{"id":143,"date":"2011-05-30T16:52:43","date_gmt":"2011-05-30T16:52:43","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=143"},"modified":"2012-05-19T20:15:23","modified_gmt":"2012-05-19T20:15:23","slug":"rezension-szilard-rubin-eine-beinahe-alltagliche-geschichte","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=143","title":{"rendered":"Rezension: Rubin, Szil\u00e1rd &#8211; &#8222;Eine beinahe allt\u00e4gliche Geschichte&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/eine_beinahe.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2456\" title=\"eine_beinahe\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/05\/eine_beinahe.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"245\" \/><\/a><em>Roman <\/em><br \/>\n<em>Aus dem Ungarischen von Andrea Ikker<\/em><br \/>\n<em>Verlag: Rowohlt, Berlin, 2010<\/em><br \/>\n<em>ISBN: 978-3-87134-688-0<\/em><br \/>\n<em>Originaltitel: R\u00f3mai Egyes<\/em><br \/>\n<em>Bezug: Buchhandel, Preis: 16,95 Euro<\/em><\/p>\n<p>\u201eAlternder, geistesgest\u00f6rter Junggeselle, v\u00e4terlicherseits j\u00fcdisch-galizischer Abstammung, mieses Einkommen, schwere Wirbelverkalkung und chronisches Hautleiden, sucht zwecks Heirat junges, knabenhaftes M\u00e4dchen, Typ Nymphe, vorzugsweise aus alter Offiziersfamilie, mit \u00fcberdurchschnittlich gutem Verdienst. Zuschriften unter der Chiffre: &gt;Gern auch M\u00e4dchen aus der Provinz&lt;\u201c.<br \/>\nMit diesem Vorschlag eines Inserats charakterisiert der Drehbuchautor Ali Baksay seinen Freund Levente Rost\u00e1s ziemlich gut \u2013 und macht sich gleichzeitig lustig \u00fcber ihn. Selbstmitleid und Obsession seines Freundes gehen ihm auf die Nerven. Der alternde Schriftsteller ist der Icherz\u00e4hler dieses melancholischen Romans. Sie ist Zahn\u00e4rztin, eine unberechenbare, spr\u00f6de M\u00e4dchenfrau, die Kakteen z\u00fcchtet und B\u00fccher \u00fcber Porzellan sammelt. Au\u00dferdem chauffiert sie einen Wartburg, der Levente \u201emit hundertfacher Gewalt in seinen Bann\u201c zieht \u2013 solch einen Rausch beschert ihm das Autofahren. Die siebenundzwanzigj\u00e4hrige Piroschka Benk\u0151 wird als \u201eRaubkatze\u201c beschrieben, \u201edie Gro\u00dfwild jagen\u201c wolle, doch durch ihre schlechte Nase immer wieder auf Tagediebe hereinfalle. Levente will sie unbedingt heiraten \u2013 und fragt sich doch, ob er dann noch er selbst bleiben k\u00f6nne, der ewige kleine Junge, der nicht erwachsen werden will. Die junge Frau hat ihm zum anstehenden Geburtstag ein missverst\u00e4ndliches Telegramm \u00fcbermitteln lassen.<br \/>\nKommt sie nun, oder schreibt sie nur? Am Tag vor diesem vierundvierzigsten Geburtstag erwartet Levente zwischen Hoffung und Zweifel ihren Besuch. Sie hatte ihn, nicht zum ersten Mal, kurz vor seiner Abreise nach Hark\u00e1ny in eine Kurklinik verlassen. W\u00e4hrend er sich abzulenken versucht, taucht er in seine Kindertage ein.<br \/>\nSelbstironisch beleuchtet er den tollpatschigen Jungen, der er war, doch immer wieder schiebt sich seine aussichtslose Liebe zu Piroska zwischen die Erinnerungen. Schon fr\u00fcher hatte sie sich Leventes Nachstellungen nicht ergeben wollen, ihn kaltbl\u00fctig abblitzen lassen, obwohl doch sie es war, die zuerst mit dem Dichter angeb\u00e4ndelt hatte. Bei Wind und Wetter hatte er ihr aufgelauert, sich Rheuma, kranke Bandscheiben und ein Hautleiden geholt. Deshalb hatten ihn seine Freunde Ali Baksay und der bekannte Schriftsteller Laci Martinszky schon einmal aus ihrer N\u00e4he gelotst, in eine Kurklinik nach Karlsbad, als dort gleichzeitig Filmfestspiele abgehalten wurden.<br \/>\nDer Erz\u00e4hler spart nicht mit ironischen Seitenhieben auf das sozialistische Alltagsleben. auf die M\u00f6chtegern-Weltm\u00e4nner aus Ungarn und die nonchalanten, verw\u00f6hnten franz\u00f6sischen Stars. Irgendwann war dann Piroska nach einer weiteren missgl\u00fcckten Ehe wieder zur\u00fcckgekommen, noch immer auf der Suche nach dem Mann. Nun sitzt Levente gr\u00fcbelnd in seinem Zimmer, in der Badewanne, oder macht gelangweilt Spazierg\u00e4nge. Er erz\u00e4hlt von seinem Leben als mittelm\u00e4\u00dfiger Journalist und Schriftsteller, der es zu nichts bringt, weil er sich dauernd von seinen Begierden ablenken l\u00e4sst. Von seiner Einsamkeit, die aber doch ein einlullend-angenehmes Gef\u00fchl in ihm verursacht, dem er sich gerne hingibt.<br \/>\nEr l\u00e4sst das Leben im Ungarn der Nachkriegszeit durchblitzen, erz\u00e4hlt ausf\u00fchrlich von den Vertreibungen der Ungarn aus Oberungarn, der heutigen Slowakei, und von der Vertreibung der Deutschen.<br \/>\nEr erz\u00e4hlt letztlich vom Leben einer entwurzelten Generation, die im Krieg die Familie \u2013 und danach den Besitz verloren hat. Hinrei\u00dfend sind die Geschichten in der Geschichte, die er \u00fcber sich selbst, seine Familie und seine Freunde erz\u00e4hlt, dabei Vergleiche und Zitate aus Literatur und Film zieht. An seinem Geburtstag bekommt er eine Karte von Piroska. Einsam in seiner Wanne sitzend, sieht er sich als kleinen Jungen, der mit der Dompteurin Prisca Tiger b\u00e4ndigt. Piroska kann er nicht b\u00e4ndigen. Diese beinahe allt\u00e4gliche Geschichte von zwei Menschen, die sich immer wieder umkreisen, aber nicht zueinander finden k\u00f6nnen, die ihr Leben mit der Jagd nach verschiedenen \u201eIdealen\u201c, die aber Obsessionen sind, verplempern, ist hier ganz einmalig dargestellt. Sie zieht den Leser bis zur letzten Zeile in eine Spirale, der er sich nicht entziehen kann. Uns Lesern bleibt zu hoffen, dass noch weitere Romane des leider 2010 verstorbenen Dichters gefunden, \u00fcbersetzt und publiziert werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Andrea Ikker Verlag: Rowohlt, Berlin, 2010 ISBN: 978-3-87134-688-0 Originaltitel: R\u00f3mai Egyes Bezug: Buchhandel, Preis: 16,95 Euro \u201eAlternder, geistesgest\u00f6rter Junggeselle, v\u00e4terlicherseits j\u00fcdisch-galizischer Abstammung, mieses Einkommen, schwere Wirbelverkalkung und chronisches Hautleiden, sucht zwecks Heirat junges, knabenhaftes M\u00e4dchen, &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=143\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[194],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143"}],"version-history":[{"count":4,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2457,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143\/revisions\/2457"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}