Verlagstext hei\u00dft es dazu: \u201eDem Kindheits-Ich, das durch diese Geschichten huscht, war der Strichcode ein vertrautes Geheimnis. Ein untr\u00fcgliches Erkennungsmerkmal f\u00fcr Waren aus dem Westen, [\u2026] zugleich ein r\u00e4tselhaftes Zeichen, von dem es hie\u00df, es erfasse die Dinge in ihrem Wesen.\u201c &#8211; Und Kristina T\u00f3th erfasst die Dinge in ihrem Wesen. Da sie als Ich-Erz\u00e4hlerin schreibt, wirken ihre Begebenheiten autobiografisch und sehr authentisch. Sie sind brutal, drastisch und derb, skurril und fremd, aber auch ironisch und situationskomisch. Alle Erz\u00e4hlungen haben einen Untertitel, der mit Linien zu tun hat. Mit diesen Linien kartografiert Kristina T\u00f3th die Linien des Lebens, die Linien von Entt\u00e4uschung, Verlust, Missverst\u00e4ndnis, Krankheit und Tod. Der Begriff \u201eTodesarten\u201c f\u00e4llt mir beim Lesen immer wieder ein, wobei nicht nur der tats\u00e4chliche, der physische Tod gemeint sein muss, sondern auch die psychische Verletzung: \u201eIch bin 1000 Tode gestorben\u201c \u2013 ist ein Sprichwort, wenn man in die Enge getrieben oder blo\u00dfgestellt wird. Oder: \u201eAbschied ist ein kleiner Tod\u201c.<br \/>\nDie Autorin l\u00e4sst ihre Erz\u00e4hlungen beginnen mit einem Erlebnis, das sie als 20j\u00e4hrige hatte: Ein alter Mann, der wei\u00df, dass er sterben w\u00fcrde, bittet sie zum Abschied um einen Kuss. Sie tut, als h\u00e4tte sie nicht verstanden, ekelt sich vor Alter und Absterben. Sp\u00e4ter, als ihr dieser Zwischenfall wieder in den Sinn kommt, wei\u00df sie: \u201eIch war 20, unwissend, eine stolze Halb-Erwachsene, begriff nicht, dass er einen Abschiedskuss erwartete [ ] von der Lebenden ein allerletztes Geschenk\u201c.<br \/>\nSchon in der n\u00e4chsten Erz\u00e4hlung berichtet sie von den Kr\u00e4nkungen in ihrer Kindheit, wie sie beschuldigt wird, einen Schulkameraden geschubst zu haben, so dass er st\u00fcrzt und sich verletzt. Sie wird als \u201eSchuldige\u201c auserw\u00e4hlt, weil immer jemand schuld sein muss: (Ihr) \u201eName wird jetzt f\u00fcr immer und unab\u00e4nderlich die Person bezeichnen, die Rudas zu Boden gesto\u00dfen, die trotzig geschwiegen hatte\u201c. Von nun an ist ihr der eigne Name seltsam fremd, hat nichts mehr mit ihr zu tun. Und wer einmal schuldig war, wird es auch wieder. Als einer Mitsch\u00fclerin das Federm\u00e4ppchen aus dem Westen abhanden kommt, meldet sie sich als T\u00e4terin, um der erniedrigenden Erpressung durch den Lehrer ein Ende zu machen.<br \/>\nOft ist es zur\u00fcckgewiesene Liebe, Verrat, Betrug und Treuebruch, den sie in ihren Erz\u00e4hlungen thematisiert. Dabei ist es egal, ob sie dies als Kind, Jugendliche oder erwachsene Frau erlebt hat.<br \/>\nDie Politik wird zwar nur am Rande gestreift, als sie zuf\u00e4llig aus einer im Hintergrund laufenden Fernsehansage erf\u00e4hrt, dass K\u00e1d\u00e1r (1989) gestorben ist, aber die Historie und das Leben in dieser sozialistischen Gesellschaft ist immer pr\u00e4sent: So erf\u00e4hrt das Kind erst durch Zufall, dass die gr\u00e4sslichen Narben auf dem Bauch des Vaters doch nicht von einem Unfall herr\u00fchren, sondern weil auf ihn geschossen wurde, beim Versuch das Land illegal zu verlassen. Der Vater war damals 14 Jahre alt gewesen, und als Einziger von mehreren Jugendlichen am Leben geblieben. Man liest von den trostlosen 10-Etagen Mietsh\u00e4usern, die alle gleich aussehen, gleich eingerichtet und sehr hellh\u00f6rig sind. Man erf\u00e4hrt von Armut und Dreck, etwa in der Geschichte, als das Kind bei der Gro\u00dfmutter leben muss, w\u00e4hrend die Mutter im Krankenhaus liegt \u2013 und wieder eine Totgeburt hat. Die Gro\u00dfmutter ist eine Messie, die alles sammelt und aufbewahrt, mit ihrem Lebensgef\u00e4hrten Ameisenstra\u00dfen kartografiert, dabei aber das M\u00e4dchen v\u00f6llig verwahrlosen l\u00e4sst. Nur so wird erz\u00e4hlt, dass die Gro\u00dfmutter selbst ein Kind verloren hat \u2013 es war verhungert.<br \/>\nAuch die Erz\u00e4hlung \u201eDas Schloss\u201c bringt uns die sozialistische Gesellschaft nahe, als das M\u00e4dchen zu den Auserw\u00e4hlten geh\u00f6rt, welches die Ferien in einem kommunistischen Ferienlager verbringen darf: Alles wird ihnen abgenommen und verteilt, es herrscht Drill und Interesselosigkeit. Als das Kind an einer Blutvergiftung erkrankt, bekommt es lediglich Vitamintabletten. Und als es in der Nacht fiebrig nach der Aufsichtsperson sucht, sieht es voll Unverst\u00e4ndnis die \u201eTante\u201c mit dem Doktor: \u201eso als h\u00e4tte er beim Schubkarrenfahren gerade erst ihre Beine losgelassen\u201c.<br \/>\nDie Titelerz\u00e4hlung \u201eLauwarme Milch \u2013 Strichcode\u201c f\u00fchrt uns geradewegs zum Kern der damaligen Sehns\u00fcchte. Die Jugendliche erwartet ein M\u00e4dchen aus den USA als Gast. Nicht nur, dass sie sich mit ihr kaum verst\u00e4ndigen kann &#8211; sie muss ihr Zimmer gastfreundlich abtreten und sich auf den verw\u00f6hnten Gast einstellen. Der bringt Unruhe in ihr Leben, spannt ihr den Schulkameraden aus. Ihretwegen wird sie von der Lehrerin vor der ganzen Klasse blo\u00dfgestellt. Sie r\u00e4cht sich zwar, indem sie der Lehrerin eine zu Herzen gehende Geschichte ihrer angeblichen Leukemiekrankheit auftischt, doch der Triumph w\u00e4hrt nur, bis sie zu Hause ist. Da w\u00fcrde sie sich am liebsten das Leben nehmen.<br \/>\nDie Geschichten rei\u00dfen den Leser mit und werden ihn noch lange besch\u00e4ftigen: etwa von der unglaubliche Gleichg\u00fcltigkeit der Beh\u00f6rden, die aus giftiger Hochofenschlacke einen Schlittenbahnh\u00fcgel errichten lassen. Die Kinder lieben das schwarz glitzernde Material \u2013 unsere Erz\u00e4hlerin schnitzt sogar Perlen und kleine Kunstwerke daraus, oder wie in diesem vergifteten Klima von Spitzelei und Angst der Vater nicht einmal seinen Sohn sch\u00fctzen m\u00f6chte.<br \/>\nBewegend die Erz\u00e4hlung, wie sie als junge Frau nach Japan fliegt. Im Reisef\u00fchrer hatte sie gelesen, dass Touristen immer erstklassig behandelt w\u00fcrden, doch bereits bei der Einreise nehmen die Zollbeamten ihr Gep\u00e4ck ganz und gar auseinander, ohne ihr mitzuteilen, weswegen. Doch die Reise wird trotz allem sehr wichtig f\u00fcr sie; kann sie hier doch endlich alle ihre unerf\u00fcllbaren W\u00fcnsche begraben.<br \/>\nEine der st\u00e4rksten Episoden spielt in Paris. Auch hier die Dem\u00fctigung der Fremden im Einwandererb\u00fcro. Sie lebt als Stipendiatin von einigen \u00dcbersetzungen in einem elenden Loch, welches ihre Vorg\u00e4ngerin total vergammelt hinterlassen hatte. Die junge Frau geht kaum aus, spricht nur mit wenigen Menschen, isst wochenlang das gleiche billige Gericht. Neben ihr wohnt ein Mann, ein Widerling, der die Toilette grunds\u00e4tzlich unsauber verl\u00e4sst. Als die Beiden eines Abends w\u00fctend aufeinanderprallen und sich beschimpfen, beginnen sie pl\u00f6tzlich eine wilde Aff\u00e4re. Sie sp\u00fcrt: Weder mit ihr noch mit ihrem Freund Mikl\u00f3s, der ohnehin inzwischen zum Phantom geworden ist, hat das zu tun. Der Fremde kommt ihr vor wie ein Nachtmahr, der am Tag wieder verschwindet. Als Mikl\u00f3s eines Tages zu Besuch kommt, gehen sie zusammen in eine Bar: Dort spielt der Fremde in einer Band, als Saxophonist.<br \/>\nIn den meisten Geschichten f\u00fchlt sich die Erz\u00e4hlerin verlassen, verprellt, hintergangen \u2013 Todesarten des Lebens eben.<br \/>\nEin lesenswertes Buch, in dem man sich wohl manches Mal selbst wieder erkennt; denn wer h\u00e4tte sich nicht schon ungerecht behandelt, blo\u00dfgestellt oder hintergangen gef\u00fchlt. Aber wie Krisztina T\u00f3th daraus eine Geschichte macht, das ist eben ihre Kunst.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>F\u00fcnfzehn erz\u00e4hlte Begebenheiten Aus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner, mit einem Nachwort von P\u00e9ter N\u00e1das Verlag Bloomsbury-Berlin Verlag, 2011 ISBN: 978-3-8270-1054-4 Originaltitel: Vonalk\u00f3d Bezug: Preis: Euro 19,80 Die Lyrikerin Krisztina T\u00f3th hat sich in Ungarn bereits mit ihren Gedichten einen &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2940\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[264],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2940"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2940"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2940\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2945,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2940\/revisions\/2945"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2940"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2940"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2940"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}