{"id":2766,"date":"2012-10-02T04:23:26","date_gmt":"2012-10-02T04:23:26","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2766"},"modified":"2012-10-02T06:28:47","modified_gmt":"2012-10-02T06:28:47","slug":"rezension-vajda-miklos-mutterbild-in-amerikanischem-rahmen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2766","title":{"rendered":"Rezension: Vajda, Mikl\u00f3s &#8211; &#8222;Mutterbild in amerikanischem Rahmen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/mutterbild_in.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2767\" title=\"mutterbild_in\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/10\/mutterbild_in.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"241\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nOriginaltitel: Anyak\u00e9p, amerikai keretben, 2009<br \/>\naus dem Ungarischen von Timea Tank\u00f3<br \/>\nBraum\u00fcller Verlag, Wien, 2012, ISBN: 978-3-99200-046-3<br \/>\nBezug: Buchhandel, 21,90 Euro<\/em><\/p>\n<p>\u201eIn letzter Zeit habe ich das Gef\u00fchl, sie steht mir n\u00e4her, seitdem sie nicht mehr lebt\u201c.<br \/>\nIm Alter von 78 Jahren, 24 Jahre nach ihrem Tod, l\u00e4sst der bekannte ungarische \u00dcbersetzer und Literaturkritiker Mikl\u00f3s Vajda seine Mutter wie in einem Theaterst\u00fcck, da erscheinen, wo er sie gerade haben will. Es ist der Versuch, die verschiedenen Bilder, die er im Laufe seines Lebens von seiner Mutter gesammelt hat, aufzudecken: Die Mutter, die sich t\u00e4glich sorgf\u00e4ltig zurecht macht und schminkt, die Mutter als \u201eeine der sch\u00f6nsten Frauen der Stadt\u201c (Budapest). Die Mutter im Abendkleid, im Seidenmorgenmantel, in modischen Kost\u00fcmen, H\u00fcten und Pelzen, im strengen, schwarzen Badeanzug. Dann die Mutter im Luftschutzkeller im Lodenmantel, als Tr\u00fcmmerfrau in Schn\u00fcrstiefeln. Nach Vaters Tod in bescheidenerer Eleganz hinter der Kaffeemaschine ihres Bistros, kurz danach in Str\u00e4flingskleidung. Sp\u00e4ter, nach ihrer vorl\u00e4ufigen Freilassung sieht er sie im grauen Arbeitskittel und Schn\u00fcrschuhen im Warenhaus Corvin, dann erneut in Str\u00e4flingskleidung, und schlie\u00dflich in langen Hosen, Lodenmantel und Schn\u00fcrschuhen, auf dem Budapester S\u00fcdbahnhof am Silvestermorgen 1956, als sie dem Land endg\u00fcltig entflieht. In Amerika lernt sie kochen, wei\u00df mit Werkzeugen umzugehen, h\u00fctet anderer Leute Kinder oder b\u00e4ckt Torten auf Bestellung. Sie, die sich wegen gesellschaftlicher Konventionen kaum um ihr Kind Mikl\u00f3s gek\u00fcmmert und es Gouvernanten und deutschen Fr\u00e4uleins \u00fcberlassen hatte, lebt durch den Wandel der Geschichte, dann nur noch f\u00fcr ihn. Er, ihr Mukl, wird ihr immer fehlen.<br \/>\nEr erinnert sich nicht nur an ihr \u00e4u\u00dferes Bild, er hat auch noch genau ihre Stimmungen in sich: Die ruhige beherrschte Mutter, die zuh\u00f6ren kann, die ihr Schicksal annimmt, als sie vom Leben einer gro\u00dfb\u00fcrgerlichen Dame ins Leben einer Unternehmerin und Gesch\u00e4ftsfrau wechselt. \u201eIhre Geduld, ihre Ruhe, ihr kluges Verst\u00e4ndnis sind endlos, n\u00e4hren sich aus einer tief unter der Oberfl\u00e4che liegenden Quelle \u201e.[..] Aber mehr von sich gibt sie nicht preis. Es gibt keine unerwarteten Umarmungen, liebevollen Worte, grundlosen K\u00fcsse, scherzhaften Neckereien\u201c. Der Sohn erlebt ihre Angst, als sie zum ersten Mal nach ihrer Flucht wieder nach Budapest einreist, und dort als amerikanische Lady Eindruck schinden und sich Respekt verschaffen will. Sp\u00e4ter muss er ungl\u00e4ubig und ohnm\u00e4chtig-w\u00fctend erfahren, dass sich seine (!) Mutter aus Einsamkeit einer amerikanischen Sekte angeschlossen hatte und es deswegen lange Zeit ablehnte, ihre lebensgef\u00e4hrliche Krankheit behandeln zu lassen. Er tr\u00e4gt aber auch das Bild seiner Mutter in sich, die ihren geliebten Sohn nicht beeinflussen will, sich klug und bescheiden zur\u00fcck h\u00e4lt, er bewundert ihre Menschenkenntnis, aber auch ihre Sturheit, wenn sie sich etwas in den Kopf gesetzt hat.<br \/>\nMikl\u00f3s Vajda versucht, diese Erinnerungen mit seinem eigenen Leben in Einklang zu bringen. In R\u00fcckblenden f\u00fcgt er Puzzleteilchen zusammen, in der es auch leere Stellen gibt, Ereignisse und vor allem Gef\u00fchle, \u00fcber die seine Mutter nie gesprochen hatte. Alles kann er nur aus seiner Sicht sehen, angefangen vom verw\u00f6hnten kleinen Knaben, der die Mutter nicht f\u00fcr sich hat, bis zum 25j\u00e4hrigen, der sie zum Zug begleitet, als sie flieht, bis zum jungen Mann zwischen zwei Frauen, bis zum Vater von zwei S\u00f6hnen \u2013 und schlie\u00dflich bis zum Sohn, der wei\u00df, dass er seine Mutter nie mehr \u201enimmermehr\u201c, sehen und sprechen wird.<br \/>\nIn seinen sp\u00e4teren Jahren kommt ihm sehr schmerzlich zum Bewusstsein, dass die Eltern sich kaum um ihn gek\u00fcmmert hatten. Trotzdem war er in der Obhut seiner Kinderm\u00e4dchen und seiner Patentante Gizi Bajor, einer ber\u00fchmten und gefeierten Schauspielerin, die ihn mit Liebe \u00fcberh\u00e4uften, nicht ungl\u00fccklich gewesen. Mutter und Sohn gehen Zeit Lebens distanziert miteinander um, kaschieren ihre Gef\u00fchle f\u00fcr einander, siezen sich bis zu Mikl\u00f3s\u2019 40. Geburtstag \u2013 und sind sich doch in Respekt und Liebe nah. \u201eHeftigere Gef\u00fchle kann sie nicht, konnte sie nicht oder wollte sie nicht direkt, in Worten, geschweige denn in Gef\u00fchlsausbr\u00fcchen ausdr\u00fccken.\u201c<br \/>\nDas erste gro\u00dfe Bild: In ihrer K\u00fcche in Amerika. Erstaunt stellt der Sohn fest, dass seine Mutter inzwischen kochen kann. Neun Jahre sind vergangen, seit Judit Vajda im Dezember 1956 aus Ungarn fliehen konnte. Sohn Mikl\u00f3s, 34 Jahre alt, darf f\u00fcr drei Monate ausreisen, um seine Mutter erstmals zu besuchen. Sie ist stolz auf \u201eihr\u201c Amerika, das ihr erm\u00f6glicht hat, nach Gef\u00e4ngnisaufenthalten in Ungarn, ein neues, wenn auch bescheidenes Leben zu beginnen. Ihre Wohnungseinrichtung ist einfach, erinnert aber an ihre Wohnung in Budapest, an ihre vornehme Vergangenheit. Es \u201eist der vertraute Geschmack\u201c, der ihm hier begegnet. Sie tasten sich ab in Gespr\u00e4chen &#8211; die Mutter m\u00f6chte ihrem Sohn beweisen, wie gut sie es mit Amerika getroffen hat, der Sohn will klar machen, dass es f\u00fcr ihn richtig war, in Ungarn zu bleiben um dort eine literarische Laufbahn einzuschlagen.<br \/>\nSie war nach Amerika geflohen, weil sie nie mehr ins Gef\u00e4ngnis wollte: Sie war angeklagt worden, sie habe das Ger\u00fccht in Umlauf gebracht, die 100 Forint-Noten w\u00fcrden eingezogen. In Wahrheit sollte ein Exempel statuiert, die Aristokratin gedem\u00fctigt und die Bev\u00f6lkerung eingesch\u00fcchtert werden. Judit Vajda stammte aus einer Arader Adelsfamilie, hatte den Vater, einen bekannten Budapester Rechtsanwalt geheiratet, sich eng mit dessen erster Frau, der umschw\u00e4rmten Schauspielerin Gizi Bajor befreundet. Diese wird auch Mikl\u00f3s\u2019 Taufpatin.<br \/>\nDie Eltern f\u00fchren ein gro\u00dfes gesellschaftliches Leben, gehen oft aus, empfangen h\u00e4ufig Besuch. Ber\u00fchmte Zeitgenossen, Literaten und K\u00fcnstler, gehen bei ihnen ein und aus. F\u00fcr Mikl\u00f3s haben sie wenig Zeit. Nach damaliger Konvention wird er Kinderm\u00e4dchen, Gouvernanten und deutschen Fr\u00e4uleins \u00fcberlassen.<br \/>\nIn Amerika beginnt Judit Vajda ein neues Leben, emanzipiert sich und spart jeden Cent, um ihrem Sohn ihr Amerika zeigen zu k\u00f6nnen. Sie liebt das Patience-Spiel. Die Karten lenken sie ab, das Spiel beruhigt sie, der Ausgang des Spiels ist ihr wichtig zur Bew\u00e4ltigung der n\u00e4chsten Zukunft.<br \/>\nIm n\u00e4chsten Bild steht die Mutter in einer Wagont\u00fcr am Budapester Ostbahnhof, als sie zum ersten Mal zu Besuch aus Amerika kommt. Unter einem riesigen Hut und einer aufgetakelten Maskerade versucht sie ihre Angst zu tarnen. Sie will als Respektsperson, als amerikanische B\u00fcrgerin wahrgenommen werden. In Budapest m\u00f6chte sie die Zeit nutzen, um alte Bekannte, um die fr\u00fcheren Schaupl\u00e4tze ihres Lebens wieder zu sehen. \u201e[\u2026] Das St\u00fcck, dessen geheime Heldin sie ist, erz\u00e4hlt also eine ergreifende kleine Erfolgsgeschichte\u201c.<br \/>\nZu Beginn des Krieges ist der Vater schon schwer herzkrank. \u2013 Nach den N\u00fcrnberger Rassengesetzen muss er sich, obwohl er getaufter Jude ist, versteckt halten. Der Sohn hat von alledem keine Ahnung und hetzt mit seinen Altersgenossen munter gegen die Juden, bis ihm die Mutter die Wahrheit er\u00f6ffnet. F\u00fcr den Sohn bricht eine Welt der Sicherheit und Bevorzugung zusammen. Mutter und Sohn k\u00f6nnen einer Pfeilkreuzler-Razzia mit Hilfe von Gizi und des schwedischen Botschafters entkommen, m\u00fcssen aber von da an bei Mikl\u00f3s Firmpaten leben; bis \u00fcber die Bombardierung Budapests hinaus. Nach dem Krieg kann sich der Vater vor\u00fcbergehend erholen und wieder arbeiten, erliegt 1946 aber einem Herzschlag. Nicht einmal da l\u00e4sst die Mutter Tr\u00e4nen zu. \u2013 Sie muss nun f\u00fcr den Sohn und f\u00fcr sich sorgen, er\u00f6ffnet ein Bistro, das sehr gut besucht wird \u2013 in den Augen der kommunistischen Partei von \u201eklassenfremden Elementen\u201c, bis sie wegen \u201eklassenfeindlicher Propaganda\u201c angeklagt wird und ins Gef\u00e4ngnis nach M\u00e1rianosztra kommt. Gizi Bajor und ihrem unerm\u00fcdlichen schauspielerischen Einsatz in Briefen an M\u00e1ty\u00e1s R\u00e1kosi und J\u00f3zsef R\u00e9vai ist es zu verdanken, dass ihre Haft unterbrochen wird. Nach Gizis gewaltsamem Tod durch ihren paranoiden Ehemann, kommt die Mutter jedoch wieder ins Gef\u00e4ngnis, diesmal nach Kalocsa. Abermals wird ihre Haft \u201eunterbrochen\u201c. Danach ist sie fest entschlossen, nie wieder ins Gef\u00e4ngnis zu gehen. \u2013 Bis zu ihrer Flucht, an Silvester 1956, tr\u00e4gt sie immer eine Rasierklinge bei sich \u2013 um sich im Bedarfsfall einer neuerlichen Festnahme zu entziehen.<br \/>\nIm dritten Bild l\u00e4sst er die Mutter im Garten sitzen, in Amerika, bei der Pflegerin ihres verstorbenen Mannes und inzwischen engen Vertrauten Annuska, die ihr nach Amerika gefolgt war.<br \/>\nVieles kommt ihm wieder in den Sinn, als er sie dieses Mal besucht, anl\u00e4sslich eines Kongresses, an dem er als \u00dcbersetzer aus dem Englischen teilnimmt. Sie erinnern sich an die Zeit der Pfandscheine, mit denen sie ihr Leben damals in Ungarn etwas fristen konnten \u2013 und er denkt daran, wie er 1975 als Spitzel angeworben werden sollte, mit einem Trick aber entkommen konnte.<br \/>\nEnde der 70er Jahre bekommt die Mutter eine Lungenentz\u00fcndung, weigert sich jedoch, einen Arzt kommen zu lassen. Was der Sohn lange nicht wei\u00df: Schon auf ihrer Flucht, bereits in Wien, f\u00e4llt sie einer amerikanischen Sekte, der \u201eChristian Science Church\u201c in die H\u00e4nde. Die Mitglieder k\u00fcmmern sich um sie, ebnen ihr die Wege zur Emigration nach Amerika. Sie ist nicht mehr allein \u2013 und wird Mitglied. Die Sektenmitglieder glauben an Selbstheilung durch Gebet und lehnen jedweden Arztbesuch oder Krankenhausaufenthalt ab.<br \/>\nDer Sohn kennt seine Mutter nicht mehr: Sie in einer Sekte??. Als ihm die ganze Tragweite aufgeht, bedr\u00e4ngt er die Mutter mit Argumenten derart, dass sie zwar zugibt, eine Dummheit begangen zu haben, und wieder ausgetreten zu sein, doch ihre Gesundheit zu retten, dazu ist es schon zu sp\u00e4t.<br \/>\n1982 kommt sie zum dritten Mal nach Budapest, um Abschied zu nehmen \u2013 das wissen Beide, wenn sie auch nicht dar\u00fcber sprechen. Schon damals ist die Mutter schwer krank \u2013 sie m\u00f6chte aber ihren zweiten Enkel noch sehen.<br \/>\nDrei Jahre sp\u00e4ter, ein Jahr vor ihrem Tod besucht Mikl\u00f3s sie noch einmal in Amerika, diesmal im Altersheim. Sie erz\u00e4hlt ihm \u00fcber sich, \u00fcber ihre Eltern und Familie \u2013 fast zu sp\u00e4t \u2013 vieles kann er nicht mehr erfragen \u2013 und das Nimmermehr, niemals mehr geht ihm nicht mehr aus Kopf und Herz. Er wei\u00df, dass dieser Besuch der letzte sein wird.<br \/>\nSie w\u00fcnscht nicht, dass er l\u00e4nger bleibt \u2013 und er m\u00f6chte nicht bei ihrem Tod dabei sein \u2013 bei einer solch privaten Angelegenheit.<br \/>\n1985 stirbt die Mutter in Amerika. Die Urne setzt Annuska in ihrem Garten bei.<\/p>\n<p>Im Anhang sind die herzzerrei\u00dfenden Bittbriefe Gizis abgedruckt, die sieben Briefe, die sie an R\u00e1kosi und seinen Hauptideologen J\u00f3zsef R\u00e9vai schreibt, um Judit aus dem Gef\u00e4ngnis frei zu bekommen. Geschickt wei\u00df sie mit der Eitelkeit des Diktators zu spielen, setzt alle ihre schauspielerischen F\u00e4higkeiten ein &#8211; Irgendwann gibt man nach \u2013 eine Haftunterbrechung wird ausgesprochen, die sp\u00e4ter, nach Gizis Tod, wieder zur\u00fcck genommen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Originaltitel: Anyak\u00e9p, amerikai keretben, 2009 aus dem Ungarischen von Timea Tank\u00f3 Braum\u00fcller Verlag, Wien, 2012, ISBN: 978-3-99200-046-3 Bezug: Buchhandel, 21,90 Euro \u201eIn letzter Zeit habe ich das Gef\u00fchl, sie steht mir n\u00e4her, seitdem sie nicht mehr lebt\u201c. 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