{"id":2918,"date":"2012-12-07T14:06:17","date_gmt":"2012-12-07T14:06:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2918"},"modified":"2012-12-07T14:09:20","modified_gmt":"2012-12-07T14:09:20","slug":"fejto-francois-ferenc-reise-nach-gestern","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2918","title":{"rendered":"Rezension: Fejt\u0151, Fran\u00e7ois (Ferenc) &#8211; &#8222;Reise nach Gestern&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/die_reise_nach.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2919\" title=\"die_reise_nach\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/12\/die_reise_nach.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"249\" \/><\/a><em>Reisetagebuch<br \/>\nAus dem Ungarischen \u00fcbersetzt und herausgegeben: Agnes Relle<br \/>\nVerlag Matthes &amp; Seitz, Berlin, 2012<br \/>\nISBN: 978-3-88221-552-6<br \/>\nOriginaltitel: \u00c9rzelmes utaz\u00e1s, 1936<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: Euro 29,90<\/em><\/p>\n<p>Fejt\u0151 macht 1934 als 25j\u00e4hriger junger Mann eine Reise nach Kroatien, um seine Verwandten zu besuchen, zum ersten Mal wieder nach dem Krieg. Ungarn hat nach dem Schiedsspruch von Trianon mit einem Schlag 2\/3 seiner Bev\u00f6lkerung verloren. Grenzen sind zu \u00fcberwinden, die vorher nicht da waren. Ferenc Fejt\u0151 hat zu diesem Zeitpunkt eine einj\u00e4hrige Haftstrafe hinter sich, weil er an der Universit\u00e4t P\u00e9cs einen marxistischen Studienkreis gegr\u00fcndet hatte. Als er im Gef\u00e4ngnis tats\u00e4chlich die Schriften von Marx, Engels, Rosa Luxemburg und anderen liest, wendet er sich total von der kommunistischen Ideologie ab, unterst\u00fctzt durch seinen Freund Attila J\u00f3zsef. Kurz nach seiner Freilassung heiratet er. Weiter studieren darf er nicht, seine fertige Promotionsarbeit wird annulliert. Fejt\u0151 wird Journalist.<\/p>\n<p>Akribisch f\u00fchrt er Tagebuch: Jede Beobachtung wird ihm zur Geschichte, wie er sp\u00e4ter bemerkt. Diese Notizen gibt er unter dem Titel \u201eZagreber Tagebuch\u201c in der wichtigen Literaturzeitschrift Nyugat (1936) heraus. L\u00e1szl\u00f3 Dorm\u00e1ndi verlegt das Reisetagebuch 1989 in Ungarn neu, diesmal mit dem Titel \u201e\u00c9rzelmes utaz\u00e1s\u201c (Sentimentale Reise). Fejt\u0151 steuert die Kommentare zu den Fotos bei, die sp\u00e4ter, in der \u00dcbersetzung von Agnes Relle auf Deutsch, weiter erg\u00e4nzt werden.<\/p>\n<p>Fejt\u0151 lockt den Leser mit leichtem Plauderton immer wieder in \u00fcberraschende Situationen, die er als Miniaturerz\u00e4hlungen in seine Aufzeichnungen schiebt: Die kleinen Feuilletons wenden sich einmal Freunden und Verwandten zu, dann wieder abgelenkt vom Blick in die Landschaft. Gleich darauf stellt der Journalist politische und gesellschaftliche Zusammenh\u00e4nge vor oder gestattet uns einen Blick in sein Innenleben.<br \/>\nIn diesen Streifz\u00fcgen nach Zagreb und Dalmatien, bei denen er nach seinen m\u00fctterlichen und v\u00e4terlichen Wurzeln sucht, reist er nicht nur ins Land seiner Kindheit und seiner Vorfahren, er macht auch eine Reise in sein Innerstes, kl\u00e4rt seine Gedanken, findet und benennt seinen Standpunkt.<br \/>\nDie Reise beginnt am 27. Juni 1934, und schon der Grenz\u00fcbertritt ins nun fremde Land bereitet ihm \u2013 wie auch den Mitreisenden Sorge. Sie haben den Eindruck des Unrechtm\u00e4\u00dfigen, wenn sie als Ungarn \u00fcber die Grenze nach Jugoslawien fahren. Dies Land ist ihm heute \u201efremd-vertraut\u201c. Er erkennt vieles aus seiner Kindheit, aus den Ferien bei den Gro\u00dfeltern wieder \u2013 und doch ist es ein k\u00fchles Land f\u00fcr ihn geworden. Er trifft die Familie seine Schwester wieder, Onkel und Tanten, Cousinen und Vettern tauchen auf; er macht Besuche und er wird eingeladen. Mit jeder Figur rollt er die weitschweifige, farbige Familiengeschichte weiter auf. Dazu gibt er zauberhafte Landschaftsbeschreibungen, so dass man als Leser richtig Lust bekommt, dieses Land zu besuchen \u2013 um es mit den Eindr\u00fccken des jungen Mannes damals zu vergleichen. Kroatisch spricht er nur sehr ungen\u00fcgend. Ungarisch will man in Kroatien nur ungern sprechen &#8211; aber mit Deutsch kommt er \u2013 1934 &#8211; fast \u00fcberall weiter. Vor allem der gebildete B\u00fcrger spricht Deutsch. Zagreb ist f\u00fcr Fejt\u0151 die Heimatstadt \u2013 obwohl er dort nicht geboren ist. Schon als kleiner Junge verliert er seine Mutter und kommt zu den Verwandten nach Zagreb. Zagreb, eine liebensw\u00fcrdige \u00f6sterreichische Stadt. \u00dcberlall noch k.u.k. \u2013 auch jetzt noch, nach Trianon!<br \/>\nEr besucht Tante Toni, die Schwester seiner Mutter, ihren Bruder, Onkel Otto, der, Junggeselle, liebensw\u00fcrdiger Kauz und \u00fcberzeugter Kroate die Familie zusammenh\u00e4lt, die z. Tl. schrullige und versnobte Verwandtschaft, die nach dem Krieg zerstreut in Ungarn, auf dem Balkan und in Italien lebt.<br \/>\nFejt\u0151 h\u00f6rt, dass auf dem Land gro\u00dfe Not herrsche \u2013 doch hier in der Stadt merkt man nichts davon: \u201e In Zagreb gibt es noch ein B\u00fcrgertum, aufstrebend, lachend, selbstsicher, das seine H\u00f6chstform noch nicht erreicht hat, das nichts von seinem Todesurteil wissen will.\u201c<br \/>\nEr spricht mit den Redakteuren verschiedener Zeitungen, mit Parteif\u00fchrern und dem gro\u00dfen Schriftsteller Krle\u017ea. sie alle versuchen ihre eigenen Tr\u00e4ume, Ideologien und Ideale durchzusetzen &#8211; das B\u00fcrgertum wird in jedem Fall untergehen.<br \/>\nOnkel Otto \u00fcberreicht ihm eines Tages die Briefe seiner Mutter, die er f\u00fcr Ferenc aufbewahrt hatte. Zunehmend elektrisiert liest er die Briefe der jungen Frau an ihren Cousin, die sich so ungl\u00fccklich in der erzwungenen Ehe f\u00fchlte, dass sie eines Tages, im siebten. Monat schwanger mit Nada, der \u00e4lteren Schwester, zu ihren Eltern zur\u00fcckging. Sie heiratet wieder, Ferenc\u2019 Vater, Buchh\u00e4ndler und Verleger, wie Gro\u00dfvater F\u00fcl\u00f6p. Dieser war erst nach 1848, mittellos als Setzer, aus B\u00f6hmen nach Nagykanizsa gekommen. \u201eDer Gro\u00dfteil der Zuwanderer in Nagykanizsa kam ganz wie mein Gro\u00dfvater aus dem Westen, aus \u00d6sterreich, aus B\u00f6hmen. Sie stammten aus dem B\u00fcrgertum, hatten ihre Wurzeln verloren, waren aber voll Bereitschaft und F\u00e4higkeit, Wurzeln zu schlagen. Gern und ohne Vorbehalte verzichteten sie auf ihr nationales Brauchtum. Ungar zu sein bedeutete f\u00fcr sie, Mitglied einer freundlichen Gemeinschaft zu sein. [\u2026]\u201c<br \/>\nDamals war Nagykanizsa eine aufstrebende Stadt, bis sich kommunistische Agitatoren ihrer bem\u00e4chtigten, die Streiks kein Ende nehmen wollten und ein Betrieb nach dem anderen Insolvenz anmelden musste. Heute, 1934, ist Nagykanizsa eine triste graue Stadt, nach dem Krieg abgeschnitten vom Hinterland. Durch die ganze Stadt zieht der bedr\u00fcckende \u201eGeruch der Armut\u201c.<br \/>\nMit wachem Geist und neugieriger Beobachtung nimmt der junge Mann die Str\u00f6mungen der Unruhe, des Nationalismus, des sich ausbreitenden Kommunismus im Balkan auf. Der n\u00e4chste Krieg liegt schon in der Luft. Nicht nur Schwager Ivica spricht bereits davon. Knallhart formuliert es der Maler Dubrovi\u0107, ein Revoluzzer-Typ, der als Serbe in P\u00e9cs geboren wurde und dort aufwuchs: \u201eIm n\u00e4chsten Jahr werden hier schon die Bomben fliegen\u201c. Es ging nicht ganz so schnell, aber es liegt etwas in der Luft: \u00fcberstr\u00f6mende Lebensfreude, Lebensgier und Melancholie, Vergn\u00fcgungssucht und bittere Armut.<br \/>\nFejt\u0151 trifft viele Menschen, sucht Begegnungen, will Stimmungen einfangen, die Meinungen von Schriftstellern, Journalisten, Parteig\u00e4ngern und einfachen Leuten h\u00f6ren \u2013 und sich selbst eine Meinung bilden.<br \/>\nWie eine Pr\u00e4ambel wirkt die Reise zu seinen Verwandten, bevor die eigentliche Reise mit dem Schiff entlang der dalmatinischen K\u00fcste beginnt. Nun hat er die Ruhe und die Zeit, die Reise zu sich selbst zu unternehmen. Es w\u00e4re gut, den Frieden mit der Welt zu schlie\u00dfen.<br \/>\nAls Reisender muss er nun mit jedem Filler rechnen. Viel kann er sich nicht erlauben. Die Unterk\u00fcnfte sind meist schlecht und voll Ungeziefer. Dennoch, er will etwas sehen von der Welt, von der er noch nichts kennt. Er will die Sch\u00f6nheit der Landschaft in sich aufnehmen, Bekanntschaften machen und viele Meinungen kennen lernen.<br \/>\nSeine Mitreisenden kommen aus allen Teilen der \u201eAlten Welt\u201c der k.u.k.-Monarchie: Tschechen, Slowaken, \u00d6sterreicher, Serben, Ungarn. Dazu Deutsche, Franzosen und Engl\u00e4nder.<br \/>\nAllm\u00e4hlich hat er das Gef\u00fchl, seine \u00dcberzeugungen revidieren zu m\u00fcssen, sich mit seinem Leben zu vers\u00f6hnen. Sehr deutlich sp\u00fcre ich, dass sich alle meine Ansichten ge\u00e4ndert haben. [\u2026].Ich geh\u00f6re zu einer Generation, die eine in allen Fugen knirschende Welt vorfand [\u2026].Wir waren S\u00f6hne des B\u00fcrgertums\u2026<br \/>\nSo wie er bei seinen Verwandten ganz allm\u00e4hlich deren Familiengeschichte zu Tage gef\u00f6rdert und rekonstruiert hatte, so f\u00f6rdert er nun seine eigene Meinung und Weltsicht zu Tage, Ziele, die er sich f\u00fcr sein weiteres Leben vornimmt: Freiheit und Verantwortung, die M\u00f6glichkeit zum Ketzertum, Disziplin, kluger Mut und die n\u00f6tige Feigheit. Er f\u00fchlt sich durch und durch als B\u00fcrger und hat doch ein Herz f\u00fcr die Schwachen und Ausgesto\u00dfenen, nimmt sich der Sache der Verlierer an. [\u2026].Ich bin B\u00fcrger und Sozialist\u201c. Unter den B\u00fcrgern bin ich Revolution\u00e4r, und unter den Revolution\u00e4ren nehme ich die Traditionen des B\u00fcrgertums in Schutz. [\u2026].<br \/>\nAm 4. August endet seine Schiffsreise; er f\u00e4hrt mit dem Zug nach Zagreb zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Reisetagebuch Aus dem Ungarischen \u00fcbersetzt und herausgegeben: Agnes Relle Verlag Matthes &amp; Seitz, Berlin, 2012 ISBN: 978-3-88221-552-6 Originaltitel: \u00c9rzelmes utaz\u00e1s, 1936 Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 29,90 Fejt\u0151 macht 1934 als 25j\u00e4hriger junger Mann eine Reise nach Kroatien, um seine Verwandten &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2918\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[260],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2918"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2918"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2918\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2926,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2918\/revisions\/2926"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2918"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2918"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2918"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}