{"id":1510,"date":"2012-03-15T11:41:43","date_gmt":"2012-03-15T11:41:43","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarut.de\/?p=1510"},"modified":"2012-05-18T20:27:42","modified_gmt":"2012-05-18T20:27:42","slug":"rezension-doma-akos-die-allgemeine-tauglichkeit","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1510","title":{"rendered":"Rezension: Doma, \u00c1kos &#8211; &#8222;Die allgemeine Tauglichkeit&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/die_allgemeine2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2322\" title=\"die_allgemeine\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/die_allgemeine2-e1337372837751.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"250\" \/><\/a><br \/>\nVerlag: Rotbuch, 2011;<br \/>\nISBN: 978-3-86789-124-0<br \/>\nBezug: Buchhandel, Preis: 18,95 Euro <\/em><\/p>\n<p>Am 1. M\u00e4rz 2012 wurde dem Autor der Adelbert-von-Chamisso-F\u00f6rderpreis verliehen. Aus der Begr\u00fcndung der Jury hei\u00dft es: \u201e.. gestaltete Akos Doma eine moderne Gaunerkom\u00f6die auf sprachlich raffinierte und au\u00dferordentlich witzige Weise. Sie ist eine hintersinnige Parabel auf die vielf\u00e4ltigen Zumutungen unserer Gesellschaft. \u2026. ein ungew\u00f6hnlich unterhaltsames Leseabenteuer \u00fcber vier Au\u00dfenseiter, die auf der Suche nach einer neuen, lebenstauglichen Identit\u00e4t kaum einen Irrweg auslassen\u2026\u201c<br \/>\nGleich vorneweg, diesem Urteil kann man sich voll und ganz anschlie\u00dfen. Mit Vergn\u00fcgen und Empathie folgt der Leser den vier Freunden, wenn sie ihre mitunter krausen Philosophien ablassen und wenn sie versuchen, sich durchs Leben zu wursteln. &#8211; Bis Albert auftaucht, der Tausendsassa, dem alles zu gelingen scheint.<br \/>\nDoch der Reihe nach:<br \/>\nDa liegen die vier Loser auf der faulen Haut, leben von Hartz IV. Aber: \u201eWir sind keine Bettler, wenn schon, dann stehlen wir. Es geht uns gut, wir haben keine Angst vor der Zukunft, wir wissen, dass wir keine haben, nie eine hatten.\u201c<br \/>\nFerdinand, \u201eFern\u201c, f\u00fcr seine Freunde, der Erz\u00e4hler, Amir, der Illegale aus dem Iran, Igor aus Nowosibirsk, und Ludovik, der verhinderte Selbstm\u00f6rder. Sie leben in einer Bruchbude am Bahndamm, weit au\u00dferhalb der Stadt, in einer Sackgasse, \u201eam Hinterausgang der Welt\u201c, wohin sich niemand verirrt, nicht einmal ein Sonnenstrahl.<br \/>\nFern, \u201evon Geburt an arbeitslos\u201c, schwankt zwischen Selbstmitleid und Zynismus, behauptet, seine Frau habe ihn vor die T\u00fcr gesetzt, weil er sich zu keiner Arbeit aufraffen konnte. Nun w\u00fcrde ihm auch sein T\u00f6chterchen Anna vorenthalten. Amir malt Pflasterbilder in Fu\u00dfg\u00e4ngerzonen, st\u00e4ndig auf der Hut erwischt und ausgewiesen zu werden. Ludovik, der J\u00fcngste, hat im Erziehungsheim das Schlosserhandwerk gelernt. Sein Vater hatte sich gleich nach dessen Geburt davon gemacht, darum braucht er h\u00e4ufig Beweise von Liebe und Zuneigung und zieht deshalb immer wieder eine Suizid-Nummer ab. Igor, der notorische S\u00e4ufer, sehnt sich nach seinem Sibirien. Er wird von Zeit zu Zeit eingesperrt, nicht ungern; denn im Knast ist es warm und er bekommt genug zu essen \u2013 und vor allem gibt es dort keinen Wodka, von dem er sich einfach nicht l\u00f6sen kann.<br \/>\nAm liebsten dr\u00fccken sie sich die Freunde in der Stadt herum, fl\u00e4zen auf ihrer Lieblingsbank und begaffen die Frauen, sehnen sich aus der Ferne nach ihnen oder erhaschen eine M\u00f6glichkeit sie fl\u00fcchtig zu betatschen. \u201eAber es gibt keine Frauen, die sich mit dir einlassen\u201c. In den Augen der Gesellschaft sind sie NICHTS, doch sie reden sich ein, \u00e4u\u00dferlich gehe ihnen manches ab, was die Gesellschaft f\u00fcr unbedingt n\u00f6tig erachte, \u201eaber im Innern, dort, wo bei anderen zappendustere Nacht herrsche, Angst und K\u00e4lte und Korruption, leuchtet bei uns ein sonniger, ewiggr\u00fcner Hain.\u201c Trotzdem, die Vorstellung eines b\u00fcrgerlichen Lebens \u2013 es darf ruhig etwas spie\u00dfig sein \u2013 malen sie sich immer wieder aus &#8211; nur arbeiten sollten sie nicht m\u00fcssen:<br \/>\nErinnert sich jemand an den Film aus den 60er Jahren, \u201eDas Wirtshaus im Spessart\u201c, &#8211; darin singt Wolfgang Neuss das passende Lied: \u201eAch, das k\u00f6nnte sch\u00f6n sein \/ als friedlicher B\u00fcrger \/ ein ehrbares Leben \/ zu Haus zu beschlie\u00dfen. \/ Ach, das k\u00f6nnte sch\u00f6n sein \/ ein H\u00e4uschen mit Garten \/ in dem ich und Frauchen \/ unsre Rosen begie\u00dfen\u201c.<\/p>\n<p>Eines Tages machen sie einen richtigen Bruch in einer schlecht gesicherten Villa: Trinken und essen, baden und schlafen in Betten mit seidener Bettw\u00e4sche! So muss das Paradies auf Erden aussehen!<br \/>\nIm gestohlenen Wohnmobil fahren sie schlie\u00dflich los, bepackt mit allem, was sich zu Geld machen lassen k\u00f6nnte. Doch die Pechv\u00f6gel kommen nicht weit. Schon am n\u00e4chsten Tag zerst\u00f6rt ihnen ein Unwetter alles; sie k\u00f6nnen sich nur mit M\u00fche retten. Wieder zu Hause beobachten sie einen Mann in ihrer \u201eBurg\u201c, der ihr schmutziges Geschirr abw\u00e4scht:<br \/>\nEs ist Albert Nachtigall, der aus den vier abgerissenen Gesellen unbedingt rechtschaffene B\u00fcrger mit geregelter Arbeit machen will. Zun\u00e4chst dulden sie seinen Sauberkeitsfimmel, dann wird er ihnen l\u00e4stig, dann haben sie ein schlechtes Gewissen, wenn sie so faul heruml\u00fcmmeln. Ludovik und vor allem Fern str\u00e4uben sich noch nach Kr\u00e4ften. Es soll sich nichts \u00e4ndern, haben sie sich doch so sch\u00f6n in ihrer kleinen heilen Welt eingerichtet! Albert ist geradezu be\u00e4ngstigend aktiv, optimistisch und stets gut gelaunt. Er kocht f\u00fcr die ganze Bande, streicht die W\u00e4nde, f\u00fchlt sich beeindruckt von Amirs Bildern, best\u00e4rkt ihn, sieht in ihm einen echten K\u00fcnstler. Fast unmerklich ver\u00e4ndert sich alles: Das Haus, seine Einwohner. Albert appelliert an ihre inneren Werte. Als erste fallen Amir und Igor um; denn Albert nimmt sie ernst, kann die Freunde mit Arbeit versorgen, sogar Ludovik. Albert, der unverbesserliche \u201eGutmensch\u201c, wei\u00df immer, wo es lang gehen soll, zeigt dabei aber auch seltsam spie\u00dfb\u00fcrgerliche Z\u00fcge, z.B., als er Plastikblumen in eine Vase stellt. Fern rastet aus, er stemmt sich gegen Alberts Versuche sie zu zivilisieren. Als er aber bemerkt, wie die Drei sich haben von dem \u201eRattenf\u00e4nger\u201c herumkriegen lassen, kommt so etwas wie Neid in ihm auf. Vor lauter Frust auf sein fr\u00fcheres Leben, in dem ihm nichts gelungen war, redet er sich ein, dass es das Leben eines Tippelbruders ist, das er unbedingt will, ringt alle Regungen an ein sesshaftes, \u201enormales\u201c Leben mit Frau und Kind und Arbeit nieder.<br \/>\nDoch als Albert die verr\u00fcckte Idee kommt, die alte Bruchbude in eine schicke Pension zu renovieren, l\u00e4sst er sich anstecken. Eine wochen-, ja monatelange Maloche beginnt. Nicht nur, dass die Vier sich auf ihren l\u00f6chrigen Matratzen in den staubigen Dachboden zur\u00fcckziehen m\u00fcssen, sie werden im Eiltempo, von Arbeit zu Arbeit gehetzt und finden das sogar in Ordnung; denn jetzt haben sie zum ersten Mal ein Ziel vor Augen, die gesicherte Zukunft, geregelte Arbeit und Wohlstand, ein b\u00fcrgerliches Leben. \u201eEs ist eine Wonne, mitzuverfolgen, wie sich das Chaos St\u00fcck f\u00fcr St\u00fcck in Ordnung, unsere Bruchbude in eine schmucke Pension verwandelt.\u201c Sie geb\u00e4rden sich schon ganz wie die herzlosen B\u00fcrger, die sie fr\u00fcher so verachtet haben; denn als sich eines Tages ein Landstreicher in ihr frisch geputztes Haus legt, um seinen Rausch auszuschlafen, werfen sie ihn grob hinaus.<br \/>\nDie Erwartung war zu gro\u00df, daher ist auch die Entt\u00e4uschung gewaltig. Am Tag der Er\u00f6ffnung kommt niemand in ihre Ein\u00f6de, keiner der geladenen G\u00e4ste, kein Reporter l\u00e4sst sich blicken. Und als Albert dann auch noch davon f\u00e4hrt, weil er \u201enoch etwas zu erledigen\u201c habe, kennen Wut und Zorn keine Grenzen mehr. Sie trinken was das Zeug h\u00e4lt, \u00fcberbieten sich darin, Albert herunterzumachen, ihm unlautere Absichten zu unterstellen. Mit Alberts Laster, sturzbetrunken, fahren sie ab. Pl\u00f6tzlich ist ihnen klar, dass sie sich schon viel zu lange hatten herumschikanieren lassen. \u201cWir wissen schon gar nicht mehr, wie das geht, feiern und fr\u00f6hlich sein, es wird Zeit, es wieder zu lernen.\u201c\u2026 Wie die Vier sich wieder treffen, zum Schluss doch noch alles gut wird, k\u00f6nnte ein Happy End sein. Doch Igor, der die Pension \u00fcbernehmen will, verspricht, dass die Freunde immer wieder zur\u00fcckkehren k\u00f6nnen: \u201eIhr alle, die ihr jetzt in die weite Welt hinausziehen wollt, die ihr aber bald wieder vor der T\u00fcr stehen werdet, wenn euch die Menschen einmal angespuckt haben, weil ihr nicht ihren Erwartungen entsprecht \u2026.\u201c.<br \/>\nUnd wenn man sich den Anfang des Romans ins Ged\u00e4chtnis zur\u00fcckruft, wie Fern seine Freunde und ihre \u201eBurg\u201c (im Pr\u00e4sens!) vorstellt, k\u00f6nnte es auch sein, dass alles ein sch\u00f6ner und aufregender Traum war, ersonnen in sehns\u00fcchtigen Augenblicken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Verlag: Rotbuch, 2011; ISBN: 978-3-86789-124-0 Bezug: Buchhandel, Preis: 18,95 Euro Am 1. M\u00e4rz 2012 wurde dem Autor der Adelbert-von-Chamisso-F\u00f6rderpreis verliehen. 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