{"id":2720,"date":"2012-08-10T19:48:25","date_gmt":"2012-08-10T19:48:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2720"},"modified":"2012-08-10T19:48:25","modified_gmt":"2012-08-10T19:48:25","slug":"rezension-rakusa-ilma-mehr-meer","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2720","title":{"rendered":"Rezension: Rakusa, Ilma &#8211; &#8222;Mehr Meer&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/mehr_meer.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2721\" title=\"mehr_meer\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/08\/mehr_meer.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"238\" \/><\/a>Erinnerungspassagen<\/em><br \/>\n<em> Literaturverlag Droschl, 2009; ISBN: 978-3-85429-760-3<\/em><\/p>\n<p>F\u00fcr diese ihre \u201eErinnerungspassagen\u201c erhielt die Autorin 2009 den Schweizer Buchpreis: In 69 Kapiteln erz\u00e4hlt sie aus ihrer Kindheit, erinnert sich an kurze Verweilzeiten und an Schaupl\u00e4tze, die sie mit ihren sp\u00e4teren Reisen und Einsichten verkn\u00fcpft. Dabei steigt sie unmittelbar in Szenen ein, zieht mich als Leserin in einen eigent\u00fcmlichen Sog von eigener Kindheitserinnerung und D\u00e9j\u00e0-vue-Erlebnissen, obwohl ich ein ganz anderes Schicksal habe.<br \/>\nWie im Film rollen die Sequenzen ab, mit \u00dcberblendungen zu sp\u00e4ter und heute, und mit eingeschobenen Zwiegespr\u00e4chen.<br \/>\nIlma Rakusa kommt 1946 in Rimaszombat, in der heutigen Slowakei zur Welt. Ihre Mutter ist Ungarin, der Vater Slowene. Ihre Vorfahren m\u00fctterlicherseits stammen aus Litauen und Polen: \u201eDen Osten Europas, \u00fcber den sich das Netz der Familiengeschichte breitet, habe ich kreuz und quer bereist, vor allem auf Schienen.[\u2026] Und seltsam, dieses Weiter, wenn es sich denn nicht selbst gen\u00fcgt, zielt nicht auf Ankunft, sondern erscheint mir wie eine Kette von Abschieden. [\u2026] ich lese Aufschriften in Ungarisch, Slowakisch, Litauisch.\u201c<br \/>\nEineinhalb Jahre sp\u00e4ter zieht die Familie nach Budapest.<br \/>\nRakusa beginnt ihre Erinnerungen mit dem Vater, der bei seinem Tod nichts Pers\u00f6nliches hinterlie\u00df \u2013 er hatte zu lange gewartet mit seinen Erinnerungen. Die Tochter macht das anders: Sie beschw\u00f6rt Bilder, Farben und vor allem Ger\u00fcche herauf, wenn sie an ihre Kindheit und Jugend denkt.<br \/>\nSie erinnert, dass ihr die Mutter in Budapest viele M\u00e4rchen erz\u00e4hlte, wohl auch gegen die eigene Angst \u2013 das Kind sieht sich an der Donau sitzen und hat bereits Fernweh: \u201eSchwarzes Meer. Wie schwarze Sonne. Das sitzt noch heute als Sehnsuchtsmetapher\u201c.<br \/>\n1949, Ilma ist drei Jahre alt, als der Vater ein neues Nest sucht, in Ljubljana: Der riesige Garten ist auf einmal wieder da, die N\u00e4chte, in denen der Garten schrumpft und die lauten Lokomotiven dem Kind Angst machen. Trost spendet nur Kesztye, ihr Pelzhandschuh, an ihn klammert sie sich und lernt die fremden slowenischen Laute \u2013 schweigend &#8211; bis es ihr gelingt, in ganzen S\u00e4tzen zu sprechen. Ein dreiviertel Jahr kann sie in ihrem Garten leben, dann zieht die Familie weiter: Nach Barcola bei Triest, mit Blick auf das M\u00e4rchenschloss Miramar. Ilma h\u00f6rt Italienisch, Englisch. Slowenisch. Die Sprachenvielfalt beruhigt, sie wird ihre Heimat. Hinter den heruntergelassenen Jalousien des ochsenblutroten Hauses entdeckt sie ihre Phantasie. Das Kind denkt sich den Lichthasen aus, schaut durch die Ritzen und erz\u00e4hlt sich Geschichten: Das Siestazimmer wird ihr zur Zuflucht, \u201eein Kind der Jalousien.\u201c Dort beginnt schon ihr sp\u00e4teres Schreiben. Triest mit seinem Meer wird ihr Gl\u00fcck, ihre st\u00e4ndige Sehnsucht. Amelia, die Kinderfrau, bringt ihr Slowenisch bei, M\u00e4rchen und Reime.<br \/>\nSchon das Kind Ilma schwelgt in Farben \u2013 oder nimmt sie diese erst bei ihren sp\u00e4teren Besuchen so intensiv wahr? \u201eDas Meer war blau und gr\u00fcn und t\u00fcrkis und grau und aschfarben und schwarz, aber auch wei\u00df und rosa und rot und orange und golden und silbern. [\u2026] Ich lernte seine Wandlungsf\u00e4higkeit, seine Unfassbarkeit zu lieben\u201c. Von Triest aus lernt sie aber auch die Grenzen kennen, das Passieren der Grenzen, oft mit Schikanen verbunden, wenn die Eltern Verwandte im Hinterland besuchen wollen, was h\u00e4ufig geschieht: \u201eIch war ein Unterwegskind- Ein Kinderzimmer hatte ich nicht, aber drei Sprachen, die hatte ich\u201c.<br \/>\nErst sp\u00e4ter erf\u00e4hrt sie von den dunklen Seiten Triests, als einem der Durchgangslager nach Auschwitz. Doch f\u00fcr immer wird sie Heimweh nach den Jalousien haben, immer die Strandfelsen von Miramar, immer die Akazienalleen vermissen.<br \/>\nIm Januar 1951 macht sich die Familie erneut auf. In letzter Minute erhalten sie die Einreiseerlaubnis in die Schweiz. Wieder muss das Kind alles Vertraute verlassen. Es weint nicht, klammert sich nur wieder an Kesztye. \u201eDer Norden bringt ihm bei was Vereinzelung ist. Und K\u00e4lte. &#8211; Vater wollte in ein demokratisches Land, stabile Verh\u00e4ltnisse f\u00fcr die Familie\u201c. Ihr kleiner Bruder ist drei Monate alt \u2013 wird bald krank und muss viel liegen. Sie f\u00fchlt sich ausgegrenzt, zieht sich in ihr Innerstes zur\u00fcck: \u201eIch tr\u00e4umte mich nach innen, in schneckenartige Labyrinthe, bis an den Tr\u00e4nenpunkt\u201c. Viel hat die kleine Ilma wieder zu lernen: Hochdeutsch, Schweizer Dialekt, Schlittenfahren (bei einem Unfall zieht sie sich eine Sch\u00e4delfissur zu und wird lebenslang Migr\u00e4ne haben), den Umgang mit Kindern, die sich anfangs von ihr fern halten, sie misstrauisch be\u00e4ugen, mit ihrem langen Lammfellmantel, welche die Familie ablehnen, weil die Mutter rote Fingern\u00e4gel hat. Doch Ilma lernt etwas f\u00fcr ihr ganzes Leben Entscheidendes: Sie entdeckt das Lesen. Damit kann sie in fremde Welten, in andere Leben ganz und gar eintauchen, alles um sich herum vergessen: \u201eSchon vor der Einschulung war ich hungrig nach Lekt\u00fcre. [&#8230;] In einer neuen Sprache: Deutsch. Ich lernte sie gierig, durch die B\u00fccher. [\u2026] Das bedeutete Abgrenzung. Von Zuhause, wo das Ungarische die Familiensprache blieb, von der Umgebung, die Dialekt sprach\u201c. Sie beginnt kleine S\u00e4tze zu schreiben: \u201eIch m\u00f6chte am Meer leben und den Schiffen zusehen\u201c. Da Ilma sehr musikalisch ist \u2013auch der Vater liebt die Musik &#8211; lernt sie Klavierspielen. Sp\u00e4ter wird sie lange Zeit im Konflikt mit sich sein, will sie die Musik, oder die Literatur zu ihrem Lebensinhalt machen? Sie wird sich zun\u00e4chst auf eine Musikerlaufbahn vorbereiten, bedeutende Musiker kennen lernen, bis ihr Rostropovich eines Tages ans Herz legen wird, das, was sie tut, mit ganzer Kraft und ganzem Herzen zu tun. Es wird die Literatur sein.<br \/>\nAls Kind wollte sie Weltforscherin werden. Neugierig und interessiert reist sie mit dem Finger auf dem Atlas. Auch sp\u00e4ter wird ihre Liebe zum Reisen eine ihrer besonderen Seiten. Nur, dass sie dann tats\u00e4chlich reisen kann, mit Vorliebe in den Osten. Sobald aus ihrem Staatenlosenpass ein Schweizer Pass geworden ist, reist sie zum geliebten Gro\u00dfvater nach Maribor.<br \/>\nAuch in Z\u00fcrich kann die Familie nicht lange in der m\u00f6blierten Mietwohnung bleiben. Ein missg\u00fcnstiger Nachbar zeigt sie bei der Fremdenpolizei an \u2013 und der Vater kauft ein H\u00e4uschen auf dem Z\u00fcrichberg \u2013 obwohl er sich das eigentlich nicht leisten kann &#8211; um in Ruhe und W\u00fcrde leben zu k\u00f6nnen. Wieder wird Ilma aus ihrer Umgebung herausgerissen, aber auch entsch\u00e4digt: Sie lernt Vera kennen. Die j\u00fcdischen Rituale der Familie gefallen ihr. Mit Vera verbindet sie eine sch\u00f6ne Freundschaft. Doch als Ilma Dostojewskis \u201eSchuld und S\u00fchne\u201c entdeckt, kann ihr Vera, der Verstandesmensch, nicht mehr folgen. Ilma taucht ab, in ganz andere Welten. Erst ihr Religionslehrer, der polnische Pater Janusz, der ihr die Sch\u00f6nheiten und das Vertrauen in Glauben und Religion er\u00f6ffnet, sieht in ihr eine Gespr\u00e4chspartnerin. Pater Janusz bringt den Kindern und vor allem Ilma die Liturgie der Ostkirche nah \u2013 eine Liturgie, die sie Zeit Lebens anspricht.<br \/>\nImmer wieder blendet Rakusa in ihre Kindheits- und Jugenderinnerungen die Erfahrungen sp\u00e4terer Reisen ein: Farben, Licht, Ger\u00fcche assoziieren sofort bestimmte Szenen aus der Kindheit \u2013 oder umgekehrt.<br \/>\nMit 20 Jahren bricht sie zu einem Studienjahr nach Paris auf. Ihr Zimmer ist ein ungem\u00fctlicher Schlauch, aber in bester Lage. Sie kann sich ein Klavier leihen \u2013 und vergisst spielend die Umgebung. Entsch\u00e4digung bietet die Liebe zum Organisten M.. Er ist verheiratet und beide wissen, dass ihre gemeinsame Zeit nur begrenzt sein wird. Danach schreiben sie sich noch lange, doch die Abst\u00e4nde werden immer gr\u00f6\u00dfer. Das scheint ihr \u00f6fter zu passieren: Ihre Lieben kann sie nicht festhalten \u2013 oder &#8211; ist sie selbst nicht zu fassen? Wie bei einem Tanz schreitet das Paar aufeinander zu, umrundet sich, dreht ein paar Takte zusammen, auch innig, driftet wieder auseinander und verliert sich aus den Augen.<br \/>\n\u201eMit meinem Schweizer Pass begann meine R\u00fcckkehr in den Osten: Im April 1966 f\u00e4hrt sie nach Prag. Dub\u010dek verk\u00fcndet den politischen Fr\u00fchling. Das sozialistische Grau scheint wie weggewischt. Sie kommt wieder und wieder. 1967 sind alle voller Hoffnung. Am 21 August 1968 walzen sowjetische Panzer den Traum vom Prager Fr\u00fchling nieder. In den 70ern kommt Rakusa dann wieder: Ein total anderes Land. Sie zittert an der Grenze, schmuggelt trotzdem Buchvertr\u00e4ge von Dissidenten hinein und trifft Regimegegner.<br \/>\n1969 reist sie zum Studium und zur Vorbereitung ihrer Dissertation nach St. Petersburg, das damals noch Leningrad ist. Au\u00dfer der Trostlosigkeit des grauen Sozialismus retten sie zun\u00e4chst die B\u00fccher in der Bibliothek und dann die Gastfreundschaft ihrer neuen Freunde und Kommilitonen. Theater- und Konzertbesuche nimmt sie wahr, so oft wie m\u00f6glich. In Leningrad lernt sie die russische Literatur auf ganz andere, neue Weise intensiv kennen. Alle zitieren hier aus den \u201everbotenen B\u00fcchern\u201c, lernen vor allem Gedichte unliebsamer Schriftsteller auswendig. Kaufen kann man die B\u00fccher nicht. Alles muss im Kopf weitertransportiert werden. Noch jahrelang kommt sie in die Stadt zur\u00fcck, bis sie dann so offensichtlich beschattet wird, dass sie zwischen ihre Besuche eine mehrj\u00e4hrige Pause einlegt. Ein eingeschobenes Zwiegespr\u00e4ch mit Jura macht deutlich: \u201eWei\u00dft du, woran wir die Ausl\u00e4nder erkennen? Sie schauen einem offen in die Augen. W\u00e4hrend unser Blick ausweicht\u201c. Als Rakusa nach der Wende wieder kommt, ist nicht nur das Leben rastloser geworden, auch die Freunde haben keine Zeit mehr.<br \/>\nIn den letzten Kapiteln ihres Buches spricht Rakusa von dem, was sie vermisst, von dem, was sie sammelt, da es ihr doch als Kind nicht verg\u00f6nnt war, \u201eSch\u00e4tze\u201c aufzuh\u00e4ufen und sie immer, einer Abreise gew\u00e4rtig, leichtes Gep\u00e4ck vorbereitet hatten. Doch zum Schluss spricht sie auch so tr\u00f6stlich davon, dass ihr Neugier und Vertrauen geblieben sind.<br \/>\nKann es etwas Sch\u00f6neres geben, trotz so vieler, auch negativer Erfahrungen?<\/p>\n<p>\u00a9 Gudrun Brzoska, Juli 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erinnerungspassagen Literaturverlag Droschl, 2009; ISBN: 978-3-85429-760-3 F\u00fcr diese ihre \u201eErinnerungspassagen\u201c erhielt die Autorin 2009 den Schweizer Buchpreis: In 69 Kapiteln erz\u00e4hlt sie aus ihrer Kindheit, erinnert sich an kurze Verweilzeiten und an Schaupl\u00e4tze, die sie mit ihren sp\u00e4teren Reisen und &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2720\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[251],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2720"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2720"}],"version-history":[{"count":2,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2720\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2733,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2720\/revisions\/2733"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2720"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2720"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2720"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}