{"id":288,"date":"2011-06-22T18:59:20","date_gmt":"2011-06-22T18:59:20","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=288"},"modified":"2012-05-19T20:28:58","modified_gmt":"2012-05-19T20:28:58","slug":"rezension-gyorgy-sebestyen-thennberg","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=288","title":{"rendered":"Rezension: Sebesty\u00e9n, Gy\u00f6rgy &#8211; &#8222;Thennberg&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/thennberg.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2472\" title=\"thennberg\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/thennberg.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"239\" \/><\/a><em>Roman<\/em><br \/>\n<em> Verlag Braum\u00fcller Literaturverlag, 2010<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-99200-009-8<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 19,80<\/em><\/p>\n<p>1969 war dieses Buch schon einmal erschienen. In diesem Jahr, dem 80. Geburtstag und 20. Todesjahr des fr\u00fch verstorbenen Dichters wird die Novelle zu Recht wieder neu aufgelegt.<br \/>\nSebesty\u00e9n stellt seiner Geschichte einen Abschnitt aus dem Prediger Salomon voran: Weder Sonne noch Erde nehmen Notiz von den wechselnden Geschlechtern. Es gibt nichts Neues, alles ist schon einmal da gewesen und wiederholt sich unaufh\u00f6rlich. Das, und ein Wort von H\u00f6lderlin, dass nur das wichtig ist, was wir suchen \u2013 und nicht, was wir sind, sind der Schl\u00fcssel zur Geschichte um Richard Kranz, der 1945 nach f\u00fcnfj\u00e4hrigem Aufenthalt in verschiedenen KZs (Kazets) von den Russen befreit wird. Nur wenige haben mit ihm \u00fcberlebt.<br \/>\nDer Autor erz\u00e4hlt mit zwei Stimmen: Eine Stimme geh\u00f6rt dem Bauunternehmer Moravec, den eine anonyme Anzeige bezichtigt, Jahre vorher, 1945, seine Stieftochter ermordet zu haben. Die andere Stimme geh\u00f6rt dem Erz\u00e4hler, der den tats\u00e4chlichen Hergang, Umst\u00e4nde und Beweggr\u00fcnde schildert.<br \/>\nSebesty\u00e9n verwebt viele Einzelerz\u00e4hlungen aus Gegenwart und Vergangenheit der D\u00f6rfler und der j\u00fcdischen Stadtfamilie zu einem dichten Geflecht:<br \/>\nGeht es hier um Halbwahrheiten und Verleumdungen, die den Juden aus der Stadt, die angeblich nur an ihren Reichtum denken k\u00f6nnen, angedichtet werden? Geht es darum, dass ein junger Mann ein paar grauenhafte Jahre einfach ausradieren und an sorglose Jugendzeiten ankn\u00fcpfen kann? Geht es darum, dass Juden, die sich assimilieren und nicht auffallen wollen, eine zu glatte, zu feine Oberfl\u00e4che pr\u00e4sentieren und daher den D\u00f6rflern erst recht suspekt werden? Geht es um Liebe \u2013 um sexuelle Sehnsucht, die als Liebe deklariert wird? Geht es darum, dass nach einer Diktatur wieder das Individuum im Vordergrund steht und f\u00fcr sich selbst entscheiden kann? Geht es einfach ums \u00dcberleben, solange man noch einen Fu\u00df vor den anderen setzen kann?<br \/>\nAlle diese \u00dcberlegungen zusammen ergeben die Geschichte von und um Thennberg.<br \/>\nThennberg, ein fiktives Dorf, gut erreichbar von Wien, in dem Jeder Jeden kennt. Kaum etwas bleibt verborgen, vieles wird gemutma\u00dft. Thennberg, einerseits ein Klatschnest, andererseits ein idyllisches Dorf in sch\u00f6ner Umgebung, friedlich, ruhig, ein Ort zum Ausruhen, auch f\u00fcr den jungen Gymnasiasten Richard Kranz, der einige Jahre dort seine Sommerferien verbrachte. Dort f\u00fchlte er sich sicher und geborgen, w\u00e4re gerne einer von den Dorfjungen gewesen und ahnte nicht, dass hinter der freundlichen Oberfl\u00e4che ihm und seiner Familie die Augen und der Tratsch der D\u00f6rfler \u00fcberallhin folgten.<br \/>\nNun kehrt er, der getaufte Jude, 1945, in den Ort einer scheinbar sorglosen Zeit zur\u00fcck. Er hat in sechs Jahren mehrere Lager durchlebtt und kommt nach der Befreiung durch die Russen aus einem in der N\u00e4he gelegenen Kazet. Der einstmals gepflegte Junge, rundlich, mit guten Manieren, der sich oft absonderte und gerne las, ist nun zweiundzwanzig Jahre alt, abgerissen, ein Schatten seiner selbst. Er will die grausigen Jahre ungeschehen machen, will an seine Jugendtage ankn\u00fcpfen. Wiederholt fragt er sich nicht nur, was er eigentlich in einem Kazet verloren hatte, er fragt sich auch, ob er derjenige ist, der dies alles erlebt oder ob er tr\u00e4umt.<br \/>\nDamals, in jenem anderen Leben hatte er ein kurzes Verh\u00e4ltnis mit einer verheirateten Frau, auf die fast alle M\u00e4nner scharf waren. Er glaubt sie geliebt zu haben, meint, niemand, nicht einmal sie selbst habe davon gewusst. Dabei klatschte das ganze Dorf dar\u00fcber.<br \/>\nDer Bauunternehmer Moravec sitzt Jahre sp\u00e4ter dem Untersuchungsrichter Zahidil gegen\u00fcber und gibt die Stimmung des Dorfes wieder. Das Misstrauen, das der feinen Gesellschaft aus Wien, welche die Sommermonate im Schloss verbrachte, entgegenschlug. Die \u201eGewissheiten\u201c \u00fcber die reichen degenerierten Juden, der Vater selten zu sehen, die Mutter wahrscheinlich lesbisch, da sie immer wieder eine Dame aus der Schweiz empfing (ihre Schwester!) der Sohn, dem das Dorf \u00fcbel nahm, dass er sonntags zur Messe ging; denn obwohl getauft, bleibt er dennoch Jude, schien schwul zu sein. Man sah ihn n\u00e4mlich h\u00e4ufig mit Erich, dem Sohn des Richters Mohaupt \u2013 und daf\u00fcr konnte es kaum einen anderen Grund geben. Gleichzeitig glaubte man aber auch zu wissen, dass gerade dieser Richard mit seinen 14 Jahren ein Verh\u00e4ltnis mit der sch\u00f6nen Frau Helene Wallach hatte. Als Helenes Mann fiel &#8211; da war Richard schon l\u00e4ngst im KZ, heiratete sie der Bauunternehmer Moravec. Ihre Tochter adoptierte er. Als die Frau, von der er sagt, er habe sie wirklich geliebt, 1943 starb, k\u00fcmmerte er sich nicht nur liebevoll um seine damals dreizehnj\u00e4hrige Stieftochter, er nahm sie auch zu sich ins Bett. Das ahnt nat\u00fcrlich mancher im Dorf. So etwas kann nicht verborgen bleiben.<br \/>\nMoravec nimmt den jungen Kazetler, den er in der N\u00e4he des Dorfes zuf\u00e4llig trifft, in sein Haus auf; sozusagen als Personenschutz; denn in dieser Zeit kann ein \u00fcberlebender Jude nur von Vorteil sein, gegen\u00fcber Russen, die durch die Gegend ziehen, gegen\u00fcber Beh\u00f6rden. Die Gegend ist unsicher, schon mehrmals waren Tote im Wald gefunden worden. Wehleidig und besch\u00f6nigend stellt er sp\u00e4ter seine pers\u00f6nliche Trauer um Frau und Stieftochter in den Vordergrund. Scheinheilig versucht er von sich abzulenken, in dem er den Gemeinderat Ernst Mohaupt, den Jugendfreund Richards auf eine anonyme Anzeige aufmerksam macht, die ihn des Mordes an seiner Stieftochter beschuldigt.<br \/>\nRichard taumelt fiebrig in die Geschichte, erinnert sich der Befreiung, an Brot, an Schmalz und Schnaps, woran viele H\u00e4ftlinge dann noch starben. Bruchst\u00fccke und Einzelepisoden tauchen in seinem Ged\u00e4chtnis auf, die Reihenfolge aller Ereignisse ist ihm entfallen; \u00e4hnlich wie in einem Fiebertraum, wo Geschichten aufleuchten und wieder versinken, scheinbar ohne inneren Zusammenhang, losgel\u00f6st von aller Chronologie. Verbissen spielt er Richard Kranz. Das hat er gelernt, das hatte seine ermordete Familie auch getan: Hat die assimilierten Juden gespielt, die feine Gesellschaft, unnahbar, glatt, wie mit Lack \u00fcberzogen \u2013 obwohl jeder doch gern ein anderer gewesen w\u00e4re. Alle hatten gewollt, dass man sie liebte und anerkannte.<br \/>\nDie Erinnerungen an eine Liebesstunde mit Helene Wallach vermischen sich mit den Erz\u00e4hlungen der M\u00e4nner im KZ. Traumfantasien \u00fcber das, was h\u00e4tte sein k\u00f6nnen.<br \/>\nIn Moravec\u2019 Haus lernt der junge Mann Lilo, die Tochter seiner einstigen Geliebten kennen und beschlie\u00dft ihr den Hof zu machen. Er will lieben, er will geliebt werden. Er will wieder ein normaler Mensch sein, m\u00f6chte ankn\u00fcpfen an fr\u00fcher, doch diese Entscheidung zur Liebe hin, wird Lilo den Tod bringen. Dass dieses Spiel vergeblich bleiben wird, wei\u00df er selbst. \u201eWozu das alles?\u201c, fragt er sich immer wieder.<br \/>\nAls er arglos und unbedarft Moravec von seiner Liebe zu Lilo erz\u00e4hlt, beschlie\u00dft er damit ihr Todesurteil. Lange f\u00e4llt auf den Bauunternehmer, der Angst vor der Aufdeckung der Schande hatte, kein Argwohn, da Lilo mit einer russischen Armeepistole erschossen wurde. Nur Richard ist sicher, dass er der M\u00f6rder sein muss. Doch kann man im Hause eines M\u00f6rders von Mord sprechen? Katharina, die Ehefrau seines Jugendfreundes Erich, sie kennt Lilos und Moravec\u2019 Geheimnis. Von ihr kommt wohl auch Jahre sp\u00e4ter die Anzeige, als n\u00e4mlich der Bauunternehmer das Schloss, das 1939 noch Richards Vater geh\u00f6rt hatte, kauft. Sie fragt ihren Mann, den sp\u00e4t aus dem Krieg heimgekehrten Apotheker Erich Mohaupt: \u201eHast du geh\u00f6rt? Die Herren M\u00f6rder kaufen sich Schl\u00f6sser und Gott bestraft sie nicht [\u2026.]\u201c.<br \/>\nMarkus L\u00f6w endlich, ein Mitgefangener aus dem Kazet, nimmt Richard mit. Er beweist diesem, dass er gar nichts wei\u00df, nichts wissen kann, dass es gut f\u00fcr ihn ist, nichts zu wissen. Schicksalsergeben sagt er: \u201cKomm, wenn man die F\u00fc\u00dfe bewegen kann, dann geht man eben, und wozu willst du fragen, warum.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag Braum\u00fcller Literaturverlag, 2010 ISBN: 978-3-99200-009-8 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 19,80 1969 war dieses Buch schon einmal erschienen. In diesem Jahr, dem 80. Geburtstag und 20. Todesjahr des fr\u00fch verstorbenen Dichters wird die Novelle zu Recht wieder neu aufgelegt. &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=288\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[176],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=288"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2473,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/288\/revisions\/2473"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=288"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=288"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=288"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}