{"id":191,"date":"2011-06-13T11:45:36","date_gmt":"2011-06-13T11:45:36","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=191"},"modified":"2012-05-19T20:35:39","modified_gmt":"2012-05-19T20:35:39","slug":"rezension-laszlo-vegel-exterritorium-szenen-vom-ende-des-jahrtausends","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=191","title":{"rendered":"Rezension: V\u00e9gel, L\u00e1szl\u00f3 &#8211; &#8222;Exterritorium. Szenen vom Ende des Jahrtausends&#8220;"},"content":{"rendered":"<p align=\"JUSTIFY\"><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/exterritorium.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2491\" title=\"exterritorium\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/06\/exterritorium.jpg\" alt=\"\" width=\"151\" height=\"250\" \/><\/a><em>Aus dem Ungarischen von Akos Doma<br \/>\nVerlag Matthes &amp; Seitz, 2007<br \/>\nISBN: 978-3-88221-111-5<br \/>\nOriginaltitel: Exterrit\u00f3rium, 2003<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: Euro 18,80<\/em><\/p>\n<p>10. Juni 1999. Der Friedensvertrag zwischen Serbien und der NATO ist unterzeichnet. Der Sender \u201eFreies Europa\u201c berichtet von der Kapitulation der Serben, doch die Bev\u00f6lkerung feiert mit wilden Schie\u00dfereien ausgelassen den \u201eSieg \u00fcber Amerika\u201c und f\u00fchlt sich als \u201eRetter Europas\u201c, wie einst gegen die T\u00fcrken. V\u00e9gel scheint es unm\u00f6glich, dass die feiernden Massen tats\u00e4chlich an den Sieg glauben \u2013 und doch ist es so. Sie lassen die kommunistischen F\u00fchrer hochleben, die unwahrscheinlichsten Geschichten f\u00fcllen Stra\u00dfen, Gassen und Fernsehen.<br \/>\nDoch allm\u00e4hlich setzt auch Ern\u00fcchterung ein, ohne neue Grenzen, ohne das erhoffte \u201eGro\u00dfserbien\u201c ist das Leben nichts wert.<br \/>\nDer ungarische Autor lebt in Temerin, nahe \u00dajvid\u00e9k (Novi Sad). Von dort sieht er die Luftangriffe w\u00e4hrend des Kosovo-Krieges. Bomber ziehen immer wieder \u00fcber den Himmel. Schon seit einer Woche hofft er auf die Friedensverhandlung und verfolgt die widerspr\u00fcchlichen Meldungen im Radio. Er erinnert sich an die Anf\u00e4nge des Krieges, der in den nie beendeten Auseinandersetzungen Jahrzehnte und Jahrhunderte vorher seinen Anfang genommen hatte. Von diesen \u201eAnf\u00e4ngen\u201c schreibt sich V\u00e9gel chronologisch wieder vorw\u00e4rts, bis zum Tag des Siegestaumels. Er dokumentiert die \u201eUnabwendbarkeit\u201c eines Krieges, vor den Augen Europas.<br \/>\nRegierung und Volk waren sich einig: \u201eWir geben nicht auf\u201c. Monatelang hatte V\u00e9gel sich mit seiner Frau in fremden H\u00e4usern verstecken m\u00fcssen, in Schutzr\u00e4umen. So lernten sie die Welt des Krieges besser kennen als durch die Medien. Auch jetzt, w\u00e4hrend der \u201eSiegesfeiern\u201c bleiben die H\u00e4user der ungarischen Minderheit dunkel; bisher hatten sie es verstanden, sich \u201eunsichtbar\u201c zu machen. Immer wieder fragt der Autor sich, wie es so weit hatte kommen k\u00f6nnen, versucht, die Ereignisse zu verstehen und kommt zu dem Schluss, dass die Geschichte, deren Teil er selbst ist, nicht nur von diesem Krieg handelt, sondern schon von den Zeiten der Eltern und Gro\u00dfeltern. Ganze Generationen hatten verheimlicht, dass sie nicht die Kraft gehabt hatten, auch nur einen einzigen Krieg zu beenden. Immer gab es nur Sieger und Verlierer, doch die Kriege wurden nicht wirklich beendet. Die Sieger wurden immer selbstherrlicher, die Verlierer hatten immer mehr zu b\u00fc\u00dfen.<br \/>\nV\u00e9gel erinnert sich, wie man seiner Mutter schon vor dem Krieg hinterher gerufen hatte, doch in ihre Heimat nach Ungarn zur\u00fcckzugehen. Die Mutter war verdutzt, schlich nach Hause und verriegelte die T\u00fcr. Sie hatte keinen Pass, war fast 80. Bisher war sie nur ein einziges Mal in Ungarn gewesen, als er, ihr Sohn, sie zu der Reise \u00fcberredet hatte. Sie wollte nicht, dass die Nachbarn von dieser Reise erf\u00fchren, was er als junger Mann gar nicht verstehen konnte. Eine alte Angst war in ihr aufgebrochen, die Angst von 1945, als die Serben die Sieger, die Ungarn die Verlierer waren. Erst viel sp\u00e4ter erz\u00e4hlte sie von den Massengr\u00e4bern der deutschen Bev\u00f6lkerung, den Pogromen, die nach dem Krieg gegen sie und die Ungarn veranstaltet worden waren.<br \/>\nV\u00e9gels Tagebuch umfasst nicht nur die knapp dreimonatige Kriegszeit; es erz\u00e4hlt auch die Geschichte von Region und Stadt. \u201eExterritorium\u201c ist die Klage um ein Novi Sad, das zwar nicht von Nato-Bombern zerst\u00f6rt wurde, sondern vom sich immer weiter ausbreitenden Nationalismus, gegen die multinationale Kultur.<br \/>\nV\u00e9gel hatte das Land nicht verlassen, er war geblieben, wollte Zeuge der Geschichte sein. Er hatte geglaubt, seine Nachbarn zu kennen, mit denen er als Kind Fu\u00dfball gespielt, sich als Erwachsener unterhalten hatte. Nur wenige serbische Freunde waren ihm geblieben. Noch will er sein Fremdsein nicht akzeptieren, obwohl es doch so offensichtlich ist und ihm wird bewusst, dass er ein Minderheitenschriftsteller geworden ist, einer der keine Wirklichkeit hat, nur ein Schatten ist. Andere, die die Treue zur Heimat immer im Munde f\u00fchrten, \u00fcber sie schrieben, hatten sich aus dem Staub gemacht. Er aber bleibt in seinem Geburtsland, obwohl er es nicht mag, \u201ewie ein Fremder, der sich dahin verirrt hat\u201c. Er hatte ein H\u00fcter der Vielfalt sein wollen, nun ist er einsam, nur noch einer der letzten Zeugen, ein \u201eheimatloser Lokalpatriot\u201c, wie er sich selbst nennt.<br \/>\nEindringlich schildert V\u00e9gel den ganzen Wahnsinn eines \u00fcbersteigerten Nationalismus. 2003 wurde \u201eExterritorium\u201c in Ungarn zum besten Buch des Jahres gek\u00fcrt.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus dem Ungarischen von Akos Doma Verlag Matthes &amp; Seitz, 2007 ISBN: 978-3-88221-111-5 Originaltitel: Exterrit\u00f3rium, 2003 Bezug: Buchhandel, Preis: Euro 18,80 10. Juni 1999. Der Friedensvertrag zwischen Serbien und der NATO ist unterzeichnet. 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