{"id":266,"date":"2011-06-19T19:08:28","date_gmt":"2011-06-19T19:08:28","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=266"},"modified":"2012-05-19T20:37:47","modified_gmt":"2012-05-19T20:37:47","slug":"rezension-pal-zavada-das-vermachtnis-des-fotografen","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=266","title":{"rendered":"Rezension: Z\u00e1vada, P\u00e1l &#8211; &#8222;Das Verm\u00e4chtnis des Fotografen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/das_vermaechtnis.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2497\" title=\"das_vermaechtnis\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/das_vermaechtnis.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"240\" \/><\/a><em>Aus dem Ungarischen von Ern\u00f6 Zeltner<\/em><br \/>\n<em> Verlag: Luchterhand, 2010<\/em><br \/>\n<em> ISBN: 978-3-630-87238-4<\/em><br \/>\n<em> Originaltitel. A f\u00e9nyk\u00e9p\u00e9sz ut\u00f3kora<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Preis: Euro 22,95<\/em><\/p>\n<p>Gleich mehrere Schicksale erz\u00e4hlt uns der Autor in diesem Gesellschaftsroman vor dem d\u00fcsteren Hintergrund ungarischer Geschichte in den Jahren 1942 bis 1992: Der zweite Weltkrieg mit den Judenverfolgungen, der Ausweisung deutscher Siedler, das Erstarken und die Schreckensherrschaft des Kommunismus, seine allm\u00e4hliche Aufweichung.<br \/>\nZ\u00e1vada nennt keine Namen; nur anhand der Jahreszahlen kann man sich als Leser in der Geschichte zurechtfinden. Die Schicksale sind austauschbar; so erging es vielen, so haben sich auch viele mit der neuen Macht arrangiert: Selbst nach dem Krieg gehen Pogrome an den Juden weiter, unliebsame Mitb\u00fcrger werden in Arbeitslager oder ins Gef\u00e4ngnis gesperrt, Minister, in die Enge getrieben, begehen angeblich Selbstmord.<br \/>\nDie Protagonisten agieren auf drei Zeitebenen, ihre Lebenswege, die ihrer Eltern und Gro\u00dfeltern treffen immer wieder aufeinander, laufen parallel nebeneinander her, kreuzen sich und gehen wieder auseinander. Begleitet werden die Geschichten von einem allgegenw\u00e4rtigen \u201eChor\u201c, der mal sarkastisch, mal ironisch, humorvoll, neugierig oder erkl\u00e4rend alles kommentiert. 1942 zeigt die Gro\u00dfv\u00e4ter-Generation: eine Gruppe Dorfforscher mit ihrem Leiter, Prof. L\u00e1szl\u00f3 Doh\u00e1nyos, trifft in einem Dorf auf mehrheitlich aus der Slowakei angesiedelte Ungarn. Sie wollen angeblich das armselige Leben der Bev\u00f6lkerung erforschen um Abhilfe zu schaffen, doch eigentlich bespitzeln und diffamieren sie die Minderheiten, Slowaken und Juden. Zu der Forschergruppe geh\u00f6rt auch der Jude Jen\u0151 Adler, Doh\u00e1nyos\u2019 Assistent. Er wird von den anderen misstrauisch be\u00e4ugt, doch das nimmt er in Kauf, will einfach dazu geh\u00f6ren, einer der ihren sein. Der ans\u00e4ssige j\u00fcdische Fotograf macht ein Gruppenbild, das erst gegen Ende des Buches auftaucht. Es zeigt die Menschen, deren Lebensgeschichten mit denen ihrer Nachkommen hier erz\u00e4hlt werden. Erst nach und nach sch\u00e4len sich die Einzelschicksale heraus, stets beobachtet und kommentiert von dem namen- und gesichtslosen Chor, der sich \u201eWir\u201c nennt. \u201eWir\u201c, das k\u00f6nnen die zuf\u00e4llig Umstehenden sein, Kommilitonen, Schulkameraden, Geheimdienstler und Spione, oder einfach Leute, welche tieferen Einblick in die Geschichte haben. Fast immer wirkt dieser Chor bedrohlich, denn die handelnden Personen sind praktisch nie allein. Immer lauert ein \u201eWir\u201c, das beobachtet und Stellung nimmt. Schon 1942 ist die Zeit in Ungarn so, dass ein Jude besser nicht auffallen sollte. Doh\u00e1nyos ist nicht frei von Antisemitismus und Nationalismus, f\u00fcr ihn sind Slowaken, Juden und sp\u00e4ter die ans\u00e4ssigen Schwaben, Fremde, die das reine Ungarntum verderben.<br \/>\nMit dieser Auffassung ist er nicht allein, wie die Entwicklung bis 1992 zeigt. Doh\u00e1nyos, der Liebhaber vieler Frauen, hat eine Geliebte, die J\u00fcdin M\u00e1ria Gerle. F\u00fcr sie sorgt er mit falschen Papieren, als es im Krieg ernst wird f\u00fcr die j\u00fcdische Bev\u00f6lkerung. Weder f\u00fcr ihre Eltern, noch f\u00fcr seinen Assistenten Adler r\u00fchrt er einen Finger. Er hat einen Riecher daf\u00fcr, sich in den richtigen Kreisen zu bewegen. Schon zu Zeiten des ungarischen Faschismus lieb\u00e4ugelte er heimlich mit den Kommunisten, obwohl er noch eine b\u00fcrgerliche Partei mitbegr\u00fcndet. Als es besser ist, so zu tun, als h\u00e4tte es Judenverfolgung in Ungarn nie gegeben, hat er nichts gesehen und geh\u00f6rt, sp\u00e4ter sind es dann Andere, die angeblich nichts bemerkt haben. 1956 schlie\u00dft er sich unauff\u00e4llig der Opposition an und hofft kurzzeitig darauf, dass das System umgekrempelt wird. Doch rechtzeitig kann er wieder umschwenken, macht alle Auf- und Abstiege der Partei mit. Bis zu seinem Tod ist er ein ewiger Minister, beliebig einsetzbar, da er nie in die Partei eingetreten war. Die weiteren Dorfbewohner treffen es grausam oder gut: Die Juden des Dorfes, wie der Fotograf Buchbinder mit seiner Familie wird im KZ ermordet, der Dorfarzt, der allseits beliebte Dr. Kaiser kehrt als Einziger seiner Angeh\u00f6rigen zur\u00fcck, mit ihm der Radiotechniker L\u00e1ng, der ebenfalls seine Familie verloren hat.<br \/>\nAnders die Ungarn: Aus dem Revolutionsf\u00fchrer J\u00e1nos Dusza wird ein begeisterter R\u00e1kosi-Anh\u00e4nger, der nach \u201956 zwar aus der Partei ausgeschlossen wird, aber im weiteren Verlauf des sich abzeichnenden \u201eGulaschkommunismus\u201c wieder festen Boden unter die F\u00fc\u00dfe bekommt und weithin geachtet ist. Seine Freunde, slowakische Ungarn kommen nicht so gut weg, landen zeitweise im Arbeitslager, werden der Sabotage bezichtigt, Familien werden zerst\u00f6rt. Doh\u00e1nyos Assistent Adler kann sich w\u00e4hrend der Verfolgungen der Pfeilkreuzler zwar verstecken und retten, kommt sp\u00e4ter aber in ein stalinistisches Lager und 1957 wieder ins Gef\u00e4ngnis wegen aufr\u00fchrerischer Flugschriften, die ihm Doh\u00e1nyos diktiert hat. Doch in seiner Position kann dieser es sich nicht leisten, dem \u201elieben Jenci\u201c zu helfen. Wenigstens unterst\u00fctzen er und M\u00e1ria Gerle Adlers Frau und Tochter. Adler h\u00e4lt unverbr\u00fcchlich zu seinem Meister Doh\u00e1nyos, l\u00e4sst nichts auf ihn kommen, entschuldigt alle seine Taten oder Vers\u00e4umnisse. Er will nicht au\u00dferhalb stehen, will zu einem Freundeskreis geh\u00f6ren und geachtet werden.<br \/>\nEin Streiflicht im Jahre 1968 zeigt uns die Kinder der damaligen Dorfbewohner und die Stellung ihrer Eltern. Dreizehnj\u00e4hrige, pubertierende Schulkinder, die miteinander rivalisieren, sich zum ersten Mal, meist gl\u00fccklos, verlieben. Der wirkliche Ungl\u00fccksrabe ist dabei \u00c1d\u00e1m Koren, der zur slowakischen Minderheit geh\u00f6rt. Er hat sich in \u00c9vi, die Tochter seiner Lehrerin verliebt, geht ihretwegen in einen Singkreis, an dem ihm eigentlich nichts liegt, verh\u00e4lt sich ansonsten ziemlich wortkarg und passiv. \u00c9vi macht sich trotz aller seiner Anstrengungen nichts aus ihm.<br \/>\nDie dritte Zeitachse beginnt 1977, sie schildert die Nachkriegsgeneration, die keine Ahnung hat, nichts fragt \u2013 und der man auch nichts dar\u00fcber erz\u00e4hlt, was in Ungarn geschehen war. \u00c1d\u00e1m studiert in Szeged, sp\u00e4ter in Budapest Jura, ohne besonderen Flei\u00df. Mit zweiundzwanzig Jahren, 1977, macht er eine Interrail-Reise mit einem Freund. Unterwegs lernt \u00c1d\u00e1m eine Gruppe junger Ungarn kennen, die schon West-Erfahrung hat \u2013 und verliebt sich bis \u00fcber beide Ohren in die Frau des Filmschaffenden Andr\u00e1s Enying, in Viola Adler. Er umschw\u00e4rmt die junge Frau, sucht ihre N\u00e4he, wagt es aber nicht, sich zu erkl\u00e4ren \u2013 es geschieht nichts. \u00c1d\u00e1m ist und bleibt ein Traumt\u00e4nzer, den Kopf in den Wolken. Nur mit gro\u00dfer M\u00fche und Versp\u00e4tung macht er seine Examina. Wenn es allerdings um Viola geht, kommt Leben in ihn; alles, was mit ihr zusammenh\u00e4ngt kann er sich bis ins Kleinste merken. Eigenartig, wie uninteressiert er am Leben um ihn herum, und an der Geschichte seines Landes ist, wie wenig er dar\u00fcber wei\u00df oder wissen will. Erst als er \u00fcber Jen\u0151 Adler liest, mit ihm ein Interview macht und auch Artikel von Adler liest, ger\u00e4t sein Weltbild etwas ins Wanken.<br \/>\nEinmal f\u00e4llt ihm durch Zufall das Gruppenfoto von 1942 in die H\u00e4nde. Doch \u00c1d\u00e1m Koren steckt es unbeachtet in sein Lieblingsbuch, einen Roman von Flaubert \u201e\u00c9ducation sentimentale\u201c, die Parallelgeschichte zu seinem Lebensroman. Er h\u00e4tte darauf seinen eigenen Vater, Violas Vater und viele andere erkennen k\u00f6nnen. Z\u00e1vada erz\u00e4hlt uns diese Geschichte nicht chronologisch, sondern in den drei Zeitebenen, mit vielen R\u00fcck- und auch Vorgriffen in die Geschichte. Jede Zeit hat ihre eigene Sprache: 1942, als schon die ersten D\u00f6rfler gefallen sind oder abtransportiert wurden, der Antisemitismus schon \u00fcberall sp\u00fcrbar ist, 1968, als er die Kinder der damaligen D\u00f6rfler vorstellt, 1977 und folgende Jahre bis 1992, im sogenannten \u201eGulaschkommunismus\u201c, als sich die \u00e4ltere und die j\u00fcngere Generation immer wieder auf ihren Lebenswegen begegnet. Jahrelang haben sich \u00c1d\u00e1m und Viola nicht mehr gesehen. Viola hat von ihrem untreuen Ehemann eine Tochter bekommen, Koren immer wieder Frauenbekanntschaften f\u00fcr kurze Zeit, auch einmal \u00c9vi, seine Jugendliebe. Da sieht es gegen Schluss des Romans fast so aus, als k\u00f6nnte sich \u00c1d\u00e1ms Sehnsucht doch noch erf\u00fcllen. Viola besucht ihn. Doch es ist zu sp\u00e4t. Unbemerkt f\u00e4llt das Foto aus dem Buch \u2013 beide haben es nicht bemerkt. Sie sind zu sehr mit sich selbst besch\u00e4ftigt; \u201esonst ist nichts geschehen\u201c. Ein Buch, das sich zu lesen lohnt, inhaltlich hochinteressant, stilistisch ein Vergn\u00fcgen!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Ern\u00f6 Zeltner Verlag: Luchterhand, 2010 ISBN: 978-3-630-87238-4 Originaltitel. 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