{"id":285,"date":"2011-06-22T18:52:48","date_gmt":"2011-06-22T18:52:48","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=285"},"modified":"2012-05-19T20:29:29","modified_gmt":"2012-05-19T20:29:29","slug":"rezension-magda-szabo-die-elemente","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=285","title":{"rendered":"Rezension: Szab\u00f3, Magda &#8211; &#8222;Die Elemente&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_elemente.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2474\" title=\"die_elemente\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_elemente.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"233\" \/><\/a><em>Roman<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer<\/em><br \/>\n<em> Verlag Secession<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-905951-01-1<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: Pil\u00e1tus<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel Preis: Euro 24,95<\/em><\/p>\n<p>Der Verlag hat als Titel der Neu\u00fcbersetzung die Titel\u00fcberschriften des Buches miteinbezogen: Erde, die praktische Kraft, Treue und Verl\u00e4sslichkeit \u2013 Feuer, die zerst\u00f6rerische Kraft, das seine Opfer verbrennt und nur Asche \u00fcbrig l\u00e4sst \u2013 Wasser, Ausdauer und Einf\u00fchlsamkeit \u2013 Luft, die alles spielerisch und kreativ verbindet: Die Elemente sind so verschieden wie die handelnden Personen dieses Romans: Etelka, die Mutter \u2013 Iza, die Tochter \u2013 Antal, der geschiedene Schwiegersohn \u2013 und Domokos, Izas Partner. \u201eDie Ungl\u00fcckselige glaubt, die Vergangenheit der Alten sei ein Feind, und bemerkt nicht, dass sie Erkl\u00e4rung, Ma\u00df und Deutung der Gegenwart ist.\u201c Diese Erkenntnis L\u00eddias steht auf dem hinteren Buchdeckel und umfasst die ganze Problematik. Zwei Welten treffen aufeinander, die von Iza und ihrem unbedingten Fortschrittglauben, der alle Tradition als ewig gestrig ablehnt und den Blick zur\u00fcck nicht erlaubt &#8211; und die Welt Etelkas, ihrer Mutter, die allem Neuen misstraut, dessen Nutzen sich ihr nicht erschlie\u00dft. Viele Romane Szab\u00f3s setzen sich mit der Sprachlosigkeit zwischen den Generationen auseinander und dem Unverst\u00e4ndnis das diese einander entgegenbringen: ein traditionelles, von \u00fcbernommenen Sitten und Moralvorstellungen gepr\u00e4gtes Leben zu f\u00fchren, oder, ebenso unbedingt nur das Neue, den Fortschritt der sogenannten modernen Welt gelten zu lassen.-<br \/>\nDamit charakterisiert Szab\u00f3 auch die Gesellschaft der 60er Jahre in Ungarn, den Kommunismus, der nur die neue Gesellschaft gelten lassen wollte. Vince Sz\u0151cs, ein ehemaliger Richter, ist seinem Krebsleiden erlegen. Zur\u00fcck bleibt seine Frau Etelka, die alles mit ihm geteilt hatte, Jahre der Kr\u00e4nkung und der Armut, aber auch die Freude \u00fcber seine Rehabilitation. Zur\u00fcck bleibt auch Tochter Iza, eine t\u00fcchtige und beliebte \u00c4rztin. Sie lebt seit ihrer Scheidung von Antal in Budapest. Der Arzt Antal w\u00fcrde sich gern um die Mama k\u00fcmmern, doch Iza lehnt ab. Sie will die Mutter zu sich nach Budapest nehmen. Aber sie verkauft ihm das H\u00e4uschen mit fast dem gesamten Inventar. Die Mutter schickt Iza, ohne irgendetwas mit ihr zu besprechen, sofort nach der Beerdigung in einen modischen Badeort, damit sie ihr beim Aussortieren und Packen nicht im Weg ist. Die alte Frau f\u00fchlt sich \u00e4u\u00dferst unwohl; nicht nur, dass Iza ihr \u00fcberhaupt keine Zeit zum Nachdenken und Mitentscheiden gelassen hat, sondern, auch, weil sie zum ersten Mal im Leben nichts zu tun hat. Wenigstens in Gedanken richtet sie Izas Wohnung mit allem, was ihr liebgeworden ist, ein &#8211; ihrer Tochter m\u00f6chte sie den Haushalt f\u00fchren und sie wieder umsorgen.<br \/>\nAlles kommt nat\u00fcrlich ganz anders: Iza hat weder den Eltern erz\u00e4hlt, wie modern und praktisch sie ihre Budapester Drei-Zimmer-Wohnung eingerichtet hat, noch bereitet sie Etelka auf das neue Leben vor. Sie liebt ihre Mutter in der Art, dass sie das Beste f\u00fcr sie will \u2013 aber nur sie selbst wei\u00df, was das Beste ist \u2013 und das muss auch gew\u00fcrdigt werden. Iza m\u00f6chte Etelka ein sorgenfreies Leben ohne Arbeit bieten, sozusagen immerw\u00e4hrenden Urlaub. In ihrem, Izas Leben, soll sich allerdings m\u00f6glichst nichts \u00e4ndern. Budapest ist dann f\u00fcr die alte Frau die Katastrophe ihres Lebens. Sie ist bitter entt\u00e4uscht, l\u00e4sst bald niemanden mehr an sich heran; weder Izas Haush\u00e4lterin Ter\u00e9z, die ihr nach anf\u00e4nglichen Missverst\u00e4ndnissen das Leben erleichtern will, noch Iza, die ihr diszipliniert t\u00e4glich eine Stunde Aufmerksamkeit schenkt, selbst wenn sie noch so m\u00fcde nach Hause kommt. Aus ihrem Leben schlie\u00dft sie die alte Frau aber total aus. Obwohl die beiden Frauen zusammen in einer Wohnung leben, lernt die Mutter von allen Freunden und Bekannten nur Izas Freund Domokos kennen; denn Iza geniert sich ihrer provinziellen Mutter. Total isoliert, wird aus der anfangs so neugierigen Frau, die es Allen Recht machen wollte, eine misstrauische wortkarge Alte, deren Energie und Liebe von niemandem gebraucht und gew\u00fcnscht wird.<br \/>\nIm Laufe des Romans bl\u00e4ttert Szab\u00f3 das fr\u00fchere Leben der Familie auf: Die kargen, \u00e4rmlichen Jahre vor Vinces Rehabilitation, welche Iza vorangetrieben hatte, ihr Gl\u00fcck, als sie von der Wiedergutmachung ein H\u00e4uschen kaufen konnten. Dazwischen immer wieder Izas Unverst\u00e4ndnis \u00fcber die R\u00fcckst\u00e4ndigkeit der Eltern, die so gar nicht mit der Zeit gehen, sondern nur an der Vergangenheit h\u00e4ngen wollten. Vor allem der praktischen Etel wird das sich ver\u00e4ndernde Leben nur gefiltert von Vince weitergegeben; Iza erkl\u00e4rt gar nichts. Seit ihrer fr\u00fchesten Kindheit als Waise, wurde \u00fcber sie entschieden, so dass sie es auch jetzt nicht wagt, eigene W\u00fcnsche zu \u00e4u\u00dfern; sie stirbt innerlich geradezu ab. Aber gerade Izas Haltung, alles Fr\u00fchere zu vergessen, treibt Etelka immer mehr in die Vergangenheit, wenn auch mit schlechtem Gewissen: Ihre liebe gute kluge Tochter tut alles f\u00fcr sie &#8211; und sie, die Mutter ist nicht gl\u00fccklich, ist ungeschickt, macht alles falsch, sehnt sich nach ihrem Leben in der Kleinstadt! Doch auch Iza kommt mit dem gemeinsamen Leben nicht gut zurecht. Die st\u00e4ndige Anwesenheit der Mutter zerm\u00fcrbt sie. Sie f\u00fchlt sich herausgefordert, sich um die Mutter zu k\u00fcmmern, obwohl sie doch eigentlich Ruhe haben m\u00f6chte.-<br \/>\nDie kluge Iza ist nicht herzensklug, sie kann und will sich nicht eingestehen, dass es falsch war, die Mutter aus ihrem gewohnten Leben herauszurei\u00dfen. Wie zwei Zahnr\u00e4der greifen die Leben von Mutter und Tochter unaufhaltsam ineinander, bis sie sich schlie\u00dflich verhaken und nur durch eine Katastrophe zu l\u00f6sen sind: Als eine Reise in ihre alte Heimat ansteht, wird Etelka wieder lebendig: Sie m\u00f6chte einen Grabstein f\u00fcr Vince setzen lassen. Sie macht die Reise alleine, Iza will nichts mit der Vergangenheit zu tun haben. Die n\u00e4chste Entt\u00e4uschung l\u00e4sst nicht auf sich warten: Der Stein ist viel zu protzig ausgefallen, bei der Nachbarin ist es bitterkalt.<br \/>\nZu ihrer eigenen \u00dcberraschung hat sich Etelka doch schon an das bequeme Leben in Budapest gew\u00f6hnt. Als Antal sie sp\u00e4ter mit in sein warmes Haus nimmt, f\u00fchlt sie sich wohl in der Verbindung von alt und modern ihres ehemaligen Hauses. Die alte Frau darf im Haushalt helfen, macht nichts falsch, benimmt sich nicht ungeschickt. Dieses Zutrauen in ihre fr\u00fcheren F\u00e4higkeiten beschert ihr wieder ein neues Selbstbewusstsein. Antal m\u00f6chte einen Plan mit ihr besprechen. Sie allein solle entscheiden. Doch die Trag\u00f6die nimmt ihren Lauf: Etelka m\u00f6chte ihrem Vince noch n\u00e4her sein und so macht sie sich in dichtem Nebel auf den Weg in die Gegend, wo sie sich einst als Jungverliebte getroffen hatten. Dort werden jetzt neue Mietsh\u00e4user gebaut. Sie setzt sich auf einen Brunnen und \u00fcberdenkt ihr unn\u00fctzes Leben. Wie ein Blitz \u00fcberkommt sie die Erkenntnis, wie sie ihre m\u00fctterliche Liebe und F\u00fcrsorge, die Iza zur\u00fcckgewiesen hatte, doch schenken kann. Am n\u00e4chsten Tag wird eine ausgeruhte, gl\u00fcckliche Iza durch ein Telefonat von Antal gest\u00f6rt: Mutter sei gestorben, sie solle sofort kommen. Mit ihrem Freund Domokos f\u00e4hrt sie in die Heimatstadt.<br \/>\nAuf der Polizeiwache ergibt sich folgender Tatbestand: Die alte Frau war aus einem Stockwerk eines halbfertigen Hauses gest\u00fcrzt. Zwei Stunden sp\u00e4ter starb sie. Hier schlie\u00dft sich der Kreis. L\u00eddia, die Krankenschwester, die Vince in seinen letzten Tagen begleitet und verstanden hatte, dass er wieder in seine Heimat und seine Kindheit zur\u00fcckkehren wollte, k\u00fcmmert sich auch um seine sterbende Frau. Sie ist inzwischen mit Antal verlobt; beide hatten der Mama vorschlagen wollen, ihnen den Haushalt zu f\u00fchren, soweit es ihre Kr\u00e4fte zulassen w\u00fcrden. Als Iza von diesem Vorschlag h\u00f6rt, versteht sie die Welt nicht mehr und ist zutiefst beleidigt: Sie hatte ihrer Mutter doch ein luxuri\u00f6ses, sorgenfreies Leben in Budapest geboten!. Die Polizei geht von einem Unfalltod aus, Antal und Domokos sind insgeheim von einem Selbstmord \u00fcberzeugt. Und, da Iza so uneinsichtig bleibt, verliert sie nun auch Domokos. &#8211; Erst als es zu sp\u00e4t ist, d\u00e4mmert ihr, dass auch sie ein Mensch ist, der Hilfe br\u00e4uchte. Eine furchtbare Geschichte: Die Mutter ist in ihrer Art vollkommen, als liebende Frau, die ihren Lebenssinn darin sieht, ihrer Familie zu dienen, geht ganz in den Aufgaben des praktischen t\u00e4glichen Lebens auf. &#8211; Die Tochter ist ebenso vollkommen als Mensch und \u00c4rztin. Aber sie versucht ihren Mitmenschen ihren Lebensstil missionarisch \u00fcberzust\u00fclpen und ihre Liebe zuzuteilen. Dabei entzieht sie sich feige der Vergangenheit.<br \/>\nDem Roman tut die neue zeitgem\u00e4\u00dfe \u00dcbersetzung sehr gut, vor allem die frische Sprache und die authentischen ungarischen Namen. Schade, dass nicht gut genug lektoriert wurde und Rechtschreibefehler und umst\u00e4ndliche \u00dcbersetzungen, wie z.B. \u201einterurbane Telefonie\u201c, anstatt \u201eFerngespr\u00e4ch\u201c u.a., stehen bleiben konnten.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Heinrich Eisterer Verlag Secession ISBN: 978-3-905951-01-1 Originaltitel: Pil\u00e1tus Bezug: Buchhandel Preis: Euro 24,95 Der Verlag hat als Titel der Neu\u00fcbersetzung die Titel\u00fcberschriften des Buches miteinbezogen: Erde, die praktische Kraft, Treue und Verl\u00e4sslichkeit \u2013 Feuer, die &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=285\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[177],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=285"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2475,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/285\/revisions\/2475"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=285"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=285"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=285"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}