{"id":2747,"date":"2012-09-10T10:24:35","date_gmt":"2012-09-10T10:24:35","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2747"},"modified":"2012-09-10T10:24:35","modified_gmt":"2012-09-10T10:24:35","slug":"rezension-nemeth-gabor-bist-du-jude","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2747","title":{"rendered":"Rezension: N\u00e9meth, G\u00e1bor &#8211; &#8222;Bist du Jude&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/bist_du1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2749\" title=\"bist_du\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/09\/bist_du1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"275\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Ter\u00e9zia Mora<br \/>\nVerlag edition atelier, Wien 2011<br \/>\nISBN: 978-3-902498-52-6<br \/>\nOriginaltitel: Zsid\u00f3 vagy?, 2004<br \/>\nBezug: Preis: 18,90 Euro<\/em><\/p>\n<p>Schade, dass die gro\u00dfen Zeitungen auf ihren Feuilleton-Seiten dieses Buch nicht besprochen haben: Da schreibt einer mit viel Liebe und leisem Spott \u00fcber Verletzungen, Missverst\u00e4ndnisse seiner Kindheit und Jugend, \u00fcber Sprachlosigkeit und Ausgeliefertsein an die Erwachsenen \u2013 und damit auch an den Machtapparat des kommunistischen Ungarn unter K\u00e1d\u00e1r. N\u00e9meth ruft nicht nur seine kindlichen Erinnerungen zur\u00fcck, er kommentiert diese als Erwachsener, der seinen Reminiszenzen oft genug nicht traut. Dabei blitzt die Familiengeschichte immer wieder auf in der ungarischen Politik und Geschichte seit dem 2. Weltkrieg &#8211; f\u00fcr das Kind ist das die graue Vorzeit.<br \/>\nMelancholisch-ironisch sinnt der Autor der Frage nach, wann \u201ees\u201c anfing, wann er \u201ees\u201c verloren hatte, oder als \u201ees\u201c noch in Ordnung war \u2013 n\u00e4mlich, als er noch Vertrauen hatte, sich zugeh\u00f6rig f\u00fchlte, eingeh\u00fcllt in Liebe und F\u00fcrsorge, und wieso er sich in seinem eigenen Land, Ungarn, schon als Kind fremd und als Au\u00dfenseiter gef\u00fchlt hatte. Sp\u00e4ter wird er sich im Unterwegs zu Hause f\u00fchlen, sicher und gl\u00fccklich in anderen L\u00e4ndern.<br \/>\n\u201eIch war noch nicht einmal geboren, da wollte man mich schon zweimal umbringen\u2026\u201c beginnt der Autor, der am 23. November 1956 geboren wurde, zu einer Zeit, als bereits viele Aufst\u00e4ndische Ungarn den R\u00fccken kehrten und in andere L\u00e4nder flohen. \u2013 In diese Zeit der Diktatur K\u00e1dars fallen Kindheit und Jugend des jungen G\u00e1bor. Eine Zeit, die gepr\u00e4gt ist von Mangel, von sehr beengten Wohnungsverh\u00e4ltnissen &#8211; das Kind musste die Woche \u00fcber bei seinen Gro\u00dfeltern schlafen, da die Eltern nur in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebten \u2013 und vor allem vom Verschweigen der vergangen Geschichte.<br \/>\nG\u00e1bor macht schon fr\u00fch die Erfahrung, dass er in entscheidenden, f\u00fcr ihn auch sehr schmerzlichen Situationen allein gelassen wird: Als Kleinkind von einer Hornisse gestochen \u2013 und niemand ist zur Stelle, in der Schule w\u00fcrgt ihn ein Mitsch\u00fcler derart, dass er ins Krankenhaus kommt und lange Zeit, nicht am Sportunterricht teilnehmen kann. Er bleibt im Klassenzimmer, gr\u00fcbelt und beobachtet. Als er wieder einmal mit seiner Mutter zum Arzt geht, operiert ihm dieser unvermutet die Mandeln heraus. Traumatische Erfahrungen f\u00fcr das Kind. Er f\u00fchlt sich hintergangen und nicht ernst genommen.<br \/>\nZu seinem ersten Aufenthalt als Schulanf\u00e4nger in ein Ferienlager unweit Budapest, in Le\u00e1nyfalu, f\u00e4hrt er ahnungslos mit seinen Eltern mit \u2013 und wird zur\u00fcck gelassen. G\u00e1bor f\u00fchlt sich abgeschoben, missverstanden, gegen den Strich geb\u00fcrstet. Es gab Sport mit den anderen Kindern, doch er kann sich nicht wohlf\u00fchlen, mag ihre oft grausamen Spiele nicht mitspielen \u2013 f\u00fchlt sich aber zu schwach und ohnm\u00e4chtig um einzuschreiten oder Hilfe bei den Erziehern zu holen. Eigentlich m\u00f6chte er einfach in Ruhe gelassen werden, Abstand halten, nur zusehen. F\u00fcr ihn gibt es keinen Schlupfwinkel, in den er sich h\u00e4tte verkriechen k\u00f6nnen; er f\u00fchlt sich st\u00e4ndig beobachtet und\u00a0ausgeliefert. Der Junge ist einsam, das Kinderheim eine \u201eEinsamkeitsfabrik\u201c.<br \/>\nImmer wieder wird er in seinem Leben die Erfahrung machen, dass er haupts\u00e4chlich einsam ist und nicht verstanden wird. G\u00e1bor hat viele solcher Kinder- und Jugendlager in Ungarn durchlaufen \u2013 \u00fcberall das Gleiche mit Variationen; selbst als er zum Milit\u00e4r einberufen wird: \u201e20j\u00e4hrige kleine Kameraden spielen Soldatenspiele\u2026\u201c. Das Wissen um die Sinnlosigkeit dieser Lageraufenthalte nimmt zu, er wird misstrauisch. Wirkliche Freunde findet er nicht. Auch sp\u00e4ter, in seinem Erwachsenenleben, kommt es immer nur zu Fast-Freundschaften: Sobald H\u00f6flichkeit und L\u00fcge dazu kommen, ist es aus \u2013 Freundschaft muss f\u00fcr ihn vorbehaltlos sein. \u2013 Als Erwachsener begreift er auch, dass der Mensch sein ganzes Leben lang ein Lagerbewohner ist, dass er stets von den Abmessungen der Lager begrenzt ist.<br \/>\nLe\u00e1nyfalu wird sein ganzes Leben beeinflussen: Die Kinder d\u00fcrfen als besondere Verg\u00fcnstigung ins Kino gehen. \u201eDer alte Mann und das Meer\u201c wird gespielt. Aber nicht dieser Film ist es, der ihm mit einem Schlag die \u201eAugen \u00f6ffnet\u201c und um den sein ganzes zuk\u00fcnftiges Denken kreisen wird, sondern ein Kurzfilm, eine Dokumentation \u00fcber die Ermordung der Juden, \u00fcber den Holocaust. Sogleich ist er sich sicher, dass auch er zu diesen Ausgegrenzten geh\u00f6ren muss. Die Frage f\u00fcr ihn ist nur: Wann wird er mit seiner Familie an der Reihe sein? \u2013 Schlaflose N\u00e4chte folgen, Jahre, in denen das Kind, sp\u00e4ter der Jugendliche sich den Kopf zermartert, welche schwere Verfehlung die Juden auf sich geladen haben, dass sie derart bestraft werden m\u00fcssen. Er ist ersch\u00fcttert und besch\u00e4mt, dass seine Eltern ihm nichts davon gesagt haben, bis ihm eines Tages klar wird, dass sie es nicht einmal selbst wissen, dass sie Juden sind. Sie glauben sie seien Kommunisten, wenn auch r\u00f6misch-katholisch getauft \u2013 die Mutter reformiert. Den Glauben anderer w\u00fcrden sie achten, wenn er auch zu nichts n\u00fctze.<br \/>\nDem erwachsenen G\u00e1bor f\u00e4llt auf, dass seine Eltern viele j\u00fcdische Bekannte hatten, dass Spiel- und Schulkameraden Juden waren. Er wusste nichts davon; hatte es nicht gesp\u00fcrt &#8211; sie sehen ja aus, wie andere Menschen auch. Geheime Zeichen konnte er keine entdecken \u2013 und wenn sie wirklich welche hatten, erkannte er sie nicht.<br \/>\nG\u00e1bor w\u00e4chst sicherlich so auf, wie viele ungarische Kinder in dieser Zeit. Die Eltern k\u00f6nnen sich wenig leisten, sie sind kleine Parteimitglieder, stolz darauf, dass Vaters Vater die kommunistische Partei mitbegr\u00fcndet hat, was ihnen im realen Leben aber keinerlei Vorteil verschafft.<br \/>\nDas Wort Jude, oft als Schimpfwort gebraucht, f\u00e4llt ihm immer h\u00e4ufiger auf: \u201eIch wusste noch nicht, dass au\u00dferhalb der Schule es genau so ist, dass der ein Jude ist, der danach aussieht, nein, er muss gar nicht danach aussehen, es reicht, wenn man der Meinung ist, er s\u00e4he so aus, oder wenn man ihn ganz einfach f\u00fcr einen Juden h\u00e4lt\u201c. Jude ist der, \u00fcber den andere schimpfen, auf dem andere herumhacken. Und derjenige, der sie verteidigt, muss in den Augen der Angreifer auch Jude sein! Doch vorerst h\u00e4nseln ihn die Kameraden als \u201eNazi\u201c. Nazi von seinem Namen \u201eN\u00e9meth\u201c \u2013 Deutscher. Er muss es geschehen lassen, kann sich nicht wehren. Insgeheim nennt er sich nach einem Onkel aus Holland, Onkel Johan \u2013Rennfahrer im Porsche &#8211; doch war er \u00fcberhaupt sein Taufpate 1956? \u2013 So hat er es sich als Kind ausgemalt. Real ist, dass sie Verwandte in Holland haben. Verwandte, die immer mal wieder nach Ungarn kommen, gro\u00dfz\u00fcgig sind und die gro\u00dfe weite Welt mitbringen, bevor sie die Zur\u00fcckgebliebenen wieder in ihrem grauen Alltag allein lassen. Johan soll also sein geheimer j\u00fcdischer Name sein.<br \/>\nIn seinen Erinnerungen l\u00e4sst der Autor das sensible Kind zu Wort kommen, wie es sich das Leben vorstellt, wenn es sich mit den Helden seiner B\u00fccher vergleicht. Gern w\u00e4re es ein edler Ritter, oder ein edler Indianer, doch meist steht er nur als Zuschauer am Rande.<br \/>\nSo nach und nach kommt G\u00e1bor dahinter, dass zwischen den Reden der Erwachsenen und dem offiziellen Umgang mit Geschichte gro\u00dfe L\u00fccken klaffen.<br \/>\nAls Leserin f\u00fchle ich mich hineingesogen in diese Zeit, in der \u00fcber Vieles nicht gesprochen werden durfte. Klar; denn die Faschisten, die Pfeilkreuzler, die Nazis waren an allem schuld. Dann kamen die Kommunisten \u2013 und alles wurde besser! Wirklich?<br \/>\nUnd was ist mit L\u00e1szl\u00f3 Raik? Was mit &#8217;56? In der Schule kann er heimlich ein Buch \u00fcber 1956 lesen, sieht auf Fotos Imre Nagy vor dem Volksgerichtshof. Er begreift, das Geheimnis von 1956 ist, dass es das \u00fcberhaupt gab.<br \/>\nUm seine Einsamkeit zu kaschieren, um Gemeinsamkeiten mit der Klasse zu haben, wird er zum Klassenclown, bringt die anderen zum Lachen, findet noch zwei Kameraden, tats\u00e4chliche Juden, die er aber nicht erkennt, sie lachen alles mit gro\u00dfem Gel\u00e4chter weg.<br \/>\nN\u00e9meth vergleicht auch sein Leben als Heranwachsender mit den echten M\u00e4nnern seiner B\u00fccher. Wie sollte er denn wissen, wie und wer ein echter Mann ist. Keine Erkl\u00e4rung, keine Andeutung der Erwachsenen. Literatur, Lekt\u00fcre, graues kommunistisches Einerlei. Lager, Pioniere, Ferienheime \u2013 und was die Jungen dort so trieben. Echte M\u00e4nner? Vorbilder?<br \/>\nEinmal lernt der Junge eine Klassefrau kennen. Die passende Literatur f\u00e4llt ihm dazu ein, das \u201eHohe Lied der Liebe\u201c, aber als sie ihm ihren Davidstern zeigt und ihn fragt, ob er wei\u00df, was das ist, wird er trotzig und sagt, er wisse es nicht. Aus! Sie geht.<br \/>\nIn den 70er, sp\u00e4ter in den 80er Jahren f\u00e4ngt G\u00e1bor an zu reisen \u2013 er will heraus, heraus aus seinem Land, in die Freiheit, sehen, was es woanders gibt. Er f\u00fchlt sich fremd \u2013 j\u00fcdisch \u2013 in seinem Land. Zun\u00e4chst kann er nur in die \u201eBruderl\u00e4nder\u201c reisen, sp\u00e4ter in den Westen. Damit beginnt f\u00fcr ihn das Gef\u00fchl der Geborgenheit, des Gl\u00fccks im Unterwegssein.<br \/>\nErw\u00e4hnen m\u00f6chte ich die stimmige \u00dcbersetzung von Ter\u00e9zia Mora, die den leichten Plauderton des Autors, der dabei so viel Wichtiges zu sagen hat, genau trifft und das Lesen auch von dieser Seite her zu einem Vergn\u00fcgen macht.<\/p>\n<p>Gudrun Brzoska, September 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Ter\u00e9zia Mora Verlag edition atelier, Wien 2011 ISBN: 978-3-902498-52-6 Originaltitel: Zsid\u00f3 vagy?, 2004 Bezug: Preis: 18,90 Euro Schade, dass die gro\u00dfen Zeitungen auf ihren Feuilleton-Seiten dieses Buch nicht besprochen haben: Da schreibt einer mit viel &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2747\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[253],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2747"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2747"}],"version-history":[{"count":1,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2747\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2750,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2747\/revisions\/2750"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2747"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2747"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2747"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}