{"id":279,"date":"2011-06-21T17:42:42","date_gmt":"2011-06-21T17:42:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=279"},"modified":"2012-05-19T20:01:43","modified_gmt":"2012-05-19T20:01:43","slug":"rezension-melinda-nadj-abonji-tauben-fliegen-auf","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=279","title":{"rendered":"Rezension: Nadj Abonji, Melinda &#8211; &#8222;Tauben fliegen auf&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/tauben_fliegen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2416\" title=\"tauben_fliegen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/tauben_fliegen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"239\" \/><\/a><em>Verlag Jung und Jung, 2010<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-902497-78-9<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro<\/em><\/p>\n<p>\u201eUnsere Kinder sollen es einmal besser haben \u2013 deshalb haben wir doch die Heimat verlassen\u201c \u2013 sagt Vater Mikl\u00f3s nicht nur einmal, wenn er das Verhalten seiner T\u00f6chter nicht mehr verstehen kann.<br \/>\nMikl\u00f3s und R\u00f3zsa Kocsis, zur ungarischen Minderheit in der Vojvodina geh\u00f6rend, kommen Anfang der 70er Jahre als Gastarbeiter in die Schweiz, an den Z\u00fcricher See. Ihre beiden T\u00f6chter, Ildik\u00f3 und Nomi k\u00f6nnen erst vier Jahre sp\u00e4ter nachkommen. Sie verleben inzwischen bei ihrer Mamika eine kurze gl\u00fcckliche Kinderzeit \u2013 wie im Bilderbuch, mit Tieren, Garten und Natur.<br \/>\nDie Icherz\u00e4hlerin Ildik\u00f3 blickt auf die wichtigsten Stationen von \u00fcber 20 Jahren Emigration ihrer Familie &#8211; verschiedene Ereignisse assoziieren Erlebnisse in der Vojvodina oder in der Schweiz, erinnern an Familiengeheimnisse, die schon vor ihrer Geburt liegen, und an die bisher nicht ger\u00fchrt werden durfte.<br \/>\nIldik\u00f3 macht gro\u00dfe Gedankenspr\u00fcnge, doch ein aufmerksamer und einf\u00fchlsamer Leser kann mithalten; denn Nadj Abonjis klangvolle Sprache, hinter der die ungarische Sprachmelodie mitschwingt, verzaubert und l\u00e4sst uns nicht unber\u00fchrt vom Schicksal dieser Familie:<br \/>\nDie Eltern waren nur mit dem Wort \u201eArbeit \u201cin die Schweiz gekommen, haben alles gemacht, was sich bot: der Vater hat unwissentlich schwarzgearbeitet f\u00fcr wenig Lohn \u2013 auch sp\u00e4ter wurde ihm oft nur die die H\u00e4lfte dessen ausgezahlt, was seine Schweizer Kollegen bekamen. Die Mutter hat als Putzfrau gearbeitet, als Kassiererin, als M\u00e4dchen f\u00fcr alles, bis sie sich eine kleine W\u00e4scherei aufbauen konnten. Bis dahin waren die Kinder schon nachgekommen und versuchten sich staunend in das fremde Leben einzugliedern. Immer wieder f\u00e4hrt die Familie in die Vojvodina: F\u00fcr die Kinder die einzige Heimat, die sich nicht ver\u00e4ndern darf, damit sie sich sicher f\u00fchlen k\u00f6nnen: f\u00fcr den Vater der Stachel im Fleisch. Er glaubte, dort nicht mehr bleiben zu k\u00f6nnen, wo ihm alles vorgeschrieben wurde. Er gibt sich geringsch\u00e4tzig, gerade weil sich nie etwas ver\u00e4ndert. Er f\u00fchrt seine immer gr\u00f6\u00dferen und komfortableren Autos der staunenden Verwandtschaft vor: 1980, nachdem Tito gestorben war &#8211; was er mit viel Alkohol feiert &#8211; einen schokoladebraunen Chevrolet; sp\u00e4ter kommen sie mit Mercedes\u2019, einer komfortabler als der andere. Es sind Statussymbole, die zeigen sollen, dass sie nicht umsonst ausgewandert sind, dass sie es zu etwas gebracht haben. Kein Wort davon, wie schwierig ihr Leben, trotz der Einb\u00fcrgerung in die Schweiz, noch immer ist, da niemand sie einl\u00e4dt. Ihre Kontakte zu den Einheimischen beschr\u00e4nken sich auf Kunden und G\u00e4ste. Freilich, da gibt es nette Menschen, die sich f\u00fcr die Familie aus Jugoslawien einsetzen, zu ihr halten, sich f\u00fcr sie interessieren. Da gibt es aber auch Neider, die immer noch hetzen, dass es nicht mit rechten Dingen zugegangen sein kann, wenn Einwanderer Schweizer B\u00fcrgern vorgezogen werden, beim Erwerb einer Cafeteria in bester Lage.<br \/>\nFamilie Koscis will sich unbedingt hocharbeiten, gute Schweizer sein, flei\u00dfiger, gleichzeitig bescheiden und unsichtbar, damit die Einheimischen sie als Ausl\u00e4nder einfach vergessen. Wie Mutter immer wieder sagt: \u201eWir haben hier noch kein menschliches Schicksal, wir m\u00fcssen es uns zuerst noch erarbeiten\u201c. Die Angst vor einer Ausb\u00fcrgerung sitzt den Eltern tief; die T\u00f6chter, die zweite Generation sieht das schon anders. Nomi und vor allem Ildik\u00f3 sp\u00fcren, wie sie ausgenutzt werden, wie manche ihnen misstrauisch und missg\u00fcnstig begegnen, auch wenn das abgeschw\u00e4cht wird mit: \u201eBei Ihnen ist das etwas anderes \u2013 Sie sind ja schon angepasst\u201c.<br \/>\nDie Kinder empfinden st\u00e4rker als ihre Eltern, dass sie nirgends mehr richtig dazu geh\u00f6ren: Nicht zur Verwandtschaft in Jugoslawien, die \u00fcber ihr westliches Gehabe, \u00fcber ihre Kleidung neidisch lacht, noch zu den eingeborenen Schweizern, die zwar nichts gegen Ausl\u00e4nder haben, aber \u2026 .<br \/>\nViel wird verschwiegen in der Gro\u00dffamilie \u2013 oder nur ganz zuf\u00e4llig erz\u00e4hlt. Tief sitzt die Angst der Erinnerung. Der Gro\u00dfvater, Papuci, konnte sich l\u00e4ngere Zeit gegen die Anwerbungen der Faschisten, sp\u00e4ter der Partisanen wehren. Ohnm\u00e4chtig musste die Familie mit ansehen, wie Vieh und Ernte vom Hof weggebracht wurde. Als er sich aber den roten Genossen widersetzte, wurde er abgef\u00fchrt und gefoltert. Sein 11j\u00e4hriger Sohn Mikl\u00f3s war gezwungen, die Verh\u00f6re mitanzuh\u00f6ren, \u00fcber dem Folterkeller in der Schule. Nachbarn und \u201egute Freunde\u201c, die sich den Kommunisten angeschlossen hatten, bereicherten sich an der Familie. Papuci \u00fcberlebte die Heimkehr nur um ein Jahr. Mikl\u00f3s konnte und wollte sich im Gegensatz zu seinem \u00e4lteren Bruder M\u00f3ric nicht anpassen. Nach mancherlei Repressalien durfte er endlich mit seiner Frau R\u00f3zsa in die Schweiz auswandern. Die beiden T\u00f6chter lie\u00df er f\u00fcr vier Jahre bei seiner Mutter, der geliebten und verehrten Mamika.<br \/>\nNoch anderes wird lange verschwiegen: die Halbschwester Janka aus Vaters erster Ehe, die ungl\u00fcckliche Kindheit der Mutter, die Macht der V\u00e4ter, die ihre T\u00f6chter versto\u00dfen, wenn sie einem Liebhaber ihrer Wahl folgen. Doch davon wird nie offen gesprochen, wenn sich die Gro\u00dffamilie in manchem Sommer in der Vojvodina trifft \u2013wenn jemand stirbt oder heiratet. Mikl\u00f3s muss seine Erinnerungen, seine Wut auf die Kommunisten, die ihm sein Leben versaut haben, sein Heimweh, oft nur in Alkohol ertr\u00e4nken.<br \/>\nIn der Schweiz sind die Kocsis\u2019 die flei\u00dfigen Immigranten, von vielen geachtet, aber immer noch fremd. Die T\u00f6chter wollen dazugeh\u00f6ren, versuchen es im ungezwungenen \u201eHausbesetzermilieu\u201c, doch auch ihnen ist klar, dass dieses nicht eigentlich ihre Welt ist. 1993 scheint die Familie es endlich geschafft zu haben, mit dem Erwerb der Cafeteria Mondial. \u201emondial\u201c = weltumspannend, weltoffen. Das soll das Caf\u00e9 auch sein, doch gleich nach der Er\u00f6ffnung k\u00fcndigen bereits die beiden Schweizer Serviert\u00f6chter \u2013 und, obwohl die Familie \u201eSchweizerinnen bevorzugt\u201c, kann sie doch nur eine weitere Jugoslawin einstellen. Der Balkankrieg tobt bereits seit zwei Jahren \u2013 Sarajevo wird seit einem Jahr belagert. Der Krieg holt sie auch hier in der friedlichen Schweiz ein: Nicht nur, dass sich ihre Angestellten, die Serbin Dragana, und die Kroatin Glorija, lautstark streiten, sich in ihrem Nationalstolz getroffen und beleidigt f\u00fchlen, nicht nur, dass Ildik\u00f3 sich in den Serben Dalibor verliebt (eigentlich m\u00fcssten sie Todfeinde sein) \u2013 es wird den Auswanderern auch klar, dass ihre Cousins z. B. gegen die Cousins von Dragana k\u00e4mpfen m\u00fcssten. Nur durch lange Telefonate mit ihren Angeh\u00f6rigen erfahren sie Genaueres vom Irrsinn dieses Krieges. Die Schweizer G\u00e4ste ihres Caf\u00e9s schwadronieren heftig \u00fcber die Lage \u2013 jeder f\u00fchlt sich zu Kommentaren berufen, aber kaum einer wei\u00df, dass die Familie zwar aus Jugoslawien kommt, aber zur ungarischen Minderheit in der Vojvodina stammt.<br \/>\nIldik\u00f3 hat ihr Studium ausgesetzt, nicht nur, um den Eltern zu helfen, sondern auch, weil sie nicht wei\u00df, wie sie ihrem Vater beibringen soll, dass sie nicht mehr die klar umrissenen Rechtswissenschaften studiert, sondern sich dem \u201enebul\u00f6sen\u201c Studium der Geschichte der Neuzeit und der Schweizer Geschichte zugewandt hat. Geschichte hat der Vater hautnah erlebt, anderes l\u00e4sst er kaum gelten.<br \/>\nDie Schwestern hatten sich einmal geschworen, wieder in die Vojvodina, in ihr Kinderparadies zur\u00fcckzukehren, sobald sie vollj\u00e4hrig sind. Inzwischen sehen die jungen Frauen ein, dass es nicht nur der Krieg ist, der sie daran hindert.<br \/>\nDas Fass zum \u00dcberlaufen bringt die eines Tages absichtlich mit Kot verschmierte Herrentoilette im Caf\u00e9. Ildik\u00f3 putzt verbissen, l\u00e4sst sich auch von der Mutter nicht helfen. Die m\u00f6chte die \u201eSache\u201c wieder unter den Tisch kehren, nicht dar\u00fcber sprechen, alles verschweigen. Doch in ihrer Tochter w\u00e4chst ein Hass auf die, die sie ausnutzen, die wohlangesehenen B\u00fcrger, die scheinheilig freundlich sind \u2013 und sie dann so beleidigen. Der Schock sitzt tief: Einb\u00fcrgerung war nur an der Oberfl\u00e4che. Ildik\u00f3 zwingt ihre Eltern zur Stellungnahme \u2013 und zieht aus. Die Eltern k\u00f6nnen es nicht fassen: In genau so eine sch\u00e4bige kleine Wohnung, wie sie eine bewohnt hatten, als sie in die Schweiz kamen. Aber es ist Ildik\u00f3s eigene Wohnung \u2013 und die Hausmeisterin, eine spie\u00dfige Einheimische, besucht sie in ihrem Zimmer. Mit ihr kommt sie ganz gut klar.<br \/>\nDas Schlussbild zeigt uns die beiden Schwestern auf dem Friedhof an einem \u201eGemeinschaftsgrab\u201c. Sie singen ein Lied f\u00fcr ihre verstorbenen Verwandten, die sie zum Teil gar nicht kennen gelernt haben und legen f\u00fcr sie einen Strau\u00df Blumen hin.<br \/>\nNadj Abonji erz\u00e4hlt mitrei\u00dfend vom Schicksal dieser Familie, ohne jemals r\u00fchrselig zu sein, auch nicht, wenn sie berichtet, was jeder mit der Heimat verloren hat. Vor allem die Eltern glauben, sie h\u00e4tten mit der Emigration das gr\u00f6\u00dfere Opfer gebracht, ihr Schmerz stand immer im Vordergrund \u2013 das Heimweh und der Verlust der Heimat ihrer Kinder musste da zur\u00fcckstehen.<br \/>\nEin wichtiges Buch, das uns Leser vor allem in das Leben der zweiten Emigrantengeneration hineinf\u00fchrt. Die junge Generation, die nicht gefragt worden war, ob sie gehen oder bleiben wollte. Manch einen Emigranten werden wir k\u00fcnftig sicher mit anderen Augen ansehen \u2013 und das ist doch schon sehr viel.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag Jung und Jung, 2010 ISBN: 978-3-902497-78-9 Bezug: Buchhandel, Preis: 22,00 Euro \u201eUnsere Kinder sollen es einmal besser haben \u2013 deshalb haben wir doch die Heimat verlassen\u201c \u2013 sagt Vater Mikl\u00f3s nicht nur einmal, wenn er das Verhalten seiner T\u00f6chter &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=279\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[178],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/279"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=279"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/279\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2417,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/279\/revisions\/2417"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=279"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=279"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=279"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}