{"id":2700,"date":"2012-07-13T21:20:17","date_gmt":"2012-07-13T21:20:17","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2700"},"modified":"2012-07-13T21:20:17","modified_gmt":"2012-07-13T21:20:17","slug":"rezension-doma-akos-der-musigganger","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=2700","title":{"rendered":"Rezension: Doma, \u00c1kos \u2013 \u201cDer M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger\u201d"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/der_mu\u0308\u00dfigga\u0308nger1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2702\" title=\"der_mu\u0308\u00dfigga\u0308nger\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/07\/der_mu\u0308\u00dfigga\u0308nger1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"252\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nRotbuch, 2001<br \/>\nISBN: 3-434-53075-4<\/em><\/p>\n<p>Einige Sprichworte k\u00f6nnte man als Motto \u00fcber diesen Roman setzen:<br \/>\n\u201eWer schl\u00e4ft, s\u00fcndigt nicht\u201c \/ \u201eDen Seinen gibt\u2019s der Herr im Schlaf\u201c\/<br \/>\n\u201eGelegenheit macht Diebe\u201c und \u201eLeben und leben lassen\u201c.<\/p>\n<p>Der komplexe Roman handelt von einem jungen Mann, 23 oder 24 Jahre alt, der seinen Lebenszweck darin sieht, haupts\u00e4chlich zu schlafen und den Dingen ihren Lauf zu lassen. Mit Erfolg kann er sich den allgemeinen Modetrends, dem Konsumrausch, der modernen Technik entziehen. Zum Arbeiten hat er keine Lust, aber: \u201eEs ist im \u00dcbrigen nicht wahr, dass ich keiner Arbeit nachgehe. Richtig hei\u00dft es: Ich gehe keiner geregelten Arbeit nach. [\u2026]. W\u00e4hrend die Arbeit fr\u00fcher der unmittelbaren Lebenserhaltung diente, dient sie heute dazu, Geld zu verdienen\u2026\u201c. Er muss viel nachdenken \u2013 und dazu braucht er Zeit \u2013 und ehe er sich\u2019s versieht, ist der Tag schon wieder zu Ende. Trotzdem: Auch er hat irgendwelche Dinge n\u00f6tig. Das hat f\u00fcr seine Mitmenschen und den Leser, nicht nur angenehme Seiten; denn sein, wie er selbst sagt, ungen\u00fcgend ausgebildetes Gewissen, kann er immer mit Vernunftgr\u00fcnden beschwichtigen. Seine Moral ist zwiesp\u00e4ltig und sehr anpassungsf\u00e4hig. Er nimmt sich, was er braucht: \u201e\u2026meine Verst\u00f6\u00dfe sind Bagatellen, belanglose, kaum nachpr\u00fcfbare Zuwiderhandlungen, die ebenso gut nicht passiert sind, wie sie passiert sind. Ich lebe unscheinbar und schade niemandem, niemand sch\u00f6pft Verdacht gegen mich, weswegen auch? \u2026\u201c Nach verschiedenen Diebereien und einem Raub f\u00e4llt er einfach in einen ohnmachts\u00e4hnlichen Schlaf \u2013 und wenn er aufwacht, kann er sich nicht mehr erinnern. War alles nur ein Traum? \u2013 \u201e[\u2026] Und vielleicht ist wirklich nichts geschehen, denn etwas wegzunehmen, hei\u00dft nicht, es nie wieder zur\u00fcckzubringen, wohingegen man unm\u00f6glich etwas zur\u00fcckgeben kann, was man nicht zuvor an sich genommen hat\u201c. Er verschafft sich Vorteile, wenn Andere unachtsam sind, f\u00fcllt amtliche Fragb\u00f6gen nicht ganz wahrheitsgem\u00e4\u00df aus, wiegt im Supermarkt nicht ehrlich ab, f\u00e4hrt ohne Fahrschein, nimmt vergessene M\u00fcnzen vom Telefonautomaten, liegen gelassene Shampooflaschen aus dem Freibad, M\u00f6belst\u00fccke vom Sperrm\u00fcll, also alles, was andere vergessen, wegwerfen &#8211; oder wo sie nicht genau hinschauen.<br \/>\nDieser junge Mann hat seit seinen Sch\u00fclertagen einen besten Freund, Zolt\u00e1n, der mit seinen Eltern aus Ungarn gekommen war. Er hat es schwer, sich zu integrieren, da er die Sprache anfangs nicht beherrscht. Also schweigt er. Die beiden finden sich und verstehen sich wortlos; denn unser namenloser Erz\u00e4hler hat einfach keine Lust zu reden. \u00dcberraschend l\u00e4dt Zolt\u00e1n seinen Freund in den Sommerferien nach Ungarn ein. Sie erleben sch\u00f6ne Tage am Balaton \u2013 vor der R\u00fcckfahrt h\u00f6rt der Freund das unterdr\u00fcckte Schluchzen Zolt\u00e1ns, der sein Heimweh nicht niederk\u00e4mpfen kann. Er wird sich bis zum Ende nicht richtig zugeh\u00f6rig f\u00fchlen, hadert damit, dass man ihn, den Ostler, nicht verstehe, dass er nicht angekommen sei \u2013 dass er kein Gl\u00fcck habe, obwohl er es gebraucht habe, anders als sein Freund, der dieses Gl\u00fcck gar nicht n\u00f6tig habe, da ihm sowieso alles egal sei.<br \/>\nDas Buch ist aber auch eine Liebesgeschichte. Zolt\u00e1n und unser namenloser Held verlieben sich in ihre gemeinsame Schulkameradin Freya, Zolt\u00e1n obsessiv, sein Freund zur\u00fcckhaltend. Er l\u00e4sst einfach alles geschehen \u2013 und wenn er doch einmal die Initiative ergreift, geht das sicher schief.<br \/>\nDiese seine Passivit\u00e4t zieht aber ganz offensichtlich die Frauen an, denn noch zwei weitere Frauen, Adela, eine angehende Schauspielerin und Katharina, Abiturientin, Brucknerspezialistin und sp\u00e4tere Medizinstudentin, verlieben sich in ihn \u2013 und er glaubt, sich in sie zu verlieben. Aber es ist wohl eher so, dass er sich in Gegenwart von Frauen wohlf\u00fchlt, ihren Duft und ihre Ausstrahlung genie\u00dft \u2013 und in die Liebe verliebt ist.<br \/>\nWir treffen unseren Mann auf einer R\u00fcckreise, einer Reise, nach deren Ende er f\u00fcr immer als verschollen gelten will. Er will sich den Menschen, ja dem Leben entziehen, sich abkapseln und von einem Haufen Geld leben, von dem er \u201enicht wei\u00df, wie er dazu gekommen ist\u201c. (Vielleicht in einem tiefen Schlaf?).<br \/>\nAu\u00dferdem leidet er unter Verfolgungswahn, schon seit seinen Studententagen in M\u00fcnchen. Darum hat er vor, sich im ber\u00fchmten Marienbad in Sicherheit zu bringen.<br \/>\nAuch hier, im Turm eines Hotels schl\u00e4ft er viel, tr\u00e4umt, wartet auf eine Zeitungsnachricht, die von einem Unfall in der W\u00fcste handeln soll. Immer wieder nimmt sich vor, endlich an seinem gro\u00dfen Roman zu arbeiten, doch in Wirklichkeit hat er nicht einmal damit angefangen, hat, au\u00dfer dass er von einem armen Schriftsteller handeln soll, noch \u00fcberhaupt keine Idee dazu. Er sinniert und tr\u00e4umt vor sich in, informiert dabei den Leser \u00fcber sein bisheriges Leben:<br \/>\nVor seiner Flucht hatte er in M\u00fcnchen studiert, bis er sich eines Tages von einem Mann, der in voll Hass anschaute, verfolgt f\u00fchlt. Hals \u00fcber Kopf flieht er in die kleine Universit\u00e4tsstadt Bruchtal. Dort wohnt er, ordnungsgem\u00e4\u00df angemeldet, in einem seit Jahren leerstehenden Haus, am Rande der Altstadt, mittellos, mit einer kleinen staatlichen Zuwendung, der Ausbildungsf\u00f6rderung. Nach vier Monaten in Bruchtal lernt er Katharina kennen und sein ganzes Denken hei\u00dft fortan nur noch Ka-tha-ri-na. Die junge Frau hat gerade ihr Abitur mit Bestnote bestanden, w\u00fcrde gern Musik studieren, doch ihre Eltern haben eine Medizinerlaufbahn f\u00fcr sie vorgesehen. Der M\u00fc\u00dfigg\u00e4nger macht sie neugierig, zieht sie an, bis sie sich einbildet, auch in ihn verliebt zu sein. Am liebsten w\u00fcrde sie mit ihm irgendwohin verschwinden. Dann gewinnen praktische \u00dcberlegungen, dass man heutzutage doch f\u00fcr sich vorsorgen m\u00fcsse, die Oberhand.<br \/>\nInzwischen f\u00fchlt sich unser Erz\u00e4hler aber schon wieder beobachtet und verfolgt. Es k\u00f6nnte allerdings sein, dass sich ab und zu sein Gewissen meldet, wenn er sich nur mit Scheint\u00e4tigkeiten umgibt und philosophisch klingende Sprechblasen \u00fcber seine Einstellung zum Leben abgibt.<br \/>\nAngela taucht auf, in die er auch schon einmal verliebt war. Sie ist inzwischen eine bekannte Schauspielerin geworden und kann sich ein luxuri\u00f6ses Leben leisten. Angeblich f\u00fchlt sie sich bei ihm, ihrem einzigen echten Freund,\u2013 auch sie w\u00fcrde sich gern bis ans Ende der Welt mit ihm zur\u00fcckziehen. Doch auch sie erschrickt \u00fcber seine Verwahrlosung, \u00fcber sein Desinteresse und seine Antriebslosigkeit.- Angela hatte er kennen gelernt, als er Zolt\u00e1n zum Flughafen nach Amerika bringen wollte. Das war vor eineinhalb Jahren. Seitdem hatte er nichts mehr von Zolt\u00e1n geh\u00f6rt \u2013 und doch, k\u00fcrzlich hatte er geglaubt, seine Stimme geh\u00f6rt zu haben, als er Angela angerufen hatte.<br \/>\nEin halbes Jahr hatte er sich sicher gef\u00fchlt in Bruchtal, bis dann im Fr\u00fchjahr ein Nachbar mit ins leer stehende Haus zieht, und sich alles \u00e4ndert. Sein Verfolger? Sein Verfolger! Dieser scheint ein unangenehmer Mensch zu sein, angeblich unschuldig im Gef\u00e4ngnis sa\u00df und nun st\u00e4ndig an seiner Rechenmaschine sitzt. Er stellt sich als \u201eWolf\u201c vor, Katharina lernt ihn sp\u00e4ter unter dem Namen \u201eMoritz\u201c kennen.<br \/>\nBeim nochmaligen Lesen des Buches kommt mir der Verdacht, dass der \u201eVerfolger\u201c, Moritz oder Wolf, auch der Schriftsteller sein k\u00f6nnte, der seine Figuren hin- und herschiebt, die M\u00f6glichkeiten seiner Romanfiguren erprobt, sich verschiedene Leben f\u00fcr sie ausdenkt, aber mittendrin manchmal umzukehren muss. Hin und wieder entgleiten ihm seine Figuren und f\u00fchren ein Eigenleben; der Roman entwickelt eine Eigendynamik. Sie verlieben sich, wie es eigentlich gar nicht vorgesehen war. Bis sich seine Figuren endlich von ihm, der alles zu sehen und zu bemerken scheint, befreien k\u00f6nnen.<br \/>\nZolt\u00e1n allein wirkt real, lebendig mit seinem Heimweh, seiner Trauer \u00fcber die verlorene Heimat, seinem Hadern mit seinem Schicksal. F\u00fcr ihn war die Flucht der Bruch in seinem Leben, der wohl nicht mehr zu kitten ist.<br \/>\nZolt\u00e1n taucht wieder auf &#8211; unser Erz\u00e4hler bietet sich an, bei einem Klassentreffen zu vermitteln zwischen Freya und ihm, Missverst\u00e4ndnisse und Kr\u00e4nkungen aus der Jugendzeit auszur\u00e4umen, doch es kommt ganz anders: Er wird den wartenden Freund vergessen, mit Freya ein Liebesst\u00fcndchen im Getreide haben, von Katharina \u00fcberrascht werden und mit Freya in deren Wagen zur\u00fcckfahren.<br \/>\nZolt\u00e1n war also wieder zur\u00fcckgekehrt aus Amerika, wo er unerm\u00fcdlich in Schwarzarbeit geschuftet und sich ein kleines Verm\u00f6gen verdient hatte. Nach dem vergeblichen Warten beim Klassentreffen ist er dann Adela wieder begegnet. Die beiden wollen heiraten.<br \/>\nUnser Mann f\u00fchlt sich derweil so bedr\u00e4ngt und bedroht von seinem Nachbarn (wei\u00df der etwas vom Einbruch und Geldraub bei der alten Frau von gegen\u00fcber?) \u2013 dass er sich entschlie\u00dft, endg\u00fcltig zu verschwinden. Mit Zolt\u00e1n verabredet er einen W\u00fcstentripp, bei dem ein \u201eUnfall\u201c passieren \u2013 und Zolt\u00e1n allein zur\u00fcckkehren soll.<br \/>\nNun erwacht er in Marienbad und hat das Gef\u00fchl, dass etwas Furchtbares auf ihn zukommt. Er schleicht aus dem Haus und kauft eine Zeitung: Die ersehnte Nachricht: Unfall von zwei Fahrern nahe der Grenze zwischen Algerien und Niger. Die Leiche von Z. D. sei entdeckt, vom Beifahrer fehle jede Spur. So war das nicht ausgemacht gewesen. Zolt\u00e1n hatte zur\u00fcckkehren sollen!<br \/>\nHei\u00df f\u00e4llt ihm ein, dass er seine Fluchtaufzeichnungen in Bruchtal hatte liegen lassen. \u00dcberst\u00fcrzt f\u00e4hrt er zur\u00fcck. Moritz\/Wolf hat sie inzwischen zwar gefunden, aber angeblich nicht gelesen. In dieser Nacht verungl\u00fcckt der Nachbar &#8211; Und der Schl\u00e4fer erinnert sich an nichts mehr: \u201e[\u2026] Der Schlaf ist Herr der Erinnerung, er allein kann sie l\u00f6schen und Vergessen bescheren. Wie fern alles ger\u00fcckt ist. Und doch ist, als sei etwas geschehen. Ja, in der Nachbarschaft ist ein Unfall geschehen, ein Mensch ums Leben gekommen [\u2026]\u201c Er eilt zum Bahnhof, f\u00e4hrt los &#8211; und findet seine gro\u00dfe Liebe wieder.<br \/>\nIm Schlussbild sehen wir ihn, wie er sich um sein Kind k\u00fcmmert, gl\u00fccklich, dass er sonst nichts zu arbeiten hat \u2013 und als er pl\u00f6tzlich wieder seinen alten Bekannten, den Verfolger trifft, der ihm den Weg verstellen will, streift er ihn so, dass der zu Boden st\u00fcrzt.<br \/>\nJa, und zehn Jahre sp\u00e4ter lesen wir wieder von diesem jungen Mann, diesmal stellt er sich auch vor: Ferdinand, \u201eFern\u201c f\u00fcr seine Freunde. Zu Hause hat er es nicht ausgehalten, hat seine Frau Freya und die Tochter zur\u00fcck gelassen und lebt nun zusammen mit drei weiteren Arbeitslosen in einer Bude am Waldrand. Die Geschichte hei\u00dft: \u201eDie allgemeine Tauglichkeit\u201c.<br \/>\n\u00a9 Gudrun Brzoska, Juli 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Rotbuch, 2001 ISBN: 3-434-53075-4 Einige Sprichworte k\u00f6nnte man als Motto \u00fcber diesen Roman setzen: \u201eWer schl\u00e4ft, s\u00fcndigt nicht\u201c \/ \u201eDen Seinen gibt\u2019s der Herr im Schlaf\u201c\/ \u201eGelegenheit macht Diebe\u201c und \u201eLeben und leben lassen\u201c. 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