{"id":1156,"date":"2011-12-30T20:51:17","date_gmt":"2011-12-30T20:51:17","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=695"},"modified":"2012-05-19T20:30:15","modified_gmt":"2012-05-19T20:30:15","slug":"rezension-erno-szep-die-liebe-am-nachmittag","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1156","title":{"rendered":"Rezension: Sz\u00e9p, Ern\u0151 &#8211; &#8222;Die Liebe am Nachmittag&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/eine_liebe_am.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright size-full wp-image-2476\" title=\"eine_liebe_am\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2011\/12\/eine_liebe_am-e1337459409114.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"234\" \/><\/a><em>Roman<br \/>\nAus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner<br \/>\nVerlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008<br \/>\nISBN: 978-3-423-24688-0<br \/>\nOriginaltitel: \u00c1d\u00e1mcsutka, 1935<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: Euro 14.90<\/em><\/p>\n<p>Heute w\u00fcrde man sagen: Ein Mann befindet sich in der \u201eMidlife-Crisis\u201c. Mih\u00e1ly, Journalist, Feuilletonist, St\u00fccke-Schreiber, Kritiker, aber vor allem Lebensk\u00fcnstler, ist gerade 46 geworden. Er erschrickt \u00fcber die ersten grauen Haare, einige Falten, den kleinen Bauchansatz, M\u00fcdigkeit und Melancholie. Ewig steckt er in Geldsorgen, denn ehrgeizig und zielstrebig ist er nicht, arbeitet nur so viel, dass er gerade \u00fcber die Runden kommt. Und wenn er wirklich einmal ein St\u00fcck am Theater unterbringen kann, werden seine Tantiemen gnadenlos von seinen Gl\u00e4ubigern, Schneider, Hutmacher, Tippfr\u00e4ulein und anderen, gepf\u00e4ndet. Dazu kommen noch seine Probleme mit den Frauen. Er, ein Charmeur alter Schule, liebt die Frauen, das hei\u00dft, er w\u00fcrde sie gerne lieben \u2013 und von ihnen wieder geliebt werden, doch sie schenken ihm immer nur den Nachmittag, betr\u00fcgen ihre ungeliebten M\u00e4nner, suchen ein Abenteuer mit dem weltgewandten, eleganten Mann.<br \/>\nZ. Zt. hat er schon seit zwei Jahren eine Aff\u00e4re mit \u201e5 (cinq) Fleurs\u201c, die er nach ihrem Parf\u00fcm nennt. Doch die Beziehung, der Tratsch, das geringe Interesse an Bildung, die ewigen Gespr\u00e4che um Mode langweilen ihn bereits, wenn sie ihn ab und zu auch am\u00fcsieren; er macht sich dann vor, daraus Stoff f\u00fcr seine Romane oder Theaterst\u00fccke zu finden. Aus purer Gewohnheit bleibt er mit ihr zusammen, schr\u00e4nkt die Treffen aber drastisch ein, sch\u00fctzt Arbeits\u00fcberlastung vor. Meist schreibt er allerdings irgendetwas, dessen er sich oft genug sch\u00e4mt, nur damit er wieder ein paar Peng\u0151 verdienen kann. Gutm\u00fctig und gutherzig sorgt er f\u00fcr Mutter und Schwester, hilft K\u00fcnstlerkollegen, die noch \u00e4rmer sind als er &#8211; und kaschiert diese Gef\u00fchle gern mit Zynismus.<br \/>\nDoch nun ist ihm etwas so Sch\u00f6nes widerfahren: Iboly, eine junge Schauspielsch\u00fclerin hat ein Auge auf ihn geworfen, hat sich, ganz nach Backfischart in den \u00e4lteren Herrn verliebt, von dem sie viel lernen will. Zu Anfang ist Mih\u00e1ly eher unwillig. Mit so einem jungen Ding will er sich in seinem Alter nicht abgeben. V\u00e4terlich versucht er, ihr etwas Schliff im Umgang beizubringen, von seinem wenigen Geld kauft er ihr einige Kleinigkeiten wie Handschuhe, Retik\u00fcl, Mantelfutter, damit sie nicht gar so unm\u00f6glich daher kommt. Gleichzeitig entz\u00fcckt ihn ihre frische Art aber immer mehr; sie kann so unbek\u00fcmmert drauflos plappern, erz\u00e4hlt alles, was ihr durch den Kopf geht. Jung und jungenhaft kann er mit ihr lachen, schert sich auf einmal nicht mehr darum, ob er gesehen wird und was die Leute denken.<br \/>\n\u201eVernaschen\u201c m\u00f6chte er sie nicht. Im Gegenteil, er macht sich Gedanken, \u201ees\u201c ihr sch\u00f6n zu machen \u2013 \u201ees\u201c soll eine lebenslange sch\u00f6ne Erinnerung f\u00fcr sie werden, wenn sie sich ihm hingibt. Er f\u00fchlt sich verantwortlich f\u00fcr dieses \u201eKind\u201c. Je mehr Iboly ihm Avancen macht, umso nachdenklicher wird er \u2013 obwohl er sie schon auch gerne gehabt h\u00e4tte. Doch irgendetwas fehlt ihm, irgendetwas gibt sie ihm nicht. Er sucht die echte, tiefe Liebe, um deren Preis er sich auch binden und treu sein w\u00fcrde.<br \/>\nAls Iboly ausgew\u00e4hlt wird, die Hauptrolle in einem Pr\u00fcfungsst\u00fcck zu spielen \u2013 die Protagonistin befindet sich in einer \u00e4hnlich hoffnungslos armseligen Lage wie sie &#8211; erkennt er ihr nur mittelm\u00e4\u00dfiges Talent.<br \/>\nUnd er schiebt sie sachte einem Verehrer zu, einem Metzgersohn, mit dem sie Kinder haben und gl\u00fccklich werden soll. Dass er ihr damit die k\u00fcnstlerischen Tr\u00e4ume stutzt, wird sie dann schon verwinden. Ja, er geht sogar einen Schritt weiter und spricht mit dem jungen Mann, ermuntert ihn, Iboly zu hofieren.<br \/>\nDass die Begegnung mit Iboly etwas Sch\u00f6nes war, in ihrer Unbek\u00fcmmertheit, Naivit\u00e4t und Frische, das erkennt er jetzt, da er seine Tagebucheintr\u00e4ge kritisch analysierend zusammenfasst. Jetzt endlich erkennt er auch den Hauch von Gl\u00fcck, leicht und fl\u00fcchtig wie ein Schmetterling, der \u00fcber dieser Begegnung geschwebt hatte.<br \/>\nAlle Kapitel sind mit \u201eNacht\u201c \u00fcberschrieben. Nachts n\u00e4mlich schreibt er Tagebuch, der Nachmittag geh\u00f6rt den Frauen, der Liebe, den wundersch\u00f6nen Spazierg\u00e4ngen durch Budapest, der Beobachtung seiner Mitmenschen, den Einladungen in reiche und arme H\u00e4user, der Natur.<br \/>\nMih\u00e1ly ist ein Wanderer zwischen den Welten, zwischen den beiden Weltkriegen. Den ersten hat er als Soldat mitgemacht, er sinniert immer wieder dar\u00fcber nach &#8211; sowie er \u00fcber den Tod, \u00fcber das Leben an sich, kurz, wie bin ich als Mensch &#8211; in tief melancholische Gedanken ger\u00e4t.<br \/>\nAls ob der Autor, Ern\u0151 Sz\u00e9p in der Figur des Mih\u00e1ly schon geahnt h\u00e4tte, dass die Zeit der eleganten, leisen und diskreten Dichter einige Jahre sp\u00e4ter, mit dem Einfall von Hitlers Truppen und danach, mit der Zeit des Sozialismus, vorbei sein w\u00fcrde. Die Zeit davor war noch die Welt des B\u00fcrgertums, der Kaffeeh\u00e4user, der Diskretion, \u201eman\u201c wusste, wie man sich zu kleiden, zu geben hatte, selbst wenn die guten Umgangsformen und das \u201eGewusst-wie\u201c den von Auftrag zu Auftrag hastenden Mih\u00e1ly fast an den Abgrund des finanziellen Ruins brachten.<br \/>\nErn\u0151 Zeltner, der auch M\u00e1rai \u00fcbersetzt hat, trifft den wundersch\u00f6n leichten, eleganten, witzigen, auch zynischen Ton, die Melancholie, die alles einh\u00fcllt, in jeder Nuance, so dass es eine wahre Freude ist, dieses Buch der leisen T\u00f6ne zu lesen. Hoffentlich werden auch bald die anderen Romane von Ern\u0151 Sz\u00e9p \u00fcbersetzt und publiziert.<br \/>\n\u00a9 Gudrun Brzoska<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Roman Aus dem Ungarischen von Ern\u0151 Zeltner Verlag: Deutscher Taschenbuch Verlag, 2008 ISBN: 978-3-423-24688-0 Originaltitel: \u00c1d\u00e1mcsutka, 1935 Bezug: Buchhandel Preis: Euro 14.90 Heute w\u00fcrde man sagen: Ein Mann befindet sich in der \u201eMidlife-Crisis\u201c. 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