{"id":1662,"date":"2012-04-04T12:56:11","date_gmt":"2012-04-04T12:56:11","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarut.de\/?p=1662"},"modified":"2012-06-06T18:55:13","modified_gmt":"2012-06-06T18:55:13","slug":"raile-stefan-letzter-abschied","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1662","title":{"rendered":"Rezension: Raile Stefan &#8211; &#8222;Letzter Abschied\u201d"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/letzter_abschied.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-1669\" title=\"letzter_abschied\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/04\/letzter_abschied.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"234\" \/><\/a><br \/>\nVerlag quartus-Verlag, 2011<br \/>\nISBN: 978-3-936455-11-3<br \/>\nBezug: Preis: 12,90 Euro <\/em><\/p>\n<p><em>Bestellung bei Herrn Schoblocher direkt:<\/em><br \/>\n<em> Stefan Schoblocher<\/em><br \/>\n<em> Leo-Sachse-Str. 75<\/em><br \/>\n<em> 07749 Jena (Th\u00fcr.)<\/em><br \/>\n<em> Tel.: +49 3641 360002<\/em><br \/>\n<em> Email: <a href=\"mailto:Stefan.Schoblocher@Freenet.de\">Stefan.Schoblocher@Freenet.de<\/a><\/em><\/p>\n<p>Nach den T\u00fcrkenkriegen Ende des 17. Jahrhunderts holte Kaiserin Maria-Theresia deutsche Siedler nach S\u00fcdungarn, in die Gegend um P\u00e9cs. 250 Jahre lang lebten sie mit Ungarn und anderen Volksgruppen gut zusammen, bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs. Da wurden alle Ungarndeutschen kollektiv zu faschistischen Staatsfeinden erkl\u00e4rt, sehr viele aus ihren H\u00e4usern vertrieben und &#8222;umgesiedelt&#8220;. 300 000 Ungarndeutsche mussten, in G\u00fcterwaggons gepfercht, in Richtung Deutschland fahren, mit nichts als einem B\u00fcndel in der Hand. Aber nicht nur die Deutschen, sondern auch Tausende Ungarn aus Tschechien, Sz\u00e9kler aus der Bukowina und Ukrainer aus Polen wurden nach der Potsdamer Konferenz in &#8222;ihre Mutterl\u00e4nder umgesiedelt&#8220;. Die Folgen dieser Vertreibungen zeigen ihre Traumata bis heute in die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation.<br \/>\nAuch Stefan Raile dr\u00e4ngt es immer wieder, \u00fcber sein immerw\u00e4hrendes Trauma, die Abschiebung aus seinem Kindheitsparadies, aus dem Dorf Waschkut (ung. Vask\u00fat), im Jahre 1947 zu schreiben. In seinen vorangegangenen Romanen, Dachtr\u00e4ume, 1996, erinnert er, wie er nach dem Krieg \u201eaus dem vertrauten Dorf am Rande der Puszta\u201c vertrieben wurde und ein neues Leben in der \u201es\u00e4chsischen Stadt am Fluss\u201c (G\u00f6rlitz), unter harten Bedingungen begann. Er sorgte sich bereits damals, dass die Erinnerung nachlassen, die heimische Mundart ihm abhanden kommen k\u00f6nnte, das Wissen um Sitten und Gebr\u00e4uche der alten Heimat von einer neuen Kultur \u00fcberlagert w\u00fcrde. Der zweite Roman, Die gehenkten Puppen, erschienen 2001, beschreibt die Vertreibung der Ungarndeutschen aus dem Blickwinkel des Kindes. \u201eJani\u201c. Da f\u00e4llt es ihm bereits schwer, seine Briefe auf Ungarisch zu schreiben. \u201eW\u00e4hrend dieser Zeit hat sich bei mir viel ver\u00e4ndert\u201c. Im dritten Roman, Die Melone im Brunnen, 2004, greift Raile das Thema der Erinnerung wieder auf; denn nur sie ist ihm geblieben, mitsamt der unstillbaren Sehnsucht nach dem Leben im Dorf und seiner vertrauten Gesellschaft. 2005 folgt Im Staub der Jahre. Bereits hier setzt er den Dorfleuten, die durch Krieg und Vertreibung so schwer leiden mussten, ein Erinnerungsdenkmal, aber auch denen, die bleiben durften, allerdings unter erschwerten Bedingungen. Hier schon reflektiert er die politischen Hintergr\u00fcnde in Vergangenheit und Gegenwart.<br \/>\nIn seinem neuesten Roman Letzter Abschied, verst\u00e4rkt sich dieser Zug noch: Nun, in reifem Alter, \u00fcberblickt der Autor sein Leben, erkennt Zusammenh\u00e4nge aus der Geschichte. 60 Jahre nach der Ausweisung kann er sein Dorf wieder besuchen, sein erster Kurzbesuch liegt schon weit zur\u00fcck, 12 Jahre nach der \u201eAussiedlung\u201c. Nun m\u00f6chte er mit sich und seinem Leben ins Reine kommen, Frieden schlie\u00dfen mit allen, die ihm etwas bedeutet haben. \u2013 Zunehmend fallen ihm unsch\u00f6ne und traurige Begebenheiten ein, die \u201eUmsiedlung\u201c eine ewige Wunde, die sein ganzes Leben mit bestimmte.<br \/>\nIn vier Kapiteln holt Raile aus dem Dunkel der Erinnerung Gestalt um Gestalt hervor, erf\u00fcllt sie mit Leben und schenkt ihr sein Andenken. Alle im Dorf, Lebende und Tote, scheinen auf ihn gewartet zu haben, sprechen ihn in der vertrauten heimischen Mundart an, warten darauf, dass er sie dem Vergessen entrei\u00dft und ihre Geschichten erz\u00e4hlt und aufschreibt. Er l\u00e4sst sie wieder lebendig werden; zum Greifen nahe begleiten sie ihn auf seinen Erinnerungsrundg\u00e4ngen. Nichts soll verloren sein, weder die Geschichte der Ungarndeutschen, ihr Brauchtum, das allt\u00e4gliche Dorf- und Familienleben, noch die Folgen der beiden verheerenden Kriege, die in jeder Familie ihre Wunden schlugen, auch in der Familie des Erz\u00e4hlers Jani, dem alter ego des Autors. Die Sch\u00f6nheit der Landschaft, die Umgebung des Dorfes mitsamt seinen Ver\u00e4nderungen in diesen 60 Jahren entsteht plastisch vor den Augen des Lesers.<br \/>\nEs sind viele unterschiedliche Geschichten, doch eines ist allen gleich: Die Gestalten sind vom Krieg versehrt, auch wenn sie diesem \u2013 \u00e4u\u00dferlich heil &#8211; entronnen sind &#8211; sie alle sind Entwurzelte. Nicht nur diejenigen, die des Landes verwiesen wurden, sondern auch die Dagebliebenen: Sie mussten ihre H\u00e4user den Telepes, den ungarischen Ansiedlern aus der Slowakei \u00fcberlassen. Nichts mehr war wie vorher: man durfte nur noch zu Hause deutsch sprechen, die totale Magyarisierung hatte begonnen. Als \u201eNazis\u201c und Volksfeinde durften sie nicht studieren. Manche, vor allem die \u00c4lteren, konnten diesem Druck nicht standhalten, nahmen sich das Leben oder starben vorzeitig an ihren Schicksalsschl\u00e4gen. Auch noch die n\u00e4chste und \u00fcbern\u00e4chste Generation leidet an den Folgen und f\u00fchlt sich entwurzelt, der Heimat entrissen, f\u00fchlt sich weder im neuen Zuhause ganz daheim, noch in der alten Heimat. Die Leben waren zu weit auseinander gedriftet. F\u00fcr lange Zeit verstummten viele von ihnen, nahmen das Erlebte mit in den Tod. \u2013Raile schenkt ihnen die Erz\u00e4hlung ihres Lebens wieder: \u201eAm h\u00e4rtesten trifft\u2019s jene, die nach Umbr\u00fcchen schwerer als andre mit den ver\u00e4nderten Umst\u00e4nden zurechtkommen. Und f\u00fcr manche wird der Druck, den sie Tag f\u00fcr Tag empfinden, so gro\u00df, dass sie meinen, ihn nicht mehr lange aushalten zu k\u00f6nnen.\u201c<br \/>\nJani kommt nicht nur immer wieder auf den Tag seiner Ausweisung zur\u00fcck, die ihn lebenslang verst\u00f6rt hat und den f\u00fcr ihn katastrophalen Beginn im neuen Leben. Er begegnet im Dorf seiner Kinderfreundin Edit, die er nie vergessen kann \u2013 und deren geheime Sehnsucht und Anspielung er nicht verstanden hatte, als er sie nach zw\u00f6lf Jahren wieder sah. Diese Gelegenheit ist vertan, die Zeit kann nie mehr zur\u00fcckgespult werden. Auch Edit geh\u00f6rt inzwischen ins Schattenreich der Erinnerung. Raile spricht von den jungen M\u00e4nnern, die bereits mit 17 zur SS gepresst wurden, gegen serbische Partisanen k\u00e4mpfen mussten, heil und doch psychisch versehrt nach Hause kamen, dann in ukrainische Zwangsarbeitslager verschleppt wurden; er erz\u00e4hlt von Anh\u00e4ngern des \u201eVolksbundes\u201c, die den Krieg und seinen Ausgang dann doch ganz anders und ern\u00fcchtert erlebten, als sie es sich vorgestellt hatten, aber auch von einem, der sich nach Deutschland hatte absetzen k\u00f6nnen, dem es dort gut ergangen war und der seinen Lebensabend nun hier \u2013 preiswert, aber in gehobenem Lebensstil \u2013 verbringen will. Viele von ihnen nennt er mit Namen. Sie tauchen aus dem Dunkel seines Ged\u00e4chtnisses auf, werden lebendig und vertiefen im Erz\u00e4hler ein Verstehen ihrer und seiner Handlungen. Dabei streift er die Geschichte, den Volksaufstand 1956 in Ungarn, bei dem es auch Menschen aus seinem Dorf gelungen war, zu entfliehen, die aber nie wieder zur\u00fcckkehrten, so gro\u00df ihr Heimweh auch war. Selbst seinem nie gekannten Gro\u00dfvater begegnet er, der \u00e4u\u00dferlich gesund den 1. Weltkrieg und seine vielen toten Kameraden \u00fcberlebt hatte, doch zu Hause entwickelte sich in ihm das Gef\u00fchl, nicht mehr gebraucht zu werden. &#8211; Von seinem Vater erz\u00e4hlt Jani, der, als sich die Rote Armee n\u00e4herte und die Sinnlosigkeit des Krieges nicht mehr zu \u00fcbersehen war, Fahnenflucht beging und sich zu Hause verstecken musste. Janis Freund Tom, ebenfalls ein vertriebener Landsmann, mit dem er sich im neuen Zuhause befreundete, hatte k\u00fcrzlich seinem Leben ein Ende gesetzt. \u2013 Auch er scheint nun hier neben ihm zu gehen und Zwiesprache zu halten. Tom kann ihm den geheimen Vorwurf an den Vater nehmen, kann ihm die Beweggr\u00fcnde seiner Freundin Edit erkl\u00e4ren und ihn auf seine eigenen Br\u00fcche und ungekl\u00e4rten Fragen hinweisen. Die Gedanken des Erz\u00e4hlers gehen hin und her, greifen eine angerissene Geschichte auf und erz\u00e4hlen sie zu Ende. Einige der Geschichten kennen wir schon aus Railes fr\u00fcheren Romanen. Hier fasst er sie noch einmal in einem gro\u00dfartigen Lebensr\u00fcckblick zusammen und betrachtet sie wie vom Glockenturm aus, den er hatte als Kind nicht mehr besteigen k\u00f6nnen. Dabei setzt er sich auch mit den Reaktionen der Dorfgemeinschaft auseinander, als die Scharfmacher und Hetzer aus den Reihen der Volksb\u00fcndler das Dorf spalten. So kommt er einige Male auf die Geschichte des j\u00fcdischen Ladenbesitzers Armin zu sprechen, ein freundlicher Mann, der ihm immer wieder eine S\u00fc\u00dfigkeit zusteckte: \u201eLeute, die ich gut kenne und f\u00fcr redlich gehalten habe, pl\u00fcndern Armins Eckladen, kaum dass er mit Frau und Sohn von ungarischen Gendarmen zur langen Kolonne auf der Gro\u00dfgasse gef\u00fchrt worden ist\u2026.\u201c Jani philosophiert mit seinem Freund Tom \u00fcber die Grausamkeit der Kriege und der daraus entstandenen Feindschaften, \u00fcber die willk\u00fcrlichen Grenzen, gezogen von drei, sich ihrer Macht eitel bewussten F\u00fchrer. Und wie sie als T\u00e4ter und Opfer zugleich mit in diesen Strudel hineingezogen worden waren: Ihm geht auf, dass die lebensbedrohlichen K\u00e4mpfe, die sie als kleine Jungen mit den Telepes, den Aussiedlern, f\u00fchrten, genau denen \u00e4hneln, die er mit den Jungen in der \u201es\u00e4chsischen Stadt\u201c auszufechten hatte. Beide Male war die einheimische Bev\u00f6lkerung zutiefst misstrauisch und grob gegen die Zugereisten \u2013 und diese zutiefst verunsichert \u00fcber den Verlust ihrer Heimat, und damit voll Zorn und Wut auf die Alteingesessenen. \u201e..waren wir, obwohl uns die Umst\u00e4nde zu T\u00e4tern werden lie\u00dfen, nicht vorrangig allesamt Opfer, da wir in einer Zeit gro\u00df wurden, die durch Gewalt, im Krieg begonnen und danach blindlings fortgesetzt, gepr\u00e4gt wurde?\u201c<br \/>\nEin letzter Abschied sollte der Besuch im Dorf werden \u2013 doch als Jani seine Kusine Maria wieder aufsp\u00fcrt, die 1956 nach Italien geflohen, einen Schlussstrich unter ihr altes Leben hatte ziehen wollen und sich nie mehr gemeldet hatte, \u00e4u\u00dfert sie den Wunsch, ihr heimatliches Dorf mit ihm zusammen doch noch einmal zu besuchen, worauf Jani erfreut eingeht.<br \/>\nIch meine, unter den vielen B\u00fcchern der Erinnerung, ist dieses ein ganz wichtiges \u2013 besonders f\u00fcr die j\u00fcngere Generation, die sich zwar zunehmend f\u00fcr die Schicksale ihrer Gro\u00dfeltern interessiert, der aber oft Grundlagen und Zusammenh\u00e4nge der Geschichte fehlen.<\/p>\n<p>\u00a9 Gudrun Brzoska<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag quartus-Verlag, 2011 ISBN: 978-3-936455-11-3 Bezug: Preis: 12,90 Euro Bestellung bei Herrn Schoblocher direkt: Stefan Schoblocher Leo-Sachse-Str. 75 07749 Jena (Th\u00fcr.) 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