{"id":1506,"date":"2012-03-15T11:39:25","date_gmt":"2012-03-15T11:39:25","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarut.de\/?p=1506"},"modified":"2012-05-19T20:18:39","modified_gmt":"2012-05-19T20:18:39","slug":"rezension-schiff-julia-reihertanz","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1506","title":{"rendered":"Rezension: Schiff, Julia &#8211; &#8222;Reihertanz&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/reihertanz.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-thumbnail wp-image-1508\" title=\"reihertanz\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/reihertanz-150x150.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"150\" \/><\/a><em>Verlag Pop, 2011<br \/>\nISBN: 978-3-86356-014-0<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: Euro 15,80<\/em><\/p>\n<p>In diesem Roman schl\u00e4gt Julia Schiff ein weiteres Kapitel auf \u00fcber die Vernichtungsstrategien der jungen rum\u00e4nischen Diktatur und \u00fcber die Leiden der Neinsager, \u00fcber die Menschen, die zu \u201eVolksfeinden\u201c erkl\u00e4rt wurden, einfach um sich ihrer zu erledigen. Hier widmet sie sich haupts\u00e4chlich den Leiden der H\u00e4ftlinge in den Zwangsarbeitslagern am Donau-Schwarzmeer-Kanal.<br \/>\nIn \u201eSteppensalz\u201c schilderte sie bereits die Deportation in die B\u0103r\u0103gan-Steppe 1951, von der \u00fcberdurchschnittlich viele Banater Schwaben betroffen waren. Sie selbst war als Elfj\u00e4hrige mit ihrer Familie dorthin verschleppt worden.<br \/>\nAls ich mich allerdings im Internet \u00fcber die Geschichte dieses Kanals informieren wollte, musste ich mit einigem Erstaunen feststellen, dass nur sehr wenig \u00fcber die Tausenden von Opfern, die der Bau forderte, berichtet wird. Ein rum\u00e4nischer Propagandafilm aus den 50er Jahren zeigt die freiwillige, wohl verpflegte und fr\u00f6hliche Jugend beim Bau des Kanals und beim Aufbau des \u201eNeuen Menschen\u201c. Allein die Landsmannschaften der Banater Schwaben stellen in einigen Artikeln die unmenschlichen Arbeitslager vor, in denen haupts\u00e4chlich politische Gefangene aus allen Gesellschaftsschichten und Volkszugeh\u00f6rigkeiten schuften mussten. Die tat\u00ads\u00e4ch\u00adlichen Verbrecher wurden zu ihren Aufsehern ernannt. Um die rum\u00e4nischen Opfer ging es vor allem in einer Gedenkausstellung im Jahr 2010 mit dem Titel \u201eDer Donau-Schwarzmeer-Kanal. Ein programmierter Friedhof\u201c.<br \/>\nErste Projekte zum Bau dieses Kanals, der letztendlich der Schifffahrt ungef\u00e4hr 400 Kilometer von der Donau zum Schwarzen Meer einspart, sind seit 1837 bekannt. Doch erst 1927 fertigte ein rum\u00e4nischer Ingenieur genauere Pl\u00e4ne f\u00fcr das Bauwerk, welches 1949 begonnen wurde. Mehrere zehntausend H\u00e4ftlinge wurden im \u201erum\u00e4nischen Archipel Gulag\u201c, dem \u201evorprogrammierten Friedhof\u201c, eingesetzt, darunter viele deutsch-st\u00e4mmige. 1953, nach Stalins Tod, kam das Projekt allm\u00e4hlich zum Erliegen. Abgesehen von der schlechten Organisation, hatten der Diktator Gheorghiu-Dej und seine Au\u00dfenministerin Ana Pauker diesen Kanal auf Empfehlung Stalins als Instrument der Vernichtung des B\u00fcrger\u00adtums eingesetzt und nicht als wirtschaftliche Investition. Er sollte das \u201eGrab des rum\u00e4nischen B\u00fcrgertums\u201c sein. Der Kanal forderte mindestens 10 000 Tote als Folge von Repressalien, Folter, Hunger, Entkr\u00e4ftung und Mord. Dejs Nachfolger Ceau\u015fescu nahm den Bau 20 Jahre sp\u00e4ter wieder auf, auch diesmal mit Soldaten, Studenten, Sch\u00fclern, Arbeitern und Strafgefangenen. Wieder kamen zwei bis dreitausend Menschen um.<br \/>\nIn den Arbeitslagern sollten die H\u00e4ftlinge nicht nur wie Sklaven schuften, sondern auch gewaltsam umerzogen werden. Ein Menschen verachtendes System verbreitete Angst und Terror, um die Leute gef\u00fcgig zu machen, selbst noch Jahre nach ihrer Freilassung. Sie sollten zu Nichts denkenden Maschinen umerzogen werden. Daher geh\u00f6rte gro\u00dfer Mut und innere Festigkeit dazu, sich dem entgegen zu stellen. Als \u00dcberlebenstraining musste einge\u00fcbt werden, die obsessiven Gedanken, die sich oft genug nur um die Erf\u00fcllung der Norm, um den st\u00e4ndigen Hunger, das nicht vorhandene Essen kreisten, auf ein anderes, ein inneres Interesse zu lenken, auf heimliche menschliche Begegnungen und Gespr\u00e4che gegen die Ver\u00f6dung der Sprache und der inneren Einsamkeit. Das Festhalten an der eigenen Individualit\u00e4t bewirkte eine innere Reife, die selbst in solch qu\u00e4lender Umgebung von Staatswillk\u00fcr noch Mitmenschlichkeit gedeihen lie\u00df.<br \/>\nF\u00fcnf Jahre lang hat die Autorin recherchiert, Zeitzeugen, \u00dcberlebende und Hinterbliebene von Opfern befragt. Herausgekommen ist ein packender, mit viel Anteilnahme komponierter Roman, der sich in zwei gro\u00dfe Erz\u00e4hlungen gliedert: Der Erz\u00e4hlung von den Deportierten in die B\u0103r\u0103gan-Steppe und die von den Zwangsarbeitern am Donau-Schwarzmeer-Kanal. Immer wieder schiebt Julia Schiff in den Fluss ihrer Erz\u00e4hlung politisch-geschichtliche Fakten, w\u00f6rtlich eingef\u00fcgte Dekrete und Verordnungen, die dem Leser Hintergrund und Zuordnung leichter machen.<br \/>\nDie beiden gro\u00dfen Erz\u00e4hlungen umtanzen sich in kleinen Schritten, wie der \u201eReihertanz\u201c der V\u00f6gel, begegnen sich und gehen wieder auseinander. Parallel dazu laufen in kleinen Ver\u00e4stelungen die Lebens- und Leidensgeschichten v on Deportierten und H\u00e4ftlingen, die aus der Anonymit\u00e4t heraustreten und dem Vergessen entrissen werden. Diesen Menschen setzt Julia Schiff ein literarisches Denkmal:<br \/>\nFred Reiter wird im Mai 1951, nach sechs Jahren, aus russischer Kriegsgefangenschaft entlassen. In seinem Heimatdorf ist nichts mehr wie fr\u00fcher. Viele waren enteignet worden, wegen \u201eKollaboration mit dem nationalsozialistischen Deutschland\u201c. Alles war Staatseigentum geworden, und \u201eAlle im Dorf arbeiten mit Verbissenheit in ihren G\u00e4rten, dem einzig ihnen noch Verbliebenen.\u201c Bevor der junge Mann sich als Lehrer an einer Schule bewerben kann, wird er mit vielen anderen deportiert. \u201eRucksack und Essgeschirr liegen noch bereit\u201c; mehr hat ein Kriegsheimkehrer nicht. Nach tagelanger Fahrt in Waggons und Lastwagen, nach vielen Halten in gl\u00fchender Hitze mit wenig Wasser, kommen zehntau\u00adsen\u00adde von Menschen an: Sie werden in der B\u0103r\u0103gan-Steppe einfach abgeladen. Es gibt NICHTS. Keinen Raum, kein Dach \u00fcber dem Kopf, nur Hitze, Sand, Staub und heftigen Wind. Die Miliz ist allgegenw\u00e4rtig. Ein verzweifelter \u00dcberlebenskampf mit Natur und Beh\u00f6rdenwillk\u00fcr beginnt.<br \/>\nMit seinem Jugendfreund Dominik gelingt ihm die Flucht. Nur Susi Bauer, mit der er sich angefreundet hat, wei\u00df Bescheid. Fred kann sich bis nach Siebenb\u00fcrgen durchschlagen, zu einem Freund, aus dem Kriegsgefangenenlager. Es geht ihm gut, bis ihn ein Brief seines Vaters erreicht, die Miliz w\u00fcrde ihn suchen. Um seine Eltern nicht zu gef\u00e4hrden, stellt er sich. Bevor er richtig zu sich kommt, sitzt er in einem Viehwaggon, Richtung Zwangsarbeitslager zum Schwarzmeerkanal, verurteilt zu zwei Jahren Arbeitslager.<br \/>\nDie H\u00e4ftlingsuniform will ihm die Identit\u00e4t nehmen, er soll nur noch Einer von entsetzlich Vielen sein. Die Gefangenen werden st\u00e4ndig in andere Lager verlegt, damit kein pers\u00f6nlicher Gedankenaustausch stattfinden kann. Und doch, Fred macht so manche Bekanntschaft, die ihm weiterhilft. Auch er \u00fcbt sich im \u00dcberlebenstraining, auch er sucht sich eine Leidenschaft, mit der er sich besch\u00e4ftigen kann. Es ist die Musik. Nicht immer kann sie helfen, an elenden Tagen, wo er nur noch an Essen denken kann, wie seine Mitgefangenen. Er lernt Politische kennen, die nicht klein bei geben wollten, ehemalige Grafen und Minister, die in der Zwangsarbeit ums Leben kommen sollen. Viele Tote muss er sehen. Sie werden verscharrt, es wird nicht Buch gef\u00fchrt \u00fcber sie. Sp\u00e4ter soll niemand mehr \u00fcber die Verschollenen Bescheid wissen. Wie gehetzt m\u00fcssen sie im Steinbruch arbeiten &#8211; es ist schwer, die Norm zu erf\u00fcllen, wenn man entkr\u00e4ftet und unterern\u00e4hrt ist. Wer liegen bleibt, dem kann nicht geholfen werden. Wer anderen hilft wird bestraft. &#8211;<br \/>\nSeine \u00fcberreizten Sinne zeigen Fred immer wieder ein Bild, das er als Junge einmal beobachtet hatte: Ein Reiherpaar beim Brauttanz. Dieser Tanz hat etwas Zartes und Reines, was ihn immer wieder aufzurichten vermag. Bald erkennt er im Reiherweibchen Susi Bauer. Das gibt ihm die Hoffnung und den Willen zu \u00fcberleben.<br \/>\nAls die Bauarbeiten nach Stalins Tod eingestellt werden, wird er in die Deportation der B\u0103r\u0103gan-Steppe entlassen. Er weigert sich mit der Staatsmacht zusammen zu arbeiten, muss aber unterschreiben, dass er nie von den Vorg\u00e4ngen im Lager berichten wird. Das sei \u201eStaatsgeheimnis\u201c. &#8211; Susi hat tats\u00e4chlich auf ihn gewartet. Sie heiraten und als ihre Tochter Lotte geboren wird, holt Freds Mutter das unterern\u00e4hrte Kind bald zu sich ins Heimatdorf. Fred kann in der Verbannung als Lehrer arbeiten. Hier erf\u00e4hrt er auch, dass ihn ein Landsmann mit Beziehungen auf die Deportier\u00adtenliste hatte setzen lassen \u2013 statt seiner. \u2013 Kurz vor Weihnachten 1955 werden die Dossiers der Verschleppten gepr\u00fcft, und alle, die nicht zu den ehemaligen Gro\u00df\u00adgrundbesitzern gez\u00e4hlt werden, kommen frei. Ab Anfang M\u00e4rz mieten die Leute Viehwaggons f\u00fcr ihre \u00fcbrig gebliebenen, kaputten M\u00f6bel. Sie fahren heim, ohne zu ahnen, dass ihre H\u00e4user schon l\u00e4ngst besetzt sind, dass sie lange Zeit Unterschlupf bei Verwandten suchen m\u00fcssen, Prozesse f\u00fchren, um endlich, nach Jahren ihre heruntergewirtschafteten Wohnh\u00e4user wieder zu bekommen.<br \/>\nFred bemerkt immer mehr, dass ehemalige Freunde und Bekannte nichts mehr mit ihm zu tun haben wollen. Angst beherrscht den Alltag. Man will nicht mit ihm gesehen werden; denn er hatte sich offenbar mit der Macht angelegt und den K\u00fcrzeren gezogen. Perfide!! Der Staat will keine Schuld eingestehen, also m\u00fcssen die Opfer schweigen.<br \/>\n1979 haben Susi und Fred ihre 24 Jahre alte Tochter und einen 20j\u00e4hrigen Sohn, Bernhard. Sie haben einen Ausreiseantrag gestellt, wie so viele ihrer Landsleute. Als \u201eLandesverr\u00e4ter\u201c darf er nun nicht mehr unterrichten. Die Ungewissheit zehrt an ihnen. Es ist nicht leicht, \u00fcber Jahre hinweg auf gepackten Koffern zu sitzen. Bernhard soll 1980 Abitur machen, doch die Ausreise-Epidemie steckt auch ihn an, er will fliehen, obwohl ihm sein Vater abr\u00e4t. Der Junge soll \u00fcber den Bersau-Fluss (B\u00e2rzava) schwimmen, hin\u00fcber nach Serbien. Doch er wird gestellt und gefangen genommen. \u201eFred wusste in dem Moment mit schrecklicher Klarheit \u2026dass er den Selbstvorwurf,\u2026.seinen Sohn ins Gef\u00e4ngnis oder gar an den Kanal geliefert zu haben, nie loswerden wird\u201c.<br \/>\n50 Jahre sp\u00e4ter will Fred die St\u00e4tten seiner Gefangenschaft noch einmal sehen. Es gibt zwar ein Denkmal f\u00fcr die vielen namenlosen Opfer des Kanalbaus, doch die j\u00fcngere Generation wei\u00df nur noch vage Bescheid. Von einer Deportation in die B\u0103r\u0103gan-Steppe haben die Leute nie geh\u00f6rt. Alles ist zerfallen, die Felder verw\u00fcstet, die Natur hat sich ihren Teil zur\u00fcckgeholt. Die Deportierten haben sogar viele ihrer Toten mitgenommen.<br \/>\nEs war h\u00f6chste Zeit, dass einer breiten \u00d6ffentlichkeit diese Zeit des Leidens und \u00dcberlebens der Banater Schwaben, vieler anderer Ethnien und politisch Unerw\u00fcnschten so eindringlich nahe gebracht wird, wie in diesem Roman.<br \/>\nVielleicht lassen uns diese Schilderungen erahnen, was auch Verschleppte aus despotischen Unrechtsstaaten, in unseren Tagen, durchmachen m\u00fcssen.<\/p>\n<p>\u00a9 Gudrun Brzoska, M\u00e4rz 2012<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Verlag Pop, 2011 ISBN: 978-3-86356-014-0 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 15,80 In diesem Roman schl\u00e4gt Julia Schiff ein weiteres Kapitel auf \u00fcber die Vernichtungsstrategien der jungen rum\u00e4nischen Diktatur und \u00fcber die Leiden der Neinsager, \u00fcber die Menschen, die zu \u201eVolksfeinden\u201c erkl\u00e4rt &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1506\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[196],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1506"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1506"}],"version-history":[{"count":3,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1506\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2466,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1506\/revisions\/2466"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1506"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1506"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1506"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}