{"id":263,"date":"2011-06-17T18:59:42","date_gmt":"2011-06-17T18:59:42","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=263"},"modified":"2012-05-18T20:16:36","modified_gmt":"2012-05-18T20:16:36","slug":"rezension-johanna-adorjan-eine-exklusive-liebe","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=263","title":{"rendered":"Rezension: Adorj\u00e1n, Johanna &#8211; &#8222;Eine exklusive Liebe&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Verlag: Luchterhand, 2000<\/em><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/eine_exklusive1.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2308\" title=\"eine_exklusive\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/eine_exklusive1.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"241\" \/><\/a><br \/>\n<em> ISBN:978-3-630-87291-9<\/em><br \/>\n<em> Bezug: Buchhandel<\/em><br \/>\n<em> Preis: Euro 17,95<\/em><\/p>\n<p>Am 31. Oktober 1991 begingen die Gro\u00dfeltern von Johanna Adorj\u00e1n Selbstmord. F\u00fcr die ganze Familie unerwartet, hatten sie doch Judenverfolgung \u2013 und der Gro\u00dfvater sogar Arbeitslager und KZ \u00fcberlebt. Die Enkelin l\u00e4sst der Tod nicht ruhen, sie sp\u00fcrt der Geschichte der Gro\u00dfeltern und damit ihrer eigenen, 16 Jahre sp\u00e4ter, nach. Sie selbst wird als Tochter eines ungarischen Vaters und einer deutschen Mutter geboren, besucht Ungarn nur als Touristin und kann, au\u00dfer einigen Ausdr\u00fccken, kein Ungarisch.<br \/>\nDie Gro\u00dfeltern schienen so assimiliert, dass sie mit ihren Kindern nur d\u00e4nisch, bzw. deutsch sprachen. Sie versucht den Tag des Selbstmordes nachzuzeichnen, stellt sich vor, wie alles vorgegangen sein k\u00f6nnte. Die Gro\u00dfmutter Vera, 71j\u00e4hrig und kerngesund, wollte nicht allein zur\u00fcckbleiben. Es war klar, dass der Gro\u00dfvater Pista (Istv\u00e1n), 82j\u00e4hrig, schwerkrank, nicht mehr lange zu leben hatte: Der Freitod wurde nach einem Anleitungsbuch aus den USA minuti\u00f6s geplant, der Hund rechtzeitig weggebracht, die Rosen winterfest gemacht, Weihnachtsgeschenke f\u00fcr die Familie eingepackt und traditionell Weihnachtskuchen gebacken. Das ganze Haus auf Hochglanz gebracht. Niemand sollte nachtr\u00e4glich Probleme mit dem Paar haben.<br \/>\nZwischen den \u00dcberlegungen zum Tagesablauf versucht die Enkelin die Lebensgeschichte zu rekonstruieren. Viel wei\u00df weder sie noch die Familie \u00fcber das Leben der Gro\u00dfeltern, bevor diese nach D\u00e4nemark auswanderten. \u201eDar\u00fcber sprach man nicht\u201c. Punktum. Das Paar, ungew\u00f6hnlich elegant und exzentrisch, immer in eine Wolke aus Zigarettenrauch und Parf\u00fcm geh\u00fcllt, mit den tiefsten Stimmen, die man je geh\u00f6rt hat, so die Autorin, verbat sich jeden Versuch, sie \u00fcber ihr fr\u00fcheres Leben auszufragen. Sie pflegten ihr Leben lang die distanzierte Haltung eines Paares aus dem j\u00fcdischen Gro\u00dfb\u00fcrgertum, siezten sich bis ans Ende, was auch in diesen Kreisen au\u00dfergew\u00f6hnlich war. Dazu geh\u00f6rte eben auch, dass man \u00fcber vergangene Leiden und Traumata nicht sprach, ebenso wenig \u00fcber den geplanten Tod.<br \/>\nJohanna Adorj\u00e1n geht auf Spurensuche, besucht Freunde, Bekannte und Kollegen der Gro\u00dfeltern und kann einen Teil des Puzzles rekonstruieren: Kaum hatte das junge Ehepaar in Budapest geheiratet, brach der Krieg aus. Die Judenverfolgung trennte die Familie. Die Gro\u00dfmutter konnte sich 1944, als die Deutschen Ungarn besetzten und eine unvorstellbare Judenverfolgung und \u2013Deportation einsetzte, mit gef\u00e4lschten Papieren verstecken. Sie war zu diesem Zeitpunkt schwanger mit dem Vater der Autorin. Der Gro\u00dfvater war schon vorher in ein Arbeitslager abtransportiert worden. Schlie\u00dflich landet er im KZ Mauthausen. Was er dort erlebte und wie er es \u00fcberstand, dar\u00fcber hat er nie gesprochen. Als schon niemand mehr daran glaubte, ihn je wieder zu sehen, tauchte er wieder in Budapest auf. Sp\u00e4ter tritt er in die KP Ungarns ein und hat als Mediziner eine gut bezahlte Stelle im Gesundheitsministerium erhalten. W\u00e4hrend des Einmarsches der stalinistischen Truppen 1956 beim Volksaufstand, flieht die Familie bei Nacht und Nebel \u00fcber die Grenze und landet in D\u00e4nemark. Auch nach dieser \u201eGeschichte\u201c darf niemand fragen. \u201eDar\u00fcber spricht man nicht\u201c, sagen Vera und Pista, kettenrauchend. Nur anl\u00e4sslich seines 77. Geburtstages hat der Gro\u00dfvater auf Dr\u00e4ngen der Familie einen d\u00fcrftigen Lebensbericht verfasst, eine j\u00fcdische Lebensgeschichte. F\u00fcr sie scheint nur die Gegenwart zu existieren, alles was vorher war, wird in ein tiefes Loch der Erinnerungslosigkeit eingebuddelt. Die Enkelin stellt fest: Die perfekte Assimilation in die neue d\u00e4nische Welt, ohne dass jemand ihre j\u00fcdischen und ungarischen Wurzeln kannte, war f\u00fcr sie \u201edie Rolle ihres Lebens\u201c. Sie lebten scheinbar nur f\u00fcr einander und schlossen darin auch nicht die n\u00e4chste Familie ein.<br \/>\nDer Ton der Autorin ist leicht, wie plauderndes Erz\u00e4hlen, v\u00f6llig unsentimental, liebevoll-ironisch und humorvoll, auch bewundernd. Den Gro\u00dfvater hat sie geliebt, die Gro\u00dfmutter bewundert. Sie erkennt begl\u00fcckt, dass sie ihr in Vielem \u00e4hnlich ist, das aufbrausende Wesen, die Exzentrik und die Angst, nicht geliebt zu werden. Sie versucht sie zu imitieren, tr\u00e4gt nach deren Tod ihre Jacke, f\u00e4ngt f\u00fcr kurze Zeit selbst an zu rauchen. Um den Gro\u00dfeltern auf die Spur zu kommen, besucht sie mit ihrem Vater Mauthausen, fliegt in die USA und nach Frankreich; eines Tages auch nach Israel, obwohl sie kein Hebr\u00e4isch kann und sich bisher auch nicht als J\u00fcdin f\u00fchlte. Dort aber hat sie ein Gef\u00fchl der Heimat, des Dazugeh\u00f6rens. Adorj\u00e1n hat Verst\u00e4ndnis f\u00fcr ihre Gro\u00dfeltern und deren selbst gew\u00e4hlten Tod, aber sie ver\u00fcbelt ihnen, dass sie die Enkelin mit ihrem \u201edar\u00fcber spricht man nicht\u201c um ihr eigenes ungarisch-j\u00fcdisches Erbe, um ihre Tradition gebracht haben, die sie, trotz der Spurensuche, nie mehr ganz aufdecken k\u00f6nnen wird.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag: Luchterhand, 2000 ISBN:978-3-630-87291-9 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 17,95 Am 31. Oktober 1991 begingen die Gro\u00dfeltern von Johanna Adorj\u00e1n Selbstmord. F\u00fcr die ganze Familie unerwartet, hatten sie doch Judenverfolgung \u2013 und der Gro\u00dfvater sogar Arbeitslager und KZ \u00fcberlebt. 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