{"id":269,"date":"2011-06-19T19:14:17","date_gmt":"2011-06-19T19:14:17","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=269"},"modified":"2012-05-19T20:12:48","modified_gmt":"2012-05-19T20:12:48","slug":"rezension-agnes-rozsa-solange-ich-lebe-hoffe-ich","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=269","title":{"rendered":"Rezension: R\u00f3zsa, \u00c1gnes &#8211; &#8222;Solange ich lebe, hoffe ich&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/solange_ich.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2449\" title=\"solange_ich\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/solange_ich.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"223\" \/><\/a><em>Aufzeichnungen des ungarischen KZ-H\u00e4ftlings \u00c1gnes R\u00f3zsa 1944\/45 in N\u00fcrnberg und Holleischen<\/em><br \/>\n<em> Aus dem Ungarischen von Monika Wiedemann<\/em><br \/>\n<em> Verlag: Testimon, ISBN: 978-3-00-019674-4<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel: \u201cJ\u00f6v\u00f6les\u00f6k\u201d und \u201eN\u00fcrnbergi Napl\u00f3\u201c<\/em><br \/>\n<em> Bestelladresse: Verlag Testimon, Postfach 119145, 90101 N\u00fcrnberg<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Den ersch\u00fctternden \u201eTagebuch-Briefen\u201c sind mehrere Vorworte, bzw. Berichte vorangestellt, den Schluss des Buches bilden verschiedene Abbildungen.<br \/>\nDie Aufzeichnungen beginnen am 28. Mai 1944 in Nagyv\u00e1rad \/ Gro\u00dfwardein, heute Oradea (Rum\u00e4nien).<br \/>\nVom Speicher aus beobachtet \u00c1gnes R\u00f3zsa den bereits zweiten gro\u00dfen Judentransport, wei\u00df, dass sie am n\u00e4chsten Tag mit ihren Eltern dabei sein wird und berichtet von vielen Menschen, die in ihrer ausweglosen Lage Selbstmord ver\u00fcbt haben, oder dann, wenn sie von den Foltern zur\u00fcckkamen. Das Schlimmste sei, dass bis dahin noch niemand wei\u00df, wohin sie gebracht w\u00fcrden \u2013 und was sie dort erwarten wird. Ihr Mann wurde schon drei Monaten zuvor als Zwangsarbeiter verschleppt. Das ganze Tagebuch wird ein einziger gro\u00dfer, nie abgeschickter Brief an ihn sein. Damit h\u00e4lt sie sich am Leben.<br \/>\nDie n\u00e4chsten Eintragungen stammen aus N\u00fcrnberg, vom 5. Dezember 1944. Da hat sie Auschwitz schon hinter sich, die Erinnerungen daran verfolgen sie st\u00e4ndig. Zun\u00e4chst ist sie froh, dass sie arbeiten darf; denn Arbeit, die etwas wert ist und anerkannt wird, macht sie wieder zu einem Menschen. Immer wieder kommt das Entsetzen in ihr hoch \u00fcber die Entw\u00fcrdigungen in Auschwitz, als die SSler ihnen mit andauernden Dem\u00fctigungen das Menschsein zu nehmen versuchten. Dazu kam der fast nicht zu ertragende Hunger, der Schmutz, die hygienischen Verh\u00e4ltnisse. Die nackte \u00dcberlebensnot hat den Widerstand aller gebrochen, aus Menschen Abfall gemacht. Auch hier in N\u00fcrnberg reduziert sich das Leben der Entrechteten fast ausschlie\u00dflich auf die allerprimitivsten Bed\u00fcrfnisse des K\u00f6rpers. So stehlen sie sich gegenseitig Essen, spielen errungene Privilegien gegeneinander aus. Sie selbst sorgt sich um ihren Mann, der seit Monaten nichts mehr von ihr geh\u00f6rt hat. Einzig dass er nicht da ist \u2013 und all dieses nicht durchmachen muss \u2013 macht sie gl\u00fccklich. Sie redet sich immer wieder ein, dass er inzwischen wieder frei sei und auf sie warte.<br \/>\n\u00c1gnes beobachtet alles, schreibt es in Stichworten und Abk\u00fcrzungen auf ihre Bl\u00e4tter, hat st\u00e4ndig Angst, sie k\u00f6nnte dabei erwischt werden; denn das h\u00e4tte ihren sicheren Tod bedeutet. Sie ist keine von den Robusten, kann nur wenige Male Kartoffeln oder R\u00fcben stehlen, die sie roh und dreckig isst. Mit \u00c9va ihrer Lagerschwester und Vertrauten versucht sie immer wieder Gespr\u00e4che zu f\u00fchren, die Menschlichkeit auch im Lager nicht zu vergessen. Da sie gewissenhaft arbeitet, werden ihr schwierigere Aufgaben zugeteilt. Doch allm\u00e4hlich kommt ihr in den Sinn, dass sie f\u00fcr die arbeitet, die sie ermorden wollen. Geradezu paradox scheint dem Leser, wie sie mit Freude beobachtet, wie der Schnee auf den B\u00e4umen liegt, wie sich das Drau\u00dfen vor dem Stacheldraht ver\u00e4ndert, je nach Wetterlage, bemerkt, wie die \u201eSonne wie eine gl\u00fchende Orange aufgeht\u201c, als sie bei einem der unz\u00e4hligen und langen Appelle in der Eisesk\u00e4lte steht, so dass ihre Schuhe am Boden festfrieren. Die Sch\u00f6nheit der Natur tut ihr weh, \u201edenn also gibt es noch eine Welt der Sch\u00f6nheit und G\u00fcte\u201c, aber nicht f\u00fcr sie, die Gefangenen. Zunehmend wird aber auch \u00c1gnes apathisch.<br \/>\nAm 28. Februar 1945 schreibt sie, dass sie den weggeworfenen Mantel einer SS-Frau angezogen habe. Sie will sterben; denn wenn man sie damit erwischt, wird sie erschossen. Sie kann und will nicht mehr. Nur noch etwas W\u00e4rme f\u00fcr die letzten Stunden. Eine Kameradin kann ihr den Mantel wieder abnehmen \u2013 und damit ist sie \u201egerettet\u201c. Schon zwei Tage sp\u00e4ter kehrt ihre Lebensfreude zur\u00fcck, als sie beim Ziegel klopfen in der Stadt unter den Tr\u00fcmmern einen Gedichtband in franz\u00f6sischer Sprache findet. Weil die Siemens-Werke zerst\u00f6rt sind, werden die Frauen am 3. M\u00e4rz 1945 verlegt. Am 12 M\u00e4rz schreibt sie nach ihrer Ankunft in Holleischen, dass ihr bisheriger W\u00e4chter den Transport mit den Worten \u00fcbergeben hatte: \u201eDiese Frauen verbrachten drei Wochen ohne Essen und Trinken im Bunker (in N\u00fcrnberg) und haben soviel durchlebt, dass es auch f\u00fcr manche M\u00e4nner zu viel gewesen w\u00e4re\u201c. Eine der SS-Frauen staunt: \u201eGibt es noch Juden?\u201c Noch arbeiten die Frauen nicht, sie sind zu geschw\u00e4cht, \u00c1gnes versucht sich abzulenken und liest den ganzen Tag in den Gedichten: \u201eDie W\u00f6rter haben Gewicht\u201c. Mit zwei anderen Frauen versucht sie die Jugendlichen auf das Leben \u201edrau\u00dfen\u201c vorzubereiten. Sie m\u00fcssen dort alleine zurecht kommen, ohne Familie. Auch sollen sie nicht glauben, dass alle Menschen schlecht seien. Die Tage vergehen z\u00e4h zwischen Hoffen und Bangen: die Aufseher versuchen bereits, sich einzuschmeicheln, \u2013 dann wieder m\u00fcssen die Frauen im Steinbruch arbeiten &#8211; eine Abwehr wird aufgebaut, &#8211; die Fabrik wieder zerbombt. Im Lager wei\u00df jede, dass sie schreibt, au\u00dfer den Aufseherinnen \u2013 und einmal entgeht sie nur knapp dem Todesschuss, als sie ihr Tagbuch erst in letzter Minute verstecken kann. Am 28. April schreibt \u00c1gnes, wenn sie nicht die Sch\u00f6nheit der Sprache eines Rilke, Thomas Mann oder Heine gelesen h\u00e4tte, w\u00fcrde sie an der verrohten plumpen Sprache verzweifeln, die hier im Lager herrscht. Sie \u00fcberlegt auch, wie man denen, die all das nicht erlebt haben, begreiflich machen k\u00f6nnte, wie das Leben ist, das sie durchmachen m\u00fcssen. Selbst ihr ist jetzt schon die Auschwitzer Wirklichkeit unbegreiflich.<br \/>\nMit Versp\u00e4tung erfahren sie, dass erst Mussolini, dann Hitler tot sind. Trotzdem \u00e4ndert sich nichts. F\u00fcr sie geht der Krieg weiter. Am 7. Mai 1945 schreibt sie dann aber aus Stankau, einer tschechischen Stadt nahe Pilsen, dass das Lager von Partisanen und Amerikanern befreit worden war. \u00c1gnes geht sofort los mit einer kleinen Gruppe von Frauen, gesichert von den Soldaten. Sie will nur noch heim, zu ihrem Mann. Sie schreibt, dass die tschechische Bev\u00f6lkerung unglaublich f\u00fcrsorglich mit ihnen umgeht, Sie erfahren von den \u201eTodesm\u00e4rschen\u201c der Zwangsarbeiter, h\u00f6ren davon, dass die SS ab dem 5. Mai in Prag noch einmal ein entsetzliches Blutbad voll Hass und Rache angerichtet hat. Vom Fenster aus sehen die Frauen auch die Reaktionen: Deutsche Soldaten werden mit F\u00e4usten traktiert, kahl geschorene Frauen abgef\u00fchrt. \u00c1gnes ist entsetzt von dem, was sie sieht: Zusammen geschlagene Deutsche m\u00fcssen all das tun, wozu man vorher die Gefangenen gezwungen hatte. Sie aber fragt sich, wie jemand, der selbst gelitten hat und wei\u00df, was leiden bedeutet, anderen Menschen Leid zuf\u00fcgen kann? \u201eIn was unterscheiden wir uns dann von denen, wenn wir das Gleiche tun?\u201c<br \/>\nSie nimmt die erste M\u00f6glichkeit wahr, nach Siebenb\u00fcrgen zu kommen. Damit brechen die Aufzeichnungen ab.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aufzeichnungen des ungarischen KZ-H\u00e4ftlings \u00c1gnes R\u00f3zsa 1944\/45 in N\u00fcrnberg und Holleischen Aus dem Ungarischen von Monika Wiedemann Verlag: Testimon, ISBN: 978-3-00-019674-4 Originaltitel: \u201cJ\u00f6v\u00f6les\u00f6k\u201d und \u201eN\u00fcrnbergi Napl\u00f3\u201c Bestelladresse: Verlag Testimon, Postfach 119145, 90101 N\u00fcrnberg &nbsp; Den ersch\u00fctternden \u201eTagebuch-Briefen\u201c sind mehrere Vorworte, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=269\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[180],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/269"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=269"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/269\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2450,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/269\/revisions\/2450"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=269"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=269"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=269"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}