{"id":276,"date":"2011-06-21T14:11:13","date_gmt":"2011-06-21T14:11:13","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=276"},"modified":"2012-05-19T20:02:17","modified_gmt":"2012-05-19T20:02:17","slug":"rezension-ana-novac-die-schonen-tage-meiner-jugend","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=276","title":{"rendered":"Rezension: Novac, Ana &#8211; &#8222;Die sch\u00f6nen Tage meiner Jugend&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_schoenen.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2418\" title=\"die_schoenen\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/die_schoenen.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"244\" \/><\/a><em>Aus dem Franz\u00f6sischen von Eva Moldenhauer<\/em><br \/>\n<em> Verlag: Sch\u00f6ffling, 2009; ISBN: 978-3-89561-415-6<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel Preis: Euro 22.90<\/em><\/p>\n<p>\u201eIch wurde als Frau und J\u00fcdin \u2013 dazu arm und unsterblich \u2013 in Siebenb\u00fcrgen (\u2026) geboren\u201c, der erste Satz der Autorin im Vorwort zur deutschen Ausgabe dieses Buches. Ja, \u201eunsterblich\u201c ist die heute ungef\u00e4hr 80j\u00e4hrige sicherlich. Nicht nur, weil sie Leben und Verstand \u00fcber die verschiedenen Vernichtungslager hinaus, retten konnte, sondern auch durch dieses Zeitzeugnis, das sie als wahrscheinlich 14-15j\u00e4hrige in den Lagern als Tagebuch schrieb.<br \/>\nDies ist innerhalb kurzer Zeit das zweite Tagebuch, das eine Frau, ein M\u00e4dchen in den Vernichtungslagern schrieb, um sich damit am Leben zu erhalten. 2006 erschien das Buch von \u00c1gnes R\u00f3zsa \u201eSo lange ich lebe, hoffe ich\u201c. Es sind die Tagebuchaufzeichnungen der 34j\u00e4hrigen Lehrerin 1944\/45 in N\u00fcrnberg und Holleischen.<br \/>\nDas junge M\u00e4dchen hier, Ana, beginnt in Auschwitz zu schreiben. Zuf\u00e4llig findet sie einen Bleistiftstummel, rei\u00dft Plakate ab benutzt jegliches Papiermaterial um darauf ihre Notizen zu machen. Sie hat sogar den Mut, einem Lagerkapo ein Heft abzuschwatzen. Schon seit ihrem 11. Lebensjahr f\u00fchrt sie Tagebuch; denn Tagebuchschreiben ist f\u00fcr sie das Leben selbst, \u201eso wichtig wie atmen und essen\u201c. Das will etwas hei\u00dfen in Lagern, in denen die ganze Gesellschaft \u201enur aus Bauch besteht\u201c.<br \/>\nUnbarmherzig, mit spitzem Bleistift spie\u00dft die \u201eG\u00f6re\u201c, wie sie sich manchmal nennt, ihre Lagergenossinnen, die Block\u00e4ltesten, die Aufseher und nat\u00fcrlich die \u201eFritzen\u201c, die SS-Leute, auf, in scheinbar leicht-sp\u00f6ttischem Plauderton. Nur mit Sarkasmus und viel schwarzem Humor kann sie sich immer wieder retten. \u201eDenen\u201c will sie es zeigen, will sich nicht unterkriegen lassen. Und sie erkennt auch ganz scharf, dass es Wut, \u00dcberlebenswille und Hunger sind, die sie weder geistig noch k\u00f6rperlich einschlafen lassen.<br \/>\nDie Rekonstruktion ihrer Notizen, die sie nach Jahren des Vergessenwollens vornimmt, l\u00e4sst sie so beginnen: \u201eIhr werdet krepieren\u201c! Die Aufseherinnen, selbst Gefangene, schwingen die Peitsche, um ihre Machtstellung zu sichern: Da wird Essen gestohlen, falsch und nachl\u00e4ssig ausgeteilt, unterschlagen. \u2013 N\u00fcchtern, oft sarkastisch-\u00fcberheblich notiert Ana ihre Beobachtungen, wie die H\u00e4ftlinge gequ\u00e4lt oder zu Tode gefoltert werden. Manchmal zweifelt sie an ihren Wahrnehmungen: Ist sie noch normal, k\u00f6nnen Menschen einfach abgeknallt, von Hunden zu Tode gehetzt, mit der Peitsche zu einem \u201eDing\u201c zerschlagen werden? &#8211; Mit ihrer Freundin Sofi, einer Schulkameradin, die sie zuf\u00e4llig im Lager wieder gefunden hatte, f\u00fchrt sie \u201elogische\u201c philosophische Gespr\u00e4che. Sofi will einen Grund erkennen, warum sie hier sind. Dann m\u00fcsste es n\u00e4mlich auch die M\u00f6glichkeit des Entkommens geben. Aber es gibt keinen Grund. Sie sind \u00fcberz\u00e4hlig, unerw\u00fcnscht. Juden. Und doch: f\u00fcr Ana gibt es nichts, das ihren Lebenswillen ausl\u00f6schen k\u00f6nnte. Dabei hilft ihr das Tagebuch &#8211; es ist so etwas wie ihr Gespr\u00e4chspartner.<br \/>\nWenn Neuank\u00f6mmlinge eintreffen, sind diese genau so ungl\u00e4ubig entsetzt, wie Anas Gruppe es vorher war, als sie die nackten, kahl geschorenen Frauen gesehen hatten. F\u00fcr Ana sehen die wei\u00dfen kahlen Sch\u00e4del aus wie Kohlk\u00f6pfe: Eine neue \u201eSpezies\u201c, eine typisch deutsche Entdeckung, etwas zwischen Mensch und Ding. Von den menschlichen Eigenschafen bleibt nur \u201e ein leidendes Ding\u201c.<br \/>\nAna beschreibt die Familienclans, die Dorfgemeinschaften, die sich hier fest aneinander klammern. Es scheint, dass die Frauen, die im normalen b\u00fcrgerlichen Leben schon unangenehm oder berechnend, sadistisch oder wehleidig waren, es hier erst recht sind. Ana erz\u00e4hlt aber auch, dass sie viel gelacht, d. h. mehr gekichert haben, aber das sei das Lachen der Verzweiflung, das Kichern der blank liegenden Nerven gewesen. Auch dem Leser, der sich \u00fcber Redewendungen und scharfz\u00fcngige Beobachtungen der jungen \u201eG\u00f6re\u201c am\u00fcsiert, bleibt sofort wieder das Lachen im Halse stecken.<br \/>\nImmer \u00f6fter hei\u00dft es, \u201esie kommen\u201c, die Russen, die sie befreien sollen, doch genauso oft werden die Gefangenen entt\u00e4uscht: Die \u201eGer\u00fcchte wachsen wie Pilze aus dem Boden\u201c. Mit Verwunderung h\u00f6rt sie, dass das Warschauer Getto revoltiert habe, w\u00e4hrend ihnen zu Hause nicht einmal der Gedanke an Auflehnung gekommen war, obwohl sie doch so viele waren. Zynische \u00dcberlegung: \u201eMan darf doch die Obrigkeit nichts ver\u00e4rgern\u201c.<br \/>\nIn einem weiteren Lager finden Sofi und sie sich als Arbeiterinnen im Steinbruch wieder. Nicht, dass die Steine gebraucht w\u00fcrden. Die Frauen sollen nur geschunden werden. Durch Zufall entdeckt Ana eines Tages einen Graben, in dem sie sich verstecken und schreiben kann \u2013 wenn die Kolonne zur\u00fcckmarschiert, reiht sie sich wieder unauff\u00e4llig ein. Ein Lebensk\u00fcnstler! Sie arbeitet doch nicht f\u00fcr die Fritzen! Immer wieder hat sie auch wirklich Gl\u00fcck: Lagerkapo Konhauser, dem sie das Heft zu verdanken hat, stellt sie im Kleidermagazin an, er \u00fcberredet sie auch, das Heft dem Aufseher und M\u00f6rder Otto mitzugeben, der aus dem Lager frei kommt. Dieses Heft kommt tats\u00e4chlich zur fr\u00fcheren Hausmeisterin ihrer Eltern \u2013 und bildet den gr\u00f6\u00dften Teil dieses Tagebuchs.<br \/>\nMehrmals wird sie in andere Lager gebracht, sie wird t\u00e4towiert, wird krank, bekommt Rippenfellentz\u00fcndung. Eine \u00c4rztin p\u00e4ppelt sie wieder auf. Sie hat ein eigenes Bett und wird versorgt. in ihrer Mattigkeit sp\u00fcrt sie jedoch, dass sie ihren Kampfgeist weiter auf Touren laufen lassen muss, um zu \u00fcberleben. \u2013<br \/>\nDamit endeten die Notizen.<br \/>\nIm \u201eEpilog\u201c beschreibt Ana Novac kurz, wie es weiterging:<br \/>\nAm 6. Mai 1945 werden sie von Tataren befreit, die sich zuerst ganz wie Sieger geb\u00e4rden, sie aber schlie\u00dflich mit so viel \u201eTschorba\u201c f\u00fcttern, dass noch einmal viele von ihnen sterben. Ana geht noch durch f\u00fcnf weitere Lager, bekommt Typhus. Irgendwie kommt sie dann nach Hause, verbringt 2 Jahre in Sanatorien in den rum\u00e4nischen Karpaten und 20 weitere Jahre in Ceausescus Reich. Die Nazis, so sagt sie, wollten ihr nur den K\u00f6rper rauben, die Kommunisten aber die Seele. Gl\u00fccklich ist sie erst, als sie endlich die Stadt ihrer Tr\u00e4ume betreten kann, Paris, wo sie auch heute noch lebt und von dort den Fall der Mauer erleben konnte, die Wende.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Franz\u00f6sischen von Eva Moldenhauer Verlag: Sch\u00f6ffling, 2009; ISBN: 978-3-89561-415-6 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 22.90 \u201eIch wurde als Frau und J\u00fcdin \u2013 dazu arm und unsterblich \u2013 in Siebenb\u00fcrgen (\u2026) geboren\u201c, der erste Satz der Autorin im Vorwort zur &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=276\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[179],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/276"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=276"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/276\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2419,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/276\/revisions\/2419"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=276"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=276"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=276"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}