{"id":1155,"date":"2012-01-09T15:11:39","date_gmt":"2012-01-09T15:11:39","guid":{"rendered":"http:\/\/ungarischeliteratur.wordpress.com\/?p=687"},"modified":"2012-05-18T20:32:56","modified_gmt":"2012-05-18T20:32:56","slug":"rezension-eva-fahidi-die-seele-der-dinge","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/?p=1155","title":{"rendered":"Rezension: Fahidi, \u00c9va &#8211; &#8222;Die Seele der Dinge&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><em>Autobiografie<a href=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/die_seele_der2.jpg\"><img decoding=\"async\" loading=\"lazy\" class=\"alignright size-full wp-image-2330\" title=\"die_seele_der\" src=\"http:\/\/www.literatur.ungarisches-institut.de\/wp-content\/uploads\/2012\/01\/die_seele_der2.jpg\" alt=\"\" width=\"150\" height=\"242\" \/><\/a><br \/>\nAus dem Ungarischen von Doris Fischer<br \/>\nVerlag Lukas, 2011<br \/>\nISBN: 978-3-86732-098-6<br \/>\nOriginaltitel: Anima Rerum. A dolgok lelke, 2005<br \/>\nBezug: Buchhandel Preis: 16,90 Euro <\/em><\/p>\n<p>\u201eDas Geheimnis der Vers\u00f6hnung hei\u00dft Erinnerung\u201c. Unter diesem Motto luden der B\u00fcrgermeister und die Gemeinde Stadtallendorf (Hessen) im Jahr 1990 tausend ehemalige ungarische Zwangsarbeiterinnen ein. Sie hatten im Lager M\u00fcnchm\u00fchle, das zum Konzentrationslager Buchenwald geh\u00f6rte, in einer Munitionsfabrik Sklavenarbeit verrichten m\u00fcssen. Damals hatte \u00c9va Fahidi es noch nicht fertig gebracht, ihre Erinnerungen aufzuschreiben; sie waren noch zu \u201enah\u201c. Auschwitz-Birkenau und Allendorf stecken ihr noch heute in den Knochen. Vergessen kann sie weder Vernichtungslager noch Zwangsarbeit.<br \/>\nAm 1. Juli 2003 reiste die damals 78j\u00e4hrige nach langem innerem Widerstreben, \u201efreiwillig\u201c nach Auschwitz-Birkenau. Doch ihre Angst, alles wieder durchleben zu m\u00fcssen, war umsonst gewesen. Der Ort ist inzwischen Touristenattraktion, und \u00c9va Fahidi fragt sich, wie man heutzutage einem Menschen das Unfassbare \u00fcberhaupt begreiflich machen kann. Sie fragt sich, wieso bis heute keine ungarische Regierung es \u00fcber sich bringen konnte, eine Gedenktafel anbringen zu lassen, f\u00fcr die 340 000 j\u00fcdischen Ungarinnen und Ungarn, die hier in nur acht Wochen verbrannt worden waren. Jahrzehntelang hatte sie versucht die Bilder vom Konzentrationslager zu verbannen, doch das war und ist unm\u00f6glich. \u2013 Wenn auch ihre Generation, die \u00fcber 70 \u2013 80j\u00e4hrigen tot sein werden, wer wird sich noch erinnern wie sie auf der Rampe standen, nach links oder rechts gewunken wurden, wie sie auf engstem Raum zusammengepfercht wurden; wer wird sich der Appelle erinnern, die sie zwangen, stundenlang mit empor gestreckten Armen auf den Knien auszuharren; wer wird sich erinnern an die Peitschenhiebe, den Hunger, den Durst, den Rauch, der Tag und Nacht aus den Krematorien stieg, wer an die Unsicherheit, wann man selbst dran sein w\u00fcrde? Wer wird sich erinnern an die Block\u00e4ltesten, von deren Launen die Zwangsarbeiterinnen auf Gedeih und Verderb abhingen?<br \/>\n\u00c9va Fahidi gibt endlich dem Dr\u00e4ngen des Magistrats von Stadtallendorf und ihrem ungarischen Verleger nach. 2004 erscheint das B\u00fcchlein \u201eMeine M\u00fcnchm\u00fchle\u201c; 2005 die viel ausf\u00fchrlichere ungarische Version; 2011 \u00fcbernimmt der Lukas Verlag diese wieder ins Deutsche \u00fcbersetzte Ausgabe.<br \/>\nHier erz\u00e4hlt sie von ihren beiden Leben; dem vor Auschwitz \u2013 und dem danach. Die Erfahrungen und Erniedrigungen von Auschwitz und Buchwald \u00fcberschatten ihr ganzes weiteres Leben: \u201eWer einmal ein H\u00e4ftling war, wird nie wieder der Mensch, der er zuvor gewesen ist. Etwas in ihm ist f\u00fcr alle Zeit zerbrochen\u201c.<\/p>\n<p>Fahidi l\u00e4sst ihre sch\u00f6ne und beh\u00fctete Kinder- und Jungm\u00e4dchenzeit vor uns auferstehen, ein lebendiger, farbiger Einblick in ein gro\u00df -und gutb\u00fcrgerliches Leben des 19. und 20. Jahrhunderts \u2013 vor 1944. Liebevoll beschreibt sie ihre Familie in Debrecen, humorvoll schildert sie ihre Gro\u00dfeltern und Eltern, ihre Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen. Und lakonisch-schmerzvoll konstatiert sie immer wieder, dass dieser und jener Verwandte Auschwitz 1944 nicht \u00fcberlebt habe \u2013 oder schon vorher ermordet worden war. Nur wenige aus der gro\u00dfen Familie haben \u00fcberlebt, einige wenige kann sie sp\u00e4ter wieder treffen.<br \/>\n1936 war ihr Vater zum katholischen Glauben \u00fcbergetreten, sie selbst wurde in einer Klosterschule erzogen. Diese Jahre geh\u00f6rten zu ihren sch\u00f6nsten; es gab keine Judenhetze, die Kinder wurden alle gleich behandelt. Das begabte Kind h\u00e4tte eigentlich alles werden k\u00f6nnen: Pianistin, K\u00fcnstlerin, Sportlerin, Diplomatin mit vielen Sprachkenntnissen.<br \/>\nDie Erinnerung, wie diese goldenen Jahre so urpl\u00f6tzlich, mit einem Schlag ausgel\u00f6scht wurden, schiebt sich dazwischen. Ja, Auschwitz und das Lager Allendorf sind allgegenw\u00e4rtig.<br \/>\nImmer wieder werden kleine Bemerkungen \u00fcber die Geschichte und damalige Lage Ungarns eingestreut, damit der Leser Vorg\u00e4nge und Befindlichkeiten in Ungarn besser verstehen kann, z.B. den \u201eAusgleich\u201c 1867, das \u201eAbkommen von Trianon\u201c, die Teilnahme am 2. Weltkrieg.<br \/>\nR\u00fcckblickend wundert sie sich, wie blind und taub die ungarischen Juden Mikl\u00f3s Horthys Schutz vertraut hatten, obwohl in den umliegenden L\u00e4ndern, Polen, Tschechoslowakei, Rum\u00e4nien ihre Welt bereits in Tr\u00fcmmer ging und die Juden deportiert und vergast wurden.<br \/>\nErst im letzten Drittel des Buches berichtet \u00c9va Fahidi zusammenh\u00e4ngend, diesmal mit R\u00fcckblicken in ihre gl\u00fcckliche Zeit, von Deportation und Zwangsarbeit: Wie sie abtransportiert wurden, im Viehwagen fast erdr\u00fcckt und verdurstet w\u00e4ren &#8211; manche starben w\u00e4hrend des Transports &#8211; wie sie, von ihr selbst gar nicht wahrgenommen, an der Rampe getrennt wurden, Mutter, Schwester und Kusine mit dem S\u00e4ugling wurden sofort ins Gas geschickt, \u00c9va vom KZ-Arzt Mengele als Arbeitskraft abgesondert.<br \/>\nSie fragt sich auch, warum die ungarischen Gendarmen w\u00e4hrend der Zeit der Deportationen ohne Notwendigkeit so \u00fcberaus grausam waren. Fast der gesamte administrative Apparat, hatte innerhalb von acht Wochen die Deportationen von ungef\u00e4hr 340 Tausend Ungarn nach Auschwitz-Birkenau organisiert und durchgef\u00fchrt.<br \/>\nDankbar erinnert sie sich der Solidarit\u00e4t und Menschlichkeit in \u201eihre \u201cF\u00fcnfer-Reihe\u201c: Alle a\u00dfen aus dem selben Geschirr, verbrachten den ganzen Tag zusammen in der sengenden Sonne, waren in jeder Sekunde aufeinander angewiesen. \u201eIch und Wir waren dasselbe. Ohne diesen Zusammenhalt w\u00e4re keine von uns je wieder zur\u00fcckgekehrt\u201c.<br \/>\nZu ihren \u00dcberlebensstrategien geh\u00f6rte, dass sie sich gegenseitig erz\u00e4hlten, was sie studierten wollten, dass sie sich Mut machten. Sie improvisierten Theatervorstellungen um sich am Leben zu halten; denn f\u00fcr die Volkserheiterung gab es Marmelade und Margarine.<br \/>\n\u201eJe gr\u00f6\u00dfer der Druck, desto st\u00e4rker der innere Widerstand. Wir blieben trotz allem Menschen, trugen das Haupt aufrecht, hielten das Essbesteck wie zu Hause, wuschen uns t\u00e4glich und putzten uns die Z\u00e4hne. Wir sprachen korrekt und zivilisiert miteinander Und wir vertrauten und achteten einander und glaubten an unsere Zukunft. Deshalb haben wir das Lager \u00fcberlebt, deshalb sind wir zur\u00fcckgekommen\u201c.<br \/>\nAm 31. M\u00e4rz 1945 werden sie von Amerikanern befreit. &#8211; Am 4. November1945 trifft sie wieder in Debrecen ein \u2013 allein. In ihrem Haus wohnen Fremde; man schickt sie unger\u00fchrt weg. Sp\u00e4ter wird sie von den Kommunisten als \u201edeklassiertes Element\u201c auf die Stra\u00dfe gesetzt.<br \/>\nNach der Wende erh\u00e4lt sie ihr Verm\u00f6gen, das sich der Staat angeeignet hatte, nicht zur\u00fcck: Sie kann keinen amtlichen Totenschein ihres Gro\u00dfvaters vorweisen, der ins Ghetto Mez\u0151cs\u00e1t deportiert worden war und nicht mehr zur\u00fcckkam.<\/p>\n<p>Obwohl es in Ungarn, anders als in Deutschland keine Geschichtslehrb\u00fccher gibt, in denen die Tatsachen der j\u00fcngsten Vergangenheit entsprechend gew\u00fcrdigt werden, ist \u00c9va Fahidi f\u00fcr ihre Enkel optimistisch, hofft und vertraut darauf, dass es keine Rassendiskriminierung mehr geben wird.<br \/>\nIn Buchenwald trifft sie sich alle zwei Jahre mit den noch lebenden ehemaligen Zwangsarbeiterinnen.<br \/>\n\u00a9 Gudrun Brzoska<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Autobiografie Aus dem Ungarischen von Doris Fischer Verlag Lukas, 2011 ISBN: 978-3-86732-098-6 Originaltitel: Anima Rerum. 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