{"id":1318,"date":"2012-03-09T11:17:39","date_gmt":"2012-03-09T11:17:39","guid":{"rendered":"http:\/\/www.literarut.de\/wordpress\/?p=1318"},"modified":"2012-05-18T20:28:40","modified_gmt":"2012-05-18T20:28:40","slug":"rezension-peter-esterhazy-donau-abwarts","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1318","title":{"rendered":"Rezension: Esterh\u00e1zy, P\u00e9ter &#8211; &#8222;Donau abw\u00e4rts&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Roman<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/donau_abwa\u0308rts.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2324\" title=\"donau_abwa\u0308rts\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/03\/donau_abwa\u0308rts.jpg\" alt=\"\" width=\"136\" height=\"218\" \/><\/a><br \/>\nAus dem Ungarischen von Hans Skirecki<br \/>\nVerlag Berliner Taschenbuch Verlag, 2006<br \/>\nISBN: 978-3-8333-0435-4<br \/>\nOriginaltitel: Hahn-Hahn gr\u00f3fn\u0151, 1991<br \/>\nBezug: Buchhandel; Preis: Euro 9,90<\/em><\/p>\n<p>Elias Canetti: \u201eMan muss nicht unbedingt verreisen, wenn man an einem ruhigen Wochenende einmal den Geruch einer ganz anderen Welt riechen, den Geschmack fremdartiger Gew\u00fcrze erleben und ganz ungew\u00f6hnliche Ger\u00e4usche h\u00f6ren m\u00f6chte.\u201c<br \/>\nCanetti ist einer der Autoren, die uns P\u00e9ter Esterh\u00e1zy im Anhang seiner \u201e(nicht) benutzten Fachliteratur\u201c nennt. Donau abw\u00e4rts, von der \u201eedlen\u201c, aber nicht wirklichen Quelle in Donaueschingen, bis zur M\u00fcndung nimmt uns der Autor, alias Murkel, alias \u201eReisender (Mietling)\u201c auf seinen tats\u00e4chlichen und imagin\u00e4ren Donaureisen mit. Dabei kostet er gen\u00fcsslich jeden Abschnitt, jede Donauschleife aus, wenn er mit Zug, Auto oder Schiff \u2013 oder nur in seiner Vorstellung reist. Den Leser \u00fcbersch\u00fcttet er mit einer Flutwelle voller Geschichten und Hist\u00f6rchen, voller Legenden und Schnurren, gespickt mit eigenen und Fremdzitaten. Er hat dabei Bibliotheken und die dazugeh\u00f6rigen Literaturen \u201edurchgemacht\u201c, die sich mit der wissenschaftlichen, technischen, landschaftlichen, geschichtlichen und belletristischen Seite der Donau befassen. Wir erfahren (fast) alles \u00fcber Fischzucht und Fischgr\u00fcnde, \u00fcber gutes und weniger gutes, landestypisches Essen, \u00fcber Land und Leute \u2013 und \u00fcber seine eigenen Gedanken zur Donau, der Schlagader Mitteleuropas. Von zwei gro\u00dfen Reisen erz\u00e4hlt er, Reisen, die sich kreuzen und tats\u00e4chlich wie Flussl\u00e4ufe m\u00e4andern, sich miteinander schl\u00e4ngeln, parallel laufen, im Fluss der Erz\u00e4hlung und der Zeit Inseln bilden, Strudel und Schleifen. Wir folgen dem Lauf der Donau, verbunden mit der erlebten Geschichte an ihren Ufern. Sie ist der f\u00fchrende Fluss Mitteleuropas, vom Schwarzwald bis zum Schwarzen Meer. Heine sah den Rhein als den Fluss der Deutschen an, Esterh\u00e1zy die Donau als das Ganze, die Form, das kulturelle Br\u00fcckensymbol, das allerdings nicht immer funktioniert. Die Donau ist das Sinnbild des kollektiven Ged\u00e4chtnisses, die Verbindung zwischen Ulm, Wien, Budapest und Belgrad, und seiner eigenen Verbindung, wenn der Autor zwischen diesen St\u00e4dten auf der Donau reist. Sie ist die Vermittlerin zwischen Ost und West, das seit dem 2. Weltkrieg keine gemeinsame Geschichte hatte. Sie ist die Klammer der Zusammengeh\u00f6rigkeit zwischen den \u201eNachbarn\u201c, die sich viel zu gut kennen und sich gerade deshalb so \u201efremd\u201c sind, dass andauernd Streit zwischen ihnen ausbricht. Die Wahrheit \u00fcber die Donauv\u00f6lker, \u00fcber Mitteleuropa ist die: \u201eAlkohol und Hass gegen die Sowjetunion hielten sie zusammen\u201c. Die V\u00f6lker sind Nachbarn \u2013 und damit auch Nachbarn der Sowjetunion. Sie br\u00fcsten sich damit, dass sie schwere Jahre erlebt haben, Leid und Erniedrigung sind zu einer \u201eArt Anstecknadel\u201c des \u201eDennoch\u201c-Sieges geworden. Alles was vorher war, war besser, Nostalgie und verlorene Jugend beherrschen die Erz\u00e4hlungen der Menschen.<br \/>\n1963, als Dreizehj\u00e4hriger, Murkel genannt, macht er mit seinem sagenhaften Onkel Roberto, der irgendwie in die Familie hineingeraten ist und vor allem von der weiblichen Verwandtschaft angehimmelt wird \u2013 Murkel \u201ebetet ihn an\u201c &#8211; eine Donaureise von Wien nach Donaueschingen und von dort \u201eDonau abw\u00e4rts\u201c wieder zur\u00fcck, wo Roberto verschwindet, pl\u00f6tzlich nicht mehr existiert. Erst 27 Jahre sp\u00e4ter, bei seiner zweiten gro\u00dfen Donaureise, erf\u00e4hrt E., was es mit Roberto auf sich hatte.<br \/>\nDie Erz\u00e4hlung flie\u00dft zwischen den Reisen hin und her, vom Staunen des dreizehnj\u00e4hrigen Murkel, als er zum ersten Mal nach Wien kommt, sofort als Ost-Ausl\u00e4nder erkannt und dort standesgem\u00e4\u00df eingekleidet wird \u2013 und als \u201eReisender\u201c sp\u00e4ter wieder in Wien, das keine Donaustadt ist, sondern ein Donaufriedhof. &#8211; Wien, wo die Zeit stehen zu bleiben scheint und doch alles ver\u00e4ndert ist: \u201eIch bin in einem sehr komplizierten Sinn heimatlos geworden\u201c (Werfel: \u201eEinst war hier meine Welt, mit der ich eigent\u00fcmlich verbunden war\u2026.\u201c).<br \/>\nAls Erwachsener will \u201eReisender (Mietling)\u201c den Lauf der Donau abfahren, was aber nur selten gelingt; denn die Stra\u00dfen kreuzen, d.h. \u201e\u00fcberfahren\u201c die Donau. Er kommt ins Sinnieren, als er am Zusammenfluss von Brigach und Breg Bl\u00e4tter ins Wasser wirft: \u201eDa begriff ich, dass ich von diesem Fluss alles bekommen w\u00fcrde, Auskunft \u00fcber Berge und Wasser, Geschichte, Volkskunde, Fremdenverkehr samt Anekdoten, Hoffnungen und Toten, alles w\u00fcrde da sein, Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft, Hochwasser und D\u00fcrre, Stromwirbel und Fischsuppe, und Menschen w\u00fcrden sein \u2026\u201c Und diese \u201eDonauausk\u00fcnfte\u201c teilt \u201eReisender\u201c mit uns: \u201eReisender\u201c wurde n\u00e4mlich angemietet, um f\u00fcr \u201eAuftraggeber (Mieter)\u201c in seinem Namen eine Reise zu unternehmen und alles dar\u00fcber aufzuschreiben. Wir, die Leser k\u00f6nnten uns auch als diese Auftraggeber sehen; denn wir erfahren alles \u00fcber die Donau, auch das, was an \u201eDon Au\u201c (Schmerzensdonau)- geschah, als KZ-H\u00e4ftlinge in Mauthausen ermordet, die Wachau 1683 mit Hilfe des Polenk\u00f6nigs Sobieski von den T\u00fcrken befreit wurde, Juden 1944 in die Donau geschossen, Menschen vom Geheimdienst gequ\u00e4lt wurden.<br \/>\nW\u00e4hrend P.E. seine Donaureise aufs Papier bringt, \u201egeschieht\u201c die \u201eWende\u201c, der blutige Aufstand in Rum\u00e4nien (Weihnachten 1989): \u201e\u2026ich muss immer wieder gegen meinen Hass ank\u00e4mpfen\u2026. Ich konnte doch nicht denken, dass alles, was geschieht, auch mir gilt\u201c\u2026<br \/>\nEinige St\u00e4dte haben sich in sein Ged\u00e4chtnis gegraben: z. B. Das \u201eHerz\u201c der Donau, das \u201enette\u201c Ulm, in dem schon historisch ber\u00fchmte Pers\u00f6nlichkeiten abgestiegen oder gar dort gewohnt haben: Der kleine Mozart auf einer Reise, Einstein ist dort geboren, der Astronom Kepler fl\u00fcchtete sich in Geldn\u00f6ten nach Ulm, die Geschwister Scholl verbrachten dort Kindheit und Jugend, General Rommel wurde dort scheinheilig aufgebahrt.<br \/>\nUnd Wien: \u201eIn Wien denkt die Donau zum ersten Mal an das Schwarze Meer \u2026- kein Vorw\u00e4rts, kein R\u00fcckw\u00e4rts\u2026\u201c<br \/>\n\u201eReisender\u201c kommt auch nach Budapest, seiner Heimatstadt, zu der er ein ambivalentes Gef\u00fchl hat: \u201e\u2026 immer beschleicht mich ein Zweifeln und Bezweifeln, das ich zwar sorgsam vom Verzweifeln unterscheide, doch \u00e4ndert das nichts an meiner fast schon rituellen Hilflosigkeit\u201c. Der Erz\u00e4hler \u00fcberschreibt das ganze gro\u00dfe Budapest-Kapitel mit \u00dcberschriften aus Italo Calvinos \u201eDie unsichtbaren St\u00e4dte\u201c, setzt daf\u00fcr den Namen Budapest ein, kommentiert, f\u00fchrt den Text weiter, begeht die Stadt wie ein Ausl\u00e4nder, wie ein Tourist. Dabei denkt er als Einheimischer nat\u00fcrlich auch der 70er Jahre, als den Touristen Restaurantgutscheine ausgeh\u00e4ndigt wurden, als w\u00e4hrend des K\u00e1d\u00e1r-Regimes in der Andr\u00e1ssy-Stra\u00dfe die Beh\u00f6rde f\u00fcr Staatsschutz residierte, H\u00e4ftlinge gefoltert und zu Aussagen gezwungen wurden. Hier erf\u00e4hrt er endlich vom Doppelleben Robertos als Spitzel des Geheimdienstes.<br \/>\nIn Belgrad gedenkt er seines viel zu fr\u00fch verstorbenen Freundes Danilo Ki\u0161, \u201edem einzigen wirklichen Jugoslawen, den er kennt, der Existenzbeweis, dass die verschiedenen V\u00f6lker einander nicht nur zu morden, sondern auch zu bereichern verstehen. Dieser Reichtum war Danilo Ki\u0161\u201c.<br \/>\nAb hier reist Esterh\u00e1zy wohl meist virtuell anhand von Geschichten, die er in sich aufsaugt, von Literatur, die er um-erz\u00e4hlt, rastlos jeden Abschnitt beleuchtend, sich hineinschreibt in diese Geschichten, auch in die Historie, in die Landschaft, die Geografie: \u201eMittlerweile kam ich mit diesem Buch gut voran, \u2026nun konnte die Arme Donau folgen \u2026 und ich hatte mir das Sammeln weiterer Erfahrungen ohnehin bereits aus dem Kopf geschlagen \u2026ich hatte auch die Bibliotheken erledigt, die Donau-B\u00fccher gelesen\u2026\u201c<br \/>\nE. erz\u00e4hlt von Freunden in Rum\u00e4nien, die Anfang der 50er Jahre nach Fete\u015fti verbannt worden waren. Mit ihnen will er sich treffen und erschrickt \u00fcber die bisher unvorstellbar geglaubte Armut: Das Fehlen von ALLEM. Diese Erfahrung deckt sich mit seiner eigenen Wahrnehmung, dass in seinem eigenen Land Ungarn viel gejammert wird, das Schicksal ihm besonders schlimm mitgespielt habe, die Anderen immer schuld sind, und Ungarn in seiner Entwicklung behinderten. Dabei ist das, nach Meinung des Autors, ein \u201eeurop\u00e4isches Durchschnittsschicksal. \u201eL\u00e4nder verschwanden, wurden verschoben\u201c.<br \/>\nSelbst f\u00fcr ihn als \u201esozialistischem Menschentyp\u201c hat das postkommunistische Rum\u00e4nien noch \u00dcberraschungen parat: Hier ist der Portier der Herr \u201e\u00fcber Leben und Tod\u201c, von seiner MACHT und seinem Wohlwollen h\u00e4ngt es ab, ob die Reisenden doch noch ein Zimmer bekommen, zu v\u00f6llig \u00fcberh\u00f6hten Preisen, versteht sich. Hier geht die Zeit einfach anders, die Menschen ticken anders.<br \/>\nDie weitere Reise bis zum Delta legt \u201eReisender\u201c dann als Schriftsteller zur\u00fcck, als Dichter, der uns die tollsten und anr\u00fchrendsten Geschichten erz\u00e4hlt von einer Donau, die das Herz Europas ist.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Hans Skirecki Verlag Berliner Taschenbuch Verlag, 2006 ISBN: 978-3-8333-0435-4 Originaltitel: Hahn-Hahn gr\u00f3fn\u0151, 1991 Bezug: Buchhandel; Preis: Euro 9,90 Elias Canetti: \u201eMan muss nicht unbedingt verreisen, wenn man an einem ruhigen Wochenende einmal den Geruch einer &hellip; <a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1318\">Weiterlesen <span class=\"meta-nav\">&rarr;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":2,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[142],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1318"}],"collection":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/2"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1318"}],"version-history":[{"count":6,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1318\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2325,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1318\/revisions\/2325"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1318"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1318"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1318"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}